top of page

Suchergebnisse

100 Ergebnisse gefunden mit einer leeren Suche

  • Bausteine der Kommunikation (Teil 1):

    Fortsetzung von „Die Vielfalt der Sprachen“   Vom Denken zum Sprechen: Dimensionen der Semiotik Sobald wir vom Denken , dem mentalen Dialog mit uns selbst, zur Kommunikation mit anderen wechseln, sollten wir unsere Gedanken dem Gegenüber möglichst eindeutig zum Ausdruck bringen. Die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, wie wir uns anderen Menschen mitzuteilen suchen, ist die Semiotik , die Lehre von den Zeichen. Zu ihr gehören auch sämtliche Formen nichtverbaler Kommunikation, wie Mimik , Gestik  oder Bildersprache . Der Teilbereich der Semiotik, der sich mit der gesprochenen oder geschriebenen Sprache befasst, ist die Allgemeine Linguistik . Das Wort Linguistik entstammt dem lateinischen Wort für Zunge. Deren Beweglichkeit ist allerdings nur eine unter vielen anatomischen Voraussetzungen für das Sprechen. Zusätzlich müssen Zwerchfell, Lunge, Stimmbänder, Luftröhre, Rachen- und Nasenraum, Mundhöhle, Zäpfchen, Zähne und Lippen auf sehr komplexe Art und Weise zusammenspielen, um Laute erzeugen und einfärben zu können. Diese hör- und messbaren Aspekte der Sprache sind Gegenstand der Phonetik . Um Vokale  zu erzeugen, müssen die Stimmbänder vibrieren und der Mundraum offen sein. Der Ort der Tonerzeugung in der Mundhöhle wandert dabei in der Reihenfolge u, o, a, e, i von hinten nach vorne, jeweils unterstützt durch verschiedene Formung der Lippen. Konsonanten entstehen, wenn der Luftstrom in irgendeiner Form behindert wird. Die dabei erzeugten unterschiedlichen Luftwirbel charakterisieren den jeweiligen Laut. Schwingen die Stimmbänder bei verschlossenem Nasenraum, entstehen Sonaranten (m, n, l, r, j, w); andernfalls spricht die Phonetik von Obstruenten . Je nach Artikulation werden die Obstruenten in Plosive  (explosionsartige Laute wie p, t, k), Frikative  (zumeist Zischlaute wie s, f, z) und Affrikaten (eine Zwischenform von Plosiven und Frikativen, wie pf und ts) unterschieden. Jede Sprache hat ihr charakteristisches Repertoire an Lauten. Das Deutsche  etwa bedient sich im Vergleich zu anderen europäischen Sprachen sehr stark der Frikative und Plosive, die es zudem bevorzugt an Anfang und Ende vieler Wörter stellt, so dass Deutsch für Nichtmuttersprachler sehr hart klingt. Das Portugiesische kennt wiederum für jeden Vokal einen zusätzlichen Nasallaut. In einigen afrikanischen Sprachen finden sich Klicks, schnalzend-schmatzende Verschlusslaute. Laute Da Alphabete  die Palette möglicher Laute nur näherungsweise wiedergeben, initiierte der französische Linguist Paul Passy  in den 1880er Jahren ein Internationales Phonetisches Alphabet, in dem sich für alle bekannten Laute ein eigenes Zeichen findet. [i]  So steht etwa das Zeichen ʃ für den Laut „sch“, ein stimmloser postalveolarer (das heißt direkt hinter dem Zahndamm erzeugter) Frikativ, wie in dem Wort „schnell“. ɔ̃ ​ ist ein gerundeter halboffener Hinterzungennasalvokal, wie er etwa in dem französischen Wort „chanson“ [ ʃɑ̃ˈsɔ̃ ] vorkommt. ʘ ​ steht für einen bilabialen Klick , einem kurzen mit beiden Lippen erzeugtem Schmatz. Phoneme  sind Laute, die unterschiedlich klingen, aber keine unterschiedliche Bedeutung haben. Mehrere Phoneme bilden zusammen Morpheme , die kleinsten Einheiten, die unterschiedliche Botschaften vermitteln. Ein oder mehrere Morpheme bilden ein Wort , mehre Wörter einen Satz . [ii]  Morpheme, Wörter und Sätze bilden eine Begriffshierarchie von Sprachbausteinen, die sich sowohl formal als auch inhaltlich  beschreiben lässt. Die formale Beschreibung setzt sich mit der grammatikalischen Funktion von Morphemen, mit Wortarten und der Syntax auseinander; hier geht es um die Regeln, nach denen Sätze gebaut werden können. Auf der inhaltlichen Ebene beschäftigt sich die Semantik  mit der Bedeutung der einzelnen Sprachbausteine. Wörter und Sätze können aber auch etwas völlig anderes transportieren als das, was der reine Wortlaut kommuniziert. Mit diesen übertragenen Bedeutungen befasst sich die Pragmatik . Das Wesen der Grammatik Betrachten wir das System linguistischer Schlüsselbegriffe nach diesem ersten Überblick etwas näher. Unser heutiges Grammatikverständnis und viele der mit ihm verbundenen Begrifflichkeiten gehen auf den Griechen Dionysios Thrax  zurück. Seine aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammende Grammatik des Griechischen war während anderthalb Jahrtausende das Standardwerk aller Griechisch-Schüler – eine Leistung von ähnlicher Langlebigkeit, wie die Geometrie seines Landsmanns Euklid . Die beiden Kernbereiche einer jeden Grammatik  bilden Syntax und Semantik. [iii] Die Syntax ist das Regelwerk, nach denen Zeichen  kombiniert werden können. Für natürliche Sprachen sind dies vor allem die Prinzipien des Satzbaus , wobei Sätze für größere Sinn einheiten stehen. Meist geht es dabei um die Beschreibung von Zuständen und Vorgängen anhand von Subjekten, Objekten und Aktionen. Welche näheren Umstände dabei jeweils als wichtig angesehen werden, ist von Sprache zu Sprache verschieden. Im Deutschen etwa hängen die Regeln davon ab, welches Geschlecht dem Nomen zugeordnet ist, ob auf eine oder mehrere Personen Bezug genommen wird, ob die Person, über die gesprochen wird zuhört, in welcher gesellschaftlichen Beziehung man zum Gesprächspartner steht, wann etwas geschehen ist oder geschehen wird, ob etwas verglichen werden soll, ob man eine Wirklichkeit oder eine Möglichkeit beschreibt, ob man etwas befiehlt, wie die Besitzverhältnisse organisiert sind oder ob jemand etwas aktiv ausführt oder passiv erleidet. Viele dieser Kriterien finden sich auch in anderen Sprachen, aber es zeigen sich sofort auch Unterschiede: Im Englischen werden Nomen nicht nach Geschlecht unterschieden; im Französischen hängen manche Syntax-Regeln, anders als im Deutschen, davon ab, ob eine männliche oder eine weibliche Person spricht; das Lateinische  kennt gegenüber dem Deutschen zwei zusätzliche Fallunterscheidungen, bei denen das Nomen an den Fall angepasst werden muss; das Türkische  kennt ebenfalls sechs Fälle, wobei sich ein Fall wiederum vom Lateinischen unterscheidet; Sprachen wie Arabisch  oder Isländisch  kennen – anders als das Deutsche, das nur Einzahl und Mehrzahl kennt – auch eine Zweizahl ; das Arabische unterscheidet zudem bei der Mehrzahl, ob es sich um eine kleine oder große Menge handelt; während in den indogermanischen Sprachen die typische Satzstellung Subjekt – Verb – Objekt lautet, ist die Reihenfolge von Verb und Objekt im Türkischen und Japanischen  vertauscht; das Chinesische   kennt Verben nur im Infinitiv; das Lateinische kennt keine Artikel, dafür aber zwei verschiedene Formen des Imperativs; manche Sprachen, wie das Finnische , kennen kein Futur. Die Möglichkeiten, Weltbeschreibung  verbal zu strukturieren erscheinen praktisch unbegrenzt. Die Fünf-Wortarten-Lehre: Deutsche Grammatik für Dummies Ein Modell, mit dem sich die syntaktischen Regeln der deutschen Sprache grob klassifizieren lassen, ist die Fünf-Wortarten-Lehre , die auf den Schweizer Linguisten und Germanisten Hans Glinz  zurückgeht. Das erste Kriterium ist die Frage, ob das Wort flektierbar ist, also angepasst (gebeugt) werden muss oder nicht, wobei die Anpassungen in konjugierbar und deklinierbar unterschieden werden. [iv]  Von Konjugation spricht man, wenn das gebeugte Wort ein Verb  ist. Verben sind Wörter der Aktion: „Im Anfang war die Tat“, sagt Faust, den Goethe  die Worte des Johannes-Evangeliums weiterspinnen lässt. Nur in wenigen Fällen („stehen“, „liegen“) beschreiben Verben Zustände, also das Gegenteil von Aktion. Verben sind im Deutschen die flexibelsten und damit grammatischsten aller Wörter: Sie klären uns darüber auf wo wir uns auf dem Zeitstrahl befinden ( Tempus ), ob wir von uns selbst, dem Gegenüber oder unbeteiligten Dritten sprechen (1., 2., 3 Person), ob diese drei Personen jeweils nur aus einem oder mehreren Individuen bestehen (Singular und Plural), ob etwas getan oder erduldet wird (Aktiv und Passiv) und welches Verhältnis zur Realität wir zu Grunde legen (Modus der Wirklichkeit: Indikativ „so ist es“; Modus der Möglichkeit: Konjunktiv „so könnte es sein“; Modus der Aufforderung: Imperativ „so soll es sein“). Nomen  (Hauptwörter) sind Ausdrücke der Dinglichkeit. Materielles, an dem man sich wie Tisch oder Bett tatsächlich stoßen kann oder Übertragenes, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, über deren Wesen sich trefflich streiten lässt. Ihre Anpassung wird, wie für alle veränderbaren Wörter, die keine Verben sind, als Deklination  bezeichnet. Im Deutschen werden Nomen nach dem Kasus  (Fall), Numerus  (Zahl) und Genus  (Geschlecht) angepasst. Die Fälle  (Nominativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ) klären, in welcher Beziehung (wer oder was? – wessen? – wem? – wen oder was?) das Nomen zu anderen Satzelementen steht. Nicht nur das Nomen selbst unterliegt dem Anpassungszwang, sondern auch sein Begleiter, der dazugehörige Artikel  (der Mann, des Mannes, dem Mann, den Mann). Das Deutsche kennt hier einige haarspalterische Fallunterscheidungen, die den meisten anderen Sprachfamilienmitgliedern fremd sind: Geht es um eine Bewegung, kommt der Akkusativ zum Zug: Ich stelle das Glas auf den  Tisch. Fehlt die Aktion, verlangt die statische Situation den Dativ: das Glas steht auf dem  Tisch.     Adjektive  (Eigenschaftswörter) sind Beurteilungen. Sie beschreiben wie etwas beschaffen ist oder welche Beziehungen zwischen Nomen herrschen (der kleine Ring, die nahe Verwandte). Adjektive werden ebenfalls an den Kasus des Nomens angepasst (des kleinen Ringes, der nahen Verwandten) und lassen sich in den meisten Fällen in zwei weiteren Schritten, Komparativ und Superlativ, steigern: klein, kleiner, am kleinsten; nah, näher am nächsten.  Pronomen  (Fürwörter) sind Stellvertreter oder Begleiter. Sie lassen sich nicht steigern. Als Personalpronomen springen sie kontextabhängig für Menschen und Sachen ein (er ist klein), klären als Possessivpronomen Besitz- oder Zugehörigkeitsverhältnisse (mein Haus, ihre Schwester), weisen als Demonstrativpronomen (dieser, jener, der, die, das) auf etwas hin, erlauben als Reflexivpronomen (mich, dich, sich) einen Selbstbezug oder leiten als Relativpronomen (jener, welcher, der, die, das) Teil- oder Nebensätze ein. Hat das Pronomen keine Stellvertreter- sondern eine Begleiterfunktion, muss es im Deutschen nicht nur nach Genus und Numerus, sondern zusätzlich auch nach dem Kasus des Nomens angepasst werden (diese Frau will diese s  Kind adoptieren; diese Frau will diese m  Kind etwas schenken). Partikel  haben gegenüber allen bisherigen Wortarten den Vorzug, dass sie sich nie verändern. Als Adverbien (Umstandswörter), können sie Verben, aber auch Substantive, Adjektive oder andere Adverbien näher bezeichnen (die Frau geht schnell). Konjunktionen (Bindewörter) wie „und“ „oder“ oder „weswegen“ schlagen Brücken zwischen Satzteilen, während Präpositionen  räumliche und zeitliche Beziehungen (an, neben, bei zu), Ursachen (aufgrund, infolge) oder eine Art und Weise (einschließlich, mitsamt) klären. Interjektionen  sind Partikel, die oft alleine stehende lautmalerische Ausdrücke von Gemütsbewegungen oder Aufforderungen zum Ausdruck bringen (ach!, pst!). [v]   Diese mögliche Einteilung und die beispielhaft genannten Regeln gelten wohlgemerkt so nur für das Deutsche. Andere Sprachen, andere Regeln! Da im Chinesischen weder Verben konjugiert noch Nomen durch den Plural verändert werden und ein chinesischer Satz mühelos auf Konjunktiv, Artikel und Verb verzichten kann, sehen hier Wortarten-Strukturbaum, Syntaxregeln und andere Bausteine der Kommunikation völlig anders aus.     Den Blog entdecken   Wer mehr wissen will: McWhorter, John (2004): „The Story of Human Language”, Vorlesungsskript. Glinz, Hans: (1982): „Die innere Form des Deutschen. Eine neue deutsche Grammatik“, Francke. Fußnoten [i]  Da es mehr Phoneme als Buchstaben gibt, kann dieselbe Zeichenfolge für ganz unterschiedliche Laute stehen: Das „ch“ in „Nacht“, ist ein anderes als das der „Milch“, der „Achse“ oder der „Chips“. [ii] In vielen Fällen kann auch ein einzelnes Morphem bereits ein Wort darstellen (Boot, rot, tot). Das Wort „entmachten“ besteht aus drei Phonemen (ent, macht, en) denen jeweils eine unterschiedliche Bedeutungen oder grammatikalische Funktion zukommt.   [iii] Die Linguistik kennt keine einheitliche Definition des Begriffs Grammatik. Unstrittig ist nur die Zugehörigkeit von Morphologie und Syntax.   [iv]  In den indogermanischen Sprachen ist in den letzten zweitausend Jahren ein Trend zu weniger Flexionen erkennbar – besonders deutlich wird dies im Englischen. Tote Sprachen dieser Familie wie Latein, Altgriechisch oder Sanskrit zeigen deutlich mehr Flexionsvarianten. Unter den heutigen indogermanischen Sprachen sind neben dem Deutschen vor allem die slawischen Sprachen noch stark flektierend. [v]  In manchen Wortarten-Modellen werden auch Artikel und Numeralia (Zahlwörter) als eigene Kategorien geführt.

  • Worum geht es in diesem Blog?

    Weltbilder Der Wunsch, unsere merkwürdige Welt verstehen zu wollen, ist so alt wie die Menschheit. Wir suchen nach Erklärungen, letztlich weil wir Halt und Orientierung benötigen. Aus Annahmen und Überzeugungen, die uns plausibel erscheinen, formen wir Weltbilder, unsere persönlichen Vorstellungen über die Beschaffenheit des Universums. Das kann ein religiöser Mythos sein, wie die hinduistische Auffassung, dass der Kosmos auf dem Rücken von vier Elefanten ruht. Genauso aber können wir auch das Standardmodell der Elementarteilchenphysik oder einen unerschütterlichen Glauben an den Marxismus zu Grundlage unseres Weltbildes machen. Keine dieser Ideen ist lächerlich, sie alle beruhen auf nachvollziehbaren Überlegungen. Kategorien des Wissens In diesem Blog möchte ich alldem nachspüren. Das geht mal in die Breite, mal in die Tiefe. Sucht man nach „Schubladen“, um die verwirrende Vielzahl der Phänomene in diesem Universum etwas zu ordnen, landet man über kurz oder lang bei den Kategorien Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Naturgeschichte, Bewusstsein, Sprache, Philosophie, Gesellschaft, Ökonomie und Menschheitsgeschichte. Diese zunächst lang erscheinende Liste von elf Disziplinen lässt sich letztlich zwei großen Feldern zuordnen: Bei Physik , Chemie und Biologie geht es um die Natur . Bei Sprache , Philosophie , Gesellschaft und Ökonomie geht es um den Menschen . Natur und Mensch stehen sich in dieser Ordnung zunächst einmal gegenüber. Aber auch der Mensch ist ein Produkt der Natur (biologisch gesehen gehört er zu der Unterordnung der Trockennasenprimaten.) Was uns von anderen Lebewesen unterscheidet, ist, dass wir uns unserer eigenen Existenz bewusst sind. Das Bindeglied zwischen Natur und Geist ist unser Bewusstsein . Und dann ist da noch die Mathematik, die manche für eine Natur-, manche für eine Geisteswissenschaft halten. Wie wir im nächsten Blog sehen werden, haben beide Lager für ihre Positionen jeweils gute Gründe, so dass die Mathematik tatsächlich in einem Nirwana zwischen Natur und Geist zu schweben scheint. Auch wenn die meisten Themengebiete zunächst nach Schulfächern klingen: Ich möchte kein Schulwissen verbreiten, sondern versuche der Frage nachzugehen, worum es bei all diesen Disziplinen wirklich geht und welchen Beitrag sie zur Welterklärung leisten können: Was ist das Wesen der Mathematik? Welche Wissenslücken hat die heutige Physik? Ist die Evolution ein Naturgesetz? Was bedeutet Zufall? Welche Grenzen setzt uns die Sprache? Was können wir überhaupt wissen? Was ist Gerechtigkeit? Hat die Menschheitsgeschichte ein Ziel? Verbindungen Die Wissenskategorien stehen nicht zusammenhanglos nebeneinander: „Wer ernsthaft die Wahrheit der Dinge ergründen will, darf sich keiner einzelnen Wissenschaft verschreiben, denn alle Teile der Wissenschaft stehen im Verbund wechselseitiger Abhängigkeit“. Der französische Philosoph René Descartes, von dem dieses Zitat stammt, bringt es auf den Punkt. In unserer hochgradig arbeitsteiligen Welt sind wir alle Experten und häufen im Laufe der Jahre dabei oftmals ein bemerkenswertes Detailwissen an. Doch Experten sind wir eben nur in relativ kleinen Unterkategorien bestimmter Wissensbereiche – es ist schlichtweg unmöglich, dieses Wissen auf alle Bereiche auszudehnen. Das ist ein Problem, denn außerhalb unserer Komfortzone prasseln astronomische Mengen an Informationen auf uns ein und wir haben alle Mühe, sie richtig einzuordnen. Der amerikanische Trend- und Zukunftsforscher John Naisbitt hat es so formuliert: „Wir ertrinken in Informationen und hungern nach Wissen“. Um die Informationsflut einordnen, filtern und sortieren zu können, benötigen wir so etwas wie Grundlagenwissen in all den erwähnten Wissenskategorien (was nicht ausschließen soll, dass es auch weitere sinnvolle Kategorien geben kann.) Es gibt heute eine Reihe zentraler Theorien und Ideen, die den aktuellen Wissenschafts- und Politikbetrieb prägen. Sie bestimmen, wie wir typischerweise die Welt um uns herum begreifen. Viele dieser Ansichten kennen wir dem Namen nach: die Relativitätstheorie, die Evolutionstheorie, die „Kritik der reinen Vernunft“ oder den Liberalismus. Unsere Vorstellungen, was sich dahinter genau verbirgt, bleiben dabei allerdings oftmals vage. Das „große Ganze“ Sind diese Grundlagen gelegt, hat man eine gute Basis, um selbst Zusammenhänge herzustellen und sich im Idealfall das Verständnis des „großen Ganzen“ zumindest ansatzweise zu erarbeiten. Dabei ist es wichtig, sich klarzumachen, dass die zentralen Theorien und Ideen keinesfalls stimmen müssen. Ich versuche lediglich, die herrschenden Meinungen – sie prägen unser Leben stärker, als es uns bewusst ist – darzustellen und dort, wo es sinnvoll und möglich erscheint, auch Verbindungen aufzuzeigen (beispielsweise dürfte nur wenigen bekannt sein, dass Darwins Evolutionstheorie auch durch eine Theorie des englischen Nationalökonomen Thomas Malthus beeinflusst wurde.) Während lediglich vier grundlegende Theorien die Phänomene der Natur weitgehend erklären – Newtons Mechanik, die allgemeine Relativitätstheorie, die Quantenphysik und die Evolutionstheorie – ist die Ausgangslage nicht mehr so einfach, wenn wir den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen. Schuld daran ist unser Bewusstsein, denn es befähigt uns nicht nur zu fragen, wie etwas ist, sondern auch, wie etwas sein soll. Verständlicherweise gehen die Meinungen hierzu auseinander. Es gibt keine allgemein akzeptierten Vorstellungen, die beschreiben, wie unsere Psyche funktioniert oder wie eine ideale Gesellschaft organisiert und Wohlstand verteilt werden soll. Wenn wir die Dimensionen des Menschseins beschreiben wollen, spielen Glaube, moralische Standpunkte, Menschenbilder, Werturteile und Zielkonflikte eine zentrale Rolle (ein sehr grundlegender Zielkonflikt ist etwa, wie wir noch sehen werden, der zwischen Freiheit und Gleichheit.) Die Auswahl der in diesem Blog behandelten Ideen und Ideologien ist somit zwangsläufig subjektiv. Ich versuche mich dabei primär an der faktischen Wirkmacht zu orientieren, die diese Ideen im Lauf der Menschheitsgeschichte entfaltet haben. Wie erwähnt, sagt das zunächst noch nichts über ihre Richtigkeit aus. Entwicklungen Unsere heutigen Welterklärungsmodelle sind nicht vom Himmel gefallen, sondern stellen vorläufige Ergebnisse einer Entwicklungsgeschichte dar: Ohne Ptolemäus kein Kopernikus; ohne Kopernikus kein Kepler; ohne Kepler kein Newton; ohne Newton kein Einstein. Genauso wenig ist die heutige (westliche) Philosophie ohne die Fundamente denkbar, die Sokrates, Platon und Aristoteles vor über 2000 Jahren gelegt haben. Um die heute herrschenden Weltbilder zu verstehen, müssen wir ihre historische Entwicklung, samt Irrungen und Wirrungen, nachvollziehen. Insofern wird sich dieser Blog auch immer wieder mit Wissenschaftsgeschichte beschäftigen. Wie geht es weiter? Ich möchte versuchen, im wöchentlichen Rhythmus meine Gedanken mit Euch in diesem Blog zu teilen. Dabei werde ich zunächst jeweils etwas zum Wesen der elf verschiedenen Wissenskategorien sagen. Die von mir oben genannte Reihenfolge ist nicht zufällig, sie baut inhaltlich aufeinander auf. Zum Beispiel kann man Chemie nicht ohne physikalische Grundlagen verstehen; Philosophie nicht, ohne sich mit den Beschränkungen der Sprache auseinandergesetzt zu haben und die Organisation eines Wirtschaftssystems nicht, ohne zuvor Annahmen über das Wesen der menschlichen Natur zu treffen. Wo es sich anbietet, werde ich auch auf die von mir verwendete Literatur verweisen, für alle, die vielleicht tiefer in ein bestimmtes Thema einsteigen wollen. Ansonsten freue ich mich auf den Dialog mit Euch. Ihr habt die Möglichkeit öffentlich oder nicht öffentlich Kommentare mit Kritik, Wünschen, Fragen und Bemerkungen zu hinterlassen. Sollte es Interesse geben, können wir gerne auch gemeinsame Foren und oder Gruppen zu bestimmten Themen organisieren. Wer mag, kann den Newsletter abonnieren, ihr erhaltet dann eine automatische Benachrichtigung, wenn der nächste Blog erschienen ist. Wenn es Euch gefällt, empfehlt den Blog gerne weiter… Jens

  • Wie entsteht die Welt im Kopf (Teil 2):

    Fortsetzung von „Wie entsteht die Welt im Kopf (Teil 1)     Neuronale Netze Das, was den Aufmerksamkeit sfilter, den wir im letzten Blog beschrieben haben,   passiert und dauerhaft im Gedächtnis  verankert wird, wird Teil unseres Wissens , das heißt unseres abrufbaren Inventars an Fakten, Annahmen und Regeln über die Welt. Repräsentiert wird dieses Wissen durch ein neuronales Netz  aus Abermilliarden von Nervenzellen . Diese Netze sind es, die die Welt in unserem Kopf entstehen lassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine feuernde Nervenzelle ihren Impuls erfolgreich auf eine andere überträgt und damit dauerhafte Verbindungen anregt, ist umso grösser, je näher sich die beiden Zellen sind. Auf diese Art entstehen lokale Verbindungen aus einigen Tausend bis zu einigen Millionen Nervenzellen, die jeweils etwas Bestimmtes repräsentieren: einen Baum, eine Wolke, eine Zahl, ein Gesicht oder den Duft einer Rose. Wir dürfen uns diese lokalen Netze, nicht als „Bilder“ der erfahrbaren Welt im Gehirn vorstellen, sondern lediglich als deren symbolische Repräsentation. Wenn wir einen Computer oder Fernseher öffnen, finden wir dort ebenfalls keines der Bilder, die uns diese Maschinen zeigen, sondern lediglich Schaltkreise und Datenspeicher.   Wir können uns beim Denken zuschauen Jedes Themengebiet hat seine eigene Geographie. Die Aktivitäten, die bestimmte Reizmuster an bestimmten Orten auslösen, lassen sich heute mit Hilfe bildgebender Verfahren  sichtbar machen – sie ermöglichen es gewissermaßen dem Gehirn beim Denken zuzusehen. Das Broca-Zentrum  im vorderen Teil der Großhirnrinde bildet beispielsweise die für das Sprechen notwendigen grammatikalischen Strukturen ab; das Wernicke-Areal  im hinteren Bereich ist für das rationale Sprachverstehen zuständig. (Benannt sind diese Areale nach dem französischen Arzt Paul Broca und seinem deutschen Kollegen Carl Wernicke.) Analog dazu gibt es Zentren jeweils für die mengen- und zahlenmäßige Repräsentation von Mathematik   oder das Erkennen von Gesichtern. Ein lange vermuteter gemeinsamer evolutionärer Zusammenhang von Sprache   und Mathematik im menschlichen Gehirn hat sich übrigens bislang nicht bestätigt. Nach allem was wir wissen können sind für die Repräsentationen von Mengen und höherer Mathematik jeweils zwei weitere Gehirnbereiche zuständig. Wie entsteht Weltwissen? Werden unterschiedliche Areale gleichzeitig durch Umweltreize aktiviert, können auch sie sich untereinander verbinden. Das Gehirn interpretiert dann das gemeinsame Auftreten dieser Stimuli als kausal verknüpft. Die daraus entstehenden Assoziationen sind unser Weltwissen . Objekte und Ereignisse empfinden wir dann als zusammengehörig – unabhängig davon, ob die vom Gehirn unterstellte Kausalität  tatsächlich besteht. Wir assoziieren dann einen Ort mit einem angenehmen Erlebnis, das wir dort hatten, eine Rose mit ihrem Duft, eine Menge mit einer Zahl, eine dunkle Wolke mit Regen und Blitz mit Donner. Assoziationen  dienen dabei nicht immer einem erkennbaren evolutionären Zweck. Ein Beispiel hierfür ist Synästhesie. Synästheten sind Menschen, die bestimmte abstrakte Objekte, wie Monate, Buchstaben oder Zahlen mit bestimmten Farben oder auch Positionen im Raum assoziieren: Der Januar ist schwarz, das «A» ist grün und die «fünf» ist rechts oben. Der Bildung von Assoziationen liegt das behavioristische Lernschema  der Konditionierung zugrunde, wie es erstmals für die pawlowschen Hunde  beschrieben wurde. Einige sehr grundlegende Assoziationen – wie der Speichelfluss vor dem Essen – haben sich im Laufe der Evolution   in unseren genetischen Programmen verankert, so dass sie nach der Geburt nicht mehr durch Lernen erworben werden müssen.   Warum wir uns auf Wanderschaft begeben sollten Auch Assoziationen dienen letztlich dem Zweck, die Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Das Gehirn ist ein Regelgenerator , der Regeln aufgrund gemachter Erfahrungen eigenständig konstruiert und uns dadurch hilft, in der Welt zurechtzukommen. Wir erlernen nicht Details, sondern allgemeine Prinzipien . Deshalb erkennen wir eine Rose als Rose und eine Wolke als Wolke, auch wenn jedes einzelne Exemplar anders aussieht. Manche Lernprozesse, etwa das Laufenlernen oder die Beherrschung eines Musikinstruments, sind ausgesprochen anspruchsvoll und beschäftigen uns über Monate und Jahre. Grundsätzlich gilt: Je mehr Reizen wir uns aussetzen, umso mehr Synapsen  können sich bilden und das Wissen über die Welt in unserem Kopf mehren. Wir müssen Rosen und Wolken gesehen haben, um zu wissen, was Rosen und Wolken sind und wenn uns eine dunkle Wolke noch nie nass gemacht hat, können wir sie auch nicht als Regenwolke erkennen. Die deutsche Sprache kennt hierfür das schöne Wort „ Erfahrung “. Ein „erfahrenes“ Gehirn ist viel gefahren, das heißt in der Welt herumgekommen; es hat sich dadurch verschiedensten Reizen ausgesetzt, sie dem neuronalen Inventar hinzugefügt und mit anderen Objekten in der Datenbank verknüpft. Ähnlich auch in anderen Sprachen: Das englische experience und das französische expérience haben ihre Wurzel im lateinischen Wort experiri „ausprobieren“. Aus diesem Grund werden seit Jahrhunderten Handwerksgesellen (und mitterweile auch Gesellinnen) auf Wanderschaft  geschickt. Sie sollen bei fremden Meistern lernen und dürfen sich während dieser Zeit ihrer Heimat nicht nähern – im Bannkreis gibt es schon zu viel Bekanntes. Nach dieser Zeit sind die Gesellen „erfahren“ und „bewandert“. Auch das Wort „Bildung“ beschreibt erstaunlich genau die Erkenntnisse der Neurowissenschaften: Die neuronale Plastizität  hat tatsächlich etwas Neues gebildet. Wir alle haben solche Wanderungen unternommen, haben dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, und daher auch alle verschiedene Bilder von der Welt in unseren Köpfen.   Das Gehirn wurde nicht gebaut, um die Welt zu verstehen In welchem Verhältnis aber stehen diese Bilder zu der realen Welt? Die Physik   unterstellt, dass jenseits unseres Geistes eine objektive materielle Realität existiert. Doch aus den gewaltigen Spektren mechanischer und elektromagnetischer Wellen   etwa können wir nur winzige Ausschnitte wahrnehmen. Lange mechanische Wellen empfinden wir über die Haut als Vibrationen, kurze Wellen über das Gehör als Töne. Elektromagnetische Wellen, die länger als 740 Nanometer sind, nimmt die Haut als Wärme wahr; die gleichen Wellen, etwas kürzer, empfangen wir über das Auge als Licht. Das Gehirn zaubert aus den Lichtimpulsen unterschiedliche Farbempfindungen, obwohl die Natur selbst keine Farben kennt. Und auch die so erzeugten Farben nehmen wir nicht wir objektiv wahr: Unser Gehirn gaukelt uns eine Konstanz  vor, die es nicht gibt: Wir sehen Bananen oder Briefkästen stets als gelb, obwohl sich ihre Farbe tatsächlich in Abhängigkeit von den Lichtverhältnissen laufend verändert. Die Erfahrbarkeit der Welt ist durch unsere Sinnesorgane begrenzt, eine möglicherweise existierende physikalische Realität können wir also in weiten Teilen gar nicht kennen. Unser Wahrnehmungsapparat wurde auch nicht mit dem Ziel konstruiert, die reale Welt zu verstehen, sondern allein, um in dieser Welt zu überleben . Die Welt so zu zeigen, wie sie tatsächlich ist – uns etwa den vierdimensionalen Raum wahrnehmen zu lassen – wäre aus evolutionärer Sicht eine Verschwendung der begrenzten Rechenleistung unseres Gehirns für Informationen, die keinerlei Überlebensboni ausschütten. Das Gehirn ist hemdsärmelig und pragmatisch. Es ist nicht an der Realität interessiert, sondern an der Wirklichkeit  – an dem, was auf uns wirkt.     Den Blog entdecken   Wer mehr wissen will: Kandel, Eric (2006): „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“, Pantheon. Kahneman, Daniel (2011): „Schnelles Denken, langsames Denken“, Siedler. Roth, Gerhard, Strüber, Nicole (2018) „Wie das Gehirn die Seele macht“, Klett-Cotta. Amalric, Marie / Dehaene, Stanislas (2016): „Origins of the brain networks for advanced mathematics in expert mathematicians“, PNAS.

  • Die Magie der Zahlen

    Fortsetzung von „Der logische Vierklang" Zahlenspiele Seit der Antike versuchen Gelehrte die Eigenschaften der Zahlen zu erkunden und zu verstehen, wie sich mit ihnen am besten praktisch operieren lässt, zwei Felder, die wir heute als Zahlentheorie und Arithmetik bezeichnen. Die grundlegende Operation, um das Zählen abzukürzen, ist die Addition: 7 + 4 = 11. Eine der ersten Einsichten war, dass sich das Zusammenzählen der immer gleichen Zahl vereinfachen lässt: 4 + 4 + 4 + 4 + 4 lässt sich bequemer als 5 ∙ 4 ausdrücken. So wie die Addition eine Verkürzung des Zählens ist, ist die Multiplikation nichts anderes, als eine verkürzte Addition. Die Reihenfolge, in der Addition und Multiplikation ausgeführt werden, spielt keine Rolle; 4 + 7 oder 4 ∙ 5 führt zu den gleichen Ergebnissen. Für die Umkehrung der Addition, die Subtraktion, gilt das jedoch nicht: 7 - 4 ist nicht dasselbe wie 4 - 7. Die letzte Operation warf zudem ein neues Problem auf: Das Ergebnis war weniger als Nichts. Offensichtlich gab es auch Zahlen, die keinen Bezug zu den natürlichen Dingen dieser Welt haben und ebenso offensichtlich hatte jede positive Zahl einen negativen Zwilling. Verwirrend waren auch manche Ergebnisse, die man erhielt, wenn man die Multiplikation umkehrte. 20 durch 4 oder 5 zu teilen war logischerweise kein Problem. Doch beispielsweise die Division 5:2 ließ sich mit den bisher bekannten Zahlen nicht beschreiben. Offenbar gab es neben den positiven und negativen „ganzen“ auch noch „zerbrochene“ Zahlen. Noch verworrener wurde es, wenn man 10 durch 3 oder 4 durch 7 teilte. Die Ergebnisse waren unendlich lang und bestanden entweder aus der immer selben Zahl oder einer nicht enden wollenden, sich ständig wiederholenden Zahlenfolge. Damit waren drei verschiedene Arten von Zahlen gefunden. Zahlen, die man realen Objekten zuordnen kann, bezeichnen wir heute als natürliche Zahlen (N)  Ihre Erweiterung um die negativen Zahlen bildet die Menge der ganzen Zahlen (Z). Verhältnisse zweier ganzer Zahlen erweitern die Zahlenmenge zum Kreis der rationalen Zahlen (Q). Die Pythagoreer kriegen die Krise Um 530 v. Chr. gründete der griechische Philosoph Pythagoras in Süditalien – damals eine hellenische Kolonie – eine Gemeinschaft mit sektenartigen Zügen. Die Religion der Pythagoreer war die Zahl. Sie war die kreative Kraft des Universums, Ausdruck einer göttlichen Harmonie und Schlüssel zum Verständnis der materiellen Welt. Die wichtigsten Zahlen waren die von 1 bis 4: 1 stand für den Punkt; 2, für die Linie, die Verbindung zweier Punkte; 3 für die Fläche, die sich aus der Verknüpfung dreier Punkte ergibt. Die 4 erhob das Dreieck zu räumlichen Figur des Tetraeders. Zusammen ergaben die ersten vier Zahlen die „vollkommene Zahl“ 10, Grundlage des Dezimalsystems. Auch die Musik war Teil dieser universellen, göttlichen Ordnung. Das Monochord, ein Instrument mit nur einer Saite, lieferte hierfür den Beweis: Teilte man die Saite im Verhältnis 2:1, entstand eine Oktave, der reinste Klang, den zwei Töne zusammen hervorbringen können. Das Verhältnis von 3:2 ergab eine Quinte, 4:3 eine Quarte. Die einfachen Zahlenverhältnisse schufen wundervolle Harmonien, je einfacher, desto schöner. Je komplizierter das Zahlenverhältnis jedoch, desto mehr versündigte man sich gegen das kosmische Prinzip. Das Verhältnis von 256:243 ergab eine kleine Sekunde, den geradezu schmerzlichen Halbtonschritt. Alles war Zahl und folgte göttlichen Gesetzen. Wir können uns daher die Verzweiflung der Pythagoreer vorstellen, als sie bei ihren Erkundungen auf Zahlen stießen, die sich nicht als Verhältnis natürlicher Zahlen darstellen lassen. Das kann – ausgerechnet – beim Satz des Pythagoras der Fall sein: Wenden wir a2 + b2 = c2 auf ein rechtwinkliges Dreieck an, bei dem die Seiten a und b jeweils die Länge von 1 haben, ist die längste Seite c, die Hypotenuse, dann definitionsgemäß die Wurzel aus 2 ( = 1,414213…). Diese Zahl lässt sich bis in die Unendlichkeit nachverfolgen, ohne dass jemals ein Muster erkennbar würde, die jeweils nächste Stelle ist vollkommen dem Zufall überlassen. Offenbar hatte die Zahlenfamilie mit den end- und musterlosen Brüchen, die sich nicht als Verhältnis, als Ratio, ausdrücken ließen, ein neues Mitglied bekommen: Die irrationalen Zahlen erweiterten das Zahlenheer zur Menge der reellen Zahlen (R). Die mächtigste aller Zahlen Bei aller Fortschrittlichkeit verfügte die antike griechische Mathematik nicht über einige der uns heute selbstverständlich erscheinenden zahlentheoretischen Konzepte. Negative Zahlen waren unbekannt, so dass rationale Zahlen lediglich Beziehungsverhältnisse natürlicher Zahlen darstellten. Noch im 3. nachchristlichen Jahrhundert hatte der griechische Mathematiker Diophantos von Alexandria die Gleichung 4x + 20 = 4, die mit x = - 4, eine Lösung hat, als absurd bezeichnet, während man in China zu dieser Zeit seit bereits mindestens 400 Jahren mit negativen Zahlen operierte. Zudem fehlte eine Zahl, die sich weder Griechen noch Chinesen vorzustellen vermochten: Die Null. Tatsächlich dauerte es eine ganze Weile, bis sich die Idee durchsetzen konnte, dass auch das Nichts eine mathematische Existenzberechtigung hat. Erstmals wurde die Null anfangs des 7. Jahrhunderts in einem Werk des indischen Mathematikers Brahmagupta beschrieben, sie ist damit eine erstaunlich junge Erfindung. Die Null ist eine Eingebung von genialer Einfachheit. Sie entsteht, wenn man eine Zahl von sich selbst abzieht. In gewisser Weise entpuppt sich dann die zahlgewordene Abwesenheit als die mächtigste Ziffer überhaupt: Nimmt man mit dem „Nichts“ mal, wird jede noch so große Zahl dadurch vollständig vernichtet. Heute wird die Null in der Regel der Familie der natürlichen Zahlen zugeordnet – zumindest besagen dies DIN-Norm 5473 und ISO-Standard 80000-2, allerdings ohne eine inhaltliche Begründung zu liefern. Jetzt wird es komplex! Dass auch die Menge der reellen Zahlen  noch nicht das Ende des Zahlenuniversums ist, offenbarte sich dann im 16. Jahrhundert. Der Umstand, dass minus mal minus plus ergibt (so wie eine doppelte Verneinung eine Bejahung ist), führt schon bei sehr einfachen Gleichungen wie x2 = -1 zu einem Problem, das sich mit reellen Zahlen nicht in den Griff bekommen lässt: Ganz gleich, ob man für x einen positiven oder negativen Wert einsetzt, das quadrierte Ergebnis wird immer eine positive Zahl sein. Dieses Dilemma brachte italienische Mathematiker der Renaissance auf die bemerkenswerte Idee, sich einfach eine Zahl vorzustellen, die die Quadratwurzel einer negativen Zahl repräsentiert. Die imaginäre Zahl „i“ ist ein Phantom, weder positiv noch negativ, doch sie weist den Weg aus der Zwickmühle. Die Menge aller imaginären Zahlen erweitert den Raum der reellen Zahlen  zur Menge der komplexen Zahlen (C) . Die Magie der Zahlen hatte damit ihre vorläufig letzte Ebene erklommen. Unser heutiges Zahlenverständnis ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung und in seinem aktuellen Umfang noch relativ jung. Von der bodenständigen Vorstellung natürlicher Zahlen ausgehend, führten arithmetische Operationen zu den immer abstrakter werdenden Konzepten von Negativität, Rationalität, Irrationalität und Komplexität. Wie lässt sich Mathematik am besten darstellen? Auch die Darstellung von Mathematik durchlief eine lange Entwicklung. Ägypter, Griechen und Römer verwendeten Additionssysteme, bei denen sich der Zahlenwert durch die Addition der einzelnen Ziffern ergibt. In dem bekannten römischen Additionssystem wird die Zahl 1777 als MDCCLXXVII dargestellt, wobei M für Tausend, D für fünfhundert, C für hundert, L für fünfzig, X für zehn, V für fünf und I für eins steht. Jede beliebige andere Anordnung der Zahlensymbole führt stets zum selben Ergebnis. Dass sich mit einem solchen System keine großen operativen Sprünge machen lassen, liegt allerdings auf der Hand. Wie bei der Null kam auch hier die Lösung aus Indien. Dort entwickelte sich etwa ab dem 5. Jahrhundert ein System, bei dem die Bedeutung einer Zahl von ihrer Position in der Ziffernfolge abhängt. Liegt einem solchen Stellenwertsystem das Dezimalsystem zugrunde, steht die letzte Stelle für die Zahlen von null bis neun, die vorletzte für die Zahlen von zehn bis neunundneunzig, die drittletzte für Zahlen zwischen einhundert und neunhundertneunundneunzig und so weiter. Bei 503 steht die „5“ also für 500, bei 305 aber nur für 5. Das Stellenwertsystem mit der Null ermöglichte den praktischen Umgang mit gewaltigen Zahlen und die schnelle Durchführung komplexer Rechenoperationen. Innerhalb von Sekunden ließen sich nun Milliardenbeträge addieren, obwohl ein Leben nicht ausreichen würde, bis zu dieser Summe zu zählen. Das Stellenwertsystem, die Null und die indischen Zahlensymbole gelangten erst am Ende des Mittelalters über arabische Händler nach Europa. In den aufstrebenden norditalienischen Handelsmetropolen wie Venedig, Florenz, Pisa und Genua, die ab dem 13. Jahrhundert die Neuzeit vorbereiteten, wurde das Potential des neuen indo-arabischen Systems rasch erkannt – dem aufblühenden Kreditwesen kam diese Magie der Zahlen jedenfalls wie gerufen... Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Martzloff, Jean-Claude (2007): „A History of Chinese Mathematics”, Springer. Beutelspacher, Albrecht (2010): „Kleines Mathematikum“, C.H. Beck. Courant, Richard / Robbins, Herbert (2010): „Was ist Mathematik?“, Springer. Arbonés, Javier / Milrud, Pablo (2018): „Die Mathematik der Musik“, Librero. Nieder, Andreas (2018): „Ein Sinn für das Nichts“ in: Gehirn und Geist 08.2018 S. 55-60. Bildnachweise: File:Arithmetic operations.svg - Wikimedia Commons File:01-Rechtwinkliges Dreieck-Pythagoras.svg - Wikimedia Commons Der fantastische Graf Zahl (Count Count): Sesamstraße - Äpfel Zählen - mit Graf Zahl und dem Krümelmonster (youtube.com)

  • Griechenland und Rom: Ein Sprint durch die Antike

    Fortsetzung von „Vom Anfang bis zum Beginn der Antike“ Das antike Griechenland entsteht Auf den Trümmern der mykenischen und minoischen Kultur errichten die Stämme der Ionier, Dorer, Äoler und Achäer zwischen 750 und 650 v. Chr. eine neue Zivilisation. Das archaische Griechenland unterscheidet sich von allen bisherigen Hochkulturen: Seine Bewohner möchte den Dingen auch jenseits mythisch-religiöser Erklärungen auf den Grund gehen. Das Denken in neuen Kategorien, wie Fakten, Ursachen und Wirkungen ist der Ursprung von Philosophie, Wissenschaft und moderner Mathematik. Die Griechen erschaffen kein großes Reich, sondern eine Vielzahl kleiner Stadtstaaten, die Poleis. Die wachsende Bevölkerung auf der Halbinsel erzeugt einen Migrationsdruck, der zunächst in Kleinasien, später überall im östlichen Mittelmeer sowie rund um das Schwarze Meer griechische Kolonien entstehen lässt. Über Seehandelsrouten bleiben Mutterland und Kolonisten wirtschaftlich und kulturell weiterhin verbunden. Das westliche Mittelmeer überlassen die Griechen weitgehend den Phöniziern, die ihr Machtzentrum inzwischen in das nordafrikanische Karthago verlegt haben. In den Poleis entwickelt sich ein bewegtes politisches Leben. In vielen Stadtstaaten vertreibt der Adel die alteingesessenen Könige und durchbricht damit erstmals das klassische Herrschaftsmodell der bisherigen Hochkulturen. Von nun an experimentieren die Poleis mit unterschiedlichsten Staatsformen: Monarchie, Aristokratie, Oligarchie, Tyrannei und Demokratie. Während in Sparta die Oberschicht fast ausschließlich aus Militärs besteht, deren wichtigste Aufgabe es ist, die Heloten, die halbversklavte Unterschicht kleinzuhalten, schlägt Athen einen anderen Weg ein. Die Staatsmänner Solon und Kleisthenes setzen im 6. vorchristlichen Jahrhundert eine Reihe von Reformen durch, die den Weg zu einer Demokratie ebnen, einem Modell, das auch nichtadligen freien Männern eine gesetzlich verbriefte Teilhabe an der Macht einräumt. Die Perserkriege Weiter östlich erschaffen unterdes die Perser ein Großreich. Ab 560 v. Chr. bringen sie innerhalb weniger Jahrzehnte ganz Mesopotamien, Kleinasien, Syrien, Phönizien, Palästina und Ägypten unter ihre Kontrolle. Als sie 539 v. Chr. die Babylonier unterwerfen, befreien sie auch eine große Anzahl Juden aus Gefangenschaft, die 60 Jahre zuvor nach Babylon verschleppt worden waren. Mit der Eroberung Kleinasiens geraten auch die griechischen Siedler an der Westküste unter die Herrschaft des Persischen Großreiches. Als im Jahr 500 v. Chr. Athen und einige weitere Städte einem Aufstand der kleinasiatischen Griechen gegen die neuen Machthaber zu Hilfe kommen, entschließt sich der persische König Dareios I, nun auch das griechische Mutterland seinem Machtbereich einzuverleiben. Doch die zahlenmäßig weit unterlegenen Griechen, angeführt von Athen und Sparta, besiegen die Perser überraschend in den Schlachten von Marathon (490 v. Chr.), Salamis (480 v. Chr.) und Plataiai (479 v. Chr.). Alexander der Große und die Zeit des Hellenismus Der militärische Erfolg der Hellenen legt die Grundlage für Blüte und Dominanz der griechischen Kultur im Mittelmeerraum. Athen erlebt ein goldenes Zeitalter. Perikles festigt um 450 v. Chr. die Demokratie des Stadtstaats und sichert dessen Vormachtstellung im Attischen Seebund mit den kleinasiatischen Poleis. Als die Athener ihre Hegemonie immer rücksichtsloser ausbauen, ruft dies den ehemaligen Verbündeten Sparta auf den Plan. In dem fast dreißig Jahre dauernden, äußerst brutal geführten Peloponnesischen Krieg besiegt Sparta 404 v. Chr. mit Hilfe von Theben und Korinth schließlich den Rivalen. Athen ist von nun an politisch bedeutungslos, doch es bleibt weiterhin Zentrum des kulturellen Lebens der antiken Welt. Während die griechischen Machtkämpfe – nun rivalisiert Theben mit Sparta – unbeirrt weitergehen, begründet Sokrates die klassische antike Philosophie, die Platon und Aristoteles bald darauf zu ihrem Höhepunkt führen werden. Zu dieser Zeit gelingt es Philip II von Makedonien die durch andauernde Kriegswirren geschwächten Stadtstaaten nach und nach zu unterwerfen und damit sein kleines, bis dahin völlig unbedeutendes Königreich am nördlichen Rand Griechenlands zur stärksten Macht auf der Halbinsel zu machen. Nachdem Philip einer Palastintrige zum Opfer fällt, folgt ihm sein Sohn Alexander (356-323 v. Chr.) auf den Thron. Der junge König tritt schon bald zu einem Feldzug gegen die Perser an. In einer historisch beispiellosen Kampagne unterwirft er mit seiner vergleichsweise kleinen Armee das riesige Nachbarreich. Alexander stirbt, nicht einmal 33-jährig in Babylon. Der Makedonier hat die hellenistische Kultur bis an den Indus getragen. Zu seiner Hinterlassenschaft zählt auch eine Reihe von Stadtgründungen, von denen sich das ägyptische Alexandria als die Bedeutsamste erweisen wird. Doch nach dem Tod des Eroberers vermag niemand das gigantische Imperium zusammenzuhalten. Alexanders Feldherren, die Diadochen, teilen nach ergebnislosem Machtkampf die Gebiete untereinander auf: Die Antigoniden herrschen über den größten Teil Griechenlands, die Seleukiden über die gigantische Landmasse zwischen Sinai und Afghanistan, die Ptolemäer über das reiche Ägypten. Es ist das große Zeitalter des Hellenismus. Die Strahlkraft der griechischen Zivilisation reicht von der Kyrenaika bis an den Hindukusch und von Nubien bis an die Küste der Provence. Seleukiden und Ptolemäer sehen sich allerdings gezwungen, orientalische Elemente in ihre Kultur aufzunehmen, um die Vormachstellung ihrer kleinen Herrscherelite zu sichern. Alexandria, die am Reisbrett entworfene Metropole am Rande des Nildeltas, wird innerhalb von 100 Jahren zu einer Weltstadt, ein Mikrokosmos der Antike in dem sich Griechen, Ägypter, Juden, Perser, Phönizier und Abessinier begegnen. Euklid wird hier die moderne Mathematik begründen und Eratosthenes die legendäre Bibliothek verwalten, die das Wissen der bekannten Welt unter ihrem Dach vereint. Ein kleines Dorf am Tiber Im Schatten der griechischen Kultur vollzieht sich, lange unbemerkt, der Aufstieg einer neuen Macht. Rom, der Legende nach 753 v. Chr. gegründet, wird sich im Laufe der Jahrhunderte vom Dorf zum Weltreich entwickeln. Die kleine Siedlung liegt an einer Handelsroute, die die nördlichen Nachbarn der Römer, die Etrusker, mit den griechischen Kolonien in Süditalien verbindet. Von den Etruskern übernehmen die Römer die solide Bauweise und die lateinische Schrift, eine Adaption des griechischen Alphabets. Ähnlich wie zuvor in Griechenland, stürzt um das Jahr 500 v. Chr. auch in Rom der einheimische Adel das Königtum. Rom wird eine Republik, ein Gemeinwesen, in dem zunächst adelige Patrizier-Clans über alle anderen Bürger, die Plebejer herrschen. In einem über 200-jährigen Kampf erstreiten sich die Plebejer nun nach und nach ihren Anteil an der Staatsführung. Die Punischen Kriege Anders als im chronisch instabilen Griechenland erweist sich das römische Herrschaftsmodell als so robust, dass es fast ein halbes Jahrtausend lang Bestand haben wird. Schritt für Schritt baut Rom seinen Einfluss aus, zunächst im griechisch dominierten Süden Italiens. Auf Sizilien kommt es erstmals zu einer Auseinandersetzung mit den Karthagern, der Großmacht des westlichen Mittelmeerraums. In den drei erbitterten Punischen Kriegen (264-146 v. Chr.), in denen der karthagische Feldherr Hannibal Barkas sie an den Rand einer Niederlage bringt, besiegen die Römer ihren Rivalen und löschen dessen Zivilisation mit beispielloser Grausamkeit vollständig aus. Als ewigen Fluch streuen die Sieger Salz auf die Felder der vernichteten Feinde. Die karthagischen Besitzungen auf Sizilien, in Nordafrika und Spanien werden römische Provinzen. Weitere Expansion Ab 200 v. Chr. expandiert Rom auch ins östliche Mittelmeer. Es verdrängt die Seleukiden aus weiten Teilen Kleinasiens und bricht die Vormachtstellung der Antigoniden, so dass bis 146 v. Chr., dem Jahr der Zerstörung Karthagos, auch ganz Griechenland unter römische Herrschaft gerät. Doch anders als die karthagische, wird die von den Eroberern bewunderte griechische Zivilisation verschont. Griechisch, das jeder gebildete Römer selbstverständlich beherrschen muss, wird nach Latein zur zweiten Verkehrssprache und trägt so die hellenische Kultur in alle Winkel des wachsenden Imperiums. Machtkämpfe und gesellschaftliche Verwerfungen Das zunehmend aggressive außenpolitische Auftreten Roms wird durch innenpolitische Strukturen begünstigt: Viele Anwärter auf das Konsulat wollen sich durch militärische Heldentaten für das Amt qualifizieren. Zudem bieten die unterworfenen Provinzen den Konsuln nach ihrer Amtszeit Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung, denn Rom zahlt seinen Spitzenfunktionären kein Gehalt. Weniger lukrativ sind die militärischen Abenteuer für die zahlreichen italienischen Kleinbauern. Sie sind einerseits das Rückgrat der römischen Ökonomie, müssen aber zugleich auch das Gros der als Bürgerarmee organisierten Legionen stellen. Durch die immer zahlreicheren kriegerischen Unternehmungen können sie ihre Höfe nicht mehr regelmäßig bewirtschaften; zudem kommt es durch die vielen Kriegsgefangenen aus den eroberten Territorien zu einer Sklavenschwemme. Die kleinen Landwirte können nicht mehr mit den auf billiger Sklavenarbeit beruhenden Latifundien konkurrieren und müssen ihr Land an Großgrundbesitzer verkaufen. Die verarmten Bauern ziehen in die Stadt, wo es aufgrund des Überangebots an Sklaven ebenfalls alles andere als leicht ist, Fuß zu fassen. Sie werden zu Proletariern, jenem rasch wachsenden Teil der Bevölkerung, die außer „proles“, Kindern, nichts besitzen. Der Stand der Plebejer ist damit in drei Unterschichten zerfallen: eine wohlhabende Elite, die auch zahlreiche Senatoren und Magistrate stellt, eine Mittelschicht aus Handwerkern und Händlern, sowie das Proletariat, die notleidende Kaste der zugezogenen Landbevölkerung. Bürgerkrieg Die sozialen Spannungen führen zur Entstehung zweier politischer Lager: Die Optimaten verteidigen den Status Quo. Sie vertreten die Interessen des konservativen Adels, der seine politischen Privilegien wahren möchte, während die Popularen, auch sie sind Adlige, die ärmere Bevölkerung für ihre Ziele einzuspannen sucht. Zwei Brüder, Tiberius und Gaius Gracchus, treiben um 133 v. Chr. Reformen voran, mit denen sie die Rolle der Volksversammlungen auf Kosten des Senats stärken, Staatsland an mittellose Plebejer verteilen und Getreidepreise regulieren möchten. Diese Bestrebungen führen zu Tiberius` Ermordung durch Senatoren der Optimatenfraktion; sein Bruder kann sich Jahre später seinen Verfolgern nur durch Selbstmord entziehen; mit den Brüdern sterben jeweils hunderte ihrer Anhänger. Diese Ereignisse sind der Auftakt zu einem hundertjährigen Bürgerkrieg. Einer der führenden Popularen, der erfolgreiche Feldherr und mehrfache Konsul Gaius Marius, ersetzt in einer großen Militärreform das Milizsystem durch ein Berufsheer, das nun vielen Proletariern eine Perspektive bietet. Attraktiv ist vor allem Marius‘ Versprechen, den Veteranen nach dem langjährigen Militärdienst eine Parzelle Land zu schenken. Andere Befehlshaber werden diesem Beispiel folgen und sich die Loyalität der Legionäre durch materielle Versprechen erkaufen. Faktisch entstehen dadurch Privatarmeen, die im Zweifelsfall nur noch ihren Generalen hörig sind. Auch der Feldherr Lucius Cornelius Sulla, Anführer der Optimaten, verfährt nach dieser Methode. Nach Marius‘ Tod marschiert er mit seiner Armee auf Rom, besiegt die Popularen, revidiert sämtliche Reformen und lässt sich 82 v. Chr. zum Diktator auf unbestimmte Zeit ernennen. Erneut kommt es zu Pogromen gegen die Popularen, die auf öffentlichen Listen für vogelfrei erklärt und zu Tausenden ermordet werden. Das Ende der Republik und Rückkehr der Monarchie 30 Jahre später wird Gaius Julius Cäsar, Spross einer alteingesessenen Patrizierfamilie, das Ende der Republik einleiten. Der erfolgreiche Feldherr unterwirft in einem äußerts brutalen Krieg das keltische Gallien und setzt sich anschließend in einem erbitterten Machtkampf gegen seinen Rivalen durch, den Feldherrn Gnaeus Pompeius Magnus, Eroberer von Syrien und Palästina. Um seine Machtposition weiter zu festigen, lässt Cäsar sich 44 v. Chr. durch den Senat zum Diktator auf Lebenszeit ernennen. Als daraufhin das Gerücht umgeht, dass er auch die Königswürde anstrebe, verschwören sich republikanisch gesinnte Senatoren gegen Cäsar und ermorden ihn. Doch die Republik ist nicht mehr zu retten: Die römische Aristokratie hat sich als unfähig erwiesen, ihre internen Konflikte sinnvoll beizulegen. Im Machtkampf um Cäsars Erbe setzt sich sein Adoptivsohn Gaius Octavius durch, der später den Ehrentitel „Augustus“, „der Erhabene“ erhalten wird. Mit Augustus beginnt die römische Kaiserzeit, eine faktische Rückkehr zur Monarchie. Unter seiner 40-jährigen Regentschaft stabilisiert sich die innere Lage des Reiches wieder, während nach außen mehrere Vorstöße scheitern, auch das nördliche Germanien dem römischen Machtbereich einzuverleiben. Unter Augustus‘ Nachfolgern wächst das Imperium weiter, bis es im Jahre 117 n. Chr. unter Trajan seine größte Ausdehnung erreicht: Rom herrscht nun von Schottland bis an den Persischen Golf. Modern Times Die Stadt Rom selbst wird zur wohl ersten Millionenstadt der Menschheitsgeschichte: Eine Metropole mit Zentralheizungen, Kanalisation und gigantischen öffentlichen Bädern aber auch Müllbergen, Immobilienspekulation, Mietwucher, prekären Wohnverhältnissen, Verkehrschaos, Straßenkriminalität und krassen sozialen Gegensätzen. Im Jahre 212 erhalten alle freien Untertanen des Reichs von Kaiser Caracalla das römische Bürgerrecht. Der Kaiser selbst symbolisiert das kosmopolitische Imperium: in Gallien geboren, stammt sein Vater aus Nordafrika, seine Mutter aus Syrien. Eine neue Religion setzt sich durch Während der Herrschaft des Augustus wird in Palästina ein Mann geboren, der rund 30 Jahre später für kurze Zeit als Wanderprediger auftritt. Da er die Autorität der jüdischen Priester infrage stellt und sich selbst als „König der Juden“ bezeichnet, klagt ihn die römische Besatzungsmacht des Aufruhrs und der Majestätsbeleidigung an und lässt ihn kreuzigen. Mit Sokrates und Jesus haben zwei todesmutige Dissidenten die beiden großen abendländischen Traditionslinien begründet, die die europäische Kultur bis heute entscheidend prägen. Weder der griechische noch der jüdische Aufrührer haben uns bekannte schriftliche Zeugnisse hinterlassen; ihre Lehren werden allein durch die Aufzeichnungen ihrer Anhänger überliefert. Im Falle Jesu ist dies insbesondere der Missionar Paulus von Tarsus. Als gebildeter, griechisch sprechender Jude und römischer Bürger prägt er die christliche Lehre entscheidend, öffnet sie gegenüber Nichtjuden und legt damit die Grundlage für ihre rasche Verbreitung im griechisch-römischen Kulturraum.Das jüdische Volk wird nach mehreren Aufständen gegen die Besatzungsmacht im 1. Und 2. Jahrhundert von den Römern aus Judäa vertrieben und zerstreut sich innerhalb des Imperiums. Während im Römischen Reich bisher verschiedene Kulte weitgehend friedlich nebeneinander existierten, tritt das Christentum nun sehr bestimmt und erfolgreich mit einem bis dahin unbekannten Alleinvertretungsanspruch für die Wahrheit auf. Als Kaiser Konstantin 313 allgemeine Religionsfreiheit verkündet, gibt dies den zuvor verfolgten Christen weiter Auftrieb; unter Kaiser Theodosius wird ihr Bekenntnis 380 schließlich zur Staatsreligion. Nach Theodosius‘ Tod 395 teilen seine beiden Söhne das Imperium endgültig in ein westliches und ein östliches Reich. Zu dieser Zeit hat Rom seinen Zenit bereits seit langem überschritten. Das Weströmische Reich wird schon bald darauf unter dem Ansturm germanischer Stämme zusammenbrechen. Odoaker, ein in römischen Diensten stehender germanischer Heerführer setzt sich an die Spitze meuternder barbarischer Truppen und beendet 476 die Herrschaft des minderjährigen Romulus Augustulus. Dass der letzte Kaiser denselben Namen trägt wie der legendäre Begründer der Stadt, ist eine Ironie der Geschichte. Byzanz, das griechisch geprägte Ost-Reich, mit seiner Hauptstadt Konstantinopel, wird hingegen noch fast 1.000 Jahre weiterbestehen. Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Beard, Mary (2016): SPQR: Die tausendjährige Geschichte Roms, S. Fischer Dahlheim, Werner (2014) „Die Welt zur Zeit Jesu”, Beck. Burbank, Jane / Cooper, Frederick (2012): „Imperien der Weltgeschichte. Das Repertoire der Macht von alten Rom und China bis heute“, Campus. Bildnachweis: Roman provinces trajan 2 - Römisches Reich – Wikipedia

  • Adam Smith und die Entdeckung der unsichtbaren Hand

    Fortsetzung von "Alles über Geld" Wirtschaft als Kreislauf Der französische Wundarzt François Quesnay (1694-1774) vertrat fortschrittliche Ansichten. Der Leibarzt der königlichen Mätresse Madame de Pompadour sprach sich als einer der ersten vehement gegen den damals üblichen Aderlass aus. Quesnays Renommee veranlasste seinen Freund Jean Le Rond d’Alembert (1717-1783) im Jahre 1756 zu der Bitte, eine Reihe von Artikeln zu seinem ambitionierten Enzyklopädie-Projekt beizusteuern. Bis heute bleibt unklar, warum Quesnay neben medizinischen Themen auch über Landwirtschaft und Ökonomie schrieb; möglicherweise hatte ihn der menschliche Blutkreislauf dazu inspiriert, die erste geschlossene Wirtschaftstheorie der Neuzeit aufzustellen. Tatsächlich hatte sich seit Aristoteles praktisch niemand mehr wissenschaftlich mit ökonomischen Fragen auseinandergesetzt. Zwar gab es mit dem in der Spätrenaissance entstandenen Merkantilismus so etwas wie eine wirtschaftliche Lehrmeinung, doch die Empfehlung, staatliche Manufakturen einerseits zu fördern und andererseits durch Zölle vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, war nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern vielmehr an den Interessen des herrschenden Adels ausgerichtet. Quesnay war der Erste, der darüber nachdachte, was mit dem Geld, das ein Käufer für ein Gut hergibt, eigentlich geschieht. Die Ausgabe des Käufers ist die Einnahme des Verkäufers. Dieser hat dadurch die Möglichkeit seinerseits Ausgaben zu tätigen. Quesnay spürte dem Geldfluss nach und erkannte, dass es sich dabei, ähnlich der Blutzirkulation, um eine Kreislaufbewegung handelt: Güter werden hergestellt, verteilt und verbraucht. Mit dem Geld für die verbrauchten Güter werden neue Güter hergestellt. Für jeden Abschnitt des Kreislaufs ist eine gesellschaftliche Klasse zuständig. Produktiv sind dabei allein die Bauern. Sie stellen die landwirtschaftlichen Güter her und erwirtschaften nach Verbrauch ihres Eigenbedarfs einen Überschuss. Gewerbe und Handel verarbeiten den Überschuss weiter und verteilen ihn. In Quesnays Augen war dies kein wesentlicher Beitrag zur Erhaltung des Kreislaufs, so dass er Gewerbetreibende und Händler als „sterile Klasse“ bezeichnete. Grundeigentümer – Adel und Klerus – sind, als dritte Klasse, schließlich einerseits als Verpächter für die Verteilung des Bodens zuständig und andererseits als Konsumenten diejenigen, die den von den Landwirten erzeugten und durch Händler verteilten Überschuss verbrauchen. Den kurzen Aufsatz „Tableau économique“, in dem Quesnay seine Gedanken 1758 zusammenfasste, wird Karl Marx später als „höchst genialen Einfall“ bezeichnen. Ein Schotte in Frankreich Quesnay hatte damit die Physiokratie begründet, eine neue ökonomische Denkschule, die die bis dahin dominierenden merkantilistischen Dogmen schon bald verdrängen sollte. Die noch junge Disziplin erlebte einen beachtlichen Zulauf, ihre Thesen fanden selbst beim König Gehör. Die Anhänger kamen im Salon des Grafen Mirabeau zusammen, um dort eifrig die neuen Ideen zu diskutieren. 1764 gesellte sich zu dem Kreis zeitweise auch ein aufmerksamer Gast aus Schottland. Der Moralphilosoph Adam Smith gilt heute neben seinem engen Freund David Hume, als der wichtigste Vertreter der schottischen Aufklärung. Die theoretischen Fragen, mit denen sich Smith während seines Frankreichaufenthalts konfrontiert sah, sollten ihn auch nach seiner Rückkehr auf die britischen Inseln nicht mehr loslassen. Smiths Persönlichkeit entsprach ganz und gar dem Klischee des schrulligen, zerstreuten Professors, der stundenlang umherging und dabei Selbstgespräche führte. Zeitlebens veröffentlichte er nur zwei Bücher – alle unfertigen Schriften ließ er kurz vor seinem Tod verbrennen. Doch das Wenige, das er drucken ließ, sollte Geschichte schreiben. 1776, dem Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, erschien „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ – „Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“. Hinsichtlich seines Einflusses ist dieses Werk mit Newtons „Principia Mathematica“ und Darwins „Entstehung der Arten“ vergleichbar. Der „Wohlstand der Nationen“ ist ein leidenschaftliches Manifest des wirtschaftlichen Liberalismus und zugleich Ursprung einer Reihe völlig neuer Gedanken, mit denen Smith die Nationalökonomie als eigene, moderne Wissenschaft begründet. Im Zentrum stehen vier Fragen: Wie kommt eine Nation zu Wohlstand? Was ist der Wert eines Guts? Unter welchen Voraussetzungen funktionieren Märkte? Welche Rolle spielt dabei der Staat? Das Wunder der Arbeitsteilung Smith erkennt die zentrale Quelle des Wohlstands in der Arbeitsteilung. Sie fördert Spezialisierung und entfesselt dadurch eine ungeheure Produktivität. Mit seinem berühmt gewordenen Beispiel einer kleinen Stecknadelmanufaktur illustriert der Ökonom, was dies praktisch bedeutet: Der Herstellungsprozess ist in 18 einzelne Arbeitsschritte aufgeteilt wie Draht ziehen, Draht schneiden, Draht anspitzen; jeder Vorgang wird von einem dafür spezialisierten Arbeiter ausgeführt. Smith rechnet vor, dass ein einzelner Arbeiter allein „sicherlich keine zwanzig Nadeln […] am Tag herstellen“ könnte. Die Arbeitsteilung aber ermöglicht einen Pro-Kopf-Ausstoß von 4.800 Nadeln, eine Steigerung um das 240-fache. Karl Marx wird später in diesem Phänomen keinen Segen, sondern einen Fluch sehen. Smith seziert die ökonomischen Grundlagen einer Gesellschaft, die bereits Massenmärkte kennt. Nur hier können die Vorteile der Arbeitsteilung im großen Stil ausgespielt werden. Das Gold einer Nation ist nicht, wie die Spanier glaubten, ihr Vorrat an Edelmetallen, sondern Fleiß, Arbeitsorganisation und der Erfindungsreichtum seiner Bewohner. Reichtum ist keine Ursache, sondern eine Wirkung. Man wird nicht reich, indem man anderen etwas vom Kuchen wegnimmt, sondern indem man den Kuchen größer macht. Der Staat soll sich raushalten Damit sich Produktivität und Wohlstand entfalten können, darf der Warenaustausch nicht durch Unsicherheit, Zölle, Steuern und Abgaben behindert werden. Die Menschen müssen frei agieren können. Der Staat soll sich daher darauf beschränken, die hierfür notwendige Sicherheit zu gewährleisten. Feudalistische Systeme, die die Freiheit der Menschen einschränken, können keinen Wohlstand schaffen. Da es die Feudalherren den Bauern nicht erlauben, die Früchte ihrer Arbeit selbst zu genießen, haben diese auch keinen Anreiz, über das Notwendigste hinaus produktiv zu sein. Wie sehr die Freiheit die menschliche Tatkraft entfesselt, zeigt sich für Smith daher insbesondere in den Städten, wo die Menschen weniger Beschränkungen unterliegen und so auch mehr Wohlstand schaffen. Anders als bei den Physiokraten sind für den schottischen Moralphilosophen nicht nur die Landwirte produktiv: Auch Gewerbetreibende und Händler sind keineswegs steril. Smith erkennt, dass die Bedeutung der Landwirtschaft in entwickelten Staaten sogar tendenziell abnimmt und vor allem Gewerbe und Handel – insbesondere der Außenhandel – zum Wohlstand beitragen. Was ist etwas wert? Die nächste Frage, der sich Smith zuwendet, ist die nach dem Wert der Dinge. Nach seiner Überzeugung wird dieser Wert durch den Betrag an Arbeit bestimmt, der in das Gut hineingesteckt wurde. Wenn ein Jäger doppelt so lange braucht, einen Biber zu erlegen, wie einen Hirschen, ist ein Biber zwei Hirsche wert. Allerdings kann dieser wahre Preis nicht immer auch am Markt erzielt werden. Der Anbieter muss sein Gut möglicherweise unter dem echten Arbeitswert verkaufen, denn ein großes Angebot lässt die Preise sinken. Nur wenn sich Angebot und Nachfrage die Waage halten, wird der dem Arbeitswert entsprechende natürliche Preis auch vergolten. Die Entdeckung der unsichtbaren Hand Doch wie finden Angebot und Nachfrage zueinander? Was ermöglicht, dass Millionen von Menschen tatsächlich immer auch die Güter finden, die sie suchen, noch dazu in den richtigen Mengen? Smith gibt eine verblüffend einfache Antwort: Das Wunder erklärt sich allein aus dem menschlichen Streben nach Eigennutz! In einem anarchischen System, in dem jeder immer nur bis zu seiner Nasenspitze denkt, entsteht auf geheimnisvolle Art und Weise eine Ordnung. Für diese ordnende Macht prägt Smith die wohl bekannteste Metapher der Wirtschaftsgeschichte: Die Märkte werden von einer „unsichtbaren Hand“ regiert. Diese Vorstellung ist das Urdogma“ des Kapitalismus, sein ökonomisches Glaubensbekenntnis. Der Metzger, der Brauer, der Bäcker sind nicht um unser Abendessen besorgt, sondern denken nur an ihren eigenen Vorteil.[i] Ihr Egoismus bewirkt das Mysterium funktionierender Märkte. Denkt jeder an sich, ist an alle gedacht. Staatliche Eingriffe würden nur Sand ins Getriebe dieser wunderbaren Maschine streuen. Smiths Argumentation ist zutiefst aufklärerisch: Das Individuum, das seine eigenen Interessen verfolgt, fördert das Wohl der ganzen Nation besser, als irgendein planvolles oder moralisches Handeln es jemals könnte. Weder Gott noch die Obrigkeit sollen dem Einzelnen vorschreiben, was er zu tun hat. Indem er den Gedanken des politischen Liberalismus auf die Wirtschaft überträgt, wird der Philosoph Smith zum ersten modernen Ökonomen und Theoretiker der freien Marktwirtschaft: „Es ist wenig mehr verlangt, um einen Staat von der tiefsten Barbarei zum höchsten Grad des Wohlstands zu führen, als Frieden, tiefe Steuern und eine erträgliche Rechtsprechung; der Rest wird durch die natürliche Entwicklung herbeigeführt“ Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Smith, Adam (2003): „Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“, dtv. [i] Smith bezieht hier eine ganz andere Position als Kant, dessen kategorischer Imperativ den Egoismus als ein wenig durchdachtes Konzept erscheinen lässt.

  • Eine (sehr) kurze Geschichte des Universums

    Im Anfang… Mitte der 1920er Jahre hatte der amerikanische Astronom Edwin Hubble entdeckt, dass das Universum nicht nur aus der Milchstraße, sondern aus unzähligen weiteren Galaxien besteht, die sich alle mit rasender Geschwindigkeit voneinander entfernen. Die Welt war nicht, wie alle bisher geglaubt hatten, statisch, sie strebte vielmehr mit Macht auseinander. Ein katholischer Priester aus Belgien, Georges Lemaître, zog 1927 als Erster daraus einen logischen Schluss: Wenn das Universum regelrecht in alle Richtungen explodiert, kann man auf dem Zeitpfeil zurückgehen bis zu Anfang und Ausgangspunkt der Fluchtbewegung. Dies war der Moment, in dem die Welt und ihre Gesetze entstanden sein mussten. Geburt der Physik Was vor diesem Anfang war, werden wir nie wissen. Denn Materie, Zeit und Raum, in denen die uns bekannten physikalischen Kräfte ihre Wirkung entfalten konnten und die unser Universum bestimmen, gab es noch nicht. Unsere Welt entstand erst im Moment des Urknalls. Dass die katholische Kirche die Urknalltheorie bereits 1951 anerkannte – die herrschende physikalische Meinung schloss sich dieser Auffassung erst 1964 an – war nur konsequent: Aus ihrer Sicht ließ sich der Big Bang als singulärer, göttlicher Schöpfungsakt deuten; religiöse und materialistische Weltbilder konnten so widerspruchsfrei miteinander verbunden werden. Nach unserem heutigen Wissen liegt dieses Ursprungsereignis 13,8 Milliarden Jahre zurück. In einem unvorstellbar kurzen Zeitraum entstanden die vier Grundkräfte der Physik und begannen sofort miteinander in Wechselwirkung zu treten. Elementarteilchen entstanden, danach Wasserstoff- und Heliumatome und schließlich Sonnen. Die Sterne erbrüteten nach und nach immer schwerere Elemente. Als sie am Ende ihrer Brenndauer in gigantischen Supernovae vergingen, schleuderten sie ihre Kinder in die Weiten des Raums. Geburt der Chemie Unter dem Einfluss der Gravitation begann der Sternenstaub eine neue Generation von Sonnen zu umkreisen und sich dabei mehr und mehr zusammenzuballen. Einer jener zahllosen Sterne, um die herum sich diese Entwicklung vollzog, ist unsere Sonne. In ihrem Gravitationsfeld ließ die Schwerkraft eine kleine Zahl von Gas- und Gesteinskugeln entstehen – ein Planetensystem war geboren! Den von der Sonne aus gesehen dritten Planeten, der sich vor 4,5 Milliarden Jahren langsam geformt hatte, bezeichnen wir heute als unsere Erde. Nachdem über hunderte von Jahrmillionen hinweg vor allem die Gravitation das Schicksal der Erde bestimmt hatte, trat nun die elektromagnetische Grundkraft in den Vordergrund und setzte eine chemische Evolution in Gang. Die Voraussetzungen, die unser kleiner Gesteinsplanet hierfür mitbrachte, hätten besser nicht sein können: Moderate, relativ konstante Temperaturen und Unmengen von Wasser, in dem zahlreiche Sauerstoff-, Stickstoff-, Phosphor- Schwefel- und vor allem Kohlenstoffatome gelöst waren. Diese Elemente konnten nun miteinander zahlreiche chemische Verbindungen eingehen. Beginn des Evolutions-Roulettes Aus den langkettigen organischen Verbindungen, die der Kohlenstoff mit anderen, vor allem nichtmetallischen Elementen einging, entstand vor etwa 3,8 Milliarden Jahren erstmals Leben. Bis heute wissen wir nicht, wie dies genau geschah. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber stammen die Abermillionen Spielarten des Lebendigen, die heute unseren kleinen Heimatplaneten bevölkern, von einer einzigen Urzelle ab – wir Menschen selbstverständlich eingeschlossen. Den Mechanismus, der zu der beeindruckenden Artenvielfalt führte, hat Charles Darwin 1859 erstmals umfassend beschrieben: Fast unmerkliche Unterschiede, die unter den Angehörigen einer Art bestehen, führen über kurz oder lang zur Entstehung neuer Spezies, sofern sich die marginalen Abweichungen unter bestimmten Umwelteinflüssen als vorteilhaft erweisen. So entstanden nach und nach Kolibakterien, Kapuzinerkresse, Kakerlaken, Karpfen, Käfer, Kolibris, Kängurus und Kamele. Mit der kambrischen Explosion, die vor 450 Millionen Jahren ihren Anfang nahm, hat sich diese Entwicklung exponentiell beschleunigt. Die jüngste und vielleicht merkwürdigste Errungenschaft der Evolution ist ein nackter Affe, taxonomische Bezeichnung „Homo sapiens“, dessen einzigartige evolutionäre Strategie wir als Bewusstsein bezeichnen. Mehr dazu im nächsten Blog. Das Universum wird sterben Ob sich das Bewusstsein auf Dauer als überlegene Strategie etablieren wird, muss sich erst noch erweisen. Die Zukunft der Menschheit ist diesbezüglich, wie die jeder anderen Art auf der Erde, ungewiss. Fest steht lediglich, dass die Geschichte, die vor 13,8 Milliarden Jahren begann, zwar noch lange weitergehen wird, aber nach allem, was uns die Gesetze der Physik lehren, in einer fernen Zukunft auch einmal enden werden. Die Entstehung der Welt, ihr Werdegang und ihr Schicksal sind die Themen, denen wir uns in den folgenden Blogs der Kategorie „Geschichte des Universums“, noch eingehender widmen werden. Weiterführende Literatur: Hawking, Stephen (1988): „Eine kurze Geschichte der Zeit“, Rowohlt

  • Machiavelli, Morus und Hobbes begründen die politische Philosophie der Neuzeit

    Fortsetzung von „Wer soll herrschen?“ Neubegründung der politischen Philosophie Als Begründer der modernen politischen Philosophie gilt der Florentiner Niccolò Machiavelli (1469-1527). In seiner um 1513 verfassten Schrift „Il Principe“ – „Der Fürst“ sucht Machiavelli, ganz im Sinne des pragmatischen neuzeitlichen Denkens jenseits antiker und mittelalterlich-christlicher Vorbilder, nach einem empirischen Fundament und Regeln, mit denen sich die Ursachen des Erfolgs eines Herrschers beschreiben lassen. Vor dem Hintergrund der chaotischen Verhältnisse in seinem Heimatland, in dem italienische Stadtstaaten, Spanier, Deutsche und Franzosen um die Vorherrschaft kämpfen, erstellt der Philosoph und Diplomat einen praktischen Leitfaden, wahrscheinlich, um sich bei Lorenzo de‘ Medici, einem skrupellosen Renaissancefürsten und Machtpolitiker, als Berater zu empfehlen. „Der Fürst“: Leitfaden für Autokraten „Der Fürst“ ist deshalb von großer ideengeschichtlicher Bedeutung, weil hier erstmals keine moralischen Forderungen aufgestellt, sondern allein nüchtern und ungeschminkt die Gesetze des Machterhalts analysiert und beschrieben werden. Der Herrscher erhält konkrete Handlungsanweisungen, wie er seine Interessen am besten durchsetzen kann. Oberstes Gebot ist es, nicht gehasst oder verachtet zu werden. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil dies die Machtstellung des Souveräns untergräbt, was früher oder später zu seinem Niedergang führen würde. Hass entsteht, wenn sich der Machthaber an den Gütern seiner Bürger bereichert. Verachtung schlägt ihm entgegen, wenn ihn seine Untergebenen als schwach, unschlüssig, feige oder arm wahrnehmen. Ziel des Herrschers muss es daher sein, Liebe und Furcht zu erzeugen. Grundsätzlich soll beides angestrebt werden, im Konfliktfall aber ist der Furcht der Vorzug zu geben, denn diese kann der Herrscher selbst erzeugen, während die Liebe von den wechselnden Launen seiner oft undankbaren Untertanen abhängt. Mittel zur Durchsetzung dieser Ziele sind Milde und Grausamkeit. Machiavelli rät davon ab, zur Erzeugung von Furcht mit kleinen Grausamkeiten zu beginnen und diese erst danach zu steigern. Ein solches Vorgehen bietet starken Gegnern die Möglichkeit zu entkommen und Rache zu üben. Daher sollten Grausamkeiten von Anfang an mit voller Härte erfolgen, um die Gegner mit einem Schlag zu eliminieren, so dass möglichst rasch wieder Milde walten kann. Der Machtmensch muss stets auf der Hut sein, dass Furcht nicht in Hass und Liebe nicht in Verachtung umschlagen. Machiavelli empfiehlt daher Grausamkeiten durch Stellvertreter verrichten zu lassen, Gnadenerlasse und andere Wohltaten aber selbst zu vollziehen. Der Fürst darf sich auch nicht auf fremde Söldnerheere verlassen, sondern muss eigene Truppen aufstellen, auf deren Loyalität er eher zählen kann. Die Vasallen sollen großzügig mit Wohltaten bedacht werden, sofern diese mit eroberten Gütern erbracht werden können; seine eigenen Mittel aber muss er unbedingt schonen, da sie die Grundlage seines Machterhalts sind. Es ist vollkommen legitim, sich moralisch und tugendhaft zu geben, sein Wort aber skrupellos zu brechen, wenn dies dem eigenen Vorteil nützt. Verhalten orientiert sich bei Machiavelli nicht an moralischen Kategorien, sondern einzig und allein an der Frage, ob es dem Machterhalt dienlich ist. Stets geht es darum, die Situation zu kontrollieren, um sich nicht auf sein Glück verlassen zu müssen. Ein Wegbereiter der Soziologie Machiavellis machtbewusster Mensch überlässt sein Schicksal also nicht Gott, sondern nimmt es selbst in die Hand; er versucht soziale Spielregeln und geschichtliche Gesetzmäßigkeiten zu verstehen und für den eigenen Vorteil zu nutzen. Der Tabubruch, den Machiavelli mit der Abwendung von der bisherigen Ethik beging, provoziert bis heute heftige Anfeindungen, macht ihn aber auch zum ersten bedeutenden Philosophen der Neuzeit überhaupt und zu einem gedanklichen Wegbereiter der Soziologie. Utopia Wie Machiavelli war auch der Engländer Thomas Morus (1478-1535) Berufspolitiker und auch sein Werk ist von den politischen Wirren seiner Zeit geprägt. (Diese Wirren sollten Morus, der unter Heinrich VIII Lordkanzler war, selbst zum Verhängnis werden: Als er sich weigerte, den Eid auf das neue Thronfolgegesetz zu leisten, ließ der König ihn wegen Hochverrats hinrichten.) 1516, nur wenige Jahre nachdem Machiavelli seine Gedanken zu Papier gebracht hatte, veröffentlichte Morus ein Buch, das Literaturgeschichte schreiben sollte. Seine staatsphilosophischen Überlegungen kleidete er in die Form einer Erzählung, die namensgebend für das neue Genre des utopischen Romans wurde und zahlreiche weitere Literaten inspirieren sollte. „Utopia“ beschreibt zunächst sehr kritisch die bestehenden Verhältnisse im damaligen England, um anschließend in der Tradition der platonischen Staatsutopie das Bild eines idealen Gesellschaftsmodells jenseits religiöser Visionen zu entwerfen. Die Menschen auf der Insel Utopia leben in einer streng patriarchisch und hierarchisch organisierten Gemeinschaft, die dennoch tolerant und sozial durchlässig ist. Die Utopier kennen weder Geld noch Privateigentum. Es herrscht eine allgemeine Arbeitspflicht zugunsten des Kollektivs, die aber auf sechs Stunden am Tag beschränkt ist und allen genug Zeit lässt, persönlichen Interessen nachzugehen – das heißt insbesondere, sich in öffentlichen Vorlesungen laufend fortzubilden. Diebe werden nicht wie in England mit dem Tode bestraft, sondern müssen für die Gemeinschaft Zwangsarbeit verrichten, um danach wieder ein nützliches Mitglied des Kollektivs werden zu können. Die Utopier führen nicht selbst Krieg, sondern delegieren diese Aufgabe an Söldnerheere, die sie mit ihren gemeinsam erwirtschafteten Mitteln bezahlen. Ein fiktiver Vertrag Machiavellis und Morus‘ Werke entstanden in Zeiten sozialer Umbrüche und spiegeln die Verhältnisse der höchst instabilen frühen Renaissancestaaten wider. Rund 130 Jahre später haben sich die politischen Verhältnisse in vielen westeuropäischen Ländern gefestigt, meist in Form von absolutistischen Monarchien, aber auch einigen wenigen Republiken. Zu dieser Zeit entsteht die erste bedeutsame neuzeitliche Staatstheorie. Wie Platon, Machiavelli und Morus ist auch Thomas Hobbes (1588-1679) tief von persönlichen Erfahrungen geprägt: In einem zwölfjährigen grausamen Bürgerkrieg bekämpfen sich in England republikanische Kräfte unter Oliver Cromwell und die Anhänger des Königs Karl I; die staatliche Ordnung ist darüber zusammengebrochen, in weiten Teilen des Landes herrschen chaotische Zustände. Wie René Descartes – die beiden begegnen sich 1648 in Paris – ist auch Hobbes als früher Aufklärer auf der Suche nach Letztbegründungen. Er geht der Frage nach, warum es überhaupt eine staatliche Ordnung geben soll. Seine Gedanken hierzu legt Hobbes 1651 im „Leviathan“ dar. Das Buch beginnt mit einer wenig schmeichelhaften Untersuchung der menschlichen Natur: Ohne staatliche Ordnung lebt der Mensch in einem Naturzustand, der alles andere als idyllisch ist und der das Schlechte im Menschen hervorkehrt. Es herrscht ein „Krieg aller gegen alle“. „Das menschliche Leben [wird dadurch] einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz.“Jeder ist sich selbst der Nächste, das Handeln zeichnet sich durch Gewaltbereitschaft, Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht aus. Ursache sind ein Selbsterhaltungs- und Machttrieb. In einer Gesellschaft, in der jeder jederzeit mit seinem gewaltsamen Tod rechnen muss, verleiht Macht über andere Stärke und Sicherheit. Ein friedliches Zusammenleben aber ist unter diesen Bedingungen unmöglich. Doch genauso wie der Mensch als vernunftbegabtes Wesen seinen Verstand benutzen kann, sich gegenseitig umzubringen, kann er ihn auch einsetzen, ein einträchtiges Miteinander zu organisieren. Hobbes führt an dieser Stelle ein gedankliches Konstrukt ein, das eine beachtliche ideengeschichtliche Wirkung entfalten sollte: Um den unseligen Naturzustand zu überwinden, schließen alle Menschen untereinander einen Vertrag, in dem sie sich einigen, ihre Macht an einen Souverän abzutreten. Die Unterwerfung unter eine zentrale Instanz ist im allseitigen Interesse, denn die verbindliche Festlegung allgemeiner Rechte und Pflichten beendet die primitive und gefährliche Ausgangslage. Der Staat aber wird durch die Übertragung aller individueller Gewalt gleichsam zu einem allmächtigen Organismus. Hobbes benutzt die Metapher des Leviathans, einem schrecklichen Meeresungeheuer der biblischen Mythologie. Der Leviathan ist der absolutistische Staat. Er verfügt über eine fast unbeschränkte Machtfülle; keine Kontrollinstanz, kein Gesetz schränkt seine Autorität ein. Das mächtige Monsters ist ein notwendiges Übel, um den schrecklichen Naturzustand zu überwinden. Der Gesellschaftsvertrag, den alle Untertanen sowohl untereinander als auch mit dem Souverän abschließen, ermächtigt diesen im Interesse aller, die nötige allgemeine Sicherheit herzustellen. Hobbes‘ Gedankenexperiment fordert uns auf, den Staat so zu betrachten, als ob seine Bürger allesamt diesen fiktiven Vertrag tatsächlich abgeschlossen hätten. Ein freundliches Monster Erst die Machtfülle des Leviathans ermöglicht Freiheit, Wohlstand und Selbstentfaltung für alle; nur eine staatliche Ordnung kann garantieren, dass jeder die Früchte seines Tuns auch ernten kann, nur so können Wirtschaft und Kultur zum Wohle aller blühen. Für Hobbes – ungewöhnlich für einen Philosophen – steht die Autorität des Staates sogar über der Wahrheit, in deren Namen nur unsägliche Kriege geführt werden. Hobbes Leviathan ist das elementare Werk der politischen Philosophie der Neuzeit und bis heute eines der bedeutsamsten Werke der modernen Staatstheorie. Er enthält eine Fülle neuer Gedanken, auf denen zahlreiche Philosophen, Soziologen und Politikwissenschaftler in den folgenden Jahrhunderten aufbauen werden. Der Leviathan führt das Gedankenexperiment der Vertragstheorie ein, liefert eine Letztbegründung für die Existenz von Staaten und eine moralische Rechtfertigung des Absolutismus. Zudem vollzieht er eine radikale Perspektivenumkehr: Politische Fragen werden in der Aufklärung nicht mehr aus Sicht des Kollektivs, sondern vom Individuum her gedacht. Während in Antike und Mittelalter das Gemeinwesen dem Individuum seinen Platz zuweist, ist die neuzeitliche Sicht die, einer Vereinigung von Einzelpersonen, die freiwillig dem Staat einen wichtigen Teil ihrer Freiheit übertragen, um dadurch selbst mehr Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten zu erlangen. Hobbes erklärt Freiheit und Gleichheit zu grundlegenden, unveräußerlichen Rechten eines jeden Menschen. Sie sind die Pole des Spannungsfelds, das das politische Denken in der westlichen Welt fortan bestimmen wird. Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Machiavelli, Niccolò (1990): „Der Fürst“, Insel. Hobbes, Thomas (1996): „Leviathan“, Meiner. Locke John (1974) „Zwei Abhandlungen über die Regierung“, Reclam. Bildnachweis: Italy 1494 de - Italienische Kriege – Wikipedia

  • Die Ursprünge der modernen Chemie

    Fortsetzung von "Was ist Chemie?" Tod eines Naturphilosophen Der Delinquent war ein Privilegierter des Ancien Régime. Als Steuerpächter war er reich geworden und hatte so den Unmut der französischen Revolutionsregierung auf sich gezogen - mit der Folge, dass er am 8. Mai 1794 in Paris auf dem Place de la Concorde hingerichtet wurde. Eine nicht verbürgte Anekdote will, dass der Verurteilte sich zuvor mit seinen Freunden zu einem letzten Experiment verabredet hatte. Er wollte, nachdem der Kopf abgetrennt war, so lange wie möglich blinzeln, um der Nachwelt Aufschluss zu geben, wie lange sein Bewusstsein noch arbeitete. Er soll elfmal geblinzelt haben. Mit Antoine Laurent de Lavoisier starb unter der Guillotine der Begründer der modernen Chemie. Ob die Anekdote nun stimmt oder nicht, sie passt zu dem Bild, das wir von den Naturphilosophen des 17. und 18. Jahrhunderts haben: Sie waren von einer rast- und grenzenlosen Neugier getrieben. Lavoisier hat für die Chemie eine ähnliche Bedeutung, wie Newton für die Physik. Im Alleingang, bei seinen Experimenten nur durch seine Frau Marie unterstützt, entdeckte er mehrere grundlegende chemische Prinzipien, allen voran die Oxidation und das Gesetz der Massenerhaltung, erforschte Gärungsprozesse, stellte eine Theorie der Säuren auf und etablierte die bis heute gültigen Standards für die Durchführung chemischer Experimente. Das prominente Opfer der Französischen Revolution war der Vater der Chemischen Revolution. Zu Lavoisiers herausragenden Beiträgen gehört auch die Zerstörung des letzten Fragments einer uralten Theorie: Der Franzose wies als Erster nach, dass auch Wasser – nach der Lehre des griechischen Philosophen Empedokles, neben Erde, Luft und Feuer, das vierte antike Element – ein zusammengesetzter Stoff war. Von der Alchemie zur modernen Chemie Das griechische Wort „chimeia“ bezeichnete ursprünglich die Kunst, Metalllegierungen herzustellen. Der arabische Kulturkreis, der wichtige Teile des antiken Wissens während des Mittelalters bewahrte, übernahm den Begriff als „al-kīmiā“. Zahlreiche unserer heutigen chemischen Begriffe, wie Alkohol, Kalium, Natrium, Alkali oder Elixier, gehen unmittelbar auf das Arabische zurück und zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung des Morgenlands mit der Wandelbarkeit der Stoffe. Im späten Mittelalter gelangte dieses Wissen aus dem Orient nach Europa, wo sich die Adepten der neuen Wissenschaft bald als Alchemisten bezeichneten. Viele waren von der Idee besessen, mithilfe einer mystischen Substanz, dem Stein der Weisen, aus einfachen Stoffen Edelmetalle herzustellen. 1661 veröffentlichte der Ire Robert Boyle ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „The Sceptical Chymist“. Es markiert den Übergang von einer teils esoterisch inspirierten Halbwissenschaft zu einem fortschrittlicheren Chemieverständnis. Boyle schuf für die von ihm neu geschaffene Disziplin erstmals einen wissenschaftlichen Rahmen und führte den Begriff „Element“ für einen nicht weiter zerlegbaren Stoff ein. Jagd auf die Elemente Zu dieser Zeit waren erst sehr wenige Elemente bekannt: Schwefel und ein knappes Dutzend Metalle wie Eisen, Blei, Silber und Gold. Die Entdeckung des Phosphors durch den deutschen Alchemisten Henning Brand 1669 – auch er war auf der Suche nach dem Stein der Weisen – markierte den Auftakt zu einer langen Serie neuer Funde. Abergläubische sächsische und böhmische Bergleute förderten im Erzgebirge Gesteine zu Tage, deren Metalle zwischen 1735 und 1783 erstmalig isoliert werden konnten und nach den Namen von Berggeistern und Raubtieren Kobalt, Nickel und Wolfram getauft wurden. Der deutsch-schwedische Naturforscher Carl Wilhelm Scheele entdeckte in den 1770er Jahren Stickstoff, Chlor und Sauerstoff, sein deutscher Zeitgenosse Martin Heinrich Klaproth Uran, Zirkonium und Cer. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war den Entdeckern der elementare Charakter der von ihnen gefundenen Stoffe meist nicht bewusst. Erst der systematische Einsatz der Elektrolyse durch Sir Humphry Davy erlaubte es zu Beginn des 19. Jahrhundert, die elementare Natur der Stoffe systematisch zu bestimmen. Mit seiner Methode entdeckte Davy innerhalb kurzer Zeit Natrium, Kalium, Barium, Strontium, Calcium und Magnesium. 1859 fanden der Physiker Gustav Robert Kirchhoff und der Chemiker Robert Wilhelm Bunsen eine weitere Methode, mit der sich neue Atomsorten systematisch aufspüren ließen. Sie hatten beobachtet, dass die meisten Elemente bei ihrer Verbrennung eine spezifische Farbe emittieren. So leuchtet die Flamme bei Lithium rot, bei Natrium gelb und bei Cäsium blau – ein quantenphysikalischer Effekt, den die beiden Forscher noch nicht erklären konnten. Mit ihrem spektroskopischen Verfahren konnten Kirchhoff und Bunsen die von ihnen untersuchten Stoffe auf die Anwesenheit bestimmter Elemente hin untersuchen. Sie entdeckten auf diese Weise Cäsium und Rubidium. (Bei Rubidium wurde die rubinrote Spektrallinienfarbe zum Namensgeber für das neue Element.) Andere Wissenschaftler sollten mit dieser Methode in den folgenden Jahren noch rund 20 weitere Elemente aufspüren. Perlen auf einer Schnur John Dalton, Schöpfer des ersten Atommodells, hatte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts einen Weg gefunden, das Gewicht der einzelnen Elemente relativ zum Wasserstoff zu bestimmen, indem er für verschiedene chemische Reaktionen die Proportionen der Einsatzstoffe analysierte. Damit ließen sich nun die Atomsorten der Größe nach wie Perlen auf einer Schnur aufreihen. Dimitri Mendelejew und Lothar Meyer waren die Ersten, die, unabhängig voneinander, in dieser Kette eine Gesetzmäßigkeit entdeckten: Das zweite, zehnte und achtzehnte Element waren allesamt Gase, die sich durch nichts zu einer chemischen Reaktion verführen ließen. Das jeweils folgende dritte, elfte und neunzehnte Element war hingegen in allen Fällen ein sehr reaktionsfreudiges, weiches, silbrig glänzendes Metall mit niedrigem Schmelzpunkt. Die Vorgänger der trägen Gase auf der Perlenschnur waren wiederum hochreaktive bunte Nichtmetalle. Die periodische Wiederholung ähnlicher Eigenschaften vollzog sich stets in einem Achterrhythmus. Schritt man von den Edelgasen ausgehend innerhalb der Achtergruppen voran- oder zurück, nahm die Reaktionsneigung bis zur Mitte der Gruppe ab und danach wieder zu. Das Muster war so deutlich, dass Mendelejew dort, wo die Reihe Lücken aufwies, die Existenz noch unentdeckter Elemente vorhersagte und deren Eigenschaften prognostizierte. Seine Voraussagen sollten sich als absolut zutreffend erweisen. In dem unvollständigen Puzzle hatte er als Erster das ganze Bild erblickt. Weiterführende Literatur: Sacks, Oliver (2003): „Onkel Wolfram: Erinnerungen“, Rowohlt. Günter Klar, Armin Reller (2023): „Das Werden der Chemie“, Wiley.

  • Die Ursprünge der Physik

    Fortsetzung von "Was ist Physik?" Himmlische Anfänge Für die frühen Bauerngesellschaften war es überlebenswichtig, den Rhythmus der Jahreszeiten zu verstehen. Mit der Zeit lernten sie, dass Sommer- und Wintersonnenwenden sowie Tagundnachtgleichen einem bestimmten Muster folgten, dass sich, wie wir letzte Woche gesehen haben, mit Mathematik beschreiben ließ. Die Muster ergaben sich durch genaue Beobachtung der Bewegungen, die Sonne, Mond und Sterne am Firmament vollzogen. Die frühen Hochkulturen im Fruchtbaren Halbmond hatten daher bereits ein weit entwickeltes Verständnis von Astronomie und Himmelszyklen. Möglicherweise unterschieden sie bereits die Planeten von den Sternen. Die Ersten, von denen wir dies sicher wissen, waren die Griechen: Es gibt jene Himmelskörper, die sich gemeinsam starr durch den Nachthimmel bewegen und jene fünf Objekte, deren Wanderungen offenbar anderen Regeln folgt. Diese Auffälligkeit veranlasste sie, die fünf Planeten nach ihren Göttern zu benennen. Die irdische Ordnung fasste der Philosoph Empedokles zusammen. Für ihn war alles, was auf der Erde geschah, ein komplexes Zusammenspiel von lediglich vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Im 4. Jahrhundert v. Chr. erschuf Aristoteles daraus ein geschlossenes physikalisches Weltbild. Demnach ist der natürliche Zustand eines Körpers die Ruhe. Ruhepol des Universums ist die sich im Zentrum befindliche Erde, die von Sonne, Mond und Planeten auf vollkommenen Kreisbahnen umlaufen wird; sowohl die Himmelskörper als auch der Kosmos selbst sind vollkommene, unveränderliche und ewig währende Kugeln. Alles, was am Himmel geschieht, ist Ausdruck einer absoluten, göttlichen Ordnung. Dementgegen ist alles Irdische einem ständigen Wandel unterworfen, denn die vier Elemente sind unablässig der Wirkung zweier Kräfte ausgesetzt: Die Schwerkraft lässt Erde und Wasser fallen; die Auftriebskraft erlaubt es Luft und Feuer, aufzusteigen. Nach Aristoteles‘ Überzeugung haben Luft und Feuer kein Gewicht, während die Schwerkraft Körper aus Erde und Wasser umso schneller fallen lässt, je schwerer sie sind. Diese Betrachtung enthielt bereits die beiden grundlegenden Komponenten der Welt: Materie und die auf sie wirkenden Kräfte. Im 2. nachchristlichen Jahrhundert verfeinerte der Gelehrte Ptolemäus die antike Vorstellung der Himmelsmechanik weiter: Die Fixsterne waren am Gewölbe einer riesigen Hohlkugel aufgehängt. Darunter bewegten sich Sonne, Mond und Planeten in perfekten konzentrischen Kreisbahnen um die Erde und erzeugten dabei eine himmlische Musik. Goethe bezieht sich im Prolog des ersten Teils des Faust auf dieses antike Weltbild: „Die Sonne tönt nach alter Weise; In Brudersphären Wettgesang; Und ihre vorgeschriebne Reise; Vollendet sie mit Donnergang“. Tatsächlich lebt diese alte Vorstellung bis heute fort: Wir sagen noch immer „die Sonne geht unter“, und nicht, was eigentlich richtig wäre, „der Horizont hebt sich“. Die Entdeckung des Planeten Erde Das antike Weltbild war so robust, dass es rund 1800 Jahre lang Bestand haben sollte. Das war insofern nicht verwunderlich, als das zugrunde liegende Modell sich mit dem, was die Menschen dem Augenschein nach beobachten konnten, in hohem Maße deckte und darüber hinaus auch zuverlässige Prognosen künftiger Ereignisse wie Mond- und Sonnenfinsternisse lieferte. Doch 1543 wurde diese alte Gewissheit erschüttert. Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Domherr und Astronom zu Frauenburg in Ostpreußen hatte in seinem Todesjahr eine Schrift veröffentlicht, in der er zu dem Schluss kam, dass sich die Himmelsereignisse ebenso gut erklären lassen, wenn man die Sonne in den Mittelpunkt des Universums stellt und der Erde lediglich die Rolle eines weiteren Planeten zuweist, dessen Rotation die Illusion einer scheinbaren Bewegung der Fixsterne hervorruft. Kopernikus hatte bis kurz vor seinem Tod mit der Veröffentlichung gezögert. Er befürchtete nicht etwa, durch die mögliche Verbannung des Menschen aus dem Zentrum des Kosmos den Unmut der Kirche auf sich zu ziehen – seine Bischöfe und Kardinäle hatten den Domherrn ganz im Gegenteil zur Veröffentlichung seiner Hypothese sogar ermuntert. Er fürchtete vielmehr die Kritik der anderen Astronomen. Deren Skepsis war nicht unbegründet, denn Kopernikus konnte für seine Mutmaßung keinerlei Beweise liefern. Zudem legten seine Observationen nahe, dass die Planetenbewegungen nicht den perfekten aristotelischen Kreisbahnen entsprachen. Der wichtigste Kritikpunkt aber war, dass ein Planet Erde sich mit einer unfassbar hohen Geschwindigkeit durch das All bewegen müsste, obwohl er doch ganz augenscheinlich ein ruhendes System war und niemand irgendwelche Bewegungen wahrnehmen konnte. Zu den prominenten Gegnern des neuen Weltbildes gehörte auch der dänische Astronom Tycho Brahe (1546-1601). Brahe war ein so leidenschaftlicher Verteidiger seiner Überzeugungen, dass er als Student bei einem Duell um die Richtigkeit einer mathematischen Formel einen Teil seiner Nase eingebüßt hatte. Der hitzköpfige Däne war in seiner wissenschaftlichen Herangehensweise allerdings ausgesprochen strukturiert. Jahrzehntelang hatte er die für ihn mit bloßen Auge beobachtbaren Vorgänge am Himmel akribisch aufgezeichnet. Aus seinen Daten entwickelte er ein eigenes Weltbild, eine Art Kompromiss zwischen dem antiken aristotelisch-ptolemäischen Modell und der kopernikanischen Betrachtung. Demnach war nach wie vor die Erde das fixe Zentrum des Universums; die Planeten drehten sich um die Sonne und die Sonne drehte sich um die Erde. Heute mutet uns diese Vorstellung absurd an. Tatsächlich aber deckte sich diese Theorie mit den damals möglichen Beobachtungen besser, als das von Kopernikus vorgeschlagene Modell. Ein neues Weltbild Ausgerechnet Brahes detaillierte Aufzeichnungen sollten letztlich maßgeblich dazu beitragen, das kopernikanische System durchzusetzen. Die Datensammlung erlaubte es seinem Assistenten und Nachfolger als kaiserlicher Hofmathematiker in Prag, Johannes Kepler (1571-1630), den Ansatz des Nikolaus Kopernikus noch einmal neu zu betrachten. Nach vieljähriger Arbeit gelang ihm schließlich der Durchbruch. Die Veröffentlichung der „Astronomia Nova“ 1609 war das definitive Ende geozentrischer Weltbilder und der Anfang vom Ende der antiken Vorstellung eines perfekten Himmels. Nachdem er die Idee zunächst als zu einfach verworfen hatte, kam Kepler nach langem Hin und Her zu der Erkenntnis, dass sich die Planeten nicht auf kreisförmigen, sondern elliptischen Bahnen um ihren Fixstern bewegen mussten. Der Umlauf war zudem kein gleichförmiger, sondern verlief umso schneller, je näher sie der Sonne waren. Die Entdeckungen des Planeten Erde ist ein Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte. Keplers Leistung ist gewaltig: Die elliptischen Bahnen der Himmelskörper waren mit bloßem Auge nicht von einem Kreis zu unterscheiden. Dem Astronomen standen weder Infinitesimalrechnung noch Teleskope als Hilfsmittel zur Verfügung; die durch die Planetenbahn beschriebenen Flächen musste er von Hand errechnen. Der erste Sternenkundige, der mit Teleskopen arbeitete, war vermutlich Keplers Zeitgenosse Galileo Galilei (1564-1642). Was sich ihm dank der neuen Instrumente offenbarte, zerstörte die noch verbliebenen Überreste der antiken Vorstellung eines perfekten Himmels: Sonne und Mond waren keine vollkommenen Kugeln, zudem mit hässlichen Flecken bedeckt oder von Kratern übersäht. Galileos Entdeckung der Jupitermonde war ein weiterer Beweis, dass die Erde nicht im Zentrum aller kosmischen Bewegung stand. Noch bedeutsamer aber war die Erkenntnis, dass auch die überkommenen Lehren der irdischen Mechanik unhaltbar waren: Bei seinen Experimenten in Pisa hatte Galilei festgestellt, dass verschiedene Gegenstände, ganz gleich wie viel sie wogen, grundsätzlich immer gleich schnell zu Boden fallen; dass sich dennoch bei vielen Objekten Unterschiede beobachten ließen, erklärte Galilei mit verschiedenen Luftwiderständen. Damit waren die Behauptungen des Aristoteles widerlegt, dass schwere Körper schneller fallen als leichte und dass Luft kein Gewicht habe. Da Galilei das kopernikanische Weltbild nicht als bloße Hypothese, sondern vehement als Tatsache darstellte, ohne dafür einen Beweis liefern zu können, geriet er in Konflikt mit der katholischen Kirche, die Beweise forderte, die der Gelehrte aber nicht liefern konnte. So wurde er schließlich gezwungen, seine Behauptung öffentlich zu widerrufen, für Galilei die einzige Möglichkeit, der Inquisition zu entgehen. Der große italienische Astronom und Physiker starb 1642 nach neunjährigem Hausarrest. Fast auf den Tag genau ein Jahr später wurde in einem winzigen Dorf im Osten Englands der Bauernsohn Isaac Newton geboren… Weiterführende Literatur: Hawking, Stephen (1988): „Eine kurze Geschichte der Zeit“, Rowohlt.

  • Wie geht es weiter?

    Fortsetzung von "Worum geht es in diesem Blog?" Zusammenhänge In den bisherigen Blogs habe ich versucht, einen ersten Überblick über die elf Themengebiete zu geben. Ich hoffe, ihr seid noch neugierig, wie es weitergeht. Das Spiel beginnt jetzt wieder von vorne, das heißt nächste Woche geht es wieder um Mathematik, danach um Physik und so weiter. Mit der Zeit soll so für jedes Themengebiet eine chronologische Nacherzählung des historischen Erkenntnisfortschritts entstehen. Für die Mathematik heißt das beispielsweise von den Ursprüngen des Zählens bis zur Kurt Gödels Unvollständigkeitssätzen. Das alles ohne Jargon, also so, dass grundsätzliche jeder die Entwicklung nachvollziehen kann – man muss dazu weder Mathematik noch Physik, Philosophie, Politologie oder überhaupt etwas studiert haben. Die Reihenfolge der Themen ist nicht zufällig gewählt. Irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen: Mathematik ist das Werkzeug mit der wir die Natur beschreiben können (oder wie Galileo Galilei es viel poetischer ausdrückte: „die Sprache, in der die Natur zu uns spricht“). Die Natur selbst betrachten wir in den Kategorien Physik, Chemie und Biologie. Die Chemie schlägt hier eine wichtige Brücke: sie ist mechanisch betrachtet nur eine spezielle Form der Physik; ihre Kohlenstoffverbindungen sind aber auch Grundlage, um die elementaren Funktionsprinzipien des Lebens zu verstehen. Biologie ist zwar eine Naturwissenschaft, aber ihre Entwicklung folgt nicht physikalisch-deterministischen Naturgesetzen, sondern einem Zufallsprinzip. (Wobei wir später noch sehen werden, dass auch in der Physik dem Zufall eine wichtige Rolle zukommt.) Die Geschichte des Universums schließlich stellt sich somit als eine Abfolge einer physikalischen, gefolgt von einer chemischen und schließlich einer biologischen Evolution dar. Bewusstsein ist das Thema, das Natur und Geist, die wir oft als unvereinbare Gegensätze empfinden, miteinander verbindet. Die Neurowissenschaften haben in den letzten beiden Jahrzehnten beeindruckende Fortschritte erzielt, dennoch haben wir nach wie vor nicht die geringste Vorstellung davon, wie elektromagnetische Vorgänge in unserem Gehirn Bewusstseinszustände entstehen lassen. Bewusstsein ermöglicht Sprache. Die natürliche Sprache – sie ist im Vergleich zu der formalen Sprache Mathematik ein ziemlich mangelhaftes Werkzeug – ermöglicht es uns, anderen Menschen unsere Bewusstseinszustände mitzuteilen. Dies erlaubt es uns wiederum, uns mit Philosophie auseinanderzusetzen, dem strukturierten, logischen Nachdenken über die Welt. Wie fast alle Primaten, ist auch der Homo sapiens ein höchst soziales Wesen und Gruppentier. Ein wichtiger Aspekt des begründeten Reflektierens ist daher auch das Nachdenken über die Gesellschaften, in denen wir leben. Ihre Funktionsprinzipien sind ein weiterer elementarer Baustein des Weltverstehens. Eine der zentralen Fragen aller menschlichen Gesellschaften ist wiederum die Erwirtschaftung und Verteilung von Wohlstand – die beiden zentralen Themen, mit denen sich die Ökonomie befasst. Was die menschlichen Gesellschaften in den letzten 12.000 Jahren antrieb, warum sie teils völlig unterschiedliche Entwicklungen genommen haben und welche Katalysatoren diese Unterschiede befördert haben, sind die großen Themen der Geschichte der Menschheit. Behauptungen und Meinungen In den Naturwissenschaften und in der Mathematik sind Meinungen oder Bauchgefühle keinen Pfifferling wert. Stellt jemand eine Behauptung auf, so muss sie empirisch oder logisch überprüfbar sein – andernfalls muss man sie verwerfen. Bei den Geisteswissenschaften, allen Blog-Kategorien, die nach „Bewusstsein“ kommen, ist das nicht ganz so einfach. Denn es geht hier nicht nur darum zu beschreiben, wie etwas ist, sondern auch, wie etwas sein soll. Hier kommen persönliche Weltbilder und Wertmaßstäbe ins Spiel, mit der Folge, dass es zwangsläufig zu sehr gegensätzlichen moralischen Einordnungen und Bewertungen kommt. Mir geht es an dieser Stelle nicht um meine persönlichen Meinungen, sondern um die einfache Darstellung grundlegender Werkzeuge und der wichtigsten Standpunkte, die sich im Lauf der Jahrhunderte entwickelt haben. Mit diesem Rüstzeug kann jeder anhand von Tatsachen überprüfen, inwieweit seine persönliche Meinungen den Fakten standhalten und welche verschiedenen moralischen Standpunkte man in den jeweiligen Zusammenhängen begründet einnehmen kann. Ich denke, dass ist eine wichtige Voraussetzung, die zahllosen Informationen, die täglich auf uns einprasseln, sinnvoll einordnen zu können. Back to school? Fast alle dieser elf Themen sind uns auch als Schulfächer bekannt. Und von vielen Inhalten haben wir alle schon irgendwie einmal gehört. Doch haben wir damals wirklich verstanden, um was es in diesen Fächern eigentlich geht? Und: Haben wir damals verstanden, wie das alles zusammenhängt? Bei mir persönlich war das definitiv nicht der Fall. Wir lernen von klein an die Dinge zu kategorisieren und hermetisch voneinander abzugrenzen. Deshalb haben wir „Schul-Fächer“ und arbeiten hinterher in Ab-Teilungen. In meinem Blog möchte ich kein Schulwissen verbreiten, sondern einen neuen Blick auf das Wesen dieser elf Wissensgebiete versuchen und dabei insbesondere ihre Zusammenhänge und Abhängigkeiten untereinander aufzuzeigen. Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, habe ich begonnen, die entsprechenden Schlagwörter zwischen den Artikeln zu verlinken. Wie die höchst komplexe Welt um uns herum funktioniert, können wir, denke ich, ansatzweise nur verstehen, wenn wir uns mit diesen Zusammenhängen und Abhängigkeiten auseinandersetzen. Ein paar persönliche Erfahrungen bisher Einen wöchentlichen Blog über „Allgemeinwissen“ oder „Weltwissen“ zu schreiben ist ein Abenteuer. Ich war auf Social Media bisher praktisch nicht aktiv. Und auch davon, wie man eine eigene Website aufbaut und betreibt, hatte ich vor drei Monaten noch nicht die geringste Vorstellung. Seit dem Start dieses „Projekts“ habe ich diesbezüglich zwangsläufig viel gelernt und nach wie vor kommen jeden Tag neue Kenntnisse und Erkenntnisse dazu. Etwa, wie man von Google und anderen Suchmaschinen gefunden wird (ist eine Wissenschaft für sich – angeblich zieht Google dafür bis zu 180 verschiedene Kriterien heran), wie man Bilder komprimiert und in welchem Format man sie abspeichern muss, damit die Website schneller lädt, dass orangene Newsletter-Buttons häufiger geklickt werden, als andere Farben (was zu beweisen wäre), und welche bemerkenswerten Unterschiede bei der Häufigkeit von Suchwortanfragen jeweils zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich bestehen. Besonders interessant war meine Erfahrung mit Instagram. Mein Account wurde nämlich sofort gesperrt, weil das Bild „Adam und Eva“ von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahre 1526, das ich für den Einführungs-Artikel von „Bewusstsein“ ausgewählt habe, von einer künstlichen oder vielleicht auch nicht so künstlichen „Intelligenz“ als anstößiger Inhalt und Spam klassifiziert wurde. Da weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll… Seit Oktober wurde die Webseite von rund 700 verschiedenen Besuchern über 1200-mal aufgerufen. Für mich ist das eine Motivation, weiterzumachen (ich habe mir sagen lassen, dass die meisten Blogs nach der 12. Ausgabe eingestellt werden.) Wem der Blog gefällt, darf ihn gerne teilen und weiterempfehlen. Mich würde auch Euer Feedback interessieren, öffentlich über die Kommentarfunktion unter den jeweiligen Artikeln oder privat über das Kontaktformular. Bis nächste Woche Jens

  • Platon: Philosophie als Befreiung

    Fortsetzung von "Sokrates und sein Vorgänger" Ein privilegierter Schüler des Sokrates Wer der historische Sokrates tatsächlich war, den wir im letzten Philosophie-Blog betrachtet haben, wissen wir nicht. Wie von den meisten Vorsokratikern sind auch von ihm keine Schriften überliefert. Das Bild, das wir heute von ihm haben, beruht allein auf Aufzeichnungen seiner Schüler. Der berühmteste unter ihnen ist Platon. Um 428 v. Chr. als Spross einer hochadligen Athener Familie geboren, hätte er sicherlich als Politiker in seiner Heimatstadt Karriere machen können. Doch eine Beteiligung an der Terrorherrschaft der Athener Oligarchen, die nach Athens Niederlage gegen Sparta im Auftrag der Siegermacht die Macht übernommen hatten und in die etliche Angehörige der Familie Platons verstrickt waren, schlug er aus. Nach Sokrates‘ Hinrichtung bereiste Platon, wie für junge privilegierte Männer schon damals üblich, mehrere Jahre lang die antike Welt. Seine Bildungsreise soll ihn nach Libyen, Süditalien, Sizilien und möglicherweise auch nach Ägypten geführt haben. 387 v. Chr. kehrte Platon nach Athen zurück. Im Hain des Akademos gründete der Vierzigjährige eine Schule, die nach ihrem Ort vor den Toren der Stadt als „Akademie“ bezeichnet wurde. Hier sollte Platon in den kommenden zwanzig Jahren jene Arbeit leisten, die ihn zum wohl einflussreichsten Philosophen überhaupt machen sollte. Seinen Weltruhm verdankt er dabei nicht zuletzt seinem schriftstellerischen Talent. In seinem wohl fast vollständig überlieferten Werk finden sich zahlreiche Dialoge, eine von ihm erfundene, auf Rede und Gegenrede basierende literarische Form, in der er neben anderen bekannten Persönlichkeiten seiner Zeit auch seinen Lehrer Sokrates wieder auferstehen lässt. Ein Suchender Platon ist auf der Suche. Er möchte ein umfassendes, in sich geschlossenes System erschaffen, das den Menschen den Weg zu einem besseren Leben weist. Doch auf welche Grundlagen kann er bauen? Da ist zunächst Sokrates‘ Fragetechnik. Ein hilfreiches Werkzeug, um die Schwächen und Widersprüche vordergründigen Wissens bloßzulegen. In Platons frühen Dialogen steht Sokrates‘ Dialektik im Mittelpunkt. Der Schüler erhebt seinen Lehrer, der argumentative Schwächen so gut aufzudecken wusste, damit zum Begründer wichtiger erkenntnistheoretischer Grundlagen. Die Lehren der Vorsokratiker erscheinen Platon hingegen oftmals allzu subjektiv und widersprüchlich. Platon missfällt die Weltsicht von Heraklit. Wäre alles in ständigem Wandel, gäbe es die absolute Wahrheit nicht, nach der er sucht. Interessanter ist da schon die Idee, die sich bei Parmenides und den Pythagoreern findet, die Vorstellung einer subjektiv-diesseitigen und einer objektiv-jenseitigen Welt. Philosophie als Befreiung Die Einsicht, dass unsere Sinne uns täuschen können, führt Platon zu einer ersten zentralen Erkenntnis: Die Welt ist nicht das, was sie zu sein scheint. Wir verwechseln Vorspiegelungen mit der wahren Natur der Dinge. Diese Idee legt der Philosoph in seinem berühmten Höhlengleichnis dar: Angekettete Gefangene sitzen in einer Höhle mit dem Gesicht zur Wand. Ein Feuer in ihrem Rücken wirft flackernde Schatten auf die Felsen, Schatten, die die Gefangenen für die Realität halten. Einer von ihnen kann aus der Höhle fliehen. Er erkennt die wahre Welt und die Illusion, der alle anderen erlegen sind. Doch als er zurückkehrt, findet sich niemand, der seinen Berichten Glauben schenkt. Platon umreißt mit diesem Gleichnis seine Vorstellung von Ontologie und Erkenntnistheorie. Der Entflohene ist der Philosoph. Er allein kann die Wahrheit schauen, weil er sich nicht auf den Augenschein verlässt. Die vordergründigen Erklärungen der anderen beruhen auf Meinungen oder Glauben, nicht aber auf wahrem Wissen. Platon erkennt, dass es Dinge gibt, die wir wahrnehmen, aber nicht verstehen; genauso gibt es aber auch Dinge, wie etwa die Mathematik, die wir verstehen, ohne sie sinnlich wahrgenommen zu haben. Gibt es eine Möglichkeit hinter den Schleier zu schauen, der zwischen uns und der Wahrheit liegt? Platons Antwort auf diese Frage ist seine Ideenlehre: Das, was sich unseren Sinnen in der diesseitigen Welt offenbart, sind nur schlecht gezimmerte Kopien der Wahrheit, ein fahler Abglanz, dem kein wahrer Wert innewohnt. Vollkommenheit und Gewissheit finden wir allein im Reich der Ideen. Dort begegnet uns das ewige, absolute, unveränderliche Urbild, das zeit- und körperlose Original. Nur hier ist der Kreis eine Figur, bei der tatsächlich jeder Punkt die exakt gleiche Entfernung von der Mitte hat. Kreis, Tisch, Stuhl, Haus, Katze, Mensch, Tapferkeit, Gerechtigkeit, die Farbe Rot oder das Gute: Von allem existiert eine perfekte Idee. Weil diese Idee vollkommen ist, unterliegt sie auch nicht dem Zwang, sich verändern zu müssen. Die höchste, erhabenste aller Ideen ist „das Gute“, ein übergeordnetes Prinzip, aus der alle Tugenden wie Tapferkeit und Gerechtigkeit hervorgegangen sind und das die zerstreuten Einzeldinge der Welt wieder zu ordnen vermag. Platons Kosmogonie Die Vorstellung von vollkommenen Ideen prägt auch Platons Kosmogonie, seine Lehre vom Ursprung der Welt, und seine Seelenlehre. Die Himmelskörper, die sich zwischen dem Diesseits und dem Reich der Ideen befinden, müssen durch irgendetwas in Gang gesetzt worden sein. Die allzu menschlichen lügenden und betrügenden Götter der Griechen konnten etwas so Wunderbares nicht vollbringen; die Himmelsmechanik muss ihren Ursprung vielmehr in einem vollkommenen Wesen haben, das Platon als „Demiurg“, den „Schöpfer“ oder den „Handwerker“ bezeichnet. Dieser Demiurg ist auch der Urheber der unsterblichen Ideen. Als der Schöpfer nach den idealen Vorlagen die dingliche Welt erschafft, möchte sich ihm die sperrige Materie nicht fügen und so gerät ihm alles lediglich zur blassen Erinnerung an das Ideal. Doch der Demiurg will seiner Schöpfung wenigstens eine Ahnung der Ideenwelt vermitteln, um so die Vernunft und das Gute in die Welt zu tragen. Dazu stattet er alle Dinge, die sich selbst bewegen können – Tiere, Menschen und Himmelskörper – mit einer Seele aus. Wie die Weltseele des Demiurgs ist auch die menschliche Seele reiner Geist und unsterblich. Stirbt der Körper, lebt sie in einem anderen Wesen weiter, eine Vorstellung die Platon von den Orphikern und Pythagoreern übernimmt. Durch ihre göttliche Herkunft hat die Menschenseele eine Verwandtschaft mit der Weltseele, die es ihr ermöglicht, Einblick in das Reich der Ideen zu nehmen. Wir wissen um dieses Reich, nur ist die Erinnerung daran verschüttet. Die Verbindung wieder herzustellen ist Aufgabe aller Philosophie. Sie muss die Seele davor bewahren, sich mit Untugenden wie Ungerechtigkeit, Feigheit oder Gier zu beschmutzen und sich dadurch von dem Schönen, Wahren und Guten zu entfernen. Platons Seelenlehre Platons Seele ist ein komplexes, mehrschichtiges Gebilde, in dem Begierde, Tatkraft und Vernunft miteinander um die Vorherrschaft ringen. Der Sitz der Begierde ist der Unterleib. Hier finden sich die niederen Instinkte wie Hunger, Fortpflanzung und Egoismus. Das Tatkräftig-Mutige wohnt in der Brust. Es steht für Ordnungsliebe aber auch für Machtstreben und Aggression. Noch weiter oben, im Kopf, ist die Vernunft beheimatet. Dieser Teil der Seele strebt nach Wissen und Weisheit, wägt ab, denkt in die Zukunft und versucht, die beiden niederrangigen Anteile zu kontrollieren. Die Schwierigkeit dieser Aufgabe verdeutlicht Platon in seinem Gleichnis vom Seelenwagen. Die Vernunft ist der Wagenlenker, der versucht, zwei Pferde zu bändigen, die jeweils für den begehrenden und den mutvollen Charakteranteil stehen und den Wagen in unterschiedliche Richtungen ziehen möchten – womit Platon auch eine erste psychologische Theorie schuf. Menschen, bei denen die Begierde überwiegt, sind Kaufleute oder Bauern. Jene, bei denen der mutige Seelenanteil dominiert, sind Wächter oder Soldaten. Nur diejenigen, deren Leben durch die Vernunft bestimmt wird, sind Philosophen und damit auch gute Herrscher. Sie sind vernünftig und moralisch, weil sie vor ihrer Geburt einen größeren Anteil der absoluten Ideen in sich aufgenommen haben als alle anderen. Ein Gedanke, der, wie wir bereits gesehen haben, auch Platons politische Philosophie prägt. Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Platon (1857): „Der Staat“ Siebtes Buch, Projekt Gutenberg-DE. Bildquellen: File:An Illustration of The Allegory of the Cave, from Plato’s Republic.jpg - Wikimedia Commons

bottom of page