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Adam Smith und die Entdeckung der unsichtbaren Hand


Wirtschaft als Kreislauf

Der französische Wundarzt François Quesnay (1694-1774) vertrat fortschrittliche Ansichten. Der Leibarzt der königlichen Mätresse Madame de Pompadour sprach sich als einer der ersten vehement gegen den damals üblichen Aderlass aus. Quesnays Renommee veranlasste seinen Freund Jean Le Rond d’Alembert (1717-1783) im Jahre 1756 zu der Bitte, eine Reihe von Artikeln zu seinem ambitionierten Enzyklopädie-Projekt beizusteuern. Bis heute bleibt unklar, warum Quesnay neben medizinischen Themen auch über Landwirtschaft und Ökonomie schrieb; möglicherweise hatte ihn der menschliche Blutkreislauf dazu inspiriert, die erste geschlossene Wirtschaftstheorie der Neuzeit aufzustellen.


Ein Portrait aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es zeigt einen Mann mit dunkelblauem Rock und einer weißen Allongeperücke
War gut im Finden von Analogien: Der Arzt und Wirtschaftstheoretiker François Quesney

Tatsächlich hatte sich seit Aristoteles praktisch niemand mehr wissenschaftlich mit ökonomischen Fragen auseinandergesetzt. Zwar gab es mit dem in der Spätrenaissance entstandenen Merkantilismus so etwas wie eine wirtschaftliche Lehrmeinung, doch die Empfehlung, staatliche Manufakturen einerseits zu fördern und andererseits durch Zölle vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, war nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern vielmehr an den Interessen des herrschenden Adels ausgerichtet. Quesnay war der Erste, der darüber nachdachte, was mit dem Geld, das ein Käufer für ein Gut hergibt, eigentlich geschieht. Die Ausgabe des Käufers ist die Einnahme des Verkäufers. Dieser hat dadurch die Möglichkeit seinerseits Ausgaben zu tätigen. Quesnay spürte dem Geldfluss nach und erkannte, dass es sich dabei, ähnlich der Blutzirkulation, um eine Kreislaufbewegung handelt: Güter werden hergestellt, verteilt und verbraucht. Mit dem Geld für die verbrauchten Güter werden neue Güter hergestellt. Für jeden Abschnitt des Kreislaufs ist eine gesellschaftliche Klasse zuständig. Produktiv sind dabei allein die Bauern. Sie stellen die landwirtschaftlichen Güter her und erwirtschaften nach Verbrauch ihres Eigenbedarfs einen Überschuss. Gewerbe und Handel verarbeiten den Überschuss weiter und verteilen ihn. In Quesnays Augen war dies kein wesentlicher Beitrag zur Erhaltung des Kreislaufs, so dass er Gewerbetreibende und Händler als „sterile Klasse“ bezeichnete. Grundeigentümer – Adel und Klerus – sind, als dritte Klasse, schließlich einerseits als Verpächter für die Verteilung des Bodens zuständig und andererseits als Konsumenten diejenigen, die den von den Landwirten erzeugten und durch Händler verteilten Überschuss verbrauchen. Den kurzen Aufsatz „Tableau économique“, in dem Quesnay seine Gedanken 1758 zusammenfasste, wird Karl Marx später als „höchst genialen Einfall“ bezeichnen.

 

Ein Schotte in Frankreich

Quesnay hatte damit die Physiokratie begründet, eine neue ökonomische Denkschule, die die bis dahin dominierenden merkantilistischen Dogmen schon bald verdrängen sollte. Die noch junge Disziplin erlebte einen beachtlichen Zulauf, ihre Thesen fanden selbst beim König Gehör. Die Anhänger kamen im Salon des Grafen Mirabeau zusammen, um dort eifrig die neuen Ideen zu diskutieren. 1764 gesellte sich zu dem Kreis zeitweise auch ein aufmerksamer Gast aus Schottland. Der Moralphilosoph Adam Smith gilt heute neben seinem engen Freund David Hume, als der wichtigste Vertreter der schottischen Aufklärung. Die theoretischen Fragen, mit denen sich Smith während seines Frankreichaufenthalts konfrontiert sah, sollten ihn auch nach seiner Rückkehr auf die britischen Inseln nicht mehr loslassen. 


Portrait eines älteren stattlichen Herrn mit großer Nase, ebenfalls im dunkelblauen Rock und weißer Allongeperücke
Schotte, Moralphilosoph und Begründer der modernen Ökonomie: Adam Smith

Smiths Persönlichkeit entsprach ganz und gar dem Klischee des schrulligen, zerstreuten Professors, der stundenlang umherging und dabei Selbstgespräche führte. Zeitlebens veröffentlichte er nur zwei Bücher – alle unfertigen Schriften ließ er kurz vor seinem Tod verbrennen. Doch das Wenige, das er drucken ließ, sollte Geschichte schreiben. 1776, dem Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, erschien „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ – „Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“. Hinsichtlich seines Einflusses ist dieses Werk mit Newtons „Principia Mathematica“ und Darwins „Entstehung der Arten“ vergleichbar. Der „Wohlstand der Nationen“ ist ein leidenschaftliches Manifest des wirtschaftlichen Liberalismus und zugleich Ursprung einer Reihe völlig neuer Gedanken, mit denen Smith die Nationalökonomie als eigene, moderne Wissenschaft begründet. Im Zentrum stehen vier Fragen: Wie kommt eine Nation zu Wohlstand? Was ist der Wert eines Guts? Unter welchen Voraussetzungen funktionieren Märkte? Welche Rolle spielt dabei der Staat?

 

Das Wunder der Arbeitsteilung

Smith erkennt die zentrale Quelle des Wohlstands in der Arbeitsteilung. Sie fördert Spezialisierung und entfesselt dadurch eine ungeheure Produktivität. Mit seinem berühmt gewordenen Beispiel einer kleinen Stecknadelmanufaktur illustriert der Ökonom, was dies praktisch bedeutet: Der Herstellungsprozess ist in 18 einzelne Arbeitsschritte aufgeteilt wie Draht ziehen, Draht schneiden, Draht anspitzen; jeder Vorgang wird von einem dafür spezialisierten Arbeiter ausgeführt. Smith rechnet vor, dass ein einzelner Arbeiter allein „sicherlich keine zwanzig Nadeln […] am Tag herstellen“ könnte. Die Arbeitsteilung aber ermöglicht einen Pro-Kopf-Ausstoß von 4.800 Nadeln, eine Steigerung um das 240-fache. Karl Marx wird später in diesem Phänomen keinen Segen, sondern einen Fluch sehen.

Smith seziert die ökonomischen Grundlagen einer Gesellschaft, die bereits Massenmärkte kennt. Nur hier können die Vorteile der Arbeitsteilung im großen Stil ausgespielt werden. Das Gold einer Nation ist nicht, wie die Spanier glaubten, ihr Vorrat an Edelmetallen, sondern Fleiß, Arbeitsorganisation und der Erfindungsreichtum seiner Bewohner. Reichtum ist keine Ursache, sondern eine Wirkung. Man wird nicht reich, indem man anderen etwas vom Kuchen wegnimmt, sondern indem man den Kuchen größer macht.


Ein Schwarzweiss-Stich einer Stecknadelmanufaktur aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Stecknadeln herzustellen ist gar nicht so einfach

Der Staat soll sich raushalten

Damit sich Produktivität und Wohlstand entfalten können, darf der Warenaustausch nicht durch Unsicherheit, Zölle, Steuern und Abgaben behindert werden. Die Menschen müssen frei agieren können. Der Staat soll sich daher darauf beschränken, die hierfür notwendige Sicherheit zu gewährleisten. Feudalistische Systeme, die die Freiheit der Menschen einschränken, können keinen Wohlstand schaffen. Da es die Feudalherren den Bauern nicht erlauben, die Früchte ihrer Arbeit selbst zu genießen, haben diese auch keinen Anreiz, über das Notwendigste hinaus produktiv zu sein. Wie sehr die Freiheit die menschliche Tatkraft entfesselt, zeigt sich für Smith daher insbesondere in den Städten, wo die Menschen weniger Beschränkungen unterliegen und so auch mehr Wohlstand schaffen. Anders als bei den Physiokraten sind für den schottischen Moralphilosophen nicht nur die Landwirte produktiv: Auch Gewerbetreibende und Händler sind keineswegs steril. Smith erkennt, dass die Bedeutung der Landwirtschaft in entwickelten Staaten sogar tendenziell abnimmt und vor allem Gewerbe und Handel – insbesondere der Außenhandel – zum Wohlstand beitragen.

 

Was ist etwas wert?

Die nächste Frage, der sich Smith zuwendet, ist die nach dem Wert der Dinge. Nach seiner Überzeugung wird dieser Wert durch den Betrag an Arbeit bestimmt, der in das Gut hineingesteckt wurde. Wenn ein Jäger doppelt so lange braucht, einen Biber zu erlegen, wie einen Hirschen, ist ein Biber zwei Hirsche wert. Allerdings kann dieser wahre Preis nicht immer auch am Markt erzielt werden. Der Anbieter muss sein Gut möglicherweise unter dem echten Arbeitswert verkaufen, denn ein großes Angebot lässt die Preise sinken. Nur wenn sich Angebot und Nachfrage die Waage halten, wird der dem Arbeitswert entsprechende natürliche Preis auch vergolten.


Englisches Titelblatt von "Wealth of Nations" in Englisch
Titelblatt eines überaus einflussreichen Buchs: Der Wohlstand der Nationen

Die Entdeckung der unsichtbaren Hand

Doch wie finden Angebot und Nachfrage zueinander? Was ermöglicht, dass Millionen von Menschen tatsächlich immer auch die Güter finden, die sie suchen, noch dazu in den richtigen Mengen? Smith gibt eine verblüffend einfache Antwort: Das Wunder erklärt sich allein aus dem menschlichen Streben nach Eigennutz! In einem anarchischen System, in dem jeder immer nur bis zu seiner Nasenspitze denkt, entsteht auf geheimnisvolle Art und Weise eine Ordnung. Für diese ordnende Macht prägt Smith die wohl bekannteste Metapher der Wirtschaftsgeschichte: Die Märkte werden von einer „unsichtbaren Hand“ regiert. Diese Vorstellung ist das Urdogma“ des Kapitalismus, sein ökonomisches Glaubensbekenntnis. Der Metzger, der Brauer, der Bäcker sind nicht um unser Abendessen besorgt, sondern denken nur an ihren eigenen Vorteil.[i] Ihr Egoismus bewirkt das Mysterium funktionierender Märkte. Denkt jeder an sich, ist an alle gedacht. Staatliche Eingriffe würden nur Sand ins Getriebe dieser wunderbaren Maschine streuen.

Smiths Argumentation ist zutiefst aufklärerisch: Das Individuum, das seine eigenen Interessen verfolgt, fördert das Wohl der ganzen Nation besser, als irgendein planvolles oder moralisches Handeln es jemals könnte. Weder Gott noch die Obrigkeit sollen dem Einzelnen vorschreiben, was er zu tun hat. Indem er den Gedanken des politischen Liberalismus auf die Wirtschaft überträgt, wird der Philosoph Smith zum ersten modernen Ökonomen und Theoretiker der freien Marktwirtschaft: „Es ist wenig mehr verlangt, um einen Staat von der tiefsten Barbarei zum höchsten Grad des Wohlstands zu führen, als Frieden, tiefe Steuern und eine erträgliche Rechtsprechung; der Rest wird durch die natürliche Entwicklung herbeigeführt“ 

 

 

Wer mehr wissen will:

Smith, Adam (2003): „Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“, dtv.


[i] Smith bezieht hier eine ganz andere Position als Kant, dessen kategorischer Imperativ den Egoismus als ein wenig durchdachtes Konzept erscheinen lässt.

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IRRTUM ÖKONOMISMUS 


IRRTUM ÖKONOMISMUS


Ökonomie als Wissenschaft 

genießt weltweit Vertrauen, 

und jeder muss gewissenhaft 

ganz feste auf sie bauen.


Der Maßstab aller Planerei 

ist immer nur das Geld, 

doch Geld, das ist ein Kuckucksei, 

das nimmermehr zerschellt. 


Das Geld gilt als das höchste Gut 

und wird auch so behütet. 

Ökonomie nichts andres tut, 

als dass sie Geld bebrütet. 


Für Wirtschaftsunternehmungen 

gilt immer nur ein Ziel: 

GUT heißt in allen Währungen, 

wenn "etwas Geld" wird "viel". 


Die Lust am Geld ist weltenweit 

reale Situation,

Doch fordert Wirtschaft weit und breit ,

nichts als Prostitution. 


Wer sich verkauft, der ist arm dran,

denn "Glück" stellt sich erst ein, 

wenn, wie bekannt bei Frau und Mann, 

aus Liebe gilt : ICH BIN DEIN. 


J. Friedrich


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