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  • Was ist Gesellschaft?

    Ein sehr soziales Wesen Zweifellos weist Homo sapiens innerhalb der Tierwelt das mit Abstand komplexeste Sozialverhalten auf. Er kann Emotionen verstecken oder vortäuschen, seine wahren Absichten verbergen, selbstlos handeln, Revolutionen anzetteln oder einen Sozialstaat organisieren. Die grundlegenden Handlungsmuster beim Umgang mit anderen Menschen haben ihre Wurzeln in evolutionär erprobten Konflikt- und Konfliktvermeidungsstrategien. Wahrscheinlich haben diese Strategien unser intuitives Verständnis dessen geprägt, was wir beim gegenseitigen Umgang als „gerecht“, "fair" oder „moralisch“ empfinden.   Die Physik des Zusammenlebens Das Zusammenleben mit anderen bestimmt unseren Alltag. Seit der Antike sind wir auf der Suche nach begründbaren Regeln, mit denen sich Gemeinschaft im Spannungsfeld zwischen archaischen Reflexen und reiner Vernunft am besten organisieren lässt. Ursprünglich eine Domäne der politischen Philosophie , entstand aus dieser Suche im 19. Jahrhundert die Idee einer „sozialen Physik“, der Versuch, gesellschaftliche Phänomene nicht nur moralisch zu bewerten, sondern auch quantitativ beherrschbar zu machen. Heute suchen neben Philosophen und Soziologen auch Politik- und Geschichtswissenschaftler, Anthropologen, Ökonomen und Mathematiker  nach den Gesetzen menschlicher Gesellschaften. Sie ziehen dazu den Einfluss der Religion heran, analysieren offenbare und verborgene Strukturen der Macht oder untersuchen spieltheoretische Dilemmata. Ein zusammenhängendes Bild oder gar eine einheitliche Theorie menschlichen Zusammenlebens, das sich etwa mit dem recht kohärenten Weltbild der Physik vergleichen ließe, ist daraus bis heute allerdings nicht entstanden. Gemein ist den verschiedenen Ansätzen lediglich, dass ihnen stets religiös oder philosophisch gerechtfertigte Wertesysteme zugrunde liegen .   Staatstheorien Bereits vor der Zeitenwende wurde darüber nachgedacht, welche Rolle in diesem Zusammenhang dem Staat zukommen soll. Sowohl Platon  als auch Aristoteles , die beiden Ikonen der klassischen griechischen Philosophie, haben sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt. Den Römern – sie waren mehr Praktiker als Theoretiker – ist das Kunststück gelungen, eine republikanische Verfassung zu schaffen, deren Kern rund 500 Jahre lang Bestand haben würde. Mit Beginn der Neuzeit lieferten Niccolò Machiavelli  und sein Zeitgenosse  Thomas Hobbes  ganz neue Perspektiven. Machiavellis Schrift „Der Fürst“ ist deshalb von großer ideengeschichtlicher Bedeutung, weil hier erstmals keine moralischen Forderungen aufgestellt, sondern allein nüchtern und ungeschminkt die Gesetze des Machterhalts analysiert und beschrieben werden. Auch Hobbes „ Leviathan “ ist bis heute eines der bedeutsamsten Werke der modernen politischen Philosophie. Ohne staatliche Ordnung, so Hobbes, lebt der Mensch in einem Naturzustand, der alles andere als idyllisch ist: Es herrscht ein „Krieg aller gegen alle“ „Das menschliche Leben [wird dadurch] einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“. Um diesem Zustand zu entkommen, schließen die Menschen mit dem Staat einen fiktiven Gesellschaftsvertrag. Es handelt sich dabei nicht um einen Vertrag im herkömmlichen Sinne, ein Dokument, das alle Beteiligten unterschreiben müssen, sondern vielmehr um ein gedankliches Konstrukt von beachtlicher historischer Wirkung: Demnach einigen sich die Menschen ihre Macht an einen Souverän abzutreten, der dadurch allerdings zu einem monstergleichen Organismus wird. Hobbes benutzt die Metapher des Leviathans, einem schrecklichen Meeresungeheuer der biblischen Mythologie – ein Symbol für den absolutistischen Staat. Doch erst diese beispiellose Machtfülle ermöglicht Freiheit, Wohlstand und Selbstentfaltung für alle und sorgt dafür, dass jeder die Früchte seines Tuns auch ernten kann. Hobbes Idee sollte sich als so wirkmächtig erweisen, dass sie in den folgenden Jahrhunderten mehrfach von politischen Philosophen wie John Locke   oder Jean-Jacques Rousseau  aufgenommen und um weitere, teils konträre Betrachtungsperspektiven bereichert wurde.   Die Anfänge der Soziologie Im 19. Jahrhundert nährte der rasche Fortschritt in allen Bereichen der Naturwissenschaften die Vorstellung, dass auch Gesellschaften und ihre Entwicklung mathematisch exakt beschreibbaren Gesetzen gehorchen. So zumindest die ambitionierte Vorstellung des Franzosen Auguste Comte , der als Begründer der modernen Soziologie gilt. Auf dieser Grundlage lieferten Soziologen wie Emile Durkheim, Ferdinand Tönnies  und Max Weber empirisch fundierte Theorien, mit denen sich bis heute zahlreiche Phänomene moderner westlicher Gesellschaften erklären und analysieren lassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben drei weitere Soziologen, Niklas Luhmann, Pierre Bourdieu und  Michel Foucault aufgezeigt, dass Machtausübung, insbesondere auch in Demokratien, sehr viel subtilere Formen annehmen kann, als sie uns etwa aus diktatorischen Regimen bekannt sind. Grundlage eines konstruktiven Zusammenlebens aller Menschen ist Vertrauen. Nach Luhmann handelt es sich dabei um einen „Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“. Tatsächlich setzt sich heute sogar ein ganzer Zweig der Mathematik , die Spieltheorie, mit diesem Phänomen auseinander und analysiert, ob wir langfristig besser damit fahren anderen zu vertrauen oder dieses Vertrauen zu missbrauchen. Soweit der erste Überblick über das Themenspektrum, das wir in der Kategorie „Gesellschaft“ noch eingehender beleuchten werden…   Weiterführende Literatur: Hobbes, Thomas (1996): „Leviathan“, Meiner. Machiavelli, Niccolò (1990): „Der Fürst“, Insel. Foucault, Michel (1994): „Überwachen und Strafen“, Suhrkamp.

  • Was ist Ökonomie?

    Eine ziemlich trostlose Wissenschaft Märchen   kennen keine Naturgesetze. Das Schlaraffenland lässt Milch und Honig fließen, den Faulenzern fliegen die gebratenen Tauben ins Maul. Anstrengende Arbeit und Fleiß sind in diesem wundersamen Reich verpönt; niemand benötigt Geld; überall herrscht Überfluss. Den Mythos von einem Paradies, in dem es an nichts mangelt, gab es schon lange vor den Gebrüdern Grimm ; er ist so alt wie die Menschheit. Die Ersten, die im Schlaraffenland ihre Arbeit verlören, wären die Ökonomen; denn wirtschaften kann man nur, wo Mangel herrscht. Da es auf unserer Welt Ökonomen gibt, muss unsere Wirklichkeit also eine andere sein. Nicht ohne Grund nennt man die Ökonomie im Englischen „the dismal science“ – die trostlose Wissenschaft, denn ihre Daseinsberechtigung entspringt allein Knappheit und Begrenzung. (Ich kann es beurteilen – ich habe dieses Fach studiert.)   Es geht immer nur um zwei Fragen Während im Schlaraffenland jeder immer alle Wünsche befriedigen kann, müssen wir in der realen Welt mit unseren Mitteln haushalten. Täglich sind wir gezwungen zu entscheiden, wieviel wir von unserem knappen Geld für etwas anderes herzugeben bereit sind oder welchen Aktivitäten wir unsere knappe Zeit widmen möchten. Die Notwendigkeit, laufend entscheiden zu müssen, zwingt uns in ein diffiziles Geflecht von menschlichen Beziehungen, Berechnungen, Interessenkonflikten und Wechselwirkungen. Um diese Zusammenhänge beschreiben, verstehen und, wenn möglich, auch steuern zu können, müssen die Ökonomen ganz tief in die Werkzeugkiste greifen. Eingesetzt werden Welterklärungsinstrumente aus so verschiedenen Bereichen wie Mathematik , Naturwissenschaften , Philosophie , Psychologie , Politikwissenschaften und Soziologie. Damit kommen die Wirtschaftswissenschaften der mechanistischen Gesellschaftsvision Auguste Comtes (wir haben sie im letzten Blog kurz erwähnt), wohl näher, als alle anderen Sozialwissenschaften. Zwei grundlegende Fragen beschäftigen die Sozialingenieure in diesem Zusammenhang: Unter welchen Bedingungen wird die Gesamtwohlfahrt einer Gesellschaft  am größten und wie sollen die Produkte dieser Wohlfahrt verteilt werden? Die erste Frage ist eine der mathematischen Optimierung. Das zugrundeliegende ökonomische Prinzip finden wir auch in der Natur: Die Physik  lehrt uns, dass der Apfel, der zu Boden fällt, stets den kürzesten Weg nimmt; die Evolutionsbiologie  erklärt, dass Pflanzen und Tiere, die knappe Ressourcen effizienter verwenden als andere, bessere Aussichten auf Fortpflanzung haben. Keine Sonnenblume wird mehr Mineralien verbauen, als für ihr Wachstum nötig, kein Löwe mehr Kraft aufwenden als gefordert, um seine Beute zu reißen. Die ökonomische Theorie unterstellt, dass der vernunftbegabte Mensch ebenfalls nach diesem Prinzip handelt: Wir möchten ein gegebenes Ziel mit minimalem Aufwand erreichen oder mit gegebenen Mitteln das bestmögliche Ergebnis erzielen. Der Dramatiker George Bernhard Shaw  hat es so formuliert: „Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen.“ Die zweite Frage ist hingegen ganz anderer Natur. Das Problem, wie der gemeinsam erwirtschaftete Wohlstand verteilt werden soll, kann nicht mit Mathematik gelöst werden; es handelt sich nicht um eine positive Berechnung , sondern um eine normative Wertung . Tatsächlich dürfte in kaum einer anderen Sozialwissenschaft das Spannungsfeld zwischen „sein“ und „sollen“ grösser sein, als in den Wirtschaftswissenschaften. Wer „Soll-Fragen“ beantworten will, muss sich zu einer moralischen Position bekennen. Kein Wunder also, dass unterschiedliche Ökonomen dabei auch zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.   Wenn ich einmal reich wär… In den kommenden Artikeln unserer Kategorie Ökonomie geht es um das liebe Geld und die oft falschen Vorstellungen, die wir von ihm haben, um eine folgenreiche Metapher eines schottischen Moralphilosophen, um den Einsatz Newtonscher Mathematik in der Ökonomie, die konstruktive Kraft der Zerstörung liebgewordener technischer Errungenschaften und um den mittlerweile „100-jährigen Krieg“, den die Anhänger eines mächtigen Staats mit den Verfechtern eines radikalen Liberalismus austragen. Im Verlauf dieses Konflikts hat sich in der westlichen Welt die Waagschale mal in die eine, mal in die andere Richtung geneigt. Wie wir noch sehen werden, liegt auch diesmal das Problem darin, die beiden widersprüchlichen Ziele einer Gesellschaft „Freiheit“ und „Gleichheit“ gleichzeitig anstreben zu wollen. Mehr Freiheit bedeutet weniger Gleichheit, mehr Gleichheit weniger Freiheit. Etwas überspitzt formuliert haben (zumindest demokratisch verfasste) Gesellschaften also die Wahl, ob sie lieber unterschiedlich reich oder gleich arm sein wollen.       Weiterführende Literatur: Smith, Adam (2003): „Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“, dtv. Schumpeter, Joseph (1987): „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, Duncker & Humblot. Bauman, Yoram / Klein Grady (2010): Economics – Mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen, Manhattan.

  • Was ist Bewusstsein?

    Rätselhaftes Bewusstsein Im letzten Blog habe ich versucht, die physikalische Entwicklung und die sich aus ihr ergebende chemische und biologische Evolution in wenigen Zeilen zusammenzufassen. Bewusstsein ist die wohl jüngste und spektakulärste Errungenschaft der biologischen Evolution. Der Neurophysiologe und Gehirnforscher Wolf Singer beschreibt Bewusstsein als einen mutmaßlich „metastabilen Zustand eines massiv distributiv organisierten Systems mit nicht-stationärer, nicht-linearer Dynamik“. Eine - zugegeben - ziemlich wissenschaftliche Formulierung. Letztlich bedeutet sie, dass wir aufgrund der außerordentlichen Komplexität der zugrundeliegenden Vorgänge nicht die geringste Vorstellung davon haben, wie Bewusstsein in unserem Kopf entsteht. Wir sind allein Das Wissen um die eigene Existenz kann Segen oder Fluch sein. Fest steht: Mit unserer Selbsterkenntnis stehen wir bis heute völlig allein da. Die anderen Vertreter unserer biologischen Gattung – Homo erectus , Homo neanderthalensis oder der Denisova-Mensch – Arten, die vielleicht vergleichbare geistige Zustände hätten entwickeln können, sind allesamt ausgestorben. So, wie Elefanten als evolutionäre Strategie auf das Multifunktionswerkzeug Rüssel gewettet haben, hat unsere Spezies als einzige konsequent auf das Bewusstsein gesetzt. Mit unserem „Kalkül“ waren wir, so scheint es, bisher durchaus erfolgreich, zumindest wenn man die heutige Anzahl der Vertreter unserer Spezies, deren globale Ausbreitung und Dominanz zum Maßstab nimmt. Grundlage der kulturellen Evolution Wie auch immer es in unserem Gehirn erzeugt wird: zweifellos ist allein unser Bewusstsein Grundlage und zwingende Voraussetzung unserer atemberaubenden kulturellen Evolution. Sie übertrifft die die Geschwindigkeit der biologischen Evolution um einen vielhunderttausendfachen Faktor. Gleichwohl sind auch wir Menschen zunächst ein Produkt der langsamen biologischen Evolution des Lebens auf unserem Planeten. Taxonomisch gesehen sind wir Säugetiere aus der Ordnung der Primaten, der Unterordnung der Trockennasenaffen und der Familie der Menschenaffen, Cousins der Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans. Ein nackter Affe! Doch nur wir haben jene mentalen Zustände und kommunikativen Fähigkeiten entwickelt, die uns auch zu einer kulturellen Evolution befähigen. Wir nehmen uns selbst als eigenes Wesen wahr, können den Dingen, die uns umgeben, Symbole zuordnen, abstrakte Begriffe erfinden und uns sogar etwas ausdenken, das gar nicht existiert. Wir sind das Tier, das denkt, dass es denkt, fühlt dass es fühlt und weiß, dass es weiß. Die Früchte vom Baum der Erkenntnis Das Wissen um uns selbst und um unser Eingebundensein in die Welt hat sehr weitreichende Konsequenzen: Wir können uns für oder gegen etwas entscheiden, Fragen und Fallen stellen, das Verhalten anderer als mutig, ängstlich, feige, berechnend, heuchlerisch, hilfsbereit, gleichgültig oder selbstlos bewerten, Kunst schaffen, uns Götter, Geister und Dämonen vorstellen und Geschichten erzählen. Und: wir wissen um unsere eigene Sterblichkeit. Unser Bewusstsein befähigt uns, jene Muster aus „Zufall und Notwendigkeit“ zu erkennen, die die Welt um uns herum bestimmen. Wir können den Entwicklungsprozess der Natur, von der Entstehung der Elementarteilchen über Atome und Moleküle bis hin zum Leben und „Erleben“ nachvollziehen. Unser Verstand erlaubt es, Fragen nach dem Sinn unserer Existenz zu stellen, nach der Wahrheit, nach vernünftigen Regeln des sozialen Zusammenlebens oder wie ein gemeinschaftlich erwirtschafteter Wohlstand verteilt werden soll. Bewusstsein beinhaltet die Fähigkeit, die Folgen des eigenen Handelns gedanklich durchspielen zu können und auf dieser Grundlage zu entscheiden. Die Bibel beschreibt dieses Erwachen als den Sündenfall: Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und wissen seitdem, was Gut und Böse ist. Tiere hingegen haben diese Möglichkeit nicht. Auch wenn wir es manchmal so wahrnehmen: Ihr Verhalten ist weder grausam noch edel oder im eigentlichen Sinne intelligent. Dass wir zwischen mehreren Zielen wählen können und dabei neben praktischen auch moralische Kriterien einfließen lassen, ist einer der radikalsten Unterschiede zwischen uns und allen anderen Tieren. Experiment mit ungewissem Ausgang Neben der Ratio existiert aber auch das uralte tierische Erbe in unserem Verhalten weiter fort. Unser Neokortex, die äußerste und evolutionsgeschichtlich jüngste Gehirnschicht, befindet sich in permanenter Spannung mit unserem wesentlich älteren Reptiliengehirn. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass oft genug erst das Fressen und dann die Moral kommt. Ob sich das Bewusstsein aus Sicht der Evolution dauerhaft als überlegene Strategie durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Menschenbilder Menschsein bedeutet als Individuum, Familienmitglied, Angehöriger einer Sippe oder einer modernen Gesellschaft, mit diesem Spannungsfeld umzugehen. Aus den Konflikten zwischen evolutionärem Erbe und Ratio erklärt sich die Komplexität unseres Handelns. Um Menschen zu verstehen, reichen naturwissenschaftliche Methoden allein nicht aus; wir benötigen zusätzliche Perspektiven, die wir als Human-, Geistes- und Sozialwissenschaften bezeichnen (im Englischen üblicherweise unter dem Begriff „Humanities“ zusammengefasst). Anders als in den Naturwissenschaften geht es hier nicht mehr allein um die Frage, wie etwas ist, sondern auch darum, wie etwas sein soll. Religion, Philosophie, Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaften oder Ökonomie sind zu wesentlichen Teilen der Versuch, Regeln zu definieren, wie wir als Gruppentiere mit unserer Entscheidungsfreiheit umgehen sollen. Die Humanwissenschaften stellen dafür ethische Normen auf und erschaffen Menschenbilder wie den Homo politicus oder den Homo oeconomicus . Wettbewerb der Ansichten Ein übersichtliches Theoriensystem, wie für die Naturwissenschaften, ist aus dieser Auseinandersetzung bisher allerdings noch nicht hervorgegangen. Es gibt keine umfassende Menschen-Theorie, die sich empirisch-objektiv überprüfen ließe. Folglich sind praktisch alle uns heute vorliegenden Erklärungsansätze heftig umstritten. Die Konsequenz unseres Bewusstseins ist, dass eine kaum zu überschauende Zahl möglicher Weltbilder in Konkurrenz zu ihren sämtlichen Mitbewerbern steht. In den kommenden Blogbeiträgen zu den Themen Sprache , Philosophie , Gesellschaft , Ökonomie und Geschichte der Menschheit möchte ich versuchen, die grundlegenden Perspektiven auf das Menschsein etwas zu systematisieren. Weiterführende Literatur: Singer, Wolf (2004): „Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung“, Vortrag, Heidelberg. Kandel, Eric (2006): „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“, Pantheon.

  • Was ist Chemie?

    Drei Begegnungen Ich hatte ganz persönlich drei prägende Erfahrungen mit der Chemie. Die erste war meine allererste Chemiestunde. Ein Professor der Fachhochschule meiner Heimatstadt hatte kurzfristig die Vertretung für den erkrankten Chemielehrer übernommen. Er kam in den gekachelten Chemiesaal und stellte sich wortlos vor unsere Klasse. Dann ließ er ein Reagenzröhrchen auf den Boden fallen, das natürlich in tausend Scherben zersprang. Er fragte uns lächelnd: Ist das jetzt Chemie oder Physik ? Ein wirklich begnadeter Pädagoge, wie es nur wenige gibt. Wie viele Unterrichtsstunden gibt es, an die wir uns nach Jahrzehnten noch erinnern können? Zwei Jahre später war mein Interesse an Chemie immerhin noch so groß, dass ein Freund und ich anfingen, mit Schwarzpulver zu experimentieren. Die Zutaten in einer Drogerie zu beschaffen, war damals kein Problem. Wir haben das Pulver dann in einer elektrischen Kaffeemühle ganz fein gemahlen. Heute weiß ich: Dass ich immer noch alle zehn Finger habe, grenzt an ein Wunder. Meine dritte eindrückliche Erfahrung machte ich erst Jahrzehnte später. Ich hatte den Wunsch, meine Bildungslücken im Bereich der Naturwissenschaften zu schließen. (Daraus ist dann irgendwann die Idee zu meinem Buchprojekt entstanden.) Ich dachte mir damals ziemlich unbedarft, dass ich einfach mal mit Chemie anfangen könnte. Immerhin hatte mir das Fach in der Schule zumindest am Anfang mal Spaß gemacht… Chemie ist auch nur Physik Nachdem ich mich eine Zeitlang mit der neuen Materie auseinandergesetzt hatte, habe ich irgendwann realisiert, dass man Chemie nicht ohne physikalische Grundlagen verstehen kann. Es hat dann nochmal eine Weile gedauert, bis ich begreifen konnte, dass Chemie im Grunde nur eine spezielle Form der Physik ist. Die Prinzipien, die sämtlichen chemischen Abläufen zugrunde liegen, basieren auf einem zentralen Leitmotiv der Natur: der Sehnsucht nach Stabilität. Mittel zum Zweck ist im Falle der Chemie allein die physikalische Grundkraft des Elektromagnetismus. In dieser Hinsicht ist Chemie also nichts weiter, als die Physik der Elektronenschalen. Eine gewaltige Brücke Doch diese mechanistische Betrachtung allein greift zu kurz. Denn schließlich hängt das Periodensystem der Elemente großformatig im Chemiesaal und nicht im Physikraum. Aber was rechtfertigt Chemie dann als eigenständigen Wissensbereich? Um diese Frage zu beantworten, genügt es, zwei völlig unterschiedliche Elemente zu betrachten: Natrium ist ein weiches, silbrig glänzendes Metall, ätzend und leicht entzündlich. Chlor hingegen ist kein Metall, hat einen stechenden Geruch, ist in festem Zustand grüngelb und so giftig, wie es riecht und aussieht. Beide Elemente wirken für sich jeweils nicht besonders sympathisch. Verbinden sie sich aber miteinander, entsteht Natriumchlorid, besser bekannt als Kochsalz. Kochsalz teilt keine einzige Eigenschaft seiner beiden Komponenten: Ein festes, sprödes, opak-kristallines und wasserlösliches Mineral, der Gefahrenstoffverordnung gänzlich unbekannt, ohne das wir nicht leben können. Genau deshalb ist Chemie einer eigenen Betrachtung wert: Aus kaum 100 Ausgangsstoffen ergibt sich eine unübersehbare Fülle an Möglichkeiten, Neues zu schaffen. Chemie beschreibt, wie sich die Materie organisiert. Damit schlägt sie eine sehr weite Brücke, eine Brücke, die Quantenphysik mit Biologie verbindet. Denn auch unser Körper und selbst unser Bewusstsein sind letztlich nur gigantische, hochkomplexe Chemiecocktails. In der Kategorie „Chemie“ dieses Blogs soll es um jene Gesetze gehen, die diesen gewaltigen Bogen zu spannen vermögen. Der Rhythmus der Elemente Betrachten wir die Entdeckungsgeschichte der Naturwissenschaften, so stoßen wir immer wieder auf das bemerkenswerte Phänomen, dass zwei Menschen gleichzeitig und unabhängig voneinander zu derselben bahnbrechenden Erkenntnis gelangten. Manchmal scheint die Zeit einfach reif für etwas Neues zu sein. So war es in den 1670er Jahren, als Newton und Leibniz die Infinitesimalrechnung entwickelten, und so war es auch 1869. In diesem Jahr veröffentlichten Dimitri Mendelejew und Lothar Meyer , ohne voneinander zu wissen, eine nüchterne tabellarische Darstellung, die ein völlig neues Licht auf die Atome warf. Beiden war etwas aufgefallen: Sortiert man die Elemente nach ihrem Gewicht, offenbaren sie einen geheimnisvollen Rhythmus, eine merkwürdige Ordnung sich periodisch wiederholender Eigenschaften. Heute hängt diese Tabelle hunderttausendfach in den Chemiesälen sämtlicher Mittel- und Oberschulen der Welt. In ihren Spalten und Zeilen verbirgt sich der Schlüssel zum Verständnis der Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die Materie zu immer komplexeren Verbindungen aggregiert. Die kompliziertesten chemischen Verbindungen, die sich aus diesen Gesetzen ergeben, sind jene die das Leben hervorbringt. Unbekannte Pioniere Während die Namen berühmter Mathematiker und Physiker sich notorischer Bekanntheit erfreuen (wer hat noch nie von Pythagoras, Gauß, Newton oder Einstein gehört?) sind die „Helden“ der Chemie weitgehend ohne Ruhm geblieben. Doch die Menschheit verdankt Robert Boyle, Antoine Laurent de Lavoisier, Justus von Liebig, Dimitri Mendelejew oder Linus Pauling tatsächlich eine ganze Menge. Die von ihnen entdeckten Gesetze und Stoffeigenschaften haben wesentlichen Anteil an der Entstehung der modernen Welt. Die Begründung der organischen Chemie vor knapp 200 Jahren befeuerte die Industrielle Revolution und ist heute insbesondere Grundlage der pharmazeutischen Industrie, die uns Heilungsmöglichkeiten in Aussicht stellt, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Grund genug, die Leistungen der Chemie-Pioniere in den kommenden Chemie-Blogs etwas mehr zu beleuchten… Weiterführende Literatur: Sacks, Oliver (2003): „Onkel Wolfram: Erinnerungen“, Rowohlt Moore, John T. (2020): „Chemie kompakt für Dummies“, Wiley-VCH

  • Ein Sprint durch das Mittelalter: Chaos, Klöster, Kontakte

    Fortsetzung von: Griechenland und Rom: ein Sprint durch die Antike Europa ist in Bewegung Mit dem Fall des Weströmischen Reiches   geht die Antike zu Ende. Doch ihr Erbe – griechisches Abstraktionsvermögen, römischer Pragmatismus, Kalender- und Schriftsysteme, ästhetische Normen, Organisation des Militärwesens, auf Meritokratie und Interessenausgleich basierende Gesellschaftsordnungen, Rechtsverständnis, Individualisierung des Geistes, Dezentralisierung der Macht und nicht zuletzt das Christentum – haben hier ihren Ursprung, der Europa weiterhin prägen und eine Kontinuität begründen wird, die bis heute nicht abgerissen ist.   Die Ursachen der Völkerwanderung , die im 5. Jahrhundert das Schicksal des überdehnten und von inneren Konflikten zerrissenen weströmischen Hegemons besiegeln, sind ungewiss. Vielleicht ist es die stark wachsende Bevölkerung im nördlichen Europa, vielleicht sich mehrende Hunneneinfälle aus Zentralasien, die die germanischen Stämme aus ihrem Siedlungsraum verdrängen, vielleicht Missernten infolge eines sich abkühlenden Klimas , das ab dem Jahr 300 die lange antike Warmzeit beendet. Halb Europa ist auf den Beinen. Die zahlreichen kleinen germanischen Stämme schließen sich zu Großverbänden zusammen. Teile der entlang von Main und Rhein beheimateten Franken  ziehen in den galloromanischen Westen und errichten dort Ende des 5. Jahrhundert ein neues Reich, das bis heute nach ihnen benannt ist. Angehörige der in Dänemark und Norddeutschland sitzenden Stämme der Angeln , Sachsen  und Jüten  siedeln sich im Süden der britischen Hauptinsel an – hier geben die Angeln dem neuen Territorium den Namen. Die ursprünglich östlich der Oder sitzenden Vandalen  gelangen über Gallien und Spanien nach Nordafrika, wo sie sich auf dem Gebiet des ehemaligen Karthagischen Reiches niederlassen. Die Goten , wahrscheinlich ursprünglich an der nördlichen Weichsel beheimatet, besiedeln bereits seit dem 2. Jahrhundert den Raum nördlich des Schwarzen Meeres, wo ihnen die Römer um 270 die Provinz Dakien – im Wesentlichen das heutige Rumänien – überlassen müssen. Ende des 3. Jahrhunderts teilt sich der Stamm. Die Westgoten  ziehen zwischen 376 und 418 in einem langen Marsch, der sie durch Griechenland und ganz Italien führt, nach Aquitanien. Anfang des 6. Jahrhunderts werden sie von dort durch die vorrückenden Franken vertrieben; sie weichen nach Süden aus und errichten ein neues Reich auf der iberischen Halbinsel. Ihre ostgotischen Vettern befreien 489 im Auftrag des byzantinischen Kaisers Italien wieder von der Herrschaft der ehemals in römischen Diensten stehenden germanischen Heerführer – Odoaker  wird dabei durch den Ostgotenkönig Theoderich  eigenhändig ermordet. Nach ihrem Sieg eignen sich die Ostgoten  Norditalien allerdings erst einmal selbst an. Zwar gelingt es den Byzantinern kurzzeitig noch einmal, die Gotenherrschaft zu beenden, doch schon bald müssen sie den von der unteren Elbe stammenden Langobarden weichen, die im 6. Jahrhundert ihr eigenes Königreich auf der Halbinsel errichten. Die mittlerweile fast völlig entvölkerten Gebiete zwischen Elbe und Oder werden in dieser Zeit nach und nach von slavischen Stämmen besiedelt. Neben den Römern gehören insbesondere die Kelten  zu den Verlierern des Ansturms aus dem Norden. Ursprünglich in Süddeutschland angesiedelt, hatten sie sich seit 800 v. Chr. vor allem nach Westeuropa ausgebreitet, wo sie zunächst unter römische und nun unter germanische Herrschaft geraten. Dauerhaft überleben kann die keltische Sprache und Kultur schließlich nur am äußersten nordwestlichen Rand des Kontinents. Die germanischen Eindringlinge bilden in den ehemals römischen Siedlungsgebieten eine verhältnismäßig kleine Oberschicht, die sich mit der Zeit gezwungen sieht, aus politischem Kalkül die christliche Religion der Bevölkerungsmehrheit zu übernehmen. Die Assimilation beginnt mit dem Frankenkönig Chlodwig I  aus der Dynastie der Merowinger , der sich um 498 taufen lässt. Im südlichen und westlichen Europa vermischen sich die germanischen Eroberer nach und nach mit der römisch-keltischen Bevölkerung. Einflüsse aus germanischer, keltischer, romanischer Lebensweise und christlicher Religion bilden die Grundlage der späteren englischen, deutschen, französischen, spanischen, portugiesischen und italienischen Kulturen. Während sich in England germanische Dialekte als neue Volkssprache   durchsetzen, entstehen in Frankreich, Spanien, Portugal und Italien aus den lokalen Varianten des Lateinischen unter Aufnahme zahlreicher germanischer Lehnwörter die Vorläufer der heutigen romanischen Landessprachen.   Aufstieg des Islams Zur gleichen Zeit entsteht auch im Nahen Osten eine neue Zivilisation, die die letzten Reste der einstigen kulturellen Einheit des Mittelmeerraums hinwegfegen wird. Ihr Begründer ist der Prophet Mohammed , der um das Jahr 610 auf der arabischen Halbinsel in Erscheinung tritt. Er vereint die arabischen Stämme und verkündet den Islam, eine monotheistische Buchreligion, die sich insbesondere aus jüdischen und christlichen Wurzeln speist. Bereits 20 Jahre nach Mohammeds Tod 632, haben die Muslime den gesamten Nahen Osten erobert; in den folgenden Jahrzehnten unterwerfen sie ganz Nordafrika und gelangen von dort Anfang des 8. Jahrhunderts nach Spanien, wo sie die Herrschaft der Westgoten beenden. Am Ende dieses bemerkenswerten Siegeszugs ist rund die Hälfte aller Christen auf dem ehemaligen Gebiet des römischen Reiches zu Muslimen geworden. Mit dem Islam ist die letzte der fünf großen Weltreligionen entstanden. Östlich des Hindukusch herrschen „die Bekenntnisse des ewigen Weltgesetzes“ Hinduismus, Buddhismus, sowie Jainismus und Taoismus. Sie sind geprägt von der Vorstellung eines ewigen Wechsels von Werden und Vergehen. Westlich davon regieren Judentum, Christentum und Islam die eurasischen Gesellschaften. Bei ihnen steht eine „geschichtliche Gottesoffenbarung“ im Mittelpunkt, eine lineare Weltsicht, bei der die menschliche Existenz vom Wirken eines allmächtigen, persönlichen Gottes abhängt, der die Menschheit einer endgültigen Bestimmung zuführt. Jede der drei abrahamitischen Religionen erhebt dabei für sich den Anspruch, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein.   Das Reich der Franken und die Entstehung der europäischen Ständegesellschaft 732 schlägt ein Frankenheer unter Karl Martell  die Araber bei Poitiers und beendet damit alle weiteren Vorstöße der Mohammedaner im westlichen Europa. Unter der neuen Dynastie der Karolinger , ursprünglich lediglich Verwaltungsexperten der Merowinger, gewinnt das Frankenreich weiter an Macht und Einfluss. Karl Martells Enkel, Karl der Große , erobert 774 das Gebiet der Langobarden und unterwirft in einem langen und brutalen Krieg die noch heidnischen Sachsen und erzwingt deren Christianisierung. Die Franken haben damit das erste europäische Großreich nach den Römern erschaffen. Am Weihnachtstag des Jahres 800 wird Karl durch den Papst in Rom zum Kaiser gekrönt. Mit diesem Titel knüpft der Herrscher bewusst an die Tradition der antiken Cäsaren an. Für Byzanz, das sich als einzig legitimer Wahrer des römischen Erbes sieht, eine Provokation. An seinem Höhepunkt reicht Karls Frankenimperium von Nordspanien bis an die Oder und von Rom bis nach Friesland. Doch schon 843, nur 29 Jahre nach Karls Tod, zerfällt das Reich in drei Teile. Aus dem westlichen Gebiet wird später Frankreich, aus dem östlichen Deutschland hervorgehen. Ende des 9. Jahrhunderts schwindet die Macht der ostfränkischen Könige zusehends; der Hochadel der anderen Großstämme – Sachsen , Bayern , Schwaben  – gewinnt an Einfluss. Nach langen Machtkämpfen kommen die Stammesfürsten überein, ihren König künftig nicht mehr durch Erbfolge, sondern durch Wahl zu bestimmen, ein in Europa einzigartiges Verfahren. Die Krönung des Sachsenherzogs Heinrich I  zum König im Jahre 919 ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer Deutschen Nation. Seinem Nachfolger Otto I  gelingt es 955 einen massiven Einfall der Ungarn abzuwehren. Die adligen Panzerreiter, die ihm zum Sieg verhelfen, steigen zu einer neuen privilegierten Klasse auf. In den unsicheren Zeiten müssen immer mehr freie Bauern ihr Land verkaufen und werden zu Hörigen oder Leibeigenen des neuen Ritterstands , der dafür im Gegenzug die Sicherheit seiner Untergebenen gewährleisten soll. Damit entsteht die feudalistische Ständegesellschaft . Ökonomisch bedeutet der Feudalismus meist einen Rückschritt. Das Geldsystem verfällt und weicht in weiten Teilen Europas einer Naturalwirtschaft. Um das Jahr 1000 liegt das Bruttoinlandsprodukt in Westeuropa etwa 10% unter dem Niveau der Zeitenwende. Immer noch leben auf der ganzen Welt nur rund 300 Millionen Menschen. Von den vier entwickelten Ökonomien – China, Indien, vorderer Orient und Europa – ist Europa, der eurasische Hinterhof, die schwächste Wirtschaftszone. An der Spitze der europäischen Gesellschaftsordnungen steht der König . Insbesondere die deutschen Monarchen müssen ihre Autorität permanent gegen die zweite Ebene, die Herzöge , verteidigen. Da die Strahlkraft des alten Römischen Reiches im kollektiven Gedächtnis der Europäer noch immer ungebrochen ist, verheißt der Kaiser titel in der Auseinandersetzung mit den Stammesfürsten eine Stärkung der eigenen Position. Seit Otto I werden daher alle deutschen Könige versuchen, mithilfe päpstlichen Beistands auch die Kaiserwürde zu erlangen. Der deutsche Kaiser wird damit Oberhaupt jenes merkwürdigen Konstrukts „ Heiliges Römisches Reich “, das später den Zusatz „Deutscher Nation“ erhalten und formal bis 1806 bestehen wird.   Invasoren Nicht nur Araber und Ungarn bedrohen die neue monarchische Ordnung in Europa. Seit dem Jahr 800 überfallen die skandinavischen Nordmänner die Küsten und stoßen mit ihren Schiffen bis nach Paris, ins Rheinland, ins Schwarze Meer und tief in die von Slawen bewohnten Gebiete Osteuropas vor. Am Ende des 9. Jahrhunderts lassen sich die Skandinavier in England nieder, kurz darauf siedeln sie, mit Billigung des westfränkischen Königs, auch im Nordwesten Frankreichs. Ihr dortiges Lehen, die Normandie, wird 1066 für ihren Herzog zum Sprungbrett für die Unterwerfung Englands: Aus „Wilhelm der Bastard“ wird „ Wilhelm der Eroberer “. Die normannischen Invasoren, die erst kurz zuvor die westfränkische Landessprache übernommen haben, bringen den Einfluss des Französischen auf die Britischen Inseln. Auch bei der Entstehung Russlands  spielen skandinavische Invasoren eine Rolle. Ab dem Jahr 840 entsteht aus Wikinger-Siedlern und Slawen unter Aufnahme wichtiger Elemente der byzantinischen Kultur die Kiewer Rus . 200 Jahre später ist daraus ein Großreich entstanden, das von Finnland bis an das Schwarze Meer reicht.   Wer bestimmt: Kirche oder Kaiser? Seit der Taufe Chlodwigs hat sich das römische Christentum stetig nach Norden und Osten ausgebreitet, in Westeuropa hauptsächlich durch britische Mönche, in Osteuropa geht die Mission von Byzanz aus. Zwischen 1000 und 1200 werden Polen, Skandinavien und das Baltikum christianisiert. In diesem Zeitraum verdoppelt sich die Anzahl der Klöster   in Europa auf annähernd   22.000. Die Monasterien sind die Zentren des geistigen Lebens. Während die Monarchen oftmals des Lesens und Schreibens kaum mächtig sind, wird hier die lateinische und griechische Sprache gepflegt, werden Bücher von Hand kopiert und die Platonische Philosophie   überliefert. Da die Bistümer nicht nur über religiöse Autorität, sondern auch über ausgedehnte Ländereien verfügen, sind sie ein bedeutsamer Machtfaktor. Die von den Klöstern ausgehende Dreifelderwirtschaft, steigert ab 1100 die landwirtschaftliche Produktivität merklich und legt damit die Grundlage für ein anhaltendes Bevölkerungswachstum. Land wird nun zunehmend teurer, während sich Arbeit verbilligt. Zwischen der römischen Kirche im Westen und den orthodoxen Glaubensbrüdern im griechisch-byzantinisch geprägten Osten Europas ist mit der Zeit eine nicht zu übersehende politische, kulturelle und religiöse Entfremdung eingetreten. 1054 kommt es zum großen Schisma : Der Papst und der Patriarch von Konstantinopel exkommunizieren sich gegenseitig. Die Kirche ist nun fortan in einen katholisch-westeuropäischen und einen orthodox-osteuropäischen Teil gespalten. Spannungen gibt es aber auch zwischen der katholischen Kirche und der weltlichen Macht. 1076 entflammt der Investiturstreit, die Frage, ob dem deutschen Kaiser oder dem Papst das Recht zukommt, Bischöfe zu ernennen und damit jeweils die eigenen Gefolgsleute platzieren zu können. In dem jahrzehntelangen Konflikt setzt sich schließlich die Kirche durch und bewirkt damit eine weitere erhebliche Schwächung des deutschen Kaisertums.   Die Kreuzzüge und ihre Folgen Als bald darauf aus Zentralasien stammende muslimische Turkvölker Anatolien, Palästina und damit auch die Heiligen Stätten in Jerusalem unter ihre Kontrolle bringen, haben Ost- und Westkirche und europäischer Adel wieder ein gemeinsames Ziel. Der oströmische Kaiser Alexios I bittet Papst Urban II um Hilfe bei der Abwehr der Eindringlinge. Dass christliche Pilger und Bewohner von Palästina von den Türken drangsaliert werden, ist dabei nur vordergründiger Anlass: Die Invasoren haben sich als neuer Machtfaktor im östlichen Mittelmeer etabliert und bedrohen den durch das Byzantinische Reich gesicherten Zugang nach Europa. Dem Papst gelingt es 1096 eine Streitmacht von wohl über 100.000 Kriegern, bestehend aus italienischen, französischen und deutschen Rittern und deren Gefolge, zu mobilisieren. Der Erste Kreuzzug ist der Auftakt zu einer Reihe als „Heilige Kriege“ verbrämten Auseinandersetzungen zwischen der christlichen und der muslimischen Welt. Doch die Konfrontation befördert auch einen kulturellen Austausch. Das Wissen islamischer Gelehrter zwischen Granada und Isfahan ist in Bereichen wie Mathematik , Medizin, Astronomie   oder Bewässerungstechnik dem des Westens weit voraus. Nicht zuletzt gelangen durch den Kontakt mit der islamischen Kultur auch die vergessenen Schriften des Aristoteles   wieder nach Europa. Als es Thomas von Aquin  im 13. Jahrhundert gelingt, die Lehre des griechischen Philosophen mit der christlichen Theologie zu versöhnen, stellt er damit eine der zentralen Weichen, die das Abendland in Richtung Neuzeit führen wird.   Vorboten einer neuen Zeit Zu Thomas‘ Lebzeiten entwickeln sich die norditalienischen Städte zu wohlhabenden und mächtigen Handelszentren. Genua , Mailand , Florenz und insbesondere Venedig  unterhalten sowohl mit Konstantinopel als auch mit dem Nahen Osten enge Beziehungen. [i]  Mit Seide, Gewürzen und anderen Luxuswaren gelangt auch das indische Zahlensystem nach Europa und beflügelt das aufblühende Kreditwesen. Die florentinische Familie Bardi gründet 1250 eine Bank, deren Filialnetz 100 Jahre später von Brügge bis Jerusalem reichen wird. Der Begriff der „ Rentabilität “ setzt sich als neue Denkkategorie in den Köpfen europäischer Kaufleute fest. Während Florenz und Venedig Weltpolitik betreiben, leben selbst in den größten deutschen Städten kaum mehr als einige tausend Menschen. Doch nach und nach entsteht auch nördlich der Alpen ein wohlhabendes und selbstbewusstes Bürgertum. Das sichtbarste Zeichen des städtischen Stolzes sind die mächtigen Kathedralen , die nun überall in Westeuropa in den Himmel wachsen. Die Gotik löst den noch auf römischer Architektur gründenden erdigen Baustil der Romanik ab und bringt Licht in die Gotteshäuser. Ausweis einer neuen Zeit sind auch die Universitäten. Nachdem Bologna bereits 1088 den Anfang machte, entstehen nun zwischen Lissabon und Krakau dutzende neue Hochschulen. Der Bildungskanon knüpft an die Ideale der Antike an, der Unterricht erfolgt durchwegs auf Latein. Sieben „Freie Künste“ bereiten die Studenten auf das eigentliche Studium vor: Das Trivium lehrt Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Das Quadrivium die Arithmetik als Theorie der Zahlen und die Musik als deren Anwendung, sowie die Geometrie als Theorie des Raums und der Astronomie als deren praktischer Gebrauch. Für das Hauptstudium stehen drei Fakultäten zur Wahl: Die Medizin klärt das Verhältnis von Mensch zu Körper; die Jurisprudenz das von Mensch zu Mensch; die Theologie das von Mensch zu Gott.   Das größte Reich aller Zeiten Während Europa sich langsam, aber stetig wandelt, errichtet das kleine Reitervolk der Mongolen  im 13. Jahrhundert unter seinem Anführer Dschingis Kahn  und dessen Nachfolgern innerhalb kurzer Zeit das größte zusammenhängende Reich der Menschheitsgeschichte – am Ende wird es vom Südchinesischen Meer bis nach Polen reichen. Doch das Mongolenreich ist nicht von Dauer. 1368 schütteln die Chinesen  die Fremdherrschaft ab. Der Anführer der Rebellion begründet unter dem Namen Hongwu die Ming-Dynastie , die das Reich der Mitte fast 300 Jahre lang absolutistisch regieren wird. Ende des 13. Jahrhunderts treten weite Teile der mongolischen Oberschicht zum Islam über; im Norden Indiens wird dadurch im Laufe der Zeit das Mogulreich  entstehen, dessen Name auf den ethnischen Ursprung der Eroberer hinweist. Unter den Angehörigen der niederen Hindu-Kasten findet die neue Offenbarungsreligion viele Anhänger. Eine weitere Folge der mongolischen Eroberungszüge ist die Verbreitung der Pest  auf dem eurasischen Kontinent. Das Reitervolk schleppt sie zunächst nach China ein; um 1350 erreicht die Seuche auch Europa, wo sie etwa jeden dritten Einwohner tötet und die Bevölkerungszahl wieder auf das Niveau des Jahres 1000 absinken lässt.   Das Mittelalter: eine Epoche radikaler Veränderungen Mit dem Mittelalter geht für Europa eine Epoche tiefgreifender Veränderungen zu Ende. Eine feudalistische Gesellschaftsordnung entsteht; Wälder werden gerodet, Anbautechniken verbessert, Städte gegründet, Handelsbeziehungen geknüpft, Banken aufgebaut; Wind- und Wassermühlen verbessern die Energieversorgung; Architektur und Schiffsbau erleben revolutionäre technologische Umbrüche; die künftigen europäischen Nationalstaaten nehmen Gestalt an; die Machtzentren haben begonnen von Südosten nach Nordwesten zu wandern. All dies bereitet den Boden für den nun kommenden radikalen Wandel.   Den Blog entdecken   Bildnachweise Bild Völkerwanderung Westgotische Adlerfibel [i] Byzanz ist für die Norditaliener nicht nur Partner, sondern auch Konkurrent. So bringt die venezianische Republik während des vierten Kreuzzugs 1204 die Teilnehmer dazu, nicht wie geplant nach Ägypten zu ziehen, sondern stattdessen Konstantinopel zu plündern.

  • Klassische Nationalökonomie: David Ricardo gibt Nationen Tipps zum Reichwerden und Thomas Malthus äußert eine düstere Prophezeiung

    Fortsetzung von Adam Smith und die unsichtbare Hand   David Ricardos Außenhandelstheorie „ Der Wohlstand der Nationen “ ist die Grundlage dessen, was wir heute als „klassische Nationalökonomie“ bezeichnen. Die neue Betrachtungsweise sollte sich in Europa rasch verbreiten – allein in Frankreich konnten die Physiokraten noch eine Zeitlang ihren Einfluss behaupten. Eine erste bedeutsame Erweiterung des Smithschen Gedankengebäudes erfolgte Anfang des 19. Jahrhunderts durch David Ricardo  (1772-1823). Ricardo entstammte einer Familie aus Portugal eingewanderter Juden und hatte sich als erfolgreicher Börsenmakler einen Namen gemacht. Das Vermögen, das er dabei erwirtschaftet hatte, ermöglichte es ihm, sich bereits in jungen Jahren zurückzuziehen und sich seinen vielfältigen Interessen zu widmen. Die Lektüre von „Der Wohlstand der Nationen“ weckte seine Neugier für die noch junge ökonomische Theorie. Insbesondere interessierte er sich für Smiths Überlegungen zum Außenhandel. Produktivitätssteigerung durch Arbeitsteilung entsteht nicht nur in einer Manufaktur, sondern auch zwischen verschiedenen Nationen. Entgegen der herrschenden Meinung seiner Zeit war Smith zu dem Schluss gekommen, dass internationaler, freier Warenverkehr für alle Beteiligten von Vorteil ist, wenn ein Land Güter exportiert, bei denen es gegenüber dem importierenden Land einen Arbeitskostenvorteil hat. Ricardo analysierte diese Überlegung eingehend und kam zu einer bemerkenswerten Einsicht, die er anhand eines berühmt gewordenen Beispiels illustrierte: Demnach können England und Portugal beide sowohl Wein als auch Tuch herstellen. Portugal kann jedoch beides billiger. Die Portugiesen benötigen für die Herstellung von 100 Rollen Tuch 90 Arbeiter, für die Herstellung von 100 Fässern Wein 80 Arbeiter. England benötigt für die jeweils gleichen Mengen bei der Tuchproduktion 100 Arbeitskräfte, bei der Weinproduktion 120. Während das produktivere Portugal also nur 170 Menschen beschäftigen muss, muss England für das gleiche Güterbündel 220 Arbeiter aufbieten. Situation ohne Außenhandel   Ricardo stellte sich die Frage, ob es sich unter diesen Bedingungen für Portugal überhaupt lohnt, mit England Handel zu treiben – schließlich kann es beide Güter billiger herstellen als die neblige Insel im Norden. Die überraschende Antwort lautet: ja. Handel lohnt sich für beide Seiten auch dann, wenn ein Land bei allen Gütern einen absoluten Kostenvorteil hat. Das billigere Land muss sich nur auf das Gut konzentrieren, bei dem es am produktivsten ist. Portugal sollte sich also ganz auf die Weinherstellung spezialisieren und das Tuchmachen den Engländern überlassen. Diese internationale Arbeitsteilung erlaubt es beiden Ländern mit den gleichen Ressourcen insgesamt 10% mehr Tuch und 6,25% mehr Wein herzustellen.   Situation mit Außenhandel   Ricardo erklärt dieses überraschende Ergebnis mit dem „ komparativen Vorteil “. Dahinter steckt eine neue, zunächst etwas abstrakt erscheinende Betrachtung: das Denken in Opportunitätskosten.  Dabei handelt es sich nicht um herkömmliche Kosten im Sinne von Aufwendungen, die ein Produzent oder Käufer tragen muss, sondern um die Bewertung der bestmöglichen Alternative, gegen die man sich entschieden hat. Die Wahl, eine knappe Ressource für etwas Bestimmtes zu verwenden, bedeutet in einer Welt knapper Güter nämlich immer auch den Verzicht auf eine alternative Verwendung. Was heißt das nun für die beiden Handelspartner? Wenn England keinen Handel treibt, muss es alle Güter selbst herstellen. Die Arbeiter, die für die Weinherstellung eingesetzt werden, stehen der Tuchproduktion nicht mehr zur Verfügung. Die englische Produktivität ist allerdings bei der Weinherstellung mit nur 0,83 Fässern pro Arbeiter eher gering. Jedes zusätzliche Fass Wein wird daher mit einem Verzicht auf 1,2 Einheiten Tuch (dem Kehrwert von 0,83) recht teuer erkauft. Aus portugiesischer Sicht hingegen bedeutet ein weiteres Fass Wein aufgrund der höheren Produktivität nur den Verzicht auf 0,89 Rollen Tuch (der Kehrwert von 1,1). Die portugiesischen Opportunitätskosten für weniger Tuch liegen also unter dem englischen Wert von 1,2. Umgekehrt muss Portugal für eine zusätzliche Rolle Tuch auf 1,125 Fässer Wein verzichten, England aber nur auf 0,83. Die Engländer sind hier im Vorteil. Beide Nationen fahren also besser, wenn die Portugiesen ihr Tuch in England kaufen.   Thomas Malthus‘ düstere Prognose Ricardos Zeitgenosse Thomas Malthus  (1766-1834) war der erste Inhaber eines Lehrstuhls für Nationalökonomie überhaupt. Bekannt wurde er aber vor allem für seine 1798 veröffentlichte düstere Demographiethese, in der er behauptete, dass das Bevölkerungswachstum exponentiell verlaufe, die Entwicklung der Nahrungsmittelproduktion hingegen nur linear. Daher müssten Hungersnöte, Kriege oder Seuchen zwangsläufig einen Ausgleich herbeiführen. Die einzige Möglichkeit dies zu verhindern, sah Malthus in einer strengen Geburtenkontrolle. Die bedrückende Vorstellung, dass Mutter Natur den Tisch nicht für alle ihre Geschöpfe deckt, war eine zentrale Inspiration Darwins   für die Entwicklung seiner Evolutionstheorie. 1848 erhärtete John Stuart Mill  mit seinem Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs Malthus‘ These: Zwar ist es möglich, die landwirtschaftliche Ausbringung durch mehr Arbeit pro Flächeneinheit zu steigern, doch der Ertrag wächst stets nur unterproportional zum Arbeitseinsatz. Jede weitere Arbeitseinheit erzeugt einen immer kleiner werdenden Zusatzertrag, bis dieser irgendwann null beträgt oder sogar abnimmt. Was ist der Wert eines Guts? Mills Beobachtung ist Ausdruck einer neuen Denkweise, die den Übergang von der klassischen zur neoklassischen Nationalökonomie markiert. Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin war die Fundamentalkritik, die der Franzose Jean-Baptiste Say  (1767-1832) an Smiths Arbeitswerttheorie übte. Wie Mill war auch er ein überzeugter Anhänger des Benthamschen Utilitarismus. Der Wert eines Gutes hatte für Say nichts mit dem investierten Betrag an Arbeit zu tun, sondern wird allein durch den Nutzen  bestimmt, den er seinem Konsumenten stiftet. Für ein Gut, das niemand haben will, ist es völlig unerheblich, wie aufwändig es produziert wurde. Nutzen ist in höchstem Maße subjektiv und individuell. Daher kann es auch keinen objektiven Maßstab dafür geben, wieviel ein Hirsch, ein Bieber, eine Rolle Tuch oder ein Fass Wein wert sind. Im Übrigen stiften, so Say, nicht nur physische Dinge Nutzen, sondern auch immaterielle Güter wie Dienstleistungen und Rechte. Seit Says Kritik am Arbeitswertkonzept sind die Ökonomen in zwei Lager gespalten: Diejenigen, die wie Smith, Ricardo und später Karl Marx  davon ausgingen, dass der Wert eines Guts durch die in ihm verinnerlichte Arbeit objektiv bestimmbar sei, und jene, die der neuen Idee des abstrakt-subjektiven Nutzens anhingen. [i]     Beide Konzepte sollten auf höchst unterschiedliche Weise Karriere machen.   Den Blog entdecken   Wer mehr wissen will: Samuelson, Paul A ; Nordhaus William D. (2010): „Volkswirtschaftslehre“, Mi-Wirtschaftsbuch. Mankiv, Gregory / Taylor, Mark P. (2008): “Grundzüge der Volkswirtschaftslehre”, Schäffer Poeschel. [i] Auch der deutsche Bundeskanzler hat gemäß der Eidesformel die Aufgabe, den „Nutzen des deutschen Volkes zu mehren“.

  • Locke, Montesquieu, Rousseau, Burke: Freiheit, Gleichheit, Gewaltenteilung

    Eine kurze Übersicht über die politische Philosophie der Aufklärung Fortsetzung von: Machiavelli, Morus und Hobbes begründen die politische Philosophie der Neuzeit .   John Locke will weniger Staat Die absolutistischen Monarchien, die sich in Europa nach dem Ende des Englischen Bürgerkriegs und des Dreißigjährigen Kriegs etablierten, setzten zwar das Gewaltmonopol durch, griffen aber auch mit ihrer autokratischen Machtfülle zunehmend in das Leben der Menschen ein. Der französische König Ludwig XIV  wurde zur Verkörperung dieses Staatsverständnisses. Der absolutistische Staat übte Zensur, regelte den Zugang zu Bildung und zahlreichen Berufen, baute einen umfangreichen Beamtenapparat auf, verhinderte Kontrollinstanzen, die seine Machtfülle hätten beschränken können und stellte sich selbst über das Gesetz. Anlass genug für John Locke , sich ausführlich mit den Folgen eines allzu mächtigen Staats auseinanderzusetzen. 1689, dem Jahr der „Glorious Revolution“, die in England den Absolutismus beendete, veröffentlichte er seine „Two Treatises of Government“ – „Zwei Abhandlungen über die Regierung“. Locke greift darin Hobbes‘ Vorstellung des Naturzustands auf, aber er beschreibt ihn wesentlich freundlicher als sein Landsmann einige Jahrzehnte zuvor: Die Menschen sind von Natur aus frei, gleich und unabhängig. Freiheit und Gleichheit sind bei Locke nicht mehr Früchte staatlicher Autorität, sondern die moralische Grundlage des natürlichen Zusammenlebens. Mit Unterzeichnung des Gesellschaftsvertrags geben die Bürger einen Teil ihrer angeborenen natürlichen Freiheit auf. Im Gegensatz zu Hobbes  fordert Locke daher so wenig Staat wie möglich, ein Gedanke, mit dem er die ideologische Grundlage des Liberalismus  legt. Der Staat ist in erster Linie nötig, weil der Naturzustand die Gefahr birgt, dass Einzelne, etwa durch Anwendung von Gewalt, gegen die Gerechtigkeit verstoßen. Ohne Staat bliebe den Opfern nur, „den Himmel anzurufen“. Nur deshalb geben die Menschen den Naturzustand auf und übertragen dem Souverän die Autorität, als zentrale Instanz Streitigkeiten zu schlichten und die Schwachen zu schützen. Der Staat muss dabei allen Parteien gegenüber Neutralität wahren, er darf niemanden bevorzugen oder benachteiligen. Und natürlich muss sich bei diesem Gesellschaftsvertrag auch die Staatsgewalt bedingungslos an die Gesetze halten. Verletzt die Regierung diese Regeln, kann sie abgesetzt werden – notfalls mit Gewalt. Denn: „Wo immer das Gesetz endet, beginnt die Tyrannei“ Alle Regeln gelten unabhängig von der gewählten Staatsform: Monarchien unterliegen ihnen ebenso wie Oligarchien oder Demokratien.   Montesquieu fordert Gewaltenteilung und bezweifelt die Gleichheit Locke hatte auch beobachtet, dass die Autoritäten des Staates häufig in eine Legislative, eine gesetzgebende Instanz und in eine Exekutive, eine ausführende Instanz getrennt sind. Er erklärt dieses Muster damit, dass die Gesetze, nachdem sie einmal erlassen worden sind, auch konsequent durchgesetzt werden müssen. Diesen Gedanken entwickelte Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède de Montesquieu  weiter. 1748 veröffentlichte der Freiherr sein staatstheoretisches Traktat „ De l’esprit des loix “ – „Vom Geist der Gesetze“, das umgehend auf dem Index für verbotene Bücher der katholischen Kirche landete. Obwohl es zunächst nur in der liberalen Republik Genf anonym veröffentlicht werden konnte, avancierte die Schrift rasch zu einem europäischen Bestseller. Montesquieu liefert in seinem Werk eine Synthese aus Hobbes und Lockes Naturzustand: Die Menschen verhalten sich ohne staatliche Ordnung nur deshalb friedlich, weil jeder vor jedem Angst hat. Eine staatliche Ordnung beseitigt zwar diese Angst, dafür können aber nun sowohl innerhalb einer Nation als auch zwischen Nationen Kriegszustände entstehen. Innerstaatliche Konflikte sind eine Folge der Ungleichheit zwischen den Menschen. Ziel aller Gesetzgebung muss es daher sein, Spannungen zu verhindern. Ob ein Staat gut ist, hängt für Montesquieu nicht von der konkreten Regierungsform ab, sondern – hier stimmt er mit Locke überein – davon, ob die Gesetze eingehalten werden. Dies nicht zu tun, führt in die Despotie. Um Machtmissbrauch und das Abgleiten in einen despotischen Staat zu unterbinden, fordert Montesquieu eine Teilung staatlicher Gewalt in drei verschiedene Instanzen. Lockes Legislative  und Exekutive  fügt er als drittes die Judikative , die Rechtsprechung hinzu. Wären Legislative, Exekutive und Judikative nicht getrennt, könnte ein tyrannischer Herrscher missbräuchliche Gesetze erlassen und vollstrecken oder ein unredlicher Richter nach selbst gewählten Geboten Recht sprechen. Für Montesquieu ist es essentiell, dass die legislative Macht allein vom Volk ausgeht; in großen Staaten notwendigerweise durch Repräsentanten, die dem Gemeinwillen verpflichtet sind. Doch auch für den Baron sind nicht alle gleich. Die Ärmsten sind vom Wahlrecht auszuschließen, während dem Adel qua Geburt, Vermögensverhältnisse oder persönlicher Leistungen ein stärkeres Gewicht zukommt. Um der zahlenmäßigen Übermacht der ungebildeten Volksmassen entgegenzuwirken, sollte die Legislative daher aus zwei Kammern bestehen. Die eine, das Unterhaus, repräsentiert das Volk, die andere – ein Oberhaus, ein Senat oder eine vergleichbare Institution – die Interessen der Aristokratie . Beide Kammern haben die Möglichkeit, mittels Veto die Initiativen der jeweils anderen Kammer zu blockieren oder zu korrigieren. Wie schon bei Platon  umfasst Aristokratie bei Montesquieu nicht nur den Adel, sondern auch die intellektuelle und finanzielle Elite – es geht um die Beteiligung der „Besten“. In dem wenig bekannten abschließenden Teil seines Buchs denkt Montesquieu darüber nach, warum staatliche Verfassungen und Gesetze je nach Land oftmals sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Die Hauptursache sieht er im Klima, das die verschiedenen Mentalitäten der jeweiligen Einwohner erkläre. Die Südländer seien sensibler, geistreicher, aber auch berechnender, fauler und unmoralischer als die Menschen aus dem Norden. Die Hitze mache die Menschen im Süden, insbesondere im Orient, träge und passiv. Sie benötigten daher Gesetze, die diesen Tendenzen entgegenwirken und sie zur Arbeit motivieren. Aus diesem Grund seien heiße Länder meist despotisch verfasst und Sklaverei dort eine gängige Praxis, während in den kalten Zonen eine freiheitliche Gesinnung vorherrsche. Montesquieu starb 1755 in Paris. Das Werk des französischen Adligen gilt heute als eine der einflussreichsten ideengeschichtlichen Schriften überhaupt. Indem es – ganz im Sinne der Aufklärung – die individuellen Interessen der Bürger in den Vordergrund stellt, legte es die Grundlage, den alten Gewaltenteilungs-Dualismus zwischen Kirche und Staat abzulösen. In den Vereinigten Staaten sollte Montesquieus Gewaltenteilung bereits wenige Jahrzehnte später erstmals offiziell in einer Verfassung verankert werden; heute ist sie ein festes Element aller freiheitlich verfassten Länder. Die Überlegungen des Barons zum Einfluss des Klimas auf Mentalitäten und Verfassungen wurden von Vielen belächelt. Einige jedoch sehen in ihnen neben Machiavellis  Thesen eine gedankliche Vorbereitung der modernen empirisch fundierten Soziologie.   Rousseau neigt zur Zwangsbeglückung „Der Mensch ist von Natur aus frei, und doch überall in Ketten.“ Mit diesem berühmten Zitat beginnt die 1762 veröffentlichte Schrift „ Du Contrat Social “ – „Vom Gesellschaftsvertrag“, des 1712 in Genf geborenen und 1778 bei Paris gestorbenen Jean-Jacques Rousseau . Wie der Titel nahelegt, ist auch dieses Werk eine Vertragstheorie  und wie ihre Vorgänger sollte auch sie einen außerordentlichen Einfluss haben. Rousseaus Naturzustand ähnelt stark der von Locke beschriebenen Idylle. Die Menschen, frei und gleich geboren, sind grundsätzlich wohlwollend, hilfsbereit und rücksichtsvoll. Es gibt daher zunächst keine Notwendigkeit für einen starken, autoritären Staat. Die Motivation sich zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen besteht bei Rousseau darin, dass die Mitglieder der Gesellschaft ihre „volonté de tous“, ihren persönlichen Einzelinteressen, der „volonté générale“, dem Gemeinschaftsideal unterordnen, letztlich aus der Einsicht heraus, dass sie zusammen mehr erreichen können. Die Unterwerfung unter den Primat des Allgemeinwohls ist bei Rousseau allerdings radikal: Sie bedeutet „die völlige Entäußerung jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes“. Jedes Mitglied der Gemeinschaft ist damit zugleich Souverän und Untertan, ist sowohl aktiver Bürger als auch passives Subjekt. Unter diesen Bedingungen fallen Einzelinteresse und Gemeinwohl wieder zusammen. Verstößt ein einzelnes Glied der Gemeinschaft gegen diese Regeln, das heißt, es beansprucht Rechte, ohne seinen Pflichten nachzukommen, muss es von der Gemeinschaft sanktioniert werden. In Rousseaus Augen bedeutet dies, das fehlbare Gemeinschaftsglied wieder zu seiner Freiheit zu zwingen. Rousseaus radikaldemokratische Forderungen sicherten auch seinem Buch umgehend den Eintrag auf zahlreichen Indexlisten. Allerdings sehen bis heute viele Politologen, Soziologen und Philosophen in ihm auch einen zentralen Wegbereiter totalitären Denkens: Führende Köpfe der Französischen Revolution beriefen sich auf Rousseau, als sie andere Köpfe rollen ließen.   Burke glaubt nicht an raschen Fortschritt Eine deutliche Gegenposition zu Locke, Montesquieu und Rousseau vertrat der irische Staatsphilosoph Edmund Burke  (1729-1797). Dem Grundvertrauen, das die Aufklärer in das Menschengeschlecht setzten, mochte er nicht folgen, da selbst mit viel Vernunft ausgestattete Menschen seiner Meinung nach immer noch beachtlichen Limitationen unterliegen. Wichtiger ist daher eine auf staatliche Autorität gestützte hierarchische Gesellschaft, als Ausdruck einer natürlichen Ordnung. Wo Veränderungen unumgänglich sind, sollten sie langsam und maßvoll erfolgen, etwa über eine Weiterentwicklung der Verfassung, keinesfalls aber über Revolutionen. Anstatt blind auf den Fortschritt zu setzen, ist es besser, der Weisheit früherer Generationen zu vertrauen: „Wut und Verblendung können in einer halben Stunde mehr niederreißen, als Klugheit, Überlegung und weise Vorsicht in hundert Jahren aufzubauen imstande sind.“ Der Gesellschaftsvertrag ist bei Burke nicht Rousseaus freiwillige Unterordnung des edlen Wilden unter den allgemeinen Willen, sondern vielmehr ein Vertrag zwischen der jetzigen und der künftigen Generation. Diese Positionen machen Burke zum gedanklichen Begründer des Konservativismus .   Den Blog entdecken   Wer mehr wissen will: Locke John (1974) „Zwei Abhandlungen über die Regierung“, Reclam. Montesquieu (1965): „Vom Geist der Gesetze“, Reclam. Rousseau, Jean-Jacques (1986) „Vom Gesellschaftsvertrag”, Reclam. Burke Edmund (1967) „Betrachtungen über die Französische Revolution“, Suhrkamp.

  • Bausteine der Kommunikation (Teil 1):

    Fortsetzung von „Die Vielfalt der Sprachen“   Vom Denken zum Sprechen: Dimensionen der Semiotik Sobald wir vom Denken , dem mentalen Dialog mit uns selbst, zur Kommunikation mit anderen wechseln, sollten wir unsere Gedanken dem Gegenüber möglichst eindeutig zum Ausdruck bringen. Die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, wie wir uns anderen Menschen mitzuteilen suchen, ist die Semiotik , die Lehre von den Zeichen. Zu ihr gehören auch sämtliche Formen nichtverbaler Kommunikation, wie Mimik , Gestik  oder Bildersprache . Der Teilbereich der Semiotik, der sich mit der gesprochenen oder geschriebenen Sprache befasst, ist die Allgemeine Linguistik . Das Wort Linguistik entstammt dem lateinischen Wort für Zunge. Deren Beweglichkeit ist allerdings nur eine unter vielen anatomischen Voraussetzungen für das Sprechen. Zusätzlich müssen Zwerchfell, Lunge, Stimmbänder, Luftröhre, Rachen- und Nasenraum, Mundhöhle, Zäpfchen, Zähne und Lippen auf sehr komplexe Art und Weise zusammenspielen, um Laute erzeugen und einfärben zu können. Diese hör- und messbaren Aspekte der Sprache sind Gegenstand der Phonetik . Um Vokale  zu erzeugen, müssen die Stimmbänder vibrieren und der Mundraum offen sein. Der Ort der Tonerzeugung in der Mundhöhle wandert dabei in der Reihenfolge u, o, a, e, i von hinten nach vorne, jeweils unterstützt durch verschiedene Formung der Lippen. Konsonanten entstehen, wenn der Luftstrom in irgendeiner Form behindert wird. Die dabei erzeugten unterschiedlichen Luftwirbel charakterisieren den jeweiligen Laut. Schwingen die Stimmbänder bei verschlossenem Nasenraum, entstehen Sonaranten (m, n, l, r, j, w); andernfalls spricht die Phonetik von Obstruenten . Je nach Artikulation werden die Obstruenten in Plosive  (explosionsartige Laute wie p, t, k), Frikative  (zumeist Zischlaute wie s, f, z) und Affrikaten (eine Zwischenform von Plosiven und Frikativen, wie pf und ts) unterschieden. Jede Sprache hat ihr charakteristisches Repertoire an Lauten. Das Deutsche  etwa bedient sich im Vergleich zu anderen europäischen Sprachen sehr stark der Frikative und Plosive, die es zudem bevorzugt an Anfang und Ende vieler Wörter stellt, so dass Deutsch für Nichtmuttersprachler sehr hart klingt. Das Portugiesische kennt wiederum für jeden Vokal einen zusätzlichen Nasallaut. In einigen afrikanischen Sprachen finden sich Klicks, schnalzend-schmatzende Verschlusslaute. Laute Da Alphabete  die Palette möglicher Laute nur näherungsweise wiedergeben, initiierte der französische Linguist Paul Passy  in den 1880er Jahren ein Internationales Phonetisches Alphabet, in dem sich für alle bekannten Laute ein eigenes Zeichen findet. [i]  So steht etwa das Zeichen ʃ für den Laut „sch“, ein stimmloser postalveolarer (das heißt direkt hinter dem Zahndamm erzeugter) Frikativ, wie in dem Wort „schnell“. ɔ̃ ​ ist ein gerundeter halboffener Hinterzungennasalvokal, wie er etwa in dem französischen Wort „chanson“ [ ʃɑ̃ˈsɔ̃ ] vorkommt. ʘ ​ steht für einen bilabialen Klick , einem kurzen mit beiden Lippen erzeugtem Schmatz. Phoneme  sind Laute, die unterschiedlich klingen, aber keine unterschiedliche Bedeutung haben. Mehrere Phoneme bilden zusammen Morpheme , die kleinsten Einheiten, die unterschiedliche Botschaften vermitteln. Ein oder mehrere Morpheme bilden ein Wort , mehre Wörter einen Satz . [ii]  Morpheme, Wörter und Sätze bilden eine Begriffshierarchie von Sprachbausteinen, die sich sowohl formal als auch inhaltlich  beschreiben lässt. Die formale Beschreibung setzt sich mit der grammatikalischen Funktion von Morphemen, mit Wortarten und der Syntax auseinander; hier geht es um die Regeln, nach denen Sätze gebaut werden können. Auf der inhaltlichen Ebene beschäftigt sich die Semantik  mit der Bedeutung der einzelnen Sprachbausteine. Wörter und Sätze können aber auch etwas völlig anderes transportieren als das, was der reine Wortlaut kommuniziert. Mit diesen übertragenen Bedeutungen befasst sich die Pragmatik . Das Wesen der Grammatik Betrachten wir das System linguistischer Schlüsselbegriffe nach diesem ersten Überblick etwas näher. Unser heutiges Grammatikverständnis und viele der mit ihm verbundenen Begrifflichkeiten gehen auf den Griechen Dionysios Thrax  zurück. Seine aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammende Grammatik des Griechischen war während anderthalb Jahrtausende das Standardwerk aller Griechisch-Schüler – eine Leistung von ähnlicher Langlebigkeit, wie die Geometrie seines Landsmanns Euklid . Die beiden Kernbereiche einer jeden Grammatik  bilden Syntax und Semantik. [iii] Die Syntax ist das Regelwerk, nach denen Zeichen  kombiniert werden können. Für natürliche Sprachen sind dies vor allem die Prinzipien des Satzbaus , wobei Sätze für größere Sinn einheiten stehen. Meist geht es dabei um die Beschreibung von Zuständen und Vorgängen anhand von Subjekten, Objekten und Aktionen. Welche näheren Umstände dabei jeweils als wichtig angesehen werden, ist von Sprache zu Sprache verschieden. Im Deutschen etwa hängen die Regeln davon ab, welches Geschlecht dem Nomen zugeordnet ist, ob auf eine oder mehrere Personen Bezug genommen wird, ob die Person, über die gesprochen wird zuhört, in welcher gesellschaftlichen Beziehung man zum Gesprächspartner steht, wann etwas geschehen ist oder geschehen wird, ob etwas verglichen werden soll, ob man eine Wirklichkeit oder eine Möglichkeit beschreibt, ob man etwas befiehlt, wie die Besitzverhältnisse organisiert sind oder ob jemand etwas aktiv ausführt oder passiv erleidet. Viele dieser Kriterien finden sich auch in anderen Sprachen, aber es zeigen sich sofort auch Unterschiede: Im Englischen werden Nomen nicht nach Geschlecht unterschieden; im Französischen hängen manche Syntax-Regeln, anders als im Deutschen, davon ab, ob eine männliche oder eine weibliche Person spricht; das Lateinische  kennt gegenüber dem Deutschen zwei zusätzliche Fallunterscheidungen, bei denen das Nomen an den Fall angepasst werden muss; das Türkische  kennt ebenfalls sechs Fälle, wobei sich ein Fall wiederum vom Lateinischen unterscheidet; Sprachen wie Arabisch  oder Isländisch  kennen – anders als das Deutsche, das nur Einzahl und Mehrzahl kennt – auch eine Zweizahl ; das Arabische unterscheidet zudem bei der Mehrzahl, ob es sich um eine kleine oder große Menge handelt; während in den indogermanischen Sprachen die typische Satzstellung Subjekt – Verb – Objekt lautet, ist die Reihenfolge von Verb und Objekt im Türkischen und Japanischen  vertauscht; das Chinesische   kennt Verben nur im Infinitiv; das Lateinische kennt keine Artikel, dafür aber zwei verschiedene Formen des Imperativs; manche Sprachen, wie das Finnische , kennen kein Futur. Die Möglichkeiten, Weltbeschreibung  verbal zu strukturieren erscheinen praktisch unbegrenzt. Die Fünf-Wortarten-Lehre: Deutsche Grammatik für Dummies Ein Modell, mit dem sich die syntaktischen Regeln der deutschen Sprache grob klassifizieren lassen, ist die Fünf-Wortarten-Lehre , die auf den Schweizer Linguisten und Germanisten Hans Glinz  zurückgeht. Das erste Kriterium ist die Frage, ob das Wort flektierbar ist, also angepasst (gebeugt) werden muss oder nicht, wobei die Anpassungen in konjugierbar und deklinierbar unterschieden werden. [iv]  Von Konjugation spricht man, wenn das gebeugte Wort ein Verb  ist. Verben sind Wörter der Aktion: „Im Anfang war die Tat“, sagt Faust, den Goethe  die Worte des Johannes-Evangeliums weiterspinnen lässt. Nur in wenigen Fällen („stehen“, „liegen“) beschreiben Verben Zustände, also das Gegenteil von Aktion. Verben sind im Deutschen die flexibelsten und damit grammatischsten aller Wörter: Sie klären uns darüber auf wo wir uns auf dem Zeitstrahl befinden ( Tempus ), ob wir von uns selbst, dem Gegenüber oder unbeteiligten Dritten sprechen (1., 2., 3 Person), ob diese drei Personen jeweils nur aus einem oder mehreren Individuen bestehen (Singular und Plural), ob etwas getan oder erduldet wird (Aktiv und Passiv) und welches Verhältnis zur Realität wir zu Grunde legen (Modus der Wirklichkeit: Indikativ „so ist es“; Modus der Möglichkeit: Konjunktiv „so könnte es sein“; Modus der Aufforderung: Imperativ „so soll es sein“). Nomen  (Hauptwörter) sind Ausdrücke der Dinglichkeit. Materielles, an dem man sich wie Tisch oder Bett tatsächlich stoßen kann oder Übertragenes, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, über deren Wesen sich trefflich streiten lässt. Ihre Anpassung wird, wie für alle veränderbaren Wörter, die keine Verben sind, als Deklination  bezeichnet. Im Deutschen werden Nomen nach dem Kasus  (Fall), Numerus  (Zahl) und Genus  (Geschlecht) angepasst. Die Fälle  (Nominativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ) klären, in welcher Beziehung (wer oder was? – wessen? – wem? – wen oder was?) das Nomen zu anderen Satzelementen steht. Nicht nur das Nomen selbst unterliegt dem Anpassungszwang, sondern auch sein Begleiter, der dazugehörige Artikel  (der Mann, des Mannes, dem Mann, den Mann). Das Deutsche kennt hier einige haarspalterische Fallunterscheidungen, die den meisten anderen Sprachfamilienmitgliedern fremd sind: Geht es um eine Bewegung, kommt der Akkusativ zum Zug: Ich stelle das Glas auf den  Tisch. Fehlt die Aktion, verlangt die statische Situation den Dativ: das Glas steht auf dem  Tisch.     Adjektive  (Eigenschaftswörter) sind Beurteilungen. Sie beschreiben wie etwas beschaffen ist oder welche Beziehungen zwischen Nomen herrschen (der kleine Ring, die nahe Verwandte). Adjektive werden ebenfalls an den Kasus des Nomens angepasst (des kleinen Ringes, der nahen Verwandten) und lassen sich in den meisten Fällen in zwei weiteren Schritten, Komparativ und Superlativ, steigern: klein, kleiner, am kleinsten; nah, näher am nächsten.  Pronomen  (Fürwörter) sind Stellvertreter oder Begleiter. Sie lassen sich nicht steigern. Als Personalpronomen springen sie kontextabhängig für Menschen und Sachen ein (er ist klein), klären als Possessivpronomen Besitz- oder Zugehörigkeitsverhältnisse (mein Haus, ihre Schwester), weisen als Demonstrativpronomen (dieser, jener, der, die, das) auf etwas hin, erlauben als Reflexivpronomen (mich, dich, sich) einen Selbstbezug oder leiten als Relativpronomen (jener, welcher, der, die, das) Teil- oder Nebensätze ein. Hat das Pronomen keine Stellvertreter- sondern eine Begleiterfunktion, muss es im Deutschen nicht nur nach Genus und Numerus, sondern zusätzlich auch nach dem Kasus des Nomens angepasst werden (diese Frau will diese s  Kind adoptieren; diese Frau will diese m  Kind etwas schenken). Partikel  haben gegenüber allen bisherigen Wortarten den Vorzug, dass sie sich nie verändern. Als Adverbien (Umstandswörter), können sie Verben, aber auch Substantive, Adjektive oder andere Adverbien näher bezeichnen (die Frau geht schnell). Konjunktionen (Bindewörter) wie „und“ „oder“ oder „weswegen“ schlagen Brücken zwischen Satzteilen, während Präpositionen  räumliche und zeitliche Beziehungen (an, neben, bei zu), Ursachen (aufgrund, infolge) oder eine Art und Weise (einschließlich, mitsamt) klären. Interjektionen  sind Partikel, die oft alleine stehende lautmalerische Ausdrücke von Gemütsbewegungen oder Aufforderungen zum Ausdruck bringen (ach!, pst!). [v]   Diese mögliche Einteilung und die beispielhaft genannten Regeln gelten wohlgemerkt so nur für das Deutsche. Andere Sprachen, andere Regeln! Da im Chinesischen weder Verben konjugiert noch Nomen durch den Plural verändert werden und ein chinesischer Satz mühelos auf Konjunktiv, Artikel und Verb verzichten kann, sehen hier Wortarten-Strukturbaum, Syntaxregeln und andere Bausteine der Kommunikation völlig anders aus.     Den Blog entdecken   Wer mehr wissen will: McWhorter, John (2004): „The Story of Human Language”, Vorlesungsskript. Glinz, Hans: (1982): „Die innere Form des Deutschen. Eine neue deutsche Grammatik“, Francke. Fußnoten [i]  Da es mehr Phoneme als Buchstaben gibt, kann dieselbe Zeichenfolge für ganz unterschiedliche Laute stehen: Das „ch“ in „Nacht“, ist ein anderes als das der „Milch“, der „Achse“ oder der „Chips“. [ii] In vielen Fällen kann auch ein einzelnes Morphem bereits ein Wort darstellen (Boot, rot, tot). Das Wort „entmachten“ besteht aus drei Phonemen (ent, macht, en) denen jeweils eine unterschiedliche Bedeutungen oder grammatikalische Funktion zukommt.   [iii] Die Linguistik kennt keine einheitliche Definition des Begriffs Grammatik. Unstrittig ist nur die Zugehörigkeit von Morphologie und Syntax.   [iv]  In den indogermanischen Sprachen ist in den letzten zweitausend Jahren ein Trend zu weniger Flexionen erkennbar – besonders deutlich wird dies im Englischen. Tote Sprachen dieser Familie wie Latein, Altgriechisch oder Sanskrit zeigen deutlich mehr Flexionsvarianten. Unter den heutigen indogermanischen Sprachen sind neben dem Deutschen vor allem die slawischen Sprachen noch stark flektierend. [v]  In manchen Wortarten-Modellen werden auch Artikel und Numeralia (Zahlwörter) als eigene Kategorien geführt.

  • Worum geht es in diesem Blog?

    Weltbilder Der Wunsch, unsere merkwürdige Welt verstehen zu wollen, ist so alt wie die Menschheit. Wir suchen nach Erklärungen, letztlich weil wir Halt und Orientierung benötigen. Aus Annahmen und Überzeugungen, die uns plausibel erscheinen, formen wir Weltbilder, unsere persönlichen Vorstellungen über die Beschaffenheit des Universums. Das kann ein religiöser Mythos sein, wie die hinduistische Auffassung, dass der Kosmos auf dem Rücken von vier Elefanten ruht. Genauso aber können wir auch das Standardmodell der Elementarteilchenphysik oder einen unerschütterlichen Glauben an den Marxismus zu Grundlage unseres Weltbildes machen. Keine dieser Ideen ist lächerlich, sie alle beruhen auf nachvollziehbaren Überlegungen. Kategorien des Wissens In diesem Blog möchte ich alldem nachspüren. Das geht mal in die Breite, mal in die Tiefe. Sucht man nach „Schubladen“, um die verwirrende Vielzahl der Phänomene in diesem Universum etwas zu ordnen, landet man über kurz oder lang bei den Kategorien Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Naturgeschichte, Bewusstsein, Sprache, Philosophie, Gesellschaft, Ökonomie und Menschheitsgeschichte. Diese zunächst lang erscheinende Liste von elf Disziplinen lässt sich letztlich zwei großen Feldern zuordnen: Bei Physik , Chemie und Biologie geht es um die Natur . Bei Sprache , Philosophie , Gesellschaft und Ökonomie geht es um den Menschen . Natur und Mensch stehen sich in dieser Ordnung zunächst einmal gegenüber. Aber auch der Mensch ist ein Produkt der Natur (biologisch gesehen gehört er zu der Unterordnung der Trockennasenprimaten.) Was uns von anderen Lebewesen unterscheidet, ist, dass wir uns unserer eigenen Existenz bewusst sind. Das Bindeglied zwischen Natur und Geist ist unser Bewusstsein . Und dann ist da noch die Mathematik, die manche für eine Natur-, manche für eine Geisteswissenschaft halten. Wie wir im nächsten Blog sehen werden, haben beide Lager für ihre Positionen jeweils gute Gründe, so dass die Mathematik tatsächlich in einem Nirwana zwischen Natur und Geist zu schweben scheint. Auch wenn die meisten Themengebiete zunächst nach Schulfächern klingen: Ich möchte kein Schulwissen verbreiten, sondern versuche der Frage nachzugehen, worum es bei all diesen Disziplinen wirklich geht und welchen Beitrag sie zur Welterklärung leisten können: Was ist das Wesen der Mathematik? Welche Wissenslücken hat die heutige Physik? Ist die Evolution ein Naturgesetz? Was bedeutet Zufall? Welche Grenzen setzt uns die Sprache? Was können wir überhaupt wissen? Was ist Gerechtigkeit? Hat die Menschheitsgeschichte ein Ziel? Verbindungen Die Wissenskategorien stehen nicht zusammenhanglos nebeneinander: „Wer ernsthaft die Wahrheit der Dinge ergründen will, darf sich keiner einzelnen Wissenschaft verschreiben, denn alle Teile der Wissenschaft stehen im Verbund wechselseitiger Abhängigkeit“. Der französische Philosoph René Descartes, von dem dieses Zitat stammt, bringt es auf den Punkt. In unserer hochgradig arbeitsteiligen Welt sind wir alle Experten und häufen im Laufe der Jahre dabei oftmals ein bemerkenswertes Detailwissen an. Doch Experten sind wir eben nur in relativ kleinen Unterkategorien bestimmter Wissensbereiche – es ist schlichtweg unmöglich, dieses Wissen auf alle Bereiche auszudehnen. Das ist ein Problem, denn außerhalb unserer Komfortzone prasseln astronomische Mengen an Informationen auf uns ein und wir haben alle Mühe, sie richtig einzuordnen. Der amerikanische Trend- und Zukunftsforscher John Naisbitt hat es so formuliert: „Wir ertrinken in Informationen und hungern nach Wissen“. Um die Informationsflut einordnen, filtern und sortieren zu können, benötigen wir so etwas wie Grundlagenwissen in all den erwähnten Wissenskategorien (was nicht ausschließen soll, dass es auch weitere sinnvolle Kategorien geben kann.) Es gibt heute eine Reihe zentraler Theorien und Ideen, die den aktuellen Wissenschafts- und Politikbetrieb prägen. Sie bestimmen, wie wir typischerweise die Welt um uns herum begreifen. Viele dieser Ansichten kennen wir dem Namen nach: die Relativitätstheorie, die Evolutionstheorie, die „Kritik der reinen Vernunft“ oder den Liberalismus. Unsere Vorstellungen, was sich dahinter genau verbirgt, bleiben dabei allerdings oftmals vage. Das „große Ganze“ Sind diese Grundlagen gelegt, hat man eine gute Basis, um selbst Zusammenhänge herzustellen und sich im Idealfall das Verständnis des „großen Ganzen“ zumindest ansatzweise zu erarbeiten. Dabei ist es wichtig, sich klarzumachen, dass die zentralen Theorien und Ideen keinesfalls stimmen müssen. Ich versuche lediglich, die herrschenden Meinungen – sie prägen unser Leben stärker, als es uns bewusst ist – darzustellen und dort, wo es sinnvoll und möglich erscheint, auch Verbindungen aufzuzeigen (beispielsweise dürfte nur wenigen bekannt sein, dass Darwins Evolutionstheorie auch durch eine Theorie des englischen Nationalökonomen Thomas Malthus beeinflusst wurde.) Während lediglich vier grundlegende Theorien die Phänomene der Natur weitgehend erklären – Newtons Mechanik, die allgemeine Relativitätstheorie, die Quantenphysik und die Evolutionstheorie – ist die Ausgangslage nicht mehr so einfach, wenn wir den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen. Schuld daran ist unser Bewusstsein, denn es befähigt uns nicht nur zu fragen, wie etwas ist, sondern auch, wie etwas sein soll. Verständlicherweise gehen die Meinungen hierzu auseinander. Es gibt keine allgemein akzeptierten Vorstellungen, die beschreiben, wie unsere Psyche funktioniert oder wie eine ideale Gesellschaft organisiert und Wohlstand verteilt werden soll. Wenn wir die Dimensionen des Menschseins beschreiben wollen, spielen Glaube, moralische Standpunkte, Menschenbilder, Werturteile und Zielkonflikte eine zentrale Rolle (ein sehr grundlegender Zielkonflikt ist etwa, wie wir noch sehen werden, der zwischen Freiheit und Gleichheit.) Die Auswahl der in diesem Blog behandelten Ideen und Ideologien ist somit zwangsläufig subjektiv. Ich versuche mich dabei primär an der faktischen Wirkmacht zu orientieren, die diese Ideen im Lauf der Menschheitsgeschichte entfaltet haben. Wie erwähnt, sagt das zunächst noch nichts über ihre Richtigkeit aus. Entwicklungen Unsere heutigen Welterklärungsmodelle sind nicht vom Himmel gefallen, sondern stellen vorläufige Ergebnisse einer Entwicklungsgeschichte dar: Ohne Ptolemäus kein Kopernikus; ohne Kopernikus kein Kepler; ohne Kepler kein Newton; ohne Newton kein Einstein. Genauso wenig ist die heutige (westliche) Philosophie ohne die Fundamente denkbar, die Sokrates, Platon und Aristoteles vor über 2000 Jahren gelegt haben. Um die heute herrschenden Weltbilder zu verstehen, müssen wir ihre historische Entwicklung, samt Irrungen und Wirrungen, nachvollziehen. Insofern wird sich dieser Blog auch immer wieder mit Wissenschaftsgeschichte beschäftigen. Wie geht es weiter? Ich möchte versuchen, im wöchentlichen Rhythmus meine Gedanken mit Euch in diesem Blog zu teilen. Dabei werde ich zunächst jeweils etwas zum Wesen der elf verschiedenen Wissenskategorien sagen. Die von mir oben genannte Reihenfolge ist nicht zufällig, sie baut inhaltlich aufeinander auf. Zum Beispiel kann man Chemie nicht ohne physikalische Grundlagen verstehen; Philosophie nicht, ohne sich mit den Beschränkungen der Sprache auseinandergesetzt zu haben und die Organisation eines Wirtschaftssystems nicht, ohne zuvor Annahmen über das Wesen der menschlichen Natur zu treffen. Wo es sich anbietet, werde ich auch auf die von mir verwendete Literatur verweisen, für alle, die vielleicht tiefer in ein bestimmtes Thema einsteigen wollen. Ansonsten freue ich mich auf den Dialog mit Euch. Ihr habt die Möglichkeit öffentlich oder nicht öffentlich Kommentare mit Kritik, Wünschen, Fragen und Bemerkungen zu hinterlassen. Sollte es Interesse geben, können wir gerne auch gemeinsame Foren und oder Gruppen zu bestimmten Themen organisieren. Wer mag, kann den Newsletter abonnieren, ihr erhaltet dann eine automatische Benachrichtigung, wenn der nächste Blog erschienen ist. Wenn es Euch gefällt, empfehlt den Blog gerne weiter… Jens

  • Wie entsteht die Welt im Kopf (Teil 2):

    Fortsetzung von „Wie entsteht die Welt im Kopf (Teil 1)     Neuronale Netze Das, was den Aufmerksamkeit sfilter, den wir im letzten Blog beschrieben haben,   passiert und dauerhaft im Gedächtnis  verankert wird, wird Teil unseres Wissens , das heißt unseres abrufbaren Inventars an Fakten, Annahmen und Regeln über die Welt. Repräsentiert wird dieses Wissen durch ein neuronales Netz  aus Abermilliarden von Nervenzellen . Diese Netze sind es, die die Welt in unserem Kopf entstehen lassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine feuernde Nervenzelle ihren Impuls erfolgreich auf eine andere überträgt und damit dauerhafte Verbindungen anregt, ist umso grösser, je näher sich die beiden Zellen sind. Auf diese Art entstehen lokale Verbindungen aus einigen Tausend bis zu einigen Millionen Nervenzellen, die jeweils etwas Bestimmtes repräsentieren: einen Baum, eine Wolke, eine Zahl, ein Gesicht oder den Duft einer Rose. Wir dürfen uns diese lokalen Netze, nicht als „Bilder“ der erfahrbaren Welt im Gehirn vorstellen, sondern lediglich als deren symbolische Repräsentation. Wenn wir einen Computer oder Fernseher öffnen, finden wir dort ebenfalls keines der Bilder, die uns diese Maschinen zeigen, sondern lediglich Schaltkreise und Datenspeicher.   Wir können uns beim Denken zuschauen Jedes Themengebiet hat seine eigene Geographie. Die Aktivitäten, die bestimmte Reizmuster an bestimmten Orten auslösen, lassen sich heute mit Hilfe bildgebender Verfahren  sichtbar machen – sie ermöglichen es gewissermaßen dem Gehirn beim Denken zuzusehen. Das Broca-Zentrum  im vorderen Teil der Großhirnrinde bildet beispielsweise die für das Sprechen notwendigen grammatikalischen Strukturen ab; das Wernicke-Areal  im hinteren Bereich ist für das rationale Sprachverstehen zuständig. (Benannt sind diese Areale nach dem französischen Arzt Paul Broca und seinem deutschen Kollegen Carl Wernicke.) Analog dazu gibt es Zentren jeweils für die mengen- und zahlenmäßige Repräsentation von Mathematik   oder das Erkennen von Gesichtern. Ein lange vermuteter gemeinsamer evolutionärer Zusammenhang von Sprache   und Mathematik im menschlichen Gehirn hat sich übrigens bislang nicht bestätigt. Nach allem was wir wissen können sind für die Repräsentationen von Mengen und höherer Mathematik jeweils zwei weitere Gehirnbereiche zuständig. Wie entsteht Weltwissen? Werden unterschiedliche Areale gleichzeitig durch Umweltreize aktiviert, können auch sie sich untereinander verbinden. Das Gehirn interpretiert dann das gemeinsame Auftreten dieser Stimuli als kausal verknüpft. Die daraus entstehenden Assoziationen sind unser Weltwissen . Objekte und Ereignisse empfinden wir dann als zusammengehörig – unabhängig davon, ob die vom Gehirn unterstellte Kausalität  tatsächlich besteht. Wir assoziieren dann einen Ort mit einem angenehmen Erlebnis, das wir dort hatten, eine Rose mit ihrem Duft, eine Menge mit einer Zahl, eine dunkle Wolke mit Regen und Blitz mit Donner. Assoziationen  dienen dabei nicht immer einem erkennbaren evolutionären Zweck. Ein Beispiel hierfür ist Synästhesie. Synästheten sind Menschen, die bestimmte abstrakte Objekte, wie Monate, Buchstaben oder Zahlen mit bestimmten Farben oder auch Positionen im Raum assoziieren: Der Januar ist schwarz, das «A» ist grün und die «fünf» ist rechts oben. Der Bildung von Assoziationen liegt das behavioristische Lernschema  der Konditionierung zugrunde, wie es erstmals für die pawlowschen Hunde  beschrieben wurde. Einige sehr grundlegende Assoziationen – wie der Speichelfluss vor dem Essen – haben sich im Laufe der Evolution   in unseren genetischen Programmen verankert, so dass sie nach der Geburt nicht mehr durch Lernen erworben werden müssen.   Warum wir uns auf Wanderschaft begeben sollten Auch Assoziationen dienen letztlich dem Zweck, die Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Das Gehirn ist ein Regelgenerator , der Regeln aufgrund gemachter Erfahrungen eigenständig konstruiert und uns dadurch hilft, in der Welt zurechtzukommen. Wir erlernen nicht Details, sondern allgemeine Prinzipien . Deshalb erkennen wir eine Rose als Rose und eine Wolke als Wolke, auch wenn jedes einzelne Exemplar anders aussieht. Manche Lernprozesse, etwa das Laufenlernen oder die Beherrschung eines Musikinstruments, sind ausgesprochen anspruchsvoll und beschäftigen uns über Monate und Jahre. Grundsätzlich gilt: Je mehr Reizen wir uns aussetzen, umso mehr Synapsen  können sich bilden und das Wissen über die Welt in unserem Kopf mehren. Wir müssen Rosen und Wolken gesehen haben, um zu wissen, was Rosen und Wolken sind und wenn uns eine dunkle Wolke noch nie nass gemacht hat, können wir sie auch nicht als Regenwolke erkennen. Die deutsche Sprache kennt hierfür das schöne Wort „ Erfahrung “. Ein „erfahrenes“ Gehirn ist viel gefahren, das heißt in der Welt herumgekommen; es hat sich dadurch verschiedensten Reizen ausgesetzt, sie dem neuronalen Inventar hinzugefügt und mit anderen Objekten in der Datenbank verknüpft. Ähnlich auch in anderen Sprachen: Das englische experience und das französische expérience haben ihre Wurzel im lateinischen Wort experiri „ausprobieren“. Aus diesem Grund werden seit Jahrhunderten Handwerksgesellen (und mitterweile auch Gesellinnen) auf Wanderschaft  geschickt. Sie sollen bei fremden Meistern lernen und dürfen sich während dieser Zeit ihrer Heimat nicht nähern – im Bannkreis gibt es schon zu viel Bekanntes. Nach dieser Zeit sind die Gesellen „erfahren“ und „bewandert“. Auch das Wort „Bildung“ beschreibt erstaunlich genau die Erkenntnisse der Neurowissenschaften: Die neuronale Plastizität  hat tatsächlich etwas Neues gebildet. Wir alle haben solche Wanderungen unternommen, haben dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, und daher auch alle verschiedene Bilder von der Welt in unseren Köpfen.   Das Gehirn wurde nicht gebaut, um die Welt zu verstehen In welchem Verhältnis aber stehen diese Bilder zu der realen Welt? Die Physik   unterstellt, dass jenseits unseres Geistes eine objektive materielle Realität existiert. Doch aus den gewaltigen Spektren mechanischer und elektromagnetischer Wellen   etwa können wir nur winzige Ausschnitte wahrnehmen. Lange mechanische Wellen empfinden wir über die Haut als Vibrationen, kurze Wellen über das Gehör als Töne. Elektromagnetische Wellen, die länger als 740 Nanometer sind, nimmt die Haut als Wärme wahr; die gleichen Wellen, etwas kürzer, empfangen wir über das Auge als Licht. Das Gehirn zaubert aus den Lichtimpulsen unterschiedliche Farbempfindungen, obwohl die Natur selbst keine Farben kennt. Und auch die so erzeugten Farben nehmen wir nicht wir objektiv wahr: Unser Gehirn gaukelt uns eine Konstanz  vor, die es nicht gibt: Wir sehen Bananen oder Briefkästen stets als gelb, obwohl sich ihre Farbe tatsächlich in Abhängigkeit von den Lichtverhältnissen laufend verändert. Die Erfahrbarkeit der Welt ist durch unsere Sinnesorgane begrenzt, eine möglicherweise existierende physikalische Realität können wir also in weiten Teilen gar nicht kennen. Unser Wahrnehmungsapparat wurde auch nicht mit dem Ziel konstruiert, die reale Welt zu verstehen, sondern allein, um in dieser Welt zu überleben . Die Welt so zu zeigen, wie sie tatsächlich ist – uns etwa den vierdimensionalen Raum wahrnehmen zu lassen – wäre aus evolutionärer Sicht eine Verschwendung der begrenzten Rechenleistung unseres Gehirns für Informationen, die keinerlei Überlebensboni ausschütten. Das Gehirn ist hemdsärmelig und pragmatisch. Es ist nicht an der Realität interessiert, sondern an der Wirklichkeit  – an dem, was auf uns wirkt.     Den Blog entdecken   Wer mehr wissen will: Kandel, Eric (2006): „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“, Pantheon. Kahneman, Daniel (2011): „Schnelles Denken, langsames Denken“, Siedler. Roth, Gerhard, Strüber, Nicole (2018) „Wie das Gehirn die Seele macht“, Klett-Cotta. Amalric, Marie / Dehaene, Stanislas (2016): „Origins of the brain networks for advanced mathematics in expert mathematicians“, PNAS.

  • Die Magie der Zahlen

    Fortsetzung von „Der logische Vierklang" Zahlenspiele Seit der Antike versuchen Gelehrte die Eigenschaften der Zahlen zu erkunden und zu verstehen, wie sich mit ihnen am besten praktisch operieren lässt, zwei Felder, die wir heute als Zahlentheorie und Arithmetik bezeichnen. Die grundlegende Operation, um das Zählen abzukürzen, ist die Addition: 7 + 4 = 11. Eine der ersten Einsichten war, dass sich das Zusammenzählen der immer gleichen Zahl vereinfachen lässt: 4 + 4 + 4 + 4 + 4 lässt sich bequemer als 5 ∙ 4 ausdrücken. So wie die Addition eine Verkürzung des Zählens ist, ist die Multiplikation nichts anderes, als eine verkürzte Addition. Die Reihenfolge, in der Addition und Multiplikation ausgeführt werden, spielt keine Rolle; 4 + 7 oder 4 ∙ 5 führt zu den gleichen Ergebnissen. Für die Umkehrung der Addition, die Subtraktion, gilt das jedoch nicht: 7 - 4 ist nicht dasselbe wie 4 - 7. Die letzte Operation warf zudem ein neues Problem auf: Das Ergebnis war weniger als Nichts. Offensichtlich gab es auch Zahlen, die keinen Bezug zu den natürlichen Dingen dieser Welt haben und ebenso offensichtlich hatte jede positive Zahl einen negativen Zwilling. Verwirrend waren auch manche Ergebnisse, die man erhielt, wenn man die Multiplikation umkehrte. 20 durch 4 oder 5 zu teilen war logischerweise kein Problem. Doch beispielsweise die Division 5:2 ließ sich mit den bisher bekannten Zahlen nicht beschreiben. Offenbar gab es neben den positiven und negativen „ganzen“ auch noch „zerbrochene“ Zahlen. Noch verworrener wurde es, wenn man 10 durch 3 oder 4 durch 7 teilte. Die Ergebnisse waren unendlich lang und bestanden entweder aus der immer selben Zahl oder einer nicht enden wollenden, sich ständig wiederholenden Zahlenfolge. Damit waren drei verschiedene Arten von Zahlen gefunden. Zahlen, die man realen Objekten zuordnen kann, bezeichnen wir heute als natürliche Zahlen (N)  Ihre Erweiterung um die negativen Zahlen bildet die Menge der ganzen Zahlen (Z). Verhältnisse zweier ganzer Zahlen erweitern die Zahlenmenge zum Kreis der rationalen Zahlen (Q). Die Pythagoreer kriegen die Krise Um 530 v. Chr. gründete der griechische Philosoph Pythagoras in Süditalien – damals eine hellenische Kolonie – eine Gemeinschaft mit sektenartigen Zügen. Die Religion der Pythagoreer war die Zahl. Sie war die kreative Kraft des Universums, Ausdruck einer göttlichen Harmonie und Schlüssel zum Verständnis der materiellen Welt. Die wichtigsten Zahlen waren die von 1 bis 4: 1 stand für den Punkt; 2, für die Linie, die Verbindung zweier Punkte; 3 für die Fläche, die sich aus der Verknüpfung dreier Punkte ergibt. Die 4 erhob das Dreieck zu räumlichen Figur des Tetraeders. Zusammen ergaben die ersten vier Zahlen die „vollkommene Zahl“ 10, Grundlage des Dezimalsystems. Auch die Musik war Teil dieser universellen, göttlichen Ordnung. Das Monochord, ein Instrument mit nur einer Saite, lieferte hierfür den Beweis: Teilte man die Saite im Verhältnis 2:1, entstand eine Oktave, der reinste Klang, den zwei Töne zusammen hervorbringen können. Das Verhältnis von 3:2 ergab eine Quinte, 4:3 eine Quarte. Die einfachen Zahlenverhältnisse schufen wundervolle Harmonien, je einfacher, desto schöner. Je komplizierter das Zahlenverhältnis jedoch, desto mehr versündigte man sich gegen das kosmische Prinzip. Das Verhältnis von 256:243 ergab eine kleine Sekunde, den geradezu schmerzlichen Halbtonschritt. Alles war Zahl und folgte göttlichen Gesetzen. Wir können uns daher die Verzweiflung der Pythagoreer vorstellen, als sie bei ihren Erkundungen auf Zahlen stießen, die sich nicht als Verhältnis natürlicher Zahlen darstellen lassen. Das kann – ausgerechnet – beim Satz des Pythagoras der Fall sein: Wenden wir a2 + b2 = c2 auf ein rechtwinkliges Dreieck an, bei dem die Seiten a und b jeweils die Länge von 1 haben, ist die längste Seite c, die Hypotenuse, dann definitionsgemäß die Wurzel aus 2 ( = 1,414213…). Diese Zahl lässt sich bis in die Unendlichkeit nachverfolgen, ohne dass jemals ein Muster erkennbar würde, die jeweils nächste Stelle ist vollkommen dem Zufall überlassen. Offenbar hatte die Zahlenfamilie mit den end- und musterlosen Brüchen, die sich nicht als Verhältnis, als Ratio, ausdrücken ließen, ein neues Mitglied bekommen: Die irrationalen Zahlen erweiterten das Zahlenheer zur Menge der reellen Zahlen (R). Die mächtigste aller Zahlen Bei aller Fortschrittlichkeit verfügte die antike griechische Mathematik nicht über einige der uns heute selbstverständlich erscheinenden zahlentheoretischen Konzepte. Negative Zahlen waren unbekannt, so dass rationale Zahlen lediglich Beziehungsverhältnisse natürlicher Zahlen darstellten. Noch im 3. nachchristlichen Jahrhundert hatte der griechische Mathematiker Diophantos von Alexandria die Gleichung 4x + 20 = 4, die mit x = - 4, eine Lösung hat, als absurd bezeichnet, während man in China zu dieser Zeit seit bereits mindestens 400 Jahren mit negativen Zahlen operierte. Zudem fehlte eine Zahl, die sich weder Griechen noch Chinesen vorzustellen vermochten: Die Null. Tatsächlich dauerte es eine ganze Weile, bis sich die Idee durchsetzen konnte, dass auch das Nichts eine mathematische Existenzberechtigung hat. Erstmals wurde die Null anfangs des 7. Jahrhunderts in einem Werk des indischen Mathematikers Brahmagupta beschrieben, sie ist damit eine erstaunlich junge Erfindung. Die Null ist eine Eingebung von genialer Einfachheit. Sie entsteht, wenn man eine Zahl von sich selbst abzieht. In gewisser Weise entpuppt sich dann die zahlgewordene Abwesenheit als die mächtigste Ziffer überhaupt: Nimmt man mit dem „Nichts“ mal, wird jede noch so große Zahl dadurch vollständig vernichtet. Heute wird die Null in der Regel der Familie der natürlichen Zahlen zugeordnet – zumindest besagen dies DIN-Norm 5473 und ISO-Standard 80000-2, allerdings ohne eine inhaltliche Begründung zu liefern. Jetzt wird es komplex! Dass auch die Menge der reellen Zahlen  noch nicht das Ende des Zahlenuniversums ist, offenbarte sich dann im 16. Jahrhundert. Der Umstand, dass minus mal minus plus ergibt (so wie eine doppelte Verneinung eine Bejahung ist), führt schon bei sehr einfachen Gleichungen wie x2 = -1 zu einem Problem, das sich mit reellen Zahlen nicht in den Griff bekommen lässt: Ganz gleich, ob man für x einen positiven oder negativen Wert einsetzt, das quadrierte Ergebnis wird immer eine positive Zahl sein. Dieses Dilemma brachte italienische Mathematiker der Renaissance auf die bemerkenswerte Idee, sich einfach eine Zahl vorzustellen, die die Quadratwurzel einer negativen Zahl repräsentiert. Die imaginäre Zahl „i“ ist ein Phantom, weder positiv noch negativ, doch sie weist den Weg aus der Zwickmühle. Die Menge aller imaginären Zahlen erweitert den Raum der reellen Zahlen  zur Menge der komplexen Zahlen (C) . Die Magie der Zahlen hatte damit ihre vorläufig letzte Ebene erklommen. Unser heutiges Zahlenverständnis ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung und in seinem aktuellen Umfang noch relativ jung. Von der bodenständigen Vorstellung natürlicher Zahlen ausgehend, führten arithmetische Operationen zu den immer abstrakter werdenden Konzepten von Negativität, Rationalität, Irrationalität und Komplexität. Wie lässt sich Mathematik am besten darstellen? Auch die Darstellung von Mathematik durchlief eine lange Entwicklung. Ägypter, Griechen und Römer verwendeten Additionssysteme, bei denen sich der Zahlenwert durch die Addition der einzelnen Ziffern ergibt. In dem bekannten römischen Additionssystem wird die Zahl 1777 als MDCCLXXVII dargestellt, wobei M für Tausend, D für fünfhundert, C für hundert, L für fünfzig, X für zehn, V für fünf und I für eins steht. Jede beliebige andere Anordnung der Zahlensymbole führt stets zum selben Ergebnis. Dass sich mit einem solchen System keine großen operativen Sprünge machen lassen, liegt allerdings auf der Hand. Wie bei der Null kam auch hier die Lösung aus Indien. Dort entwickelte sich etwa ab dem 5. Jahrhundert ein System, bei dem die Bedeutung einer Zahl von ihrer Position in der Ziffernfolge abhängt. Liegt einem solchen Stellenwertsystem das Dezimalsystem zugrunde, steht die letzte Stelle für die Zahlen von null bis neun, die vorletzte für die Zahlen von zehn bis neunundneunzig, die drittletzte für Zahlen zwischen einhundert und neunhundertneunundneunzig und so weiter. Bei 503 steht die „5“ also für 500, bei 305 aber nur für 5. Das Stellenwertsystem mit der Null ermöglichte den praktischen Umgang mit gewaltigen Zahlen und die schnelle Durchführung komplexer Rechenoperationen. Innerhalb von Sekunden ließen sich nun Milliardenbeträge addieren, obwohl ein Leben nicht ausreichen würde, bis zu dieser Summe zu zählen. Das Stellenwertsystem, die Null und die indischen Zahlensymbole gelangten erst am Ende des Mittelalters über arabische Händler nach Europa. In den aufstrebenden norditalienischen Handelsmetropolen wie Venedig, Florenz, Pisa und Genua, die ab dem 13. Jahrhundert die Neuzeit vorbereiteten, wurde das Potential des neuen indo-arabischen Systems rasch erkannt – dem aufblühenden Kreditwesen kam diese Magie der Zahlen jedenfalls wie gerufen... Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Martzloff, Jean-Claude (2007): „A History of Chinese Mathematics”, Springer. Beutelspacher, Albrecht (2010): „Kleines Mathematikum“, C.H. Beck. Courant, Richard / Robbins, Herbert (2010): „Was ist Mathematik?“, Springer. Arbonés, Javier / Milrud, Pablo (2018): „Die Mathematik der Musik“, Librero. Nieder, Andreas (2018): „Ein Sinn für das Nichts“ in: Gehirn und Geist 08.2018 S. 55-60. Bildnachweise: File:Arithmetic operations.svg - Wikimedia Commons File:01-Rechtwinkliges Dreieck-Pythagoras.svg - Wikimedia Commons Der fantastische Graf Zahl (Count Count): Sesamstraße - Äpfel Zählen - mit Graf Zahl und dem Krümelmonster (youtube.com)

  • Griechenland und Rom: Ein Sprint durch die Antike

    Fortsetzung von „Vom Anfang bis zum Beginn der Antike“ Das antike Griechenland entsteht Auf den Trümmern der mykenischen und minoischen Kultur errichten die Stämme der Ionier, Dorer, Äoler und Achäer zwischen 750 und 650 v. Chr. eine neue Zivilisation. Das archaische Griechenland unterscheidet sich von allen bisherigen Hochkulturen: Seine Bewohner möchte den Dingen auch jenseits mythisch-religiöser Erklärungen auf den Grund gehen. Das Denken in neuen Kategorien, wie Fakten, Ursachen und Wirkungen ist der Ursprung von Philosophie, Wissenschaft und moderner Mathematik. Die Griechen erschaffen kein großes Reich, sondern eine Vielzahl kleiner Stadtstaaten, die Poleis. Die wachsende Bevölkerung auf der Halbinsel erzeugt einen Migrationsdruck, der zunächst in Kleinasien, später überall im östlichen Mittelmeer sowie rund um das Schwarze Meer griechische Kolonien entstehen lässt. Über Seehandelsrouten bleiben Mutterland und Kolonisten wirtschaftlich und kulturell weiterhin verbunden. Das westliche Mittelmeer überlassen die Griechen weitgehend den Phöniziern, die ihr Machtzentrum inzwischen in das nordafrikanische Karthago verlegt haben. In den Poleis entwickelt sich ein bewegtes politisches Leben. In vielen Stadtstaaten vertreibt der Adel die alteingesessenen Könige und durchbricht damit erstmals das klassische Herrschaftsmodell der bisherigen Hochkulturen. Von nun an experimentieren die Poleis mit unterschiedlichsten Staatsformen: Monarchie, Aristokratie, Oligarchie, Tyrannei und Demokratie. Während in Sparta die Oberschicht fast ausschließlich aus Militärs besteht, deren wichtigste Aufgabe es ist, die Heloten, die halbversklavte Unterschicht kleinzuhalten, schlägt Athen einen anderen Weg ein. Die Staatsmänner Solon und Kleisthenes setzen im 6. vorchristlichen Jahrhundert eine Reihe von Reformen durch, die den Weg zu einer Demokratie ebnen, einem Modell, das auch nichtadligen freien Männern eine gesetzlich verbriefte Teilhabe an der Macht einräumt. Die Perserkriege Weiter östlich erschaffen unterdes die Perser ein Großreich. Ab 560 v. Chr. bringen sie innerhalb weniger Jahrzehnte ganz Mesopotamien, Kleinasien, Syrien, Phönizien, Palästina und Ägypten unter ihre Kontrolle. Als sie 539 v. Chr. die Babylonier unterwerfen, befreien sie auch eine große Anzahl Juden aus Gefangenschaft, die 60 Jahre zuvor nach Babylon verschleppt worden waren. Mit der Eroberung Kleinasiens geraten auch die griechischen Siedler an der Westküste unter die Herrschaft des Persischen Großreiches. Als im Jahr 500 v. Chr. Athen und einige weitere Städte einem Aufstand der kleinasiatischen Griechen gegen die neuen Machthaber zu Hilfe kommen, entschließt sich der persische König Dareios I, nun auch das griechische Mutterland seinem Machtbereich einzuverleiben. Doch die zahlenmäßig weit unterlegenen Griechen, angeführt von Athen und Sparta, besiegen die Perser überraschend in den Schlachten von Marathon (490 v. Chr.), Salamis (480 v. Chr.) und Plataiai (479 v. Chr.). Alexander der Große und die Zeit des Hellenismus Der militärische Erfolg der Hellenen legt die Grundlage für Blüte und Dominanz der griechischen Kultur im Mittelmeerraum. Athen erlebt ein goldenes Zeitalter. Perikles festigt um 450 v. Chr. die Demokratie des Stadtstaats und sichert dessen Vormachtstellung im Attischen Seebund mit den kleinasiatischen Poleis. Als die Athener ihre Hegemonie immer rücksichtsloser ausbauen, ruft dies den ehemaligen Verbündeten Sparta auf den Plan. In dem fast dreißig Jahre dauernden, äußerst brutal geführten Peloponnesischen Krieg besiegt Sparta 404 v. Chr. mit Hilfe von Theben und Korinth schließlich den Rivalen. Athen ist von nun an politisch bedeutungslos, doch es bleibt weiterhin Zentrum des kulturellen Lebens der antiken Welt. Während die griechischen Machtkämpfe – nun rivalisiert Theben mit Sparta – unbeirrt weitergehen, begründet Sokrates die klassische antike Philosophie, die Platon und Aristoteles bald darauf zu ihrem Höhepunkt führen werden. Zu dieser Zeit gelingt es Philip II von Makedonien die durch andauernde Kriegswirren geschwächten Stadtstaaten nach und nach zu unterwerfen und damit sein kleines, bis dahin völlig unbedeutendes Königreich am nördlichen Rand Griechenlands zur stärksten Macht auf der Halbinsel zu machen. Nachdem Philip einer Palastintrige zum Opfer fällt, folgt ihm sein Sohn Alexander (356-323 v. Chr.) auf den Thron. Der junge König tritt schon bald zu einem Feldzug gegen die Perser an. In einer historisch beispiellosen Kampagne unterwirft er mit seiner vergleichsweise kleinen Armee das riesige Nachbarreich. Alexander stirbt, nicht einmal 33-jährig in Babylon. Der Makedonier hat die hellenistische Kultur bis an den Indus getragen. Zu seiner Hinterlassenschaft zählt auch eine Reihe von Stadtgründungen, von denen sich das ägyptische Alexandria als die Bedeutsamste erweisen wird. Doch nach dem Tod des Eroberers vermag niemand das gigantische Imperium zusammenzuhalten. Alexanders Feldherren, die Diadochen, teilen nach ergebnislosem Machtkampf die Gebiete untereinander auf: Die Antigoniden herrschen über den größten Teil Griechenlands, die Seleukiden über die gigantische Landmasse zwischen Sinai und Afghanistan, die Ptolemäer über das reiche Ägypten. Es ist das große Zeitalter des Hellenismus. Die Strahlkraft der griechischen Zivilisation reicht von der Kyrenaika bis an den Hindukusch und von Nubien bis an die Küste der Provence. Seleukiden und Ptolemäer sehen sich allerdings gezwungen, orientalische Elemente in ihre Kultur aufzunehmen, um die Vormachstellung ihrer kleinen Herrscherelite zu sichern. Alexandria, die am Reisbrett entworfene Metropole am Rande des Nildeltas, wird innerhalb von 100 Jahren zu einer Weltstadt, ein Mikrokosmos der Antike in dem sich Griechen, Ägypter, Juden, Perser, Phönizier und Abessinier begegnen. Euklid wird hier die moderne Mathematik begründen und Eratosthenes die legendäre Bibliothek verwalten, die das Wissen der bekannten Welt unter ihrem Dach vereint. Ein kleines Dorf am Tiber Im Schatten der griechischen Kultur vollzieht sich, lange unbemerkt, der Aufstieg einer neuen Macht. Rom, der Legende nach 753 v. Chr. gegründet, wird sich im Laufe der Jahrhunderte vom Dorf zum Weltreich entwickeln. Die kleine Siedlung liegt an einer Handelsroute, die die nördlichen Nachbarn der Römer, die Etrusker, mit den griechischen Kolonien in Süditalien verbindet. Von den Etruskern übernehmen die Römer die solide Bauweise und die lateinische Schrift, eine Adaption des griechischen Alphabets. Ähnlich wie zuvor in Griechenland, stürzt um das Jahr 500 v. Chr. auch in Rom der einheimische Adel das Königtum. Rom wird eine Republik, ein Gemeinwesen, in dem zunächst adelige Patrizier-Clans über alle anderen Bürger, die Plebejer herrschen. In einem über 200-jährigen Kampf erstreiten sich die Plebejer nun nach und nach ihren Anteil an der Staatsführung. Die Punischen Kriege Anders als im chronisch instabilen Griechenland erweist sich das römische Herrschaftsmodell als so robust, dass es fast ein halbes Jahrtausend lang Bestand haben wird. Schritt für Schritt baut Rom seinen Einfluss aus, zunächst im griechisch dominierten Süden Italiens. Auf Sizilien kommt es erstmals zu einer Auseinandersetzung mit den Karthagern, der Großmacht des westlichen Mittelmeerraums. In den drei erbitterten Punischen Kriegen (264-146 v. Chr.), in denen der karthagische Feldherr Hannibal Barkas sie an den Rand einer Niederlage bringt, besiegen die Römer ihren Rivalen und löschen dessen Zivilisation mit beispielloser Grausamkeit vollständig aus. Als ewigen Fluch streuen die Sieger Salz auf die Felder der vernichteten Feinde. Die karthagischen Besitzungen auf Sizilien, in Nordafrika und Spanien werden römische Provinzen. Weitere Expansion Ab 200 v. Chr. expandiert Rom auch ins östliche Mittelmeer. Es verdrängt die Seleukiden aus weiten Teilen Kleinasiens und bricht die Vormachtstellung der Antigoniden, so dass bis 146 v. Chr., dem Jahr der Zerstörung Karthagos, auch ganz Griechenland unter römische Herrschaft gerät. Doch anders als die karthagische, wird die von den Eroberern bewunderte griechische Zivilisation verschont. Griechisch, das jeder gebildete Römer selbstverständlich beherrschen muss, wird nach Latein zur zweiten Verkehrssprache und trägt so die hellenische Kultur in alle Winkel des wachsenden Imperiums. Machtkämpfe und gesellschaftliche Verwerfungen Das zunehmend aggressive außenpolitische Auftreten Roms wird durch innenpolitische Strukturen begünstigt: Viele Anwärter auf das Konsulat wollen sich durch militärische Heldentaten für das Amt qualifizieren. Zudem bieten die unterworfenen Provinzen den Konsuln nach ihrer Amtszeit Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung, denn Rom zahlt seinen Spitzenfunktionären kein Gehalt. Weniger lukrativ sind die militärischen Abenteuer für die zahlreichen italienischen Kleinbauern. Sie sind einerseits das Rückgrat der römischen Ökonomie, müssen aber zugleich auch das Gros der als Bürgerarmee organisierten Legionen stellen. Durch die immer zahlreicheren kriegerischen Unternehmungen können sie ihre Höfe nicht mehr regelmäßig bewirtschaften; zudem kommt es durch die vielen Kriegsgefangenen aus den eroberten Territorien zu einer Sklavenschwemme. Die kleinen Landwirte können nicht mehr mit den auf billiger Sklavenarbeit beruhenden Latifundien konkurrieren und müssen ihr Land an Großgrundbesitzer verkaufen. Die verarmten Bauern ziehen in die Stadt, wo es aufgrund des Überangebots an Sklaven ebenfalls alles andere als leicht ist, Fuß zu fassen. Sie werden zu Proletariern, jenem rasch wachsenden Teil der Bevölkerung, die außer „proles“, Kindern, nichts besitzen. Der Stand der Plebejer ist damit in drei Unterschichten zerfallen: eine wohlhabende Elite, die auch zahlreiche Senatoren und Magistrate stellt, eine Mittelschicht aus Handwerkern und Händlern, sowie das Proletariat, die notleidende Kaste der zugezogenen Landbevölkerung. Bürgerkrieg Die sozialen Spannungen führen zur Entstehung zweier politischer Lager: Die Optimaten verteidigen den Status Quo. Sie vertreten die Interessen des konservativen Adels, der seine politischen Privilegien wahren möchte, während die Popularen, auch sie sind Adlige, die ärmere Bevölkerung für ihre Ziele einzuspannen sucht. Zwei Brüder, Tiberius und Gaius Gracchus, treiben um 133 v. Chr. Reformen voran, mit denen sie die Rolle der Volksversammlungen auf Kosten des Senats stärken, Staatsland an mittellose Plebejer verteilen und Getreidepreise regulieren möchten. Diese Bestrebungen führen zu Tiberius` Ermordung durch Senatoren der Optimatenfraktion; sein Bruder kann sich Jahre später seinen Verfolgern nur durch Selbstmord entziehen; mit den Brüdern sterben jeweils hunderte ihrer Anhänger. Diese Ereignisse sind der Auftakt zu einem hundertjährigen Bürgerkrieg. Einer der führenden Popularen, der erfolgreiche Feldherr und mehrfache Konsul Gaius Marius, ersetzt in einer großen Militärreform das Milizsystem durch ein Berufsheer, das nun vielen Proletariern eine Perspektive bietet. Attraktiv ist vor allem Marius‘ Versprechen, den Veteranen nach dem langjährigen Militärdienst eine Parzelle Land zu schenken. Andere Befehlshaber werden diesem Beispiel folgen und sich die Loyalität der Legionäre durch materielle Versprechen erkaufen. Faktisch entstehen dadurch Privatarmeen, die im Zweifelsfall nur noch ihren Generalen hörig sind. Auch der Feldherr Lucius Cornelius Sulla, Anführer der Optimaten, verfährt nach dieser Methode. Nach Marius‘ Tod marschiert er mit seiner Armee auf Rom, besiegt die Popularen, revidiert sämtliche Reformen und lässt sich 82 v. Chr. zum Diktator auf unbestimmte Zeit ernennen. Erneut kommt es zu Pogromen gegen die Popularen, die auf öffentlichen Listen für vogelfrei erklärt und zu Tausenden ermordet werden. Das Ende der Republik und Rückkehr der Monarchie 30 Jahre später wird Gaius Julius Cäsar, Spross einer alteingesessenen Patrizierfamilie, das Ende der Republik einleiten. Der erfolgreiche Feldherr unterwirft in einem äußerts brutalen Krieg das keltische Gallien und setzt sich anschließend in einem erbitterten Machtkampf gegen seinen Rivalen durch, den Feldherrn Gnaeus Pompeius Magnus, Eroberer von Syrien und Palästina. Um seine Machtposition weiter zu festigen, lässt Cäsar sich 44 v. Chr. durch den Senat zum Diktator auf Lebenszeit ernennen. Als daraufhin das Gerücht umgeht, dass er auch die Königswürde anstrebe, verschwören sich republikanisch gesinnte Senatoren gegen Cäsar und ermorden ihn. Doch die Republik ist nicht mehr zu retten: Die römische Aristokratie hat sich als unfähig erwiesen, ihre internen Konflikte sinnvoll beizulegen. Im Machtkampf um Cäsars Erbe setzt sich sein Adoptivsohn Gaius Octavius durch, der später den Ehrentitel „Augustus“, „der Erhabene“ erhalten wird. Mit Augustus beginnt die römische Kaiserzeit, eine faktische Rückkehr zur Monarchie. Unter seiner 40-jährigen Regentschaft stabilisiert sich die innere Lage des Reiches wieder, während nach außen mehrere Vorstöße scheitern, auch das nördliche Germanien dem römischen Machtbereich einzuverleiben. Unter Augustus‘ Nachfolgern wächst das Imperium weiter, bis es im Jahre 117 n. Chr. unter Trajan seine größte Ausdehnung erreicht: Rom herrscht nun von Schottland bis an den Persischen Golf. Modern Times Die Stadt Rom selbst wird zur wohl ersten Millionenstadt der Menschheitsgeschichte: Eine Metropole mit Zentralheizungen, Kanalisation und gigantischen öffentlichen Bädern aber auch Müllbergen, Immobilienspekulation, Mietwucher, prekären Wohnverhältnissen, Verkehrschaos, Straßenkriminalität und krassen sozialen Gegensätzen. Im Jahre 212 erhalten alle freien Untertanen des Reichs von Kaiser Caracalla das römische Bürgerrecht. Der Kaiser selbst symbolisiert das kosmopolitische Imperium: in Gallien geboren, stammt sein Vater aus Nordafrika, seine Mutter aus Syrien. Eine neue Religion setzt sich durch Während der Herrschaft des Augustus wird in Palästina ein Mann geboren, der rund 30 Jahre später für kurze Zeit als Wanderprediger auftritt. Da er die Autorität der jüdischen Priester infrage stellt und sich selbst als „König der Juden“ bezeichnet, klagt ihn die römische Besatzungsmacht des Aufruhrs und der Majestätsbeleidigung an und lässt ihn kreuzigen. Mit Sokrates und Jesus haben zwei todesmutige Dissidenten die beiden großen abendländischen Traditionslinien begründet, die die europäische Kultur bis heute entscheidend prägen. Weder der griechische noch der jüdische Aufrührer haben uns bekannte schriftliche Zeugnisse hinterlassen; ihre Lehren werden allein durch die Aufzeichnungen ihrer Anhänger überliefert. Im Falle Jesu ist dies insbesondere der Missionar Paulus von Tarsus. Als gebildeter, griechisch sprechender Jude und römischer Bürger prägt er die christliche Lehre entscheidend, öffnet sie gegenüber Nichtjuden und legt damit die Grundlage für ihre rasche Verbreitung im griechisch-römischen Kulturraum.Das jüdische Volk wird nach mehreren Aufständen gegen die Besatzungsmacht im 1. Und 2. Jahrhundert von den Römern aus Judäa vertrieben und zerstreut sich innerhalb des Imperiums. Während im Römischen Reich bisher verschiedene Kulte weitgehend friedlich nebeneinander existierten, tritt das Christentum nun sehr bestimmt und erfolgreich mit einem bis dahin unbekannten Alleinvertretungsanspruch für die Wahrheit auf. Als Kaiser Konstantin 313 allgemeine Religionsfreiheit verkündet, gibt dies den zuvor verfolgten Christen weiter Auftrieb; unter Kaiser Theodosius wird ihr Bekenntnis 380 schließlich zur Staatsreligion. Nach Theodosius‘ Tod 395 teilen seine beiden Söhne das Imperium endgültig in ein westliches und ein östliches Reich. Zu dieser Zeit hat Rom seinen Zenit bereits seit langem überschritten. Das Weströmische Reich wird schon bald darauf unter dem Ansturm germanischer Stämme zusammenbrechen. Odoaker, ein in römischen Diensten stehender germanischer Heerführer setzt sich an die Spitze meuternder barbarischer Truppen und beendet 476 die Herrschaft des minderjährigen Romulus Augustulus. Dass der letzte Kaiser denselben Namen trägt wie der legendäre Begründer der Stadt, ist eine Ironie der Geschichte. Byzanz, das griechisch geprägte Ost-Reich, mit seiner Hauptstadt Konstantinopel, wird hingegen noch fast 1.000 Jahre weiterbestehen. Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Beard, Mary (2016): SPQR: Die tausendjährige Geschichte Roms, S. Fischer Dahlheim, Werner (2014) „Die Welt zur Zeit Jesu”, Beck. Burbank, Jane / Cooper, Frederick (2012): „Imperien der Weltgeschichte. Das Repertoire der Macht von alten Rom und China bis heute“, Campus. Bildnachweis: Roman provinces trajan 2 - Römisches Reich – Wikipedia

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