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- Das Leib-Seele-Problem
Fortsetzung von "Was ist Bewusstsein?" Materie oder Geist? Julien Offray de La Mettrie war ein Provokateur. Seine philosophischen Pamphlete hatten dermaßen viel Unmut erregt, dass sich der gelernte Militärarzt gezwungen sah, seine Heimat Frankreich zu verlassen. Doch auch seinen Asylgebern, den liberalen Niederländern, wurde seine Religionskritik bald zu viel. An seinem letzten Zufluchtsort, dem Hof Friedrichs des Großen, gelang es La Mettrie schließlich auch noch, sich mit Voltaire und dem König von Preußen selbst zu überwerfen – immerhin zwei der bekanntesten Freigeister ihrer Zeit. La Mettrie starb 1751 im Alter von nur 42 Jahren in Potsdam, wahrscheinlich infolge einer Lebensmittelvergiftung. In seinem bekanntesten Werk „L’homme machine“, der Maschinenmensch, 1747 in den Niederlanden erschienen, beschreibt La Mettrie Mensch und Tier als mechanische Apparate, „die ihre Triebfedern selbst aufziehen.“ Auch die menschliche Seele funktioniert nach biomechanischen Gesetzen. Geist ist Materie. Es gibt keine unsterbliche Seele, keinen Gott und keinen freien Willen. Das Leib-Seele-Problem“, die Frage, in welchem Verhältnis Körper und Geist zueinander stehen, beschäftigt die Menschen seit der Antike. In dieser philosophischen Debatte hatte La Mettrie den bis dahin radikalsten materialistischen und mechanistischen Standpunkt bezogen. Eine nicht minder radikale Gegenposition vertraten die Idealisten: Der irische Theologe George Berkeley (die berühmte Universität in Kalifornien ist nach ihm benannt) war überzeugt, dass wir über die Welt nichts mit Gewissheit in Erfahrung bringen können. Alle Wahrnehmung ist subjektiv und unsere Realität allein das Ergebnis mentaler Vorstellungen, die eine physische Welt nicht zwingend voraussetzen. Mit anderen Worten: Alles ist Geist! Der Dualismus von Körper und Geist Einige Jahrzehnte bevor La Mettrie und Berkeley ihre jeweiligen radikalen Positionen formulierten, hatte René Descartes – eine Schlüsselfigur der Entstehung der modernen Philosophie und Wissenschaften – mit dem „ Dualismus “ die seit der Antike gängige Mehrheitsmeinung neu formuliert: Körper und Geist sind von unterschiedlicher Substanz und existieren unabhängig voneinander. Der Körper besteht aus Materie, ist daher den Naturgesetzen unterworfen und sterblich. Die Seele des Menschen hingegen ist immateriell; sie kann jenseits der Naturgesetze existieren und weiterleben, wenn der ihr zugeordnete Körper nicht mehr ist. Das Leib-Seele-Problem ist eines der großen Themen der Philosophie . Es ist Ausdruck des subjektiven Empfindens der meisten Menschen, einen vom Körper unabhängigen Geist zu haben und stellt die grundlegende Frage nach der Existenz einer von den materiellen Dingen losgelösten Welt. Die Neurobiologie beschäftigt sich seit einigen Jahrzehnten mit diesem Phänomen auf rein naturwissenschaftlicher Basis, unterstützt vor allem durch die Möglichkeiten bildgebender Verfahren: Welche physiologischen Vorgänge bringen jene Zustände und Prozesse hervor, die wir mit Begriffen wie Denken, Bewusstsein, Geist, Psyche oder Verstand verbinden? Nach allem, was wir heute wissen können, scheint es so zu sein, dass diese Phänomene und Zustände ausschließlich durch neuronale Aktivitäten erzeugt werden, elektrochemische Gewitter zwischen vernetzten Nervenzellen. In diesem Sinne besteht Bewusstsein aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor, Schwefel, Calcium, Kalium und Natrium. Das, was uns Menschen besonders macht, hat ganz offenbar, wie schon von La Mettrie behauptet, eine rein materielle Grundlage. Die mögliche Existenz einer unsterblichen Seele ist damit allerdings nicht widerlegt. Falls es sie gäbe, müsste sie aber Eigenschaften aufweisen, die sich einer naturwissenschaftlichen Betrachtung entziehen. Auf der Suche nach dem Bewusstsein Aber auch mit der naturwissenschaftlichen Betrachtung ist es alles andere als einfach. Descartes hatte vermutet, dass das Bewusstsein an einem bestimmten Ort wohnt, an dem gleichsam alle Fäden zusammenlaufen, eine Schaltstelle, von der aus es mit dem Körper kommuniziert. Diese Vorstellung hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert. Heute wissen wir, dass sie falsch ist. Die Prozesse, die unseren Geist erzeugen, sind in einem außerordentlich arbeitsteiligen und dezentralen System organisiert. Ein System, das durch plastische Lernprozesse seine funktionelle Architektur laufend ändert und dabei trotzdem stabil bleibt. Seine Selbstreglungsmechanismen erhalten und koordinieren es, ohne dass eine zentrale Steuerungsinstanz nötig wäre. Vermutlich beruhen bewusste Wahrnehmungen und Gedanken auf einer kurzzeitigen Synchronisation verschiedener, weit über die Großhirnrinde verteilter Areale . Die zerstreute Natur dieser Repräsentationen macht die Erforschung des Bewusstseins außerordentlich schwierig. Dem Hirnforscher Wolf Singer zufolge scheint Bewusstsein ein „metastabiler Zustand eines massiv distributiv organisierten Systems mit nicht-stationärer, nicht-linearer Dynamik“ zu sein, der sich bis heute jeder Beschreibbarkeit entzieht. Wir haben, kurz gesagt, nicht die geringste Vorstellung davon, wie aus Aktivitäten des Gehirns bewusstes Erleben entsteht. Sollte es eines Tages ein Modell geben, das diese Zustände und Prozesse zu beschreiben vermag, wäre dieses Modell außerordentlich komplex. Bis dahin gilt, dass menschliches Bewusstsein nicht messbar ist; wir gehen zwar davon aus, dass es eine materielle Grundlage hat, können es tatsächlich aber mit physikalisch-mathematischen Mitteln nicht beschreiben. Wer mehr wissen möchte: La Mettrie, Offray Julien de (1985): „Der Mensch als Maschine”, LSR. Roth, Gerhard, Strüber, Nicole (2018): „Wie das Gehirn die Seele macht“, Klett-Cotta. Pinker, Steven (2012): “Wie das Denken im Kopf entsteht”, Fischer. Singer, Wolf (2004): „Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung“, Vortrag, Heidelberg.
- Der Anfang von Allem
Fortsetzung von "Eine (sehr) kurze Geschichte des Universums" Geburt der Kräfte Im Anfang ist das Nichts. Kein Raum. Keine Zeit. Keine Materie. Keine uns bekannten Naturgesetze. Ein Zustand maximaler Ordnung, in der eine Urkraft , unbeschreiblich dicht und heiß, in einer dimensionslosen Keimzelle schlummert. Niemand auf unserem Planeten wird je wissen, was diese unbeschreibliche Kraftquelle umgibt und woher sie kommt. Alles, was vor Beginn der Zeit war, liegt hinter einer Wand, die wir nie werden durchdringen können. Für uns ist nur unsere Welt vorstellbar – unsere Welt aber gibt es noch nicht. Dennoch ist das Universum in dem unmerklichen Punkt bereits angelegt. Der stürmische Aufbruch zur langen kosmischen Reise beginnt vor knapp 13,8 Milliarden Jahren. In den ersten Minuten nach dem Urknall, der weder Blitz noch Donner kennt, und sich in vollkommener Dunkelheit vollzieht, überschlagen sich die Ereignisse; die rätselhafte Urkraft beginnt ihre Schwingen auszubreiten. Nach 10 ^ -43 Sekunden sind Zeit und Raum entstanden – die Bühne auf der die Physik auftreten kann, ist bereitet. Nach 10 ^ -35 Sekunden löst sich eine erste Grundkraft, die Gravitation , von der Urkraft. Der Raum dehnt sich mit rasender Geschwindigkeit aus, Temperatur und Dichte fallen, ein Teil der Energie gefriert dadurch zu Materie. Unmittelbar danach trennt sich nun auch die starke Kernkraft von der Urkraft. Der Raum bläht sich jetzt mit Überlichtgeschwindigkeit auf . Nach 10 ^ -30 Sekunden ist diese Inflationsphase bereits wieder beendet. In einem Zeitraum, gegenüber dem ein Wimpernschlag eine halbe Ewigkeit darstellt, ist das Universum vom Durchmesser eines Atoms auf die Größe eines Tennisballs angewachsen. Die neu geborenen Materieteilchen senden elektromagnetische Wellen aus, die den winzigen Kosmos für einen sehr kurzen Moment wieder aufheizen. In dem Sturm aus Mikrowellen zerfällt der Rest der Urkraft in schwache Kernkraft und Elektromagnetismus . Das Universum ist eine Billionstel Sekunde alt, viele Billionen Grad heiß, sehr klein und nach wie vor von vollkommener Finsternis. Doch die Nabelschnur ist nun durchtrennt; Zeit, Raum, Materie und die vier Grundkräfte beginnen erstmals miteinander in Wechselwirkung zu treten. Es beginnt jener Teil der kosmischen Evolution, der sich mit Hilfe der modernen Physik beschreiben lässt. Geburt der Teilchen Mit der weiteren Ausdehnung fallen die Temperaturen wieder. Die ausgefrorenen Elementarteilchen formieren sich zu Quarks und Antiquarks . Nach 10 ^ -6 Sekunden beginnt die starke Kernkraf t jeweils drei Quarks und drei Antiquarks zu unzähligen Protonen , Neutronen und ihren entsprechenden Antiteilchen zu vereinen. 10 ^ -4 Sekunden nach dem Urknall – die Temperatur ist bereits auf eine Billion Grad gefallen – ist diese Nukleonenbildung abgeschlossen. Materie und Antimaterie gehen nun auf Kollisionskurs, das große Teilchensterben beginnt: Protonen und Neutronen stoßen mit ihren Antiteilchen zusammen und verdampfen zu Photonen . Eine geheimnisvolle Asymmetrie bewirkt, dass in einem von einer Milliarde Fälle ein überschüssiges Materieteilchen übrigbleibt, eine Konstellation, die den Kosmos davor bewahrt, wieder zu reiner Energie zu verpuffen. Das kosmische Gleichgewich t ist zugunsten der Materie gekippt. Nun ist die schwache Kernkraft am Zug: In einem wilden Hin und Her verwandelt sie Protonen zu Neutronen und wieder zurück. Bereits eine Sekunde nach dem Urknall ist das Universum soweit abgekühlt, dass der Prozess zum Erliegen kommt – die Verteilung der Nukleonen, ist nun festgelegt. Die Wandlung hat eine neue Teilchenklasse hervorgebracht, die Leptonen , allen voran Elektronen und ihre Antiteilchen, die Positronen . Wie zuvor Nukleonen und deren Antiteilchen, annihilieren sich jetzt auch Elektronen und Positronen zu Photonen. Nach wenigen Sekunde n ist auch diese zweite Vernichtungsschlacht geschlagen und abermals hat die Materie den Sieg davongetragen: Eines von einer Milliarde Elektronen hat überlebt. Mit Protonen , Neutronen , Elektronen und Photonen verfügt der Kosmos nun über alle Grundbausteine, die seine weitere Entwicklung bestimmen werden. Auch das Verhältnis von Materie zu Energie ist jetzt festgeschrieben: Jedem Materieteilchen im Universum stehen eine Milliarde Lichtteilchen gegenüber. Dennoch herrscht weiterhin absolute Finsternis; die Photonen sind noch in dem dichten Teilchenplasma gefangen. Das Universum ist drei oder vier Minuten alt und nur noch eine Milliarde Grad heiß, als die starke Kernkraft den nächsten Abschnitt der Genesis einleitet: Je zwei Protonen und Neutronen verschmelzen miteinander. Vier Minuten später ist die Temperatur soweit gefallen, dass keine weiteren Kernfusionen mehr möglich sind; ein Viertel aller Materie besteht nun aus Heliumkernen. Geburt der Atome Nach diesem Feuerwerk benötigt der junge Kosmos eine Atempause. Lange Zeit geschieht nichts weiter als stetige Ausdehnung und Abkühlung. Nach 380.000 Jahren ist die Temperatur auf 4. 000 Grad gefallen. Die Bewegungen der Elektronen sind jetzt so langsam, dass zum ersten Mal die elektromagnetische Kraft in den Vordergrund treten kann. Mit ihrer Hilfe fangen Wasserstoff- und Heliumkerne die freien Elektronen ein: Die ersten Atome sind entstanden. Gezeugt durch die beiden Kernkräfte und den Elektromagnetismus, sind sie von nun an Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung des Kosmos. Zugleich hat der Elektronenfang im Universum aufgeräumt: Die Mikrowellen können nun aus der Gefangenschaft der Materie entfliehen und gebären die kosmische Hintergrundstrahlung. Geburt der Sterne Jahrmillionen vergehen. Das All breitet sich stetig aus und kühlt dabei weiter ab. Mehr und mehr gerät die Materie nun unter den Einfluss der erstgeborenen Grundkraft: Die Gravitation beginnt das Universum zu formen. Winzige, noch aus der Inflationsphase stammende Dichteunterschiede bilden Keimpunkte, um die sich nebelartige Strukturen aus Wasserstoff- und Heliumatomen zusammenballen. Viele Millionen Jahre lang wabern gigantische, sich immer weiter verdichtende Gasnebel durch das Universum. Mit dem zunehmenden Druck erhöht sich ihre Temperatur. Die Gravitation benachbarter Schwaden löst einen Drehimpuls aus, die Gasnebel beginnen spiralförmig um ihre eigene Achse zu kreisen. Nach 200 Millionen Jahren haben sich die Spiralen zu Gasbällen mit einer Temperatur von über einer Millionen Grad verdichtet. Die Gravitation wird zum Zündmechanismus der starken Kernkraft: Der Gasball beginnt Wasserstoff zu Helium zu verbrennen. Mit der ersten Sonne , ist nun auch endlich das Licht geboren. Das dunkle Zeitalter ist zu Ende . Geburt der Elemente Die ersten Sterne sind gigantisch. Ihr thermonukleares Feuer brennt so heftig, dass der Wasserstoff vorrat bereits nach drei bis vier Millionen Jahren verbraucht ist. Der Fusionsprozess kommt zum Erliegen, die ausgebrannte Sonne fällt in sich zusammen. Dichte, Druck und Temperatur steigen dadurch gewaltig an. Bei besonders massereichen Sternen erzeugt der Druck des in sich kollabierenden Heliumkerns Temperaturen von 100 Millionen Grad – genug, um eine neue Brennstufe zu zünden. Der sterbende Stern erwacht zu neuem Leben. In der extremen Hitze erbrütet er aus jeweils drei Helium kernen ein Kohlenstoffatom. Nachdem auch das Helium ausgebrannt ist, beginnt das Spiel von vorne: Der erneute Kollaps zündet die nächste Stufe, das Kohlenstoff brennen gebiert den ersten Sauerstoff , der Sauerstoff den ersten Stickstoff . Die größten Sterne, deren Druck Temperaturen von mehr als einer Milliarde Grad erzeugt, heben Neon , Magnesium , Silizium , Mangan und Eisen aus der Feuertaufe. Für gewöhnliche Sonnen bedeutet das Erbrüten von Eisen diesmal den unweigerlichen Sternentod: Die stets zunehmende Macht des Elektromagnetismus – seine Reichweite ist unbegrenzt – übertrumpft nun die starke Kernkraft – sie wirkt nur innerhalb des Atomkerns – und erlaubt den Nukleonen keine weiteren Brennstufen mehr: Nach dem bisherigen Muster können keine schwereren Atome mehr entstehen. (Dass Eisen das Endprodukt der Elementsynthese gewöhnlicher Sterne darstellt, erklärt seine relative Häufigkeit im Vergleich zu anderen schweren Elementen im Universum.) Doch mit nur 26 verschiedenen Elementen will sich die Natur nicht zufriedengeben. Einige Sterne sind so gigantisch, dass ihr Sterben die Energie liefert, um die elektromagnetische Kraft wieder in die Schranken zu weisen: Der Eisenkern stürzt mit Macht in sich zusammen; die leichteren Elemente der vorangegangenen Brennstufen stürzen hinterher und beschießen die Eisenkugel derart heftig, dass dabei Temperaturen von mehreren Milliarden Grad entstehen. Der höllische Hagel setzt in dem implodierenden Stern zahllose Neutronen frei, die sofort von den Atomen eingefangen und durch die schwache Kernkraft in Protonen und Elektronen verwandelt werden. So liefert der Sonnentod innerhalb von Minuten die nötige Fusionsenergie, um Nickel , Kupfer , Silber , Gold , Blei , Uran und alle anderen schweren Elemente zu schmieden. Am Ende vergeht der sterbende Stern in einer Supernova, einer gigantischen Explosion, die die neu erschaffenen Elemente ins Weltall schleudert. Geburt der Galaxien Nicht alle Atome entkommen dabei den sterbenden Mega-Sonnen. Sie werden Teil eines Neutronensterns , eines unvorstellbar dichten Gebildes von oftmals nur wenigen Kilometern Durchmesser.Einige von ihnen, die aus ganz besonders massereichen Sonnen hervorgegangen sind, krümmen durch ihre Gravitation die Raumzeit so stark, dass nichts, nicht einmal ein Lichtstrahl, ihnen entkommen kann: Die ersten schwarzen Löcher sind entstanden. Die Supernovae haben ein neues Kapitel der kosmischen Evolution aufgeschlagen. Ihre Druckwellen erzeugen neue Materieverdichtungen, Keimzellen einer neuen Sternengeneration. Diesmal enthalten die kosmischen Wolken nicht nur Wasserstoff und Helium, sondern auch alle weiteren Elemente, die die ersten Sonnen dem noch jungen Universum geschenkt haben. Neue Sterne werden geboren und vergehen wieder. Die Gravitation ordnet sie über Milliarden Jahre hinweg zu hunderten von Milliarden Galaxien an, von denen jede selbst aus A bermilliarden Sonnen besteht... Wer mehr wissen will: Hawking, Stephen (2011): "Eine kurze Geschichte der Zeit" rororo Tom Lehrer: "The Element Song" : YouTube
- Die Ursprünge der Mathematik
Fortsetzung von "Was ist Mathematik?" Im Anfang war die Zahl Schimpansen greifen bei Revierkämpfen keine Artgenossen an, wenn die eigene Gruppe nicht mindestens um das Anderthalbfache überlegen ist. Auch Rabenvögel sind in der Lage, Größenordnungen einschätzen zu können. Diese Fähigkeit ist ein evolutionärer Vorteil bei Angriff, Verteidigung oder Futtersuche. Einige Primaten können zudem Mengen bis fünf genau unterscheiden. Doch weiter geht die Tiermathematik nicht. Manche Wissenschaftler meinen, in einem 1960 bei Ishango im Kongo gefundenen etwa 20.000 Jahre alten Pavianknochen Beweise einer entwickelten steinzeitlichen Mathematik gefunden zu haben. In den gruppierten Kerben sehen sie entweder komplexe mathematische Strukturen oder einen Mondkalender. Doch solche Behauptungen sind höchst spekulativ und daher äußerst umstritten. Denn wenn wir die wenigen Naturvölker, betrachten, die bis vor kurzem noch isoliert als Wildbeuter auf unserem Planeten lebten, haben diese für alles, was eine Handvoll übersteigt, keine exakten Worte. Ganz offenbar spielten solche Größenordnungen in ihrem Alltag schlichtweg keine Rolle. Eine Mathematik, die über die anderer Menschenaffen hinausgeht, gibt es nachweislich erst seit der neolithischen Revolution , der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht. Das hängt offenbar damit zusammen, dass das menschliche Gehirn Mengen grösser fünf in der Regel nicht mehr simultan erfassen kann; das heißt, wir müssen zählen. Zählen ist die Grundlage aller Mathematik . Als sich mit der Sesshaftigkeit erstmals komplexere soziale Strukturen bildeten, wurde das Zählen schlicht und ergreifend eine Notwendigkeit. Menschenmassen, Viehherden, Tauschhandel, Landzuteilung, Erbschaften und Steuern erforderten ein erweitertes Zahlenverständnis, um die neuen, größeren Gemeinschaften organisieren zu können. So trivial es klingt: Die Anfänge der Mathematik waren schnöde Buchhaltungssysteme, bei denen Schreiber einfache Transaktionen auf Tontafeln festhielten. Fingerspiele Die Schreiber hatten dabei zwei Probleme zu lösen. Zum einen galt es beim Zählen den Überblick zu behalten. Die Technik, die dazu entwickelt wurde, war so einfach und naheliegend, dass wir sie noch heute auf Bierdeckeln benutzen: Strichlisten. Dass Strichlisten bis heute in verschiedensten Kulturen zu Fünfergruppen zusammengefasst werden, ist kein Zufall: Es ist die Zahl der Finger einer Hand. Und auch, dass die Striche selbst wie Finger aussehen, kommt nicht von ungefähr. Kleine Kinder zeigen uns, dass es die natürlichste Sache der Welt ist, Finger als Zählhilfe zu nutzen. Fünf Finger mal zwei Hände sind der Ursprung des Dezimalsystems, das sich heute fast überall auf der Welt durchgesetzt hat. Hätten wir nur acht Finger, wäre unsere Referenz wohl ein Oktalsystem, mit dessen Logik wir dann ebenfalls keinerlei Probleme hätten. Nimmt man zu den Händen auch noch die Füße hinzu, kann man bereits bis 20 zählen. Das Zwanzigersystem war einst weit verbreitet. Davon zeugen heute noch Relikte mehrerer europäischer Sprachen , etwa das französische „quatre-vingts“ („vier Zwanziger“) für achtzig oder die dänischen Zahlwörter „tres“ und „firs“ für sechzig und achtzig als Verkürzungen von dreimal beziehungsweise viermal zwanzig. Da bei größeren Zahlen Strichlisten und menschlicher Körper als Hilfsmittel schnell an natürliche Grenzen stoßen, kam man auf die Idee, neben den Strichen weitere Zahlensymbole zu erfinden. Mengen wie 10, 20, 30, 50, 60, 100 oder 1000 wurden bestimmte Zeichen zugewiesen. Das römische und das arabische Zahlensystem benutzen beispielsweise für die Zahl fünfzig die Symbole „L“ beziehungsweise „50“. Die Verbindung von Menge und Symbol war von nun an lediglich eine Frage der Konvention. Die andere Herausforderung war es, die Zahl mit dem zu zählenden Objekt zu verknüpfen; es lag nahe, dies über eine einfache Zeichnung zu tun, etwa für ein Rind oder für einen Scheffel Weizen. Es ist kein Zufall, dass „ zählen “ und „ erzählen “ im Deutschen und anderen Sprachen sehr ähnlich klingen. Mathematik und Schrift haben einen gemeinsamen Ursprung; beide sind eng miteinander verwobene Kulturtechniken, die Ackerbauern und Viehzüchter zwangsläufig entwickeln mussten, um Ordnung in ihre neue, komplexere Welt zu bringen. Die ersten Schriftkundigen waren somit gleichzeitig Buchhalter, Schreiber und Rechenmeister. Die japanische Sprache erinnert uns übrigens heute noch daran, wie eng Zahl und Gezähltes miteinander verbunden sind: Je nachdem, ob Bäume, Geldscheine, Schwerter, Jahre oder Fragen gezählt werden, fordert das Japanische die Verwendung völlig unterschiedlicher Zählwörter. Reste dieser Logik haben sich auch im Deutschen erhalten, etwa wenn wir von drei Laib Brot, vier Blatt Papier oder fünf Stück Vieh sprechen. Eine einzigartige Kulturleistung Zwei Weizenscheffel und zwei Weizenscheffel ergeben vier Weizenscheffel. Vier Ochsen und drei Ochsen ergeben sieben Ochsen. Erst mit der Zeit offenbarte sich den Menschen, was uns heute selbstverständlich erscheint: dass zwei und zwei immer vier ergibt und vier und drei immer sieben, ganz gleich, was gezählt wird. Wie Jürgen Kaube es ausdrückte, sind „Zahlen stets Zahlen von Etwas, zugleich aber immer auch Zahlen von allem“. Einmal gedanklich von den mit ihnen verbundenen Dingen befreit, ließen sich die merkwürdigen Gebilde nun als solche betrachten und auf ihre Eigenschaften hin untersuchen. Man entdeckte Addition, Multiplikation, Subtraktion und Division als Techniken, um Zählvorgänge abzukürzen. Es zeigte sich, dass manche Zahlen ohne Rest teilbar waren, andere hingegen nicht. Es zeigte sich auch, dass verschiedene Operationen zu demselben Ergebnis führten. So lässt sich die Zahl zwölf sowohl durch drei mal vier als auch durch zwei mal sechs erzeugen. Außerdem eigneten sich die Zahlen dazu, verschiedene Dinge zueinander in Beziehung zu setzen: Wert oder Gewicht eines Ochsen ließen sich auch in Weizenscheffeln ausdrücken. Reine und angewandte Mathematik förderten eine neue Form abstrakten Denkens, die bis heute eine der herausragendsten Kulturleistungen der Menschheit bleibt. Die Sprache der Natur Bald zeigte sich, dass sich mit Zahlen auch die Regelhaftigkeit der Natur beschreiben ließ. Für die frühen bäuerlichen Hochkulturen war das Wissen um jahreszeitliche Rhythmen, die periodische Wiederkehr von Tagundnachtgleichen, Sommer- und Wintersonnenwende, oftmals eine Frage des Überlebens. Der Schlüssel zum Verständnis der Natur stand ganz offenbar in den Sternen. Mit Mathematik ließ sich die himmlische Ordnung erstmals aufdecken und darstellen. Die Priester-Astronomen, die anhand von Sonnenständen und Mondphasen das nächste Hochwasser an Euphrat oder Nil vorhersagen konnten, gelangten so zu Macht und Einfluss. Spätestens jetzt war Mathematik auch ein Herrschaftsinstrument geworden. Das unschlagbare Sexagesimalsystem Vor 4.000 Jahren war das Sexagesimalsystem, ein Stellenwertsystem, das nicht wie unser Dezimalsystem auf der Zahl zehn, sondern auf der Zahl sechzig basiert, Grundlage der babylonischen Mathematik. Das Jahr hatte nach Überzeugung der Astronomen zwischen Euphrat und Tigris 360 Tage, unterteilt in 12 Monate zu je 30 Tagen (Eine Ungenauigkeit, die natürlich schon bald Schaltmonate nötig machte.) Unsere Zeitrechnung mit 60 Sekunden und Minuten, 24 Stunden und 12 Monaten, ist ein Überbleibsel dieses Denkens, ebenso die geometrische Einteilung des Kreises in 360 Grad. Neben seiner astronomischen Bedeutung hatte das Sexagesimalsystem aber auch noch einen ganz irdischen Vorzug, den es auf den Märkten des Zweistromlands täglich unter Beweis stellen konnte: Die Basiszahl 60 ist durch 1, 2, 3, 4, 5, 6, 10, 12, 15, 20, 30 und 60 ohne Rest teilbar; Güter, die nach diesem System gehandelt wurden, waren daher in den meisten Fällen leicht aufzuteilen. Das war außerordentlich hilfreich, denn mit Bruchzahlen, also Zahlen, die man beim Teilen „zerbrechen“ musste, wussten die Babylonier noch nicht so recht umzugehen. Weiterführende Literatur: Pyritz, Lennart (2011): „Mathematik bei Mensch und Huhn“ in: Süddeutsche Zeitung Online vom 27.07.2011. Kaube, Jürgen (2017): „Die Anfänge von Allem“ (13. Kapitel), Rowohlt. Pickover, Clifford A (2014): „Das Mathebuch”, Libero.
- Eine (sehr) kurze Geschichte der Menschheit
Epochenwechsel Das Bild „Die letzte Fahrt der Téméraire“ des englischen Malers William Turner kündet von einer Zeitenwende. Im Sonnenuntergang wird ein altes, verdienstvolles Segelschiff von einem modernen Raddampfer zum Abwracken geschleppt. Das Bild aus dem Jahr 1838 ist eine ausdrucksstarke Allegorie: Eine Epoche ist vergangen; eine neue, schnelle, mechanisierte Zeit beginnt. Die Epoche, die hier zu Ende geht, hat rund 12.000 Jahre gedauert. Etwa 10.000 Jahre vor der Zeitenwende begann im fruchtbaren Halbmond der langsame Übergang, der aus Wildbeutern nach und nach Ackerbauern und Viehzüchter werden ließ. Die Investition in den Anbau von Süßgräsern hatte einen hohen „Return on Investment“: Jede für den Anbau eingesetzte Kalorie wurde mit der Rückgabe der 50-fachen Energiemenge belohnt. Was lag für die damaligen Jäger und Sammler also näher, als die Gräser gezielt an Ort und Stelle wachsen zu lassen, anstatt sie mühsam in der Wildnis zu suchen? Die neue Methode, der Natur Früchte abzuringen zog zwangsläufig Sesshaftigkeit und damit eine neue Lebensweise nach sich. Die Folgen der neolithischen Revolution , des allmählichen Übergangs zu Ackerbau und Viehzucht, sollten das Leben aller menschlichen Gesellschaften, die diesen Schritt unternahmen, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts prägen. Doch dann vollzog sich, ausgehend von England, eine tiefgreifende Veränderung des menschlichen Zusammenlebens. Die Grundlage hierfür legte der Fabrikant Abraham Darby in Coalbrookdale bereits einhundert Jahre zuvor: Er stellte die Befeuerung seiner Eisenhütte von Holzkohle auf Steinkohle um. Der fossile Energieträger – er enthält vor Jahrmillionen gespeicherte Sonnenenergie – ist dreimal so effizient, wie Holz. Die Energiekosten der zahlreichen, noch kleinen Manufakturen sanken deutlich. Dieser ökonomische Katalysator bereitete den Boden für die Industrielle Revolution , den größten Umbruch der Menschheitsgeschichte seit Beginn der Landwirtschaft. Prometheus Um ein Schlüsselereignis zu finden, das sich mit der Erfindung von Feldarbeit und Industrieller Revolution vergleichen ließe, müssen wir noch einmal zurückgehen, diesmal rund 1,9 Millionen Jahre: Ein Urahn unserer Gattung, Homo ergaster , lernte es, sich das Feuer als Energiequelle zu erschließen. Zwar konnte er es noch nicht selbst entzünden, doch er vermochte es zu zähmen und zu bewahren. Das Feuer wärmte nachts die Sippe und vertrieb die Raubtiere. Noch wichtiger aber war, dass sich mit ihm auch harte pflanzliche Nahrung und zähes Fleisch weichkochen ließ. Komplexe Zucker und Proteine konnten nun wesentlich besser verwertet werden. Im Laufe der Jahrhunderttausende führte die weichere Nahrung zu einer Verkürzung des Darmtraktes, der sich nun kaum noch um schwer zu verwertende Rohkost kümmern musste; Zähne und Kaumuskulatur bildeten sich zurück. Die durch die effizientere Ernährung gewonnene Energie konnte in das Wachstum des Gehirns investiert werden. Erstmals war ein neuer Evolutionsmechanismus wirksam geworden: Eine erworbene Kulturtechnik hatte Auswirkungen auf die weitere anatomische Entwicklung einer biologischen Gattung . Spiel mit dem Feuer Betrachten wir diese drei Schlüsselereignisse etwas näher, wird deutlich, dass die Geschichte der Menschheit bisher durch drei Energie-Revolutionen bestimmt wurde: die Beherrschung des Feuers, die Erfindung der Landwirtschaft und die Nutzung fossiler Brennstoffe. Jedes dieser Schlüsselereignisse ermöglichte eine Multiplikation der Möglichkeiten des Homo sapiens, Energie für sich nutzbar zu machen, Grundlage eines beispiellosen Entwicklungsschubs. Auch heute steht die Menschheit wieder an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Es ist gezeichnet von der digitalen Revolution, der massenweisen Verarbeitung des neuen Rohstoffs Information, bei der mittlerweile die künstliche Intelligenz den Takt vorgibt, sowie von der zwingend notwendigen Abkehr vom Verbrauch fossiler Brennstoffe, die die letzten 200 Jahre so entscheidend geprägt haben. Mittlerweile sollten wir verstanden haben, dass das Risiko fossiler Brennstoffe nicht darin liegt, dass sie uns ausgehen könnten, sondern dass sie uns nicht ausgehen könnten. Schicksale menschlicher Gesellschaften Schauen wir uns in der heutigen Welt um, so wird deutlich, dass neben der Verfügbarkeit von Energie ganz offenbar noch weitere Faktoren über die Schicksale menschlicher Gesellschaften entscheiden. Heute leben kaum mehr als 10% aller Menschen in Industriegesellschaften westlich-demokratischer Prägung. Die alte bipolare Weltordnung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch eine zunehmend komplexe multipolare Weltordnung ersetzt. Während einige kleine Gemeinschaften heute noch immer als Jäger und Sammler leben und zahllose Menschen ihre Existenz mit einfacher Landwirtschaft oder in wenig automatisierten Industriebetrieben der Schwellenländer bestreiten, lassen andere Gesellschaften Menschen ins All fliegen, entwickeln Satellitennavigationssysteme oder verändern die Gensequenzen von Lebewesen (Wobei sich zunehmend auch die Schwellenländer solche Technologien zu eigen machen.) Es gibt zahlreiche Erklärungsansätze für diese erstaunlichen Unterschiede heutiger Gesellschaftsordnungen, die von geobiologischen Gegebenheiten der Kontinente über reine Zufälle, soziale, kulturelle und religiöse Unterschiede bis hin zu dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein bestimmter Institutionen reichen. Eine umfassende und allgemein anerkannte Theorie, die die unterschiedlichen Entwicklungspfade unserer Spezies in den letzten 12.000 Jahren plausibel zu erklären vermag, ist bis heute daraus allerdings noch nicht entstanden. In den kommenden Blogs zu „Geschichte der Menschheit“ wollen wir jenen Kräften nachspüren, die die Entwicklungen menschlicher Gesellschaften vorantreiben oder behindern. Weiterführende Literatur: Diamond, Jared (2006): „Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“, Fischer. Harari, Yuval Noah (2013): „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, DVA. Krause, Johannes / Trappe Thomas (2021): „Hybris – Die Reise der Menschheit zwischen Aufbruch und Scheitern“, Propyläen.
- Was ist Gesellschaft?
Ein sehr soziales Wesen Zweifellos weist Homo sapiens innerhalb der Tierwelt das mit Abstand komplexeste Sozialverhalten auf. Er kann Emotionen verstecken oder vortäuschen, seine wahren Absichten verbergen, selbstlos handeln, Revolutionen anzetteln oder einen Sozialstaat organisieren. Die grundlegenden Handlungsmuster beim Umgang mit anderen Menschen haben ihre Wurzeln in evolutionär erprobten Konflikt- und Konfliktvermeidungsstrategien. Wahrscheinlich haben diese Strategien unser intuitives Verständnis dessen geprägt, was wir beim gegenseitigen Umgang als „gerecht“, "fair" oder „moralisch“ empfinden. Die Physik des Zusammenlebens Das Zusammenleben mit anderen bestimmt unseren Alltag. Seit der Antike sind wir auf der Suche nach begründbaren Regeln, mit denen sich Gemeinschaft im Spannungsfeld zwischen archaischen Reflexen und reiner Vernunft am besten organisieren lässt. Ursprünglich eine Domäne der politischen Philosophie , entstand aus dieser Suche im 19. Jahrhundert die Idee einer „sozialen Physik“, der Versuch, gesellschaftliche Phänomene nicht nur moralisch zu bewerten, sondern auch quantitativ beherrschbar zu machen. Heute suchen neben Philosophen und Soziologen auch Politik- und Geschichtswissenschaftler, Anthropologen, Ökonomen und Mathematiker nach den Gesetzen menschlicher Gesellschaften. Sie ziehen dazu den Einfluss der Religion heran, analysieren offenbare und verborgene Strukturen der Macht oder untersuchen spieltheoretische Dilemmata. Ein zusammenhängendes Bild oder gar eine einheitliche Theorie menschlichen Zusammenlebens, das sich etwa mit dem recht kohärenten Weltbild der Physik vergleichen ließe, ist daraus bis heute allerdings nicht entstanden. Gemein ist den verschiedenen Ansätzen lediglich, dass ihnen stets religiös oder philosophisch gerechtfertigte Wertesysteme zugrunde liegen . Staatstheorien Bereits vor der Zeitenwende wurde darüber nachgedacht, welche Rolle in diesem Zusammenhang dem Staat zukommen soll. Sowohl Platon als auch Aristoteles , die beiden Ikonen der klassischen griechischen Philosophie, haben sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt. Den Römern – sie waren mehr Praktiker als Theoretiker – ist das Kunststück gelungen, eine republikanische Verfassung zu schaffen, deren Kern rund 500 Jahre lang Bestand haben würde. Mit Beginn der Neuzeit lieferten Niccolò Machiavelli und sein Zeitgenosse Thomas Hobbes ganz neue Perspektiven. Machiavellis Schrift „Der Fürst“ ist deshalb von großer ideengeschichtlicher Bedeutung, weil hier erstmals keine moralischen Forderungen aufgestellt, sondern allein nüchtern und ungeschminkt die Gesetze des Machterhalts analysiert und beschrieben werden. Auch Hobbes „ Leviathan “ ist bis heute eines der bedeutsamsten Werke der modernen politischen Philosophie. Ohne staatliche Ordnung, so Hobbes, lebt der Mensch in einem Naturzustand, der alles andere als idyllisch ist: Es herrscht ein „Krieg aller gegen alle“ „Das menschliche Leben [wird dadurch] einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“. Um diesem Zustand zu entkommen, schließen die Menschen mit dem Staat einen fiktiven Gesellschaftsvertrag. Es handelt sich dabei nicht um einen Vertrag im herkömmlichen Sinne, ein Dokument, das alle Beteiligten unterschreiben müssen, sondern vielmehr um ein gedankliches Konstrukt von beachtlicher historischer Wirkung: Demnach einigen sich die Menschen ihre Macht an einen Souverän abzutreten, der dadurch allerdings zu einem monstergleichen Organismus wird. Hobbes benutzt die Metapher des Leviathans, einem schrecklichen Meeresungeheuer der biblischen Mythologie – ein Symbol für den absolutistischen Staat. Doch erst diese beispiellose Machtfülle ermöglicht Freiheit, Wohlstand und Selbstentfaltung für alle und sorgt dafür, dass jeder die Früchte seines Tuns auch ernten kann. Hobbes Idee sollte sich als so wirkmächtig erweisen, dass sie in den folgenden Jahrhunderten mehrfach von politischen Philosophen wie John Locke oder Jean-Jacques Rousseau aufgenommen und um weitere, teils konträre Betrachtungsperspektiven bereichert wurde. Die Anfänge der Soziologie Im 19. Jahrhundert nährte der rasche Fortschritt in allen Bereichen der Naturwissenschaften die Vorstellung, dass auch Gesellschaften und ihre Entwicklung mathematisch exakt beschreibbaren Gesetzen gehorchen. So zumindest die ambitionierte Vorstellung des Franzosen Auguste Comte , der als Begründer der modernen Soziologie gilt. Auf dieser Grundlage lieferten Soziologen wie Emile Durkheim, Ferdinand Tönnies und Max Weber empirisch fundierte Theorien, mit denen sich bis heute zahlreiche Phänomene moderner westlicher Gesellschaften erklären und analysieren lassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben drei weitere Soziologen, Niklas Luhmann, Pierre Bourdieu und Michel Foucault aufgezeigt, dass Machtausübung, insbesondere auch in Demokratien, sehr viel subtilere Formen annehmen kann, als sie uns etwa aus diktatorischen Regimen bekannt sind. Grundlage eines konstruktiven Zusammenlebens aller Menschen ist Vertrauen. Nach Luhmann handelt es sich dabei um einen „Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“. Tatsächlich setzt sich heute sogar ein ganzer Zweig der Mathematik , die Spieltheorie, mit diesem Phänomen auseinander und analysiert, ob wir langfristig besser damit fahren anderen zu vertrauen oder dieses Vertrauen zu missbrauchen. Soweit der erste Überblick über das Themenspektrum, das wir in der Kategorie „Gesellschaft“ noch eingehender beleuchten werden… Weiterführende Literatur: Hobbes, Thomas (1996): „Leviathan“, Meiner. Machiavelli, Niccolò (1990): „Der Fürst“, Insel. Foucault, Michel (1994): „Überwachen und Strafen“, Suhrkamp.
- Was ist Ökonomie?
Eine ziemlich trostlose Wissenschaft Märchen kennen keine Naturgesetze. Das Schlaraffenland lässt Milch und Honig fließen, den Faulenzern fliegen die gebratenen Tauben ins Maul. Anstrengende Arbeit und Fleiß sind in diesem wundersamen Reich verpönt; niemand benötigt Geld; überall herrscht Überfluss. Den Mythos von einem Paradies, in dem es an nichts mangelt, gab es schon lange vor den Gebrüdern Grimm ; er ist so alt wie die Menschheit. Die Ersten, die im Schlaraffenland ihre Arbeit verlören, wären die Ökonomen; denn wirtschaften kann man nur, wo Mangel herrscht. Da es auf unserer Welt Ökonomen gibt, muss unsere Wirklichkeit also eine andere sein. Nicht ohne Grund nennt man die Ökonomie im Englischen „the dismal science“ – die trostlose Wissenschaft, denn ihre Daseinsberechtigung entspringt allein Knappheit und Begrenzung. (Ich kann es beurteilen – ich habe dieses Fach studiert.) Es geht immer nur um zwei Fragen Während im Schlaraffenland jeder immer alle Wünsche befriedigen kann, müssen wir in der realen Welt mit unseren Mitteln haushalten. Täglich sind wir gezwungen zu entscheiden, wieviel wir von unserem knappen Geld für etwas anderes herzugeben bereit sind oder welchen Aktivitäten wir unsere knappe Zeit widmen möchten. Die Notwendigkeit, laufend entscheiden zu müssen, zwingt uns in ein diffiziles Geflecht von menschlichen Beziehungen, Berechnungen, Interessenkonflikten und Wechselwirkungen. Um diese Zusammenhänge beschreiben, verstehen und, wenn möglich, auch steuern zu können, müssen die Ökonomen ganz tief in die Werkzeugkiste greifen. Eingesetzt werden Welterklärungsinstrumente aus so verschiedenen Bereichen wie Mathematik , Naturwissenschaften , Philosophie , Psychologie , Politikwissenschaften und Soziologie. Damit kommen die Wirtschaftswissenschaften der mechanistischen Gesellschaftsvision Auguste Comtes (wir haben sie im letzten Blog kurz erwähnt), wohl näher, als alle anderen Sozialwissenschaften. Zwei grundlegende Fragen beschäftigen die Sozialingenieure in diesem Zusammenhang: Unter welchen Bedingungen wird die Gesamtwohlfahrt einer Gesellschaft am größten und wie sollen die Produkte dieser Wohlfahrt verteilt werden? Die erste Frage ist eine der mathematischen Optimierung. Das zugrundeliegende ökonomische Prinzip finden wir auch in der Natur: Die Physik lehrt uns, dass der Apfel, der zu Boden fällt, stets den kürzesten Weg nimmt; die Evolutionsbiologie erklärt, dass Pflanzen und Tiere, die knappe Ressourcen effizienter verwenden als andere, bessere Aussichten auf Fortpflanzung haben. Keine Sonnenblume wird mehr Mineralien verbauen, als für ihr Wachstum nötig, kein Löwe mehr Kraft aufwenden als gefordert, um seine Beute zu reißen. Die ökonomische Theorie unterstellt, dass der vernunftbegabte Mensch ebenfalls nach diesem Prinzip handelt: Wir möchten ein gegebenes Ziel mit minimalem Aufwand erreichen oder mit gegebenen Mitteln das bestmögliche Ergebnis erzielen. Der Dramatiker George Bernhard Shaw hat es so formuliert: „Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen.“ Die zweite Frage ist hingegen ganz anderer Natur. Das Problem, wie der gemeinsam erwirtschaftete Wohlstand verteilt werden soll, kann nicht mit Mathematik gelöst werden; es handelt sich nicht um eine positive Berechnung , sondern um eine normative Wertung . Tatsächlich dürfte in kaum einer anderen Sozialwissenschaft das Spannungsfeld zwischen „sein“ und „sollen“ grösser sein, als in den Wirtschaftswissenschaften. Wer „Soll-Fragen“ beantworten will, muss sich zu einer moralischen Position bekennen. Kein Wunder also, dass unterschiedliche Ökonomen dabei auch zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Wenn ich einmal reich wär… In den kommenden Artikeln unserer Kategorie Ökonomie geht es um das liebe Geld und die oft falschen Vorstellungen, die wir von ihm haben, um eine folgenreiche Metapher eines schottischen Moralphilosophen, um den Einsatz Newtonscher Mathematik in der Ökonomie, die konstruktive Kraft der Zerstörung liebgewordener technischer Errungenschaften und um den mittlerweile „100-jährigen Krieg“, den die Anhänger eines mächtigen Staats mit den Verfechtern eines radikalen Liberalismus austragen. Im Verlauf dieses Konflikts hat sich in der westlichen Welt die Waagschale mal in die eine, mal in die andere Richtung geneigt. Wie wir noch sehen werden, liegt auch diesmal das Problem darin, die beiden widersprüchlichen Ziele einer Gesellschaft „Freiheit“ und „Gleichheit“ gleichzeitig anstreben zu wollen. Mehr Freiheit bedeutet weniger Gleichheit, mehr Gleichheit weniger Freiheit. Etwas überspitzt formuliert haben (zumindest demokratisch verfasste) Gesellschaften also die Wahl, ob sie lieber unterschiedlich reich oder gleich arm sein wollen. Weiterführende Literatur: Smith, Adam (2003): „Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“, dtv. Schumpeter, Joseph (1987): „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, Duncker & Humblot. Bauman, Yoram / Klein Grady (2010): Economics – Mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen, Manhattan.
- Was ist Bewusstsein?
Rätselhaftes Bewusstsein Im letzten Blog habe ich versucht, die physikalische Entwicklung und die sich aus ihr ergebende chemische und biologische Evolution in wenigen Zeilen zusammenzufassen. Bewusstsein ist die wohl jüngste und spektakulärste Errungenschaft der biologischen Evolution. Der Neurophysiologe und Gehirnforscher Wolf Singer beschreibt Bewusstsein als einen mutmaßlich „metastabilen Zustand eines massiv distributiv organisierten Systems mit nicht-stationärer, nicht-linearer Dynamik“. Eine - zugegeben - ziemlich wissenschaftliche Formulierung. Letztlich bedeutet sie, dass wir aufgrund der außerordentlichen Komplexität der zugrundeliegenden Vorgänge nicht die geringste Vorstellung davon haben, wie Bewusstsein in unserem Kopf entsteht. Wir sind allein Das Wissen um die eigene Existenz kann Segen oder Fluch sein. Fest steht: Mit unserer Selbsterkenntnis stehen wir bis heute völlig allein da. Die anderen Vertreter unserer biologischen Gattung – Homo erectus , Homo neanderthalensis oder der Denisova-Mensch – Arten, die vielleicht vergleichbare geistige Zustände hätten entwickeln können, sind allesamt ausgestorben. So, wie Elefanten als evolutionäre Strategie auf das Multifunktionswerkzeug Rüssel gewettet haben, hat unsere Spezies als einzige konsequent auf das Bewusstsein gesetzt. Mit unserem „Kalkül“ waren wir, so scheint es, bisher durchaus erfolgreich, zumindest wenn man die heutige Anzahl der Vertreter unserer Spezies, deren globale Ausbreitung und Dominanz zum Maßstab nimmt. Grundlage der kulturellen Evolution Wie auch immer es in unserem Gehirn erzeugt wird: zweifellos ist allein unser Bewusstsein Grundlage und zwingende Voraussetzung unserer atemberaubenden kulturellen Evolution. Sie übertrifft die die Geschwindigkeit der biologischen Evolution um einen vielhunderttausendfachen Faktor. Gleichwohl sind auch wir Menschen zunächst ein Produkt der langsamen biologischen Evolution des Lebens auf unserem Planeten. Taxonomisch gesehen sind wir Säugetiere aus der Ordnung der Primaten, der Unterordnung der Trockennasenaffen und der Familie der Menschenaffen, Cousins der Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans. Ein nackter Affe! Doch nur wir haben jene mentalen Zustände und kommunikativen Fähigkeiten entwickelt, die uns auch zu einer kulturellen Evolution befähigen. Wir nehmen uns selbst als eigenes Wesen wahr, können den Dingen, die uns umgeben, Symbole zuordnen, abstrakte Begriffe erfinden und uns sogar etwas ausdenken, das gar nicht existiert. Wir sind das Tier, das denkt, dass es denkt, fühlt dass es fühlt und weiß, dass es weiß. Die Früchte vom Baum der Erkenntnis Das Wissen um uns selbst und um unser Eingebundensein in die Welt hat sehr weitreichende Konsequenzen: Wir können uns für oder gegen etwas entscheiden, Fragen und Fallen stellen, das Verhalten anderer als mutig, ängstlich, feige, berechnend, heuchlerisch, hilfsbereit, gleichgültig oder selbstlos bewerten, Kunst schaffen, uns Götter, Geister und Dämonen vorstellen und Geschichten erzählen. Und: wir wissen um unsere eigene Sterblichkeit. Unser Bewusstsein befähigt uns, jene Muster aus „Zufall und Notwendigkeit“ zu erkennen, die die Welt um uns herum bestimmen. Wir können den Entwicklungsprozess der Natur, von der Entstehung der Elementarteilchen über Atome und Moleküle bis hin zum Leben und „Erleben“ nachvollziehen. Unser Verstand erlaubt es, Fragen nach dem Sinn unserer Existenz zu stellen, nach der Wahrheit, nach vernünftigen Regeln des sozialen Zusammenlebens oder wie ein gemeinschaftlich erwirtschafteter Wohlstand verteilt werden soll. Bewusstsein beinhaltet die Fähigkeit, die Folgen des eigenen Handelns gedanklich durchspielen zu können und auf dieser Grundlage zu entscheiden. Die Bibel beschreibt dieses Erwachen als den Sündenfall: Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und wissen seitdem, was Gut und Böse ist. Tiere hingegen haben diese Möglichkeit nicht. Auch wenn wir es manchmal so wahrnehmen: Ihr Verhalten ist weder grausam noch edel oder im eigentlichen Sinne intelligent. Dass wir zwischen mehreren Zielen wählen können und dabei neben praktischen auch moralische Kriterien einfließen lassen, ist einer der radikalsten Unterschiede zwischen uns und allen anderen Tieren. Experiment mit ungewissem Ausgang Neben der Ratio existiert aber auch das uralte tierische Erbe in unserem Verhalten weiter fort. Unser Neokortex, die äußerste und evolutionsgeschichtlich jüngste Gehirnschicht, befindet sich in permanenter Spannung mit unserem wesentlich älteren Reptiliengehirn. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass oft genug erst das Fressen und dann die Moral kommt. Ob sich das Bewusstsein aus Sicht der Evolution dauerhaft als überlegene Strategie durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Menschenbilder Menschsein bedeutet als Individuum, Familienmitglied, Angehöriger einer Sippe oder einer modernen Gesellschaft, mit diesem Spannungsfeld umzugehen. Aus den Konflikten zwischen evolutionärem Erbe und Ratio erklärt sich die Komplexität unseres Handelns. Um Menschen zu verstehen, reichen naturwissenschaftliche Methoden allein nicht aus; wir benötigen zusätzliche Perspektiven, die wir als Human-, Geistes- und Sozialwissenschaften bezeichnen (im Englischen üblicherweise unter dem Begriff „Humanities“ zusammengefasst). Anders als in den Naturwissenschaften geht es hier nicht mehr allein um die Frage, wie etwas ist, sondern auch darum, wie etwas sein soll. Religion, Philosophie, Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaften oder Ökonomie sind zu wesentlichen Teilen der Versuch, Regeln zu definieren, wie wir als Gruppentiere mit unserer Entscheidungsfreiheit umgehen sollen. Die Humanwissenschaften stellen dafür ethische Normen auf und erschaffen Menschenbilder wie den Homo politicus oder den Homo oeconomicus . Wettbewerb der Ansichten Ein übersichtliches Theoriensystem, wie für die Naturwissenschaften, ist aus dieser Auseinandersetzung bisher allerdings noch nicht hervorgegangen. Es gibt keine umfassende Menschen-Theorie, die sich empirisch-objektiv überprüfen ließe. Folglich sind praktisch alle uns heute vorliegenden Erklärungsansätze heftig umstritten. Die Konsequenz unseres Bewusstseins ist, dass eine kaum zu überschauende Zahl möglicher Weltbilder in Konkurrenz zu ihren sämtlichen Mitbewerbern steht. In den kommenden Blogbeiträgen zu den Themen Sprache , Philosophie , Gesellschaft , Ökonomie und Geschichte der Menschheit möchte ich versuchen, die grundlegenden Perspektiven auf das Menschsein etwas zu systematisieren. Weiterführende Literatur: Singer, Wolf (2004): „Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung“, Vortrag, Heidelberg. Kandel, Eric (2006): „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“, Pantheon.
- Was ist Chemie?
Drei Begegnungen Ich hatte ganz persönlich drei prägende Erfahrungen mit der Chemie. Die erste war meine allererste Chemiestunde. Ein Professor der Fachhochschule meiner Heimatstadt hatte kurzfristig die Vertretung für den erkrankten Chemielehrer übernommen. Er kam in den gekachelten Chemiesaal und stellte sich wortlos vor unsere Klasse. Dann ließ er ein Reagenzröhrchen auf den Boden fallen, das natürlich in tausend Scherben zersprang. Er fragte uns lächelnd: Ist das jetzt Chemie oder Physik ? Ein wirklich begnadeter Pädagoge, wie es nur wenige gibt. Wie viele Unterrichtsstunden gibt es, an die wir uns nach Jahrzehnten noch erinnern können? Zwei Jahre später war mein Interesse an Chemie immerhin noch so groß, dass ein Freund und ich anfingen, mit Schwarzpulver zu experimentieren. Die Zutaten in einer Drogerie zu beschaffen, war damals kein Problem. Wir haben das Pulver dann in einer elektrischen Kaffeemühle ganz fein gemahlen. Heute weiß ich: Dass ich immer noch alle zehn Finger habe, grenzt an ein Wunder. Meine dritte eindrückliche Erfahrung machte ich erst Jahrzehnte später. Ich hatte den Wunsch, meine Bildungslücken im Bereich der Naturwissenschaften zu schließen. (Daraus ist dann irgendwann die Idee zu meinem Buchprojekt entstanden.) Ich dachte mir damals ziemlich unbedarft, dass ich einfach mal mit Chemie anfangen könnte. Immerhin hatte mir das Fach in der Schule zumindest am Anfang mal Spaß gemacht… Chemie ist auch nur Physik Nachdem ich mich eine Zeitlang mit der neuen Materie auseinandergesetzt hatte, habe ich irgendwann realisiert, dass man Chemie nicht ohne physikalische Grundlagen verstehen kann. Es hat dann nochmal eine Weile gedauert, bis ich begreifen konnte, dass Chemie im Grunde nur eine spezielle Form der Physik ist. Die Prinzipien, die sämtlichen chemischen Abläufen zugrunde liegen, basieren auf einem zentralen Leitmotiv der Natur: der Sehnsucht nach Stabilität. Mittel zum Zweck ist im Falle der Chemie allein die physikalische Grundkraft des Elektromagnetismus. In dieser Hinsicht ist Chemie also nichts weiter, als die Physik der Elektronenschalen. Eine gewaltige Brücke Doch diese mechanistische Betrachtung allein greift zu kurz. Denn schließlich hängt das Periodensystem der Elemente großformatig im Chemiesaal und nicht im Physikraum. Aber was rechtfertigt Chemie dann als eigenständigen Wissensbereich? Um diese Frage zu beantworten, genügt es, zwei völlig unterschiedliche Elemente zu betrachten: Natrium ist ein weiches, silbrig glänzendes Metall, ätzend und leicht entzündlich. Chlor hingegen ist kein Metall, hat einen stechenden Geruch, ist in festem Zustand grüngelb und so giftig, wie es riecht und aussieht. Beide Elemente wirken für sich jeweils nicht besonders sympathisch. Verbinden sie sich aber miteinander, entsteht Natriumchlorid, besser bekannt als Kochsalz. Kochsalz teilt keine einzige Eigenschaft seiner beiden Komponenten: Ein festes, sprödes, opak-kristallines und wasserlösliches Mineral, der Gefahrenstoffverordnung gänzlich unbekannt, ohne das wir nicht leben können. Genau deshalb ist Chemie einer eigenen Betrachtung wert: Aus kaum 100 Ausgangsstoffen ergibt sich eine unübersehbare Fülle an Möglichkeiten, Neues zu schaffen. Chemie beschreibt, wie sich die Materie organisiert. Damit schlägt sie eine sehr weite Brücke, eine Brücke, die Quantenphysik mit Biologie verbindet. Denn auch unser Körper und selbst unser Bewusstsein sind letztlich nur gigantische, hochkomplexe Chemiecocktails. In der Kategorie „Chemie“ dieses Blogs soll es um jene Gesetze gehen, die diesen gewaltigen Bogen zu spannen vermögen. Der Rhythmus der Elemente Betrachten wir die Entdeckungsgeschichte der Naturwissenschaften, so stoßen wir immer wieder auf das bemerkenswerte Phänomen, dass zwei Menschen gleichzeitig und unabhängig voneinander zu derselben bahnbrechenden Erkenntnis gelangten. Manchmal scheint die Zeit einfach reif für etwas Neues zu sein. So war es in den 1670er Jahren, als Newton und Leibniz die Infinitesimalrechnung entwickelten, und so war es auch 1869. In diesem Jahr veröffentlichten Dimitri Mendelejew und Lothar Meyer , ohne voneinander zu wissen, eine nüchterne tabellarische Darstellung, die ein völlig neues Licht auf die Atome warf. Beiden war etwas aufgefallen: Sortiert man die Elemente nach ihrem Gewicht, offenbaren sie einen geheimnisvollen Rhythmus, eine merkwürdige Ordnung sich periodisch wiederholender Eigenschaften. Heute hängt diese Tabelle hunderttausendfach in den Chemiesälen sämtlicher Mittel- und Oberschulen der Welt. In ihren Spalten und Zeilen verbirgt sich der Schlüssel zum Verständnis der Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die Materie zu immer komplexeren Verbindungen aggregiert. Die kompliziertesten chemischen Verbindungen, die sich aus diesen Gesetzen ergeben, sind jene die das Leben hervorbringt. Unbekannte Pioniere Während die Namen berühmter Mathematiker und Physiker sich notorischer Bekanntheit erfreuen (wer hat noch nie von Pythagoras, Gauß, Newton oder Einstein gehört?) sind die „Helden“ der Chemie weitgehend ohne Ruhm geblieben. Doch die Menschheit verdankt Robert Boyle, Antoine Laurent de Lavoisier, Justus von Liebig, Dimitri Mendelejew oder Linus Pauling tatsächlich eine ganze Menge. Die von ihnen entdeckten Gesetze und Stoffeigenschaften haben wesentlichen Anteil an der Entstehung der modernen Welt. Die Begründung der organischen Chemie vor knapp 200 Jahren befeuerte die Industrielle Revolution und ist heute insbesondere Grundlage der pharmazeutischen Industrie, die uns Heilungsmöglichkeiten in Aussicht stellt, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Grund genug, die Leistungen der Chemie-Pioniere in den kommenden Chemie-Blogs etwas mehr zu beleuchten… Weiterführende Literatur: Sacks, Oliver (2003): „Onkel Wolfram: Erinnerungen“, Rowohlt Moore, John T. (2020): „Chemie kompakt für Dummies“, Wiley-VCH
- Ein Sprint durch das Mittelalter: Chaos, Klöster, Kontakte
Fortsetzung von: Griechenland und Rom: ein Sprint durch die Antike Europa ist in Bewegung Mit dem Fall des Weströmischen Reiches geht die Antike zu Ende. Doch ihr Erbe – griechisches Abstraktionsvermögen, römischer Pragmatismus, Kalender- und Schriftsysteme, ästhetische Normen, Organisation des Militärwesens, auf Meritokratie und Interessenausgleich basierende Gesellschaftsordnungen, Rechtsverständnis, Individualisierung des Geistes, Dezentralisierung der Macht und nicht zuletzt das Christentum – haben hier ihren Ursprung, der Europa weiterhin prägen und eine Kontinuität begründen wird, die bis heute nicht abgerissen ist. Die Ursachen der Völkerwanderung , die im 5. Jahrhundert das Schicksal des überdehnten und von inneren Konflikten zerrissenen weströmischen Hegemons besiegeln, sind ungewiss. Vielleicht ist es die stark wachsende Bevölkerung im nördlichen Europa, vielleicht sich mehrende Hunneneinfälle aus Zentralasien, die die germanischen Stämme aus ihrem Siedlungsraum verdrängen, vielleicht Missernten infolge eines sich abkühlenden Klimas , das ab dem Jahr 300 die lange antike Warmzeit beendet. Halb Europa ist auf den Beinen. Die zahlreichen kleinen germanischen Stämme schließen sich zu Großverbänden zusammen. Teile der entlang von Main und Rhein beheimateten Franken ziehen in den galloromanischen Westen und errichten dort Ende des 5. Jahrhundert ein neues Reich, das bis heute nach ihnen benannt ist. Angehörige der in Dänemark und Norddeutschland sitzenden Stämme der Angeln , Sachsen und Jüten siedeln sich im Süden der britischen Hauptinsel an – hier geben die Angeln dem neuen Territorium den Namen. Die ursprünglich östlich der Oder sitzenden Vandalen gelangen über Gallien und Spanien nach Nordafrika, wo sie sich auf dem Gebiet des ehemaligen Karthagischen Reiches niederlassen. Die Goten , wahrscheinlich ursprünglich an der nördlichen Weichsel beheimatet, besiedeln bereits seit dem 2. Jahrhundert den Raum nördlich des Schwarzen Meeres, wo ihnen die Römer um 270 die Provinz Dakien – im Wesentlichen das heutige Rumänien – überlassen müssen. Ende des 3. Jahrhunderts teilt sich der Stamm. Die Westgoten ziehen zwischen 376 und 418 in einem langen Marsch, der sie durch Griechenland und ganz Italien führt, nach Aquitanien. Anfang des 6. Jahrhunderts werden sie von dort durch die vorrückenden Franken vertrieben; sie weichen nach Süden aus und errichten ein neues Reich auf der iberischen Halbinsel. Ihre ostgotischen Vettern befreien 489 im Auftrag des byzantinischen Kaisers Italien wieder von der Herrschaft der ehemals in römischen Diensten stehenden germanischen Heerführer – Odoaker wird dabei durch den Ostgotenkönig Theoderich eigenhändig ermordet. Nach ihrem Sieg eignen sich die Ostgoten Norditalien allerdings erst einmal selbst an. Zwar gelingt es den Byzantinern kurzzeitig noch einmal, die Gotenherrschaft zu beenden, doch schon bald müssen sie den von der unteren Elbe stammenden Langobarden weichen, die im 6. Jahrhundert ihr eigenes Königreich auf der Halbinsel errichten. Die mittlerweile fast völlig entvölkerten Gebiete zwischen Elbe und Oder werden in dieser Zeit nach und nach von slavischen Stämmen besiedelt. Neben den Römern gehören insbesondere die Kelten zu den Verlierern des Ansturms aus dem Norden. Ursprünglich in Süddeutschland angesiedelt, hatten sie sich seit 800 v. Chr. vor allem nach Westeuropa ausgebreitet, wo sie zunächst unter römische und nun unter germanische Herrschaft geraten. Dauerhaft überleben kann die keltische Sprache und Kultur schließlich nur am äußersten nordwestlichen Rand des Kontinents. Die germanischen Eindringlinge bilden in den ehemals römischen Siedlungsgebieten eine verhältnismäßig kleine Oberschicht, die sich mit der Zeit gezwungen sieht, aus politischem Kalkül die christliche Religion der Bevölkerungsmehrheit zu übernehmen. Die Assimilation beginnt mit dem Frankenkönig Chlodwig I aus der Dynastie der Merowinger , der sich um 498 taufen lässt. Im südlichen und westlichen Europa vermischen sich die germanischen Eroberer nach und nach mit der römisch-keltischen Bevölkerung. Einflüsse aus germanischer, keltischer, romanischer Lebensweise und christlicher Religion bilden die Grundlage der späteren englischen, deutschen, französischen, spanischen, portugiesischen und italienischen Kulturen. Während sich in England germanische Dialekte als neue Volkssprache durchsetzen, entstehen in Frankreich, Spanien, Portugal und Italien aus den lokalen Varianten des Lateinischen unter Aufnahme zahlreicher germanischer Lehnwörter die Vorläufer der heutigen romanischen Landessprachen. Aufstieg des Islams Zur gleichen Zeit entsteht auch im Nahen Osten eine neue Zivilisation, die die letzten Reste der einstigen kulturellen Einheit des Mittelmeerraums hinwegfegen wird. Ihr Begründer ist der Prophet Mohammed , der um das Jahr 610 auf der arabischen Halbinsel in Erscheinung tritt. Er vereint die arabischen Stämme und verkündet den Islam, eine monotheistische Buchreligion, die sich insbesondere aus jüdischen und christlichen Wurzeln speist. Bereits 20 Jahre nach Mohammeds Tod 632, haben die Muslime den gesamten Nahen Osten erobert; in den folgenden Jahrzehnten unterwerfen sie ganz Nordafrika und gelangen von dort Anfang des 8. Jahrhunderts nach Spanien, wo sie die Herrschaft der Westgoten beenden. Am Ende dieses bemerkenswerten Siegeszugs ist rund die Hälfte aller Christen auf dem ehemaligen Gebiet des römischen Reiches zu Muslimen geworden. Mit dem Islam ist die letzte der fünf großen Weltreligionen entstanden. Östlich des Hindukusch herrschen „die Bekenntnisse des ewigen Weltgesetzes“ Hinduismus, Buddhismus, sowie Jainismus und Taoismus. Sie sind geprägt von der Vorstellung eines ewigen Wechsels von Werden und Vergehen. Westlich davon regieren Judentum, Christentum und Islam die eurasischen Gesellschaften. Bei ihnen steht eine „geschichtliche Gottesoffenbarung“ im Mittelpunkt, eine lineare Weltsicht, bei der die menschliche Existenz vom Wirken eines allmächtigen, persönlichen Gottes abhängt, der die Menschheit einer endgültigen Bestimmung zuführt. Jede der drei abrahamitischen Religionen erhebt dabei für sich den Anspruch, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein. Das Reich der Franken und die Entstehung der europäischen Ständegesellschaft 732 schlägt ein Frankenheer unter Karl Martell die Araber bei Poitiers und beendet damit alle weiteren Vorstöße der Mohammedaner im westlichen Europa. Unter der neuen Dynastie der Karolinger , ursprünglich lediglich Verwaltungsexperten der Merowinger, gewinnt das Frankenreich weiter an Macht und Einfluss. Karl Martells Enkel, Karl der Große , erobert 774 das Gebiet der Langobarden und unterwirft in einem langen und brutalen Krieg die noch heidnischen Sachsen und erzwingt deren Christianisierung. Die Franken haben damit das erste europäische Großreich nach den Römern erschaffen. Am Weihnachtstag des Jahres 800 wird Karl durch den Papst in Rom zum Kaiser gekrönt. Mit diesem Titel knüpft der Herrscher bewusst an die Tradition der antiken Cäsaren an. Für Byzanz, das sich als einzig legitimer Wahrer des römischen Erbes sieht, eine Provokation. An seinem Höhepunkt reicht Karls Frankenimperium von Nordspanien bis an die Oder und von Rom bis nach Friesland. Doch schon 843, nur 29 Jahre nach Karls Tod, zerfällt das Reich in drei Teile. Aus dem westlichen Gebiet wird später Frankreich, aus dem östlichen Deutschland hervorgehen. Ende des 9. Jahrhunderts schwindet die Macht der ostfränkischen Könige zusehends; der Hochadel der anderen Großstämme – Sachsen , Bayern , Schwaben – gewinnt an Einfluss. Nach langen Machtkämpfen kommen die Stammesfürsten überein, ihren König künftig nicht mehr durch Erbfolge, sondern durch Wahl zu bestimmen, ein in Europa einzigartiges Verfahren. Die Krönung des Sachsenherzogs Heinrich I zum König im Jahre 919 ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer Deutschen Nation. Seinem Nachfolger Otto I gelingt es 955 einen massiven Einfall der Ungarn abzuwehren. Die adligen Panzerreiter, die ihm zum Sieg verhelfen, steigen zu einer neuen privilegierten Klasse auf. In den unsicheren Zeiten müssen immer mehr freie Bauern ihr Land verkaufen und werden zu Hörigen oder Leibeigenen des neuen Ritterstands , der dafür im Gegenzug die Sicherheit seiner Untergebenen gewährleisten soll. Damit entsteht die feudalistische Ständegesellschaft . Ökonomisch bedeutet der Feudalismus meist einen Rückschritt. Das Geldsystem verfällt und weicht in weiten Teilen Europas einer Naturalwirtschaft. Um das Jahr 1000 liegt das Bruttoinlandsprodukt in Westeuropa etwa 10% unter dem Niveau der Zeitenwende. Immer noch leben auf der ganzen Welt nur rund 300 Millionen Menschen. Von den vier entwickelten Ökonomien – China, Indien, vorderer Orient und Europa – ist Europa, der eurasische Hinterhof, die schwächste Wirtschaftszone. An der Spitze der europäischen Gesellschaftsordnungen steht der König . Insbesondere die deutschen Monarchen müssen ihre Autorität permanent gegen die zweite Ebene, die Herzöge , verteidigen. Da die Strahlkraft des alten Römischen Reiches im kollektiven Gedächtnis der Europäer noch immer ungebrochen ist, verheißt der Kaiser titel in der Auseinandersetzung mit den Stammesfürsten eine Stärkung der eigenen Position. Seit Otto I werden daher alle deutschen Könige versuchen, mithilfe päpstlichen Beistands auch die Kaiserwürde zu erlangen. Der deutsche Kaiser wird damit Oberhaupt jenes merkwürdigen Konstrukts „ Heiliges Römisches Reich “, das später den Zusatz „Deutscher Nation“ erhalten und formal bis 1806 bestehen wird. Invasoren Nicht nur Araber und Ungarn bedrohen die neue monarchische Ordnung in Europa. Seit dem Jahr 800 überfallen die skandinavischen Nordmänner die Küsten und stoßen mit ihren Schiffen bis nach Paris, ins Rheinland, ins Schwarze Meer und tief in die von Slawen bewohnten Gebiete Osteuropas vor. Am Ende des 9. Jahrhunderts lassen sich die Skandinavier in England nieder, kurz darauf siedeln sie, mit Billigung des westfränkischen Königs, auch im Nordwesten Frankreichs. Ihr dortiges Lehen, die Normandie, wird 1066 für ihren Herzog zum Sprungbrett für die Unterwerfung Englands: Aus „Wilhelm der Bastard“ wird „ Wilhelm der Eroberer “. Die normannischen Invasoren, die erst kurz zuvor die westfränkische Landessprache übernommen haben, bringen den Einfluss des Französischen auf die Britischen Inseln. Auch bei der Entstehung Russlands spielen skandinavische Invasoren eine Rolle. Ab dem Jahr 840 entsteht aus Wikinger-Siedlern und Slawen unter Aufnahme wichtiger Elemente der byzantinischen Kultur die Kiewer Rus . 200 Jahre später ist daraus ein Großreich entstanden, das von Finnland bis an das Schwarze Meer reicht. Wer bestimmt: Kirche oder Kaiser? Seit der Taufe Chlodwigs hat sich das römische Christentum stetig nach Norden und Osten ausgebreitet, in Westeuropa hauptsächlich durch britische Mönche, in Osteuropa geht die Mission von Byzanz aus. Zwischen 1000 und 1200 werden Polen, Skandinavien und das Baltikum christianisiert. In diesem Zeitraum verdoppelt sich die Anzahl der Klöster in Europa auf annähernd 22.000. Die Monasterien sind die Zentren des geistigen Lebens. Während die Monarchen oftmals des Lesens und Schreibens kaum mächtig sind, wird hier die lateinische und griechische Sprache gepflegt, werden Bücher von Hand kopiert und die Platonische Philosophie überliefert. Da die Bistümer nicht nur über religiöse Autorität, sondern auch über ausgedehnte Ländereien verfügen, sind sie ein bedeutsamer Machtfaktor. Die von den Klöstern ausgehende Dreifelderwirtschaft, steigert ab 1100 die landwirtschaftliche Produktivität merklich und legt damit die Grundlage für ein anhaltendes Bevölkerungswachstum. Land wird nun zunehmend teurer, während sich Arbeit verbilligt. Zwischen der römischen Kirche im Westen und den orthodoxen Glaubensbrüdern im griechisch-byzantinisch geprägten Osten Europas ist mit der Zeit eine nicht zu übersehende politische, kulturelle und religiöse Entfremdung eingetreten. 1054 kommt es zum großen Schisma : Der Papst und der Patriarch von Konstantinopel exkommunizieren sich gegenseitig. Die Kirche ist nun fortan in einen katholisch-westeuropäischen und einen orthodox-osteuropäischen Teil gespalten. Spannungen gibt es aber auch zwischen der katholischen Kirche und der weltlichen Macht. 1076 entflammt der Investiturstreit, die Frage, ob dem deutschen Kaiser oder dem Papst das Recht zukommt, Bischöfe zu ernennen und damit jeweils die eigenen Gefolgsleute platzieren zu können. In dem jahrzehntelangen Konflikt setzt sich schließlich die Kirche durch und bewirkt damit eine weitere erhebliche Schwächung des deutschen Kaisertums. Die Kreuzzüge und ihre Folgen Als bald darauf aus Zentralasien stammende muslimische Turkvölker Anatolien, Palästina und damit auch die Heiligen Stätten in Jerusalem unter ihre Kontrolle bringen, haben Ost- und Westkirche und europäischer Adel wieder ein gemeinsames Ziel. Der oströmische Kaiser Alexios I bittet Papst Urban II um Hilfe bei der Abwehr der Eindringlinge. Dass christliche Pilger und Bewohner von Palästina von den Türken drangsaliert werden, ist dabei nur vordergründiger Anlass: Die Invasoren haben sich als neuer Machtfaktor im östlichen Mittelmeer etabliert und bedrohen den durch das Byzantinische Reich gesicherten Zugang nach Europa. Dem Papst gelingt es 1096 eine Streitmacht von wohl über 100.000 Kriegern, bestehend aus italienischen, französischen und deutschen Rittern und deren Gefolge, zu mobilisieren. Der Erste Kreuzzug ist der Auftakt zu einer Reihe als „Heilige Kriege“ verbrämten Auseinandersetzungen zwischen der christlichen und der muslimischen Welt. Doch die Konfrontation befördert auch einen kulturellen Austausch. Das Wissen islamischer Gelehrter zwischen Granada und Isfahan ist in Bereichen wie Mathematik , Medizin, Astronomie oder Bewässerungstechnik dem des Westens weit voraus. Nicht zuletzt gelangen durch den Kontakt mit der islamischen Kultur auch die vergessenen Schriften des Aristoteles wieder nach Europa. Als es Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gelingt, die Lehre des griechischen Philosophen mit der christlichen Theologie zu versöhnen, stellt er damit eine der zentralen Weichen, die das Abendland in Richtung Neuzeit führen wird. Vorboten einer neuen Zeit Zu Thomas‘ Lebzeiten entwickeln sich die norditalienischen Städte zu wohlhabenden und mächtigen Handelszentren. Genua , Mailand , Florenz und insbesondere Venedig unterhalten sowohl mit Konstantinopel als auch mit dem Nahen Osten enge Beziehungen. [i] Mit Seide, Gewürzen und anderen Luxuswaren gelangt auch das indische Zahlensystem nach Europa und beflügelt das aufblühende Kreditwesen. Die florentinische Familie Bardi gründet 1250 eine Bank, deren Filialnetz 100 Jahre später von Brügge bis Jerusalem reichen wird. Der Begriff der „ Rentabilität “ setzt sich als neue Denkkategorie in den Köpfen europäischer Kaufleute fest. Während Florenz und Venedig Weltpolitik betreiben, leben selbst in den größten deutschen Städten kaum mehr als einige tausend Menschen. Doch nach und nach entsteht auch nördlich der Alpen ein wohlhabendes und selbstbewusstes Bürgertum. Das sichtbarste Zeichen des städtischen Stolzes sind die mächtigen Kathedralen , die nun überall in Westeuropa in den Himmel wachsen. Die Gotik löst den noch auf römischer Architektur gründenden erdigen Baustil der Romanik ab und bringt Licht in die Gotteshäuser. Ausweis einer neuen Zeit sind auch die Universitäten. Nachdem Bologna bereits 1088 den Anfang machte, entstehen nun zwischen Lissabon und Krakau dutzende neue Hochschulen. Der Bildungskanon knüpft an die Ideale der Antike an, der Unterricht erfolgt durchwegs auf Latein. Sieben „Freie Künste“ bereiten die Studenten auf das eigentliche Studium vor: Das Trivium lehrt Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Das Quadrivium die Arithmetik als Theorie der Zahlen und die Musik als deren Anwendung, sowie die Geometrie als Theorie des Raums und der Astronomie als deren praktischer Gebrauch. Für das Hauptstudium stehen drei Fakultäten zur Wahl: Die Medizin klärt das Verhältnis von Mensch zu Körper; die Jurisprudenz das von Mensch zu Mensch; die Theologie das von Mensch zu Gott. Das größte Reich aller Zeiten Während Europa sich langsam, aber stetig wandelt, errichtet das kleine Reitervolk der Mongolen im 13. Jahrhundert unter seinem Anführer Dschingis Kahn und dessen Nachfolgern innerhalb kurzer Zeit das größte zusammenhängende Reich der Menschheitsgeschichte – am Ende wird es vom Südchinesischen Meer bis nach Polen reichen. Doch das Mongolenreich ist nicht von Dauer. 1368 schütteln die Chinesen die Fremdherrschaft ab. Der Anführer der Rebellion begründet unter dem Namen Hongwu die Ming-Dynastie , die das Reich der Mitte fast 300 Jahre lang absolutistisch regieren wird. Ende des 13. Jahrhunderts treten weite Teile der mongolischen Oberschicht zum Islam über; im Norden Indiens wird dadurch im Laufe der Zeit das Mogulreich entstehen, dessen Name auf den ethnischen Ursprung der Eroberer hinweist. Unter den Angehörigen der niederen Hindu-Kasten findet die neue Offenbarungsreligion viele Anhänger. Eine weitere Folge der mongolischen Eroberungszüge ist die Verbreitung der Pest auf dem eurasischen Kontinent. Das Reitervolk schleppt sie zunächst nach China ein; um 1350 erreicht die Seuche auch Europa, wo sie etwa jeden dritten Einwohner tötet und die Bevölkerungszahl wieder auf das Niveau des Jahres 1000 absinken lässt. Das Mittelalter: eine Epoche radikaler Veränderungen Mit dem Mittelalter geht für Europa eine Epoche tiefgreifender Veränderungen zu Ende. Eine feudalistische Gesellschaftsordnung entsteht; Wälder werden gerodet, Anbautechniken verbessert, Städte gegründet, Handelsbeziehungen geknüpft, Banken aufgebaut; Wind- und Wassermühlen verbessern die Energieversorgung; Architektur und Schiffsbau erleben revolutionäre technologische Umbrüche; die künftigen europäischen Nationalstaaten nehmen Gestalt an; die Machtzentren haben begonnen von Südosten nach Nordwesten zu wandern. All dies bereitet den Boden für den nun kommenden radikalen Wandel. Den Blog entdecken Bildnachweise Bild Völkerwanderung Westgotische Adlerfibel [i] Byzanz ist für die Norditaliener nicht nur Partner, sondern auch Konkurrent. So bringt die venezianische Republik während des vierten Kreuzzugs 1204 die Teilnehmer dazu, nicht wie geplant nach Ägypten zu ziehen, sondern stattdessen Konstantinopel zu plündern.
- Klassische Nationalökonomie: David Ricardo gibt Nationen Tipps zum Reichwerden und Thomas Malthus äußert eine düstere Prophezeiung
Fortsetzung von Adam Smith und die unsichtbare Hand David Ricardos Außenhandelstheorie „ Der Wohlstand der Nationen “ ist die Grundlage dessen, was wir heute als „klassische Nationalökonomie“ bezeichnen. Die neue Betrachtungsweise sollte sich in Europa rasch verbreiten – allein in Frankreich konnten die Physiokraten noch eine Zeitlang ihren Einfluss behaupten. Eine erste bedeutsame Erweiterung des Smithschen Gedankengebäudes erfolgte Anfang des 19. Jahrhunderts durch David Ricardo (1772-1823). Ricardo entstammte einer Familie aus Portugal eingewanderter Juden und hatte sich als erfolgreicher Börsenmakler einen Namen gemacht. Das Vermögen, das er dabei erwirtschaftet hatte, ermöglichte es ihm, sich bereits in jungen Jahren zurückzuziehen und sich seinen vielfältigen Interessen zu widmen. Die Lektüre von „Der Wohlstand der Nationen“ weckte seine Neugier für die noch junge ökonomische Theorie. Insbesondere interessierte er sich für Smiths Überlegungen zum Außenhandel. Produktivitätssteigerung durch Arbeitsteilung entsteht nicht nur in einer Manufaktur, sondern auch zwischen verschiedenen Nationen. Entgegen der herrschenden Meinung seiner Zeit war Smith zu dem Schluss gekommen, dass internationaler, freier Warenverkehr für alle Beteiligten von Vorteil ist, wenn ein Land Güter exportiert, bei denen es gegenüber dem importierenden Land einen Arbeitskostenvorteil hat. Ricardo analysierte diese Überlegung eingehend und kam zu einer bemerkenswerten Einsicht, die er anhand eines berühmt gewordenen Beispiels illustrierte: Demnach können England und Portugal beide sowohl Wein als auch Tuch herstellen. Portugal kann jedoch beides billiger. Die Portugiesen benötigen für die Herstellung von 100 Rollen Tuch 90 Arbeiter, für die Herstellung von 100 Fässern Wein 80 Arbeiter. England benötigt für die jeweils gleichen Mengen bei der Tuchproduktion 100 Arbeitskräfte, bei der Weinproduktion 120. Während das produktivere Portugal also nur 170 Menschen beschäftigen muss, muss England für das gleiche Güterbündel 220 Arbeiter aufbieten. Situation ohne Außenhandel Ricardo stellte sich die Frage, ob es sich unter diesen Bedingungen für Portugal überhaupt lohnt, mit England Handel zu treiben – schließlich kann es beide Güter billiger herstellen als die neblige Insel im Norden. Die überraschende Antwort lautet: ja. Handel lohnt sich für beide Seiten auch dann, wenn ein Land bei allen Gütern einen absoluten Kostenvorteil hat. Das billigere Land muss sich nur auf das Gut konzentrieren, bei dem es am produktivsten ist. Portugal sollte sich also ganz auf die Weinherstellung spezialisieren und das Tuchmachen den Engländern überlassen. Diese internationale Arbeitsteilung erlaubt es beiden Ländern mit den gleichen Ressourcen insgesamt 10% mehr Tuch und 6,25% mehr Wein herzustellen. Situation mit Außenhandel Ricardo erklärt dieses überraschende Ergebnis mit dem „ komparativen Vorteil “. Dahinter steckt eine neue, zunächst etwas abstrakt erscheinende Betrachtung: das Denken in Opportunitätskosten. Dabei handelt es sich nicht um herkömmliche Kosten im Sinne von Aufwendungen, die ein Produzent oder Käufer tragen muss, sondern um die Bewertung der bestmöglichen Alternative, gegen die man sich entschieden hat. Die Wahl, eine knappe Ressource für etwas Bestimmtes zu verwenden, bedeutet in einer Welt knapper Güter nämlich immer auch den Verzicht auf eine alternative Verwendung. Was heißt das nun für die beiden Handelspartner? Wenn England keinen Handel treibt, muss es alle Güter selbst herstellen. Die Arbeiter, die für die Weinherstellung eingesetzt werden, stehen der Tuchproduktion nicht mehr zur Verfügung. Die englische Produktivität ist allerdings bei der Weinherstellung mit nur 0,83 Fässern pro Arbeiter eher gering. Jedes zusätzliche Fass Wein wird daher mit einem Verzicht auf 1,2 Einheiten Tuch (dem Kehrwert von 0,83) recht teuer erkauft. Aus portugiesischer Sicht hingegen bedeutet ein weiteres Fass Wein aufgrund der höheren Produktivität nur den Verzicht auf 0,89 Rollen Tuch (der Kehrwert von 1,1). Die portugiesischen Opportunitätskosten für weniger Tuch liegen also unter dem englischen Wert von 1,2. Umgekehrt muss Portugal für eine zusätzliche Rolle Tuch auf 1,125 Fässer Wein verzichten, England aber nur auf 0,83. Die Engländer sind hier im Vorteil. Beide Nationen fahren also besser, wenn die Portugiesen ihr Tuch in England kaufen. Thomas Malthus‘ düstere Prognose Ricardos Zeitgenosse Thomas Malthus (1766-1834) war der erste Inhaber eines Lehrstuhls für Nationalökonomie überhaupt. Bekannt wurde er aber vor allem für seine 1798 veröffentlichte düstere Demographiethese, in der er behauptete, dass das Bevölkerungswachstum exponentiell verlaufe, die Entwicklung der Nahrungsmittelproduktion hingegen nur linear. Daher müssten Hungersnöte, Kriege oder Seuchen zwangsläufig einen Ausgleich herbeiführen. Die einzige Möglichkeit dies zu verhindern, sah Malthus in einer strengen Geburtenkontrolle. Die bedrückende Vorstellung, dass Mutter Natur den Tisch nicht für alle ihre Geschöpfe deckt, war eine zentrale Inspiration Darwins für die Entwicklung seiner Evolutionstheorie. 1848 erhärtete John Stuart Mill mit seinem Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs Malthus‘ These: Zwar ist es möglich, die landwirtschaftliche Ausbringung durch mehr Arbeit pro Flächeneinheit zu steigern, doch der Ertrag wächst stets nur unterproportional zum Arbeitseinsatz. Jede weitere Arbeitseinheit erzeugt einen immer kleiner werdenden Zusatzertrag, bis dieser irgendwann null beträgt oder sogar abnimmt. Was ist der Wert eines Guts? Mills Beobachtung ist Ausdruck einer neuen Denkweise, die den Übergang von der klassischen zur neoklassischen Nationalökonomie markiert. Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin war die Fundamentalkritik, die der Franzose Jean-Baptiste Say (1767-1832) an Smiths Arbeitswerttheorie übte. Wie Mill war auch er ein überzeugter Anhänger des Benthamschen Utilitarismus. Der Wert eines Gutes hatte für Say nichts mit dem investierten Betrag an Arbeit zu tun, sondern wird allein durch den Nutzen bestimmt, den er seinem Konsumenten stiftet. Für ein Gut, das niemand haben will, ist es völlig unerheblich, wie aufwändig es produziert wurde. Nutzen ist in höchstem Maße subjektiv und individuell. Daher kann es auch keinen objektiven Maßstab dafür geben, wieviel ein Hirsch, ein Bieber, eine Rolle Tuch oder ein Fass Wein wert sind. Im Übrigen stiften, so Say, nicht nur physische Dinge Nutzen, sondern auch immaterielle Güter wie Dienstleistungen und Rechte. Seit Says Kritik am Arbeitswertkonzept sind die Ökonomen in zwei Lager gespalten: Diejenigen, die wie Smith, Ricardo und später Karl Marx davon ausgingen, dass der Wert eines Guts durch die in ihm verinnerlichte Arbeit objektiv bestimmbar sei, und jene, die der neuen Idee des abstrakt-subjektiven Nutzens anhingen. [i] Beide Konzepte sollten auf höchst unterschiedliche Weise Karriere machen. Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Samuelson, Paul A ; Nordhaus William D. (2010): „Volkswirtschaftslehre“, Mi-Wirtschaftsbuch. Mankiv, Gregory / Taylor, Mark P. (2008): “Grundzüge der Volkswirtschaftslehre”, Schäffer Poeschel. [i] Auch der deutsche Bundeskanzler hat gemäß der Eidesformel die Aufgabe, den „Nutzen des deutschen Volkes zu mehren“.
- Locke, Montesquieu, Rousseau, Burke: Freiheit, Gleichheit, Gewaltenteilung
Eine kurze Übersicht über die politische Philosophie der Aufklärung Fortsetzung von: Machiavelli, Morus und Hobbes begründen die politische Philosophie der Neuzeit . John Locke will weniger Staat Die absolutistischen Monarchien, die sich in Europa nach dem Ende des Englischen Bürgerkriegs und des Dreißigjährigen Kriegs etablierten, setzten zwar das Gewaltmonopol durch, griffen aber auch mit ihrer autokratischen Machtfülle zunehmend in das Leben der Menschen ein. Der französische König Ludwig XIV wurde zur Verkörperung dieses Staatsverständnisses. Der absolutistische Staat übte Zensur, regelte den Zugang zu Bildung und zahlreichen Berufen, baute einen umfangreichen Beamtenapparat auf, verhinderte Kontrollinstanzen, die seine Machtfülle hätten beschränken können und stellte sich selbst über das Gesetz. Anlass genug für John Locke , sich ausführlich mit den Folgen eines allzu mächtigen Staats auseinanderzusetzen. 1689, dem Jahr der „Glorious Revolution“, die in England den Absolutismus beendete, veröffentlichte er seine „Two Treatises of Government“ – „Zwei Abhandlungen über die Regierung“. Locke greift darin Hobbes‘ Vorstellung des Naturzustands auf, aber er beschreibt ihn wesentlich freundlicher als sein Landsmann einige Jahrzehnte zuvor: Die Menschen sind von Natur aus frei, gleich und unabhängig. Freiheit und Gleichheit sind bei Locke nicht mehr Früchte staatlicher Autorität, sondern die moralische Grundlage des natürlichen Zusammenlebens. Mit Unterzeichnung des Gesellschaftsvertrags geben die Bürger einen Teil ihrer angeborenen natürlichen Freiheit auf. Im Gegensatz zu Hobbes fordert Locke daher so wenig Staat wie möglich, ein Gedanke, mit dem er die ideologische Grundlage des Liberalismus legt. Der Staat ist in erster Linie nötig, weil der Naturzustand die Gefahr birgt, dass Einzelne, etwa durch Anwendung von Gewalt, gegen die Gerechtigkeit verstoßen. Ohne Staat bliebe den Opfern nur, „den Himmel anzurufen“. Nur deshalb geben die Menschen den Naturzustand auf und übertragen dem Souverän die Autorität, als zentrale Instanz Streitigkeiten zu schlichten und die Schwachen zu schützen. Der Staat muss dabei allen Parteien gegenüber Neutralität wahren, er darf niemanden bevorzugen oder benachteiligen. Und natürlich muss sich bei diesem Gesellschaftsvertrag auch die Staatsgewalt bedingungslos an die Gesetze halten. Verletzt die Regierung diese Regeln, kann sie abgesetzt werden – notfalls mit Gewalt. Denn: „Wo immer das Gesetz endet, beginnt die Tyrannei“ Alle Regeln gelten unabhängig von der gewählten Staatsform: Monarchien unterliegen ihnen ebenso wie Oligarchien oder Demokratien. Montesquieu fordert Gewaltenteilung und bezweifelt die Gleichheit Locke hatte auch beobachtet, dass die Autoritäten des Staates häufig in eine Legislative, eine gesetzgebende Instanz und in eine Exekutive, eine ausführende Instanz getrennt sind. Er erklärt dieses Muster damit, dass die Gesetze, nachdem sie einmal erlassen worden sind, auch konsequent durchgesetzt werden müssen. Diesen Gedanken entwickelte Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède de Montesquieu weiter. 1748 veröffentlichte der Freiherr sein staatstheoretisches Traktat „ De l’esprit des loix “ – „Vom Geist der Gesetze“, das umgehend auf dem Index für verbotene Bücher der katholischen Kirche landete. Obwohl es zunächst nur in der liberalen Republik Genf anonym veröffentlicht werden konnte, avancierte die Schrift rasch zu einem europäischen Bestseller. Montesquieu liefert in seinem Werk eine Synthese aus Hobbes und Lockes Naturzustand: Die Menschen verhalten sich ohne staatliche Ordnung nur deshalb friedlich, weil jeder vor jedem Angst hat. Eine staatliche Ordnung beseitigt zwar diese Angst, dafür können aber nun sowohl innerhalb einer Nation als auch zwischen Nationen Kriegszustände entstehen. Innerstaatliche Konflikte sind eine Folge der Ungleichheit zwischen den Menschen. Ziel aller Gesetzgebung muss es daher sein, Spannungen zu verhindern. Ob ein Staat gut ist, hängt für Montesquieu nicht von der konkreten Regierungsform ab, sondern – hier stimmt er mit Locke überein – davon, ob die Gesetze eingehalten werden. Dies nicht zu tun, führt in die Despotie. Um Machtmissbrauch und das Abgleiten in einen despotischen Staat zu unterbinden, fordert Montesquieu eine Teilung staatlicher Gewalt in drei verschiedene Instanzen. Lockes Legislative und Exekutive fügt er als drittes die Judikative , die Rechtsprechung hinzu. Wären Legislative, Exekutive und Judikative nicht getrennt, könnte ein tyrannischer Herrscher missbräuchliche Gesetze erlassen und vollstrecken oder ein unredlicher Richter nach selbst gewählten Geboten Recht sprechen. Für Montesquieu ist es essentiell, dass die legislative Macht allein vom Volk ausgeht; in großen Staaten notwendigerweise durch Repräsentanten, die dem Gemeinwillen verpflichtet sind. Doch auch für den Baron sind nicht alle gleich. Die Ärmsten sind vom Wahlrecht auszuschließen, während dem Adel qua Geburt, Vermögensverhältnisse oder persönlicher Leistungen ein stärkeres Gewicht zukommt. Um der zahlenmäßigen Übermacht der ungebildeten Volksmassen entgegenzuwirken, sollte die Legislative daher aus zwei Kammern bestehen. Die eine, das Unterhaus, repräsentiert das Volk, die andere – ein Oberhaus, ein Senat oder eine vergleichbare Institution – die Interessen der Aristokratie . Beide Kammern haben die Möglichkeit, mittels Veto die Initiativen der jeweils anderen Kammer zu blockieren oder zu korrigieren. Wie schon bei Platon umfasst Aristokratie bei Montesquieu nicht nur den Adel, sondern auch die intellektuelle und finanzielle Elite – es geht um die Beteiligung der „Besten“. In dem wenig bekannten abschließenden Teil seines Buchs denkt Montesquieu darüber nach, warum staatliche Verfassungen und Gesetze je nach Land oftmals sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Die Hauptursache sieht er im Klima, das die verschiedenen Mentalitäten der jeweiligen Einwohner erkläre. Die Südländer seien sensibler, geistreicher, aber auch berechnender, fauler und unmoralischer als die Menschen aus dem Norden. Die Hitze mache die Menschen im Süden, insbesondere im Orient, träge und passiv. Sie benötigten daher Gesetze, die diesen Tendenzen entgegenwirken und sie zur Arbeit motivieren. Aus diesem Grund seien heiße Länder meist despotisch verfasst und Sklaverei dort eine gängige Praxis, während in den kalten Zonen eine freiheitliche Gesinnung vorherrsche. Montesquieu starb 1755 in Paris. Das Werk des französischen Adligen gilt heute als eine der einflussreichsten ideengeschichtlichen Schriften überhaupt. Indem es – ganz im Sinne der Aufklärung – die individuellen Interessen der Bürger in den Vordergrund stellt, legte es die Grundlage, den alten Gewaltenteilungs-Dualismus zwischen Kirche und Staat abzulösen. In den Vereinigten Staaten sollte Montesquieus Gewaltenteilung bereits wenige Jahrzehnte später erstmals offiziell in einer Verfassung verankert werden; heute ist sie ein festes Element aller freiheitlich verfassten Länder. Die Überlegungen des Barons zum Einfluss des Klimas auf Mentalitäten und Verfassungen wurden von Vielen belächelt. Einige jedoch sehen in ihnen neben Machiavellis Thesen eine gedankliche Vorbereitung der modernen empirisch fundierten Soziologie. Rousseau neigt zur Zwangsbeglückung „Der Mensch ist von Natur aus frei, und doch überall in Ketten.“ Mit diesem berühmten Zitat beginnt die 1762 veröffentlichte Schrift „ Du Contrat Social “ – „Vom Gesellschaftsvertrag“, des 1712 in Genf geborenen und 1778 bei Paris gestorbenen Jean-Jacques Rousseau . Wie der Titel nahelegt, ist auch dieses Werk eine Vertragstheorie und wie ihre Vorgänger sollte auch sie einen außerordentlichen Einfluss haben. Rousseaus Naturzustand ähnelt stark der von Locke beschriebenen Idylle. Die Menschen, frei und gleich geboren, sind grundsätzlich wohlwollend, hilfsbereit und rücksichtsvoll. Es gibt daher zunächst keine Notwendigkeit für einen starken, autoritären Staat. Die Motivation sich zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen besteht bei Rousseau darin, dass die Mitglieder der Gesellschaft ihre „volonté de tous“, ihren persönlichen Einzelinteressen, der „volonté générale“, dem Gemeinschaftsideal unterordnen, letztlich aus der Einsicht heraus, dass sie zusammen mehr erreichen können. Die Unterwerfung unter den Primat des Allgemeinwohls ist bei Rousseau allerdings radikal: Sie bedeutet „die völlige Entäußerung jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes“. Jedes Mitglied der Gemeinschaft ist damit zugleich Souverän und Untertan, ist sowohl aktiver Bürger als auch passives Subjekt. Unter diesen Bedingungen fallen Einzelinteresse und Gemeinwohl wieder zusammen. Verstößt ein einzelnes Glied der Gemeinschaft gegen diese Regeln, das heißt, es beansprucht Rechte, ohne seinen Pflichten nachzukommen, muss es von der Gemeinschaft sanktioniert werden. In Rousseaus Augen bedeutet dies, das fehlbare Gemeinschaftsglied wieder zu seiner Freiheit zu zwingen. Rousseaus radikaldemokratische Forderungen sicherten auch seinem Buch umgehend den Eintrag auf zahlreichen Indexlisten. Allerdings sehen bis heute viele Politologen, Soziologen und Philosophen in ihm auch einen zentralen Wegbereiter totalitären Denkens: Führende Köpfe der Französischen Revolution beriefen sich auf Rousseau, als sie andere Köpfe rollen ließen. Burke glaubt nicht an raschen Fortschritt Eine deutliche Gegenposition zu Locke, Montesquieu und Rousseau vertrat der irische Staatsphilosoph Edmund Burke (1729-1797). Dem Grundvertrauen, das die Aufklärer in das Menschengeschlecht setzten, mochte er nicht folgen, da selbst mit viel Vernunft ausgestattete Menschen seiner Meinung nach immer noch beachtlichen Limitationen unterliegen. Wichtiger ist daher eine auf staatliche Autorität gestützte hierarchische Gesellschaft, als Ausdruck einer natürlichen Ordnung. Wo Veränderungen unumgänglich sind, sollten sie langsam und maßvoll erfolgen, etwa über eine Weiterentwicklung der Verfassung, keinesfalls aber über Revolutionen. Anstatt blind auf den Fortschritt zu setzen, ist es besser, der Weisheit früherer Generationen zu vertrauen: „Wut und Verblendung können in einer halben Stunde mehr niederreißen, als Klugheit, Überlegung und weise Vorsicht in hundert Jahren aufzubauen imstande sind.“ Der Gesellschaftsvertrag ist bei Burke nicht Rousseaus freiwillige Unterordnung des edlen Wilden unter den allgemeinen Willen, sondern vielmehr ein Vertrag zwischen der jetzigen und der künftigen Generation. Diese Positionen machen Burke zum gedanklichen Begründer des Konservativismus . Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Locke John (1974) „Zwei Abhandlungen über die Regierung“, Reclam. Montesquieu (1965): „Vom Geist der Gesetze“, Reclam. Rousseau, Jean-Jacques (1986) „Vom Gesellschaftsvertrag”, Reclam. Burke Edmund (1967) „Betrachtungen über die Französische Revolution“, Suhrkamp.
- Aristoteles: Ein Universalgenie in fünf Minuten
Fortsetzung von „Platon: Philosophie als Befreiung“ Schüler und Lehrer Aristoteles war ein Schüler Platons . 384 v. Chr. in der nordgriechischen Stadt Stagira geboren, trat er mit siebzehn oder achtzehn Jahren in Platons Akademie ein, um sie erst 20 Jahre später, nach dem Tod seines Lehrmeisters um 348 v. Chr. wieder zu verlassen. Nach einer kurzen Episode als Lehrer des jungen makedonischen Thronfolgers Alexander , der später „der Große “ genannt werden würde, verbrachte er die folgenden Jahre an verschiedenen Orten Griechenlands mit ausgiebigen Naturstudien. Nach seinen Reisejahren kehrte Aristoteles um 335 v. Chr. nach Athen zurück. Hier gründete er im Hain des Lykeios seine eigene Schule, das Lyzeum . In den folgenden zwölf Jahren entstanden dort wahrscheinlich die meisten der von ihm überlieferten Werke, darunter auch viele der uns heute bekannten Zusammenfassungen vorsokratischer Lehren . Der größte Teil seines Werkes gilt jedoch als verloren. Das Erhaltene ist immerhin noch eindrucksvoll genug, um Aristoteles‘ Platz im Olymp der Philosophie zu sichern. Aristoteles und das „Sein“ Aristoteles war das vielleicht erste uns bekannte Universalgenie . Er interessierte sich sprichwörtlich für alles und prägte so unterschiedliche Bereiche wie Philosophie, Theologie, Sprache , Astronomie, Geschichte , Politik , Ökonomie und Theater. Und anders als sein Meister beschäftigte er sich auch intensiv mit der Natur . Die Ideenlehre , den zentralen Gedanken seines Lehrers, lehnte er entschieden ab. Er sah in ihr nur „leere Worte und poetische Metaphern“. Aristoteles wollte den Dingen mit einem ganz anderen Ansatz auf den Grund gehen. Nicht im Jenseits, sondern im Hier und Jetzt sollen wir die Wahrheit suchen. Wir müssen sehr genau hinschauen und das, was sich uns offenbart, so getreu und umfassend wie möglich beschreiben. Die Welt wird nicht durch abstrakte Prinzipien bestimmt, sondern durch die unzähligen Einzeldinge um uns herum. Um in diesem Tohuwabohu Klarheit zu schaffen, müssen wir die Welt ordnen, sie kategorisieren und katalogisieren. Aristoteles widmet sich dieser Ordnung ausführlich in seiner Metaphysik . Systematisch legt er darin zehn Kategorien fest, die nötig sind, um das Seiende zu bestimmen: Das Ding als solches; seine Größe oder Menge; seine Beschaffenheit; das, worauf es sich bezieht; der Ort, an dem es sich befindet; die Zeit, zu der es ist; seine Lage oder Position; das, was es hat; das, was es tut; das, was es erleidet. Die Kategorien zwei bis zehn sind Akzidenzien , das heißt Eigenschaften des betrachteten Dings. Keine dieser Eigenschaften kann allein existieren und allesamt sind sie veränderlich. Die erste Kategorie hingegen, die Substanz , das „Ding an sich“, kann ihr Wesen nicht abschütteln oder verwandeln. Aristoteles unterzieht diese erste Kategorie einer eingehenden Betrachtung, bei der er verschiedene substantielle Ebenen unterscheidet. Die erste Substanz sind die konkreten, individuellen Erscheinungen eines Dings. Aristoteles nennt als Beispiele Sokrates und Bukephalos , das Pferd Alexanders des Großen . Die zweite Substanz ergibt sich aus den unveränderlichen Attributen der Ersten Substanz: Sokrates ist zweibeinig und vernunftbegabt; Bukephalos ist ein vierbeiniger Einhufer, der wiehert. Damit gehört Sokrates zu der Art „Mensch“ und Bukephalos zu der Art „Pferd“. Mensch und Pferd sind die Ebene der zweiten Substanz. Sie lassen sich wiederum zu einer noch allgemeineren dritten Substanz „Lebewesen“ zusammenfassen. Mit jedem Abstraktionsschritt entfernen wir uns von den konkreten Eigenschaften. So entstehen Hierarchien, mit denen sich die Dinge der Welt ordnen und beschreiben lassen. Anders als Platon konstruiert Aristoteles seine Ontologie also von unten nach oben – eine eindeutige Stellungnahme gegen die Ideenlehre seines Meisters. Ein Meister der Logik Doch wie lässt sich nun mit diesem System Wissen gewinnen? Wenn Sokrates ein Mensch ist und alle Menschen sterblich sind, folgt daraus, dass Sokrates sterblich ist. Der Syllogismus , auch als Deduktion bezeichnet, ist die Methode, die formal vom Allgemeinen auf das Besondere schließt. [i] Das Besondere, also dass auch Sokrates sterben muss, muss daher nicht noch einmal überprüft werden. Woher aber wissen wir, dass alle Menschen sterblich sind? Dies ergibt sich aus unserer Beobachtung: Wenn wir sehen, dass alle Menschen, die wir kennen, früher oder später das Zeitliche segnet, können wir daraus schließen, dass dies grundsätzlich für alle Menschen gilt. Diese Methode ist die Induktion , der Schluss vom Besonderen auf das Allgemeine. Mit seinen Kategorien und den Regeln des systematischen Schlussfolgerns legte Aristoteles nicht weniger als die Grundlagen des empirisch-wissenschaftlichen Arbeitens und der Logik . Jahrelang sammelte und klassifizierte er Pflanzen und Tiere und schrieb die ersten uns bekannten Lehrbücher der Biologie. Darin ordnet er alle lebenden und toten Dinge nach den Kriterien „Blut oder kein Blut“, „Anzahl Beine“, „warm oder kalt“ „feucht oder trocken“ sowie „Komplexität der Seele“ (die im Gegensatz zu Platons Vorstellung sterblich ist). So ist der Mensch ein Lebewesen mit Blut, zwei Beinen, warm und feucht und einer Seele, die zusätzlich zu vegetativen und sensitiven Eigenschaften auch über einen Verstand verfügt. Eine Schlange hat Blut, keine Beine, ist kalt und feucht und ihre Seele ist lediglich mit vegetativen und sensitiven Teilen versehen. Eine Pflanze hat weder Blut noch Beine, ist kalt und trocken und nur mit einer rein vegetativen Seele ausgestattet. Mineralien verfügen über die gleichen Eigenschaften wie die Pflanzen, nur, dass sie keine Seele besitzen. Wie zuvor schon Anaximander vermutete auch Aristoteles aufgrund der bei seinen Naturstudien entdeckten anatomischen Analogien einen Entwicklungsprozess als Ursprung der Artenvielfalt . Aristoteles metaphysische Schriften wurden erst nach seinem Tod zu verschiedenen Büchern zusammengestellt und durchnummeriert. Im ersten Buch zur Metaphysik geht Aristoteles dem Wesen des „Seienden“ nach, also der Frage, warum etwas „ist“ und warum es „so ist, wie es ist“. Für das, was existiert, gibt es vier Ursachen: Stoff, Form, Wirkung und Zweck. Das Holz, aus dem ein Tisch besteht, ist dessen stoffliche Kausalität. Seine konkrete Gestaltung ist die Formursache. Die Wirkungsursache ist der Schreiner, der ihn erschuf und der Zweck, ist der Grund, warum er geschaffen wurde – etwa um als Esstisch zu dienen. Aus dem Zusammenspiel dieser vier Ursachen ergibt sich das Seiende und die Veränderungen, die wir an ihm beobachten können. Begnadeter Systematiker und Religionsphilosoph Im sechsten Buch der Metaphysik stellt Aristoteles seine Einteilung der Wissenschaften vor. Dabei macht er drei grundlegende Unterscheidungen: Die theoretischen Disziplinen Metaphysik, Naturwissenschaften, Theologie und Mathematik bezeichnet er als die „kosmischen Angelegenheiten“. Sie betrachten ewige Wahrheiten und verfolgen keinen unmittelbaren Nutzen. Die praktischen Wissenschaften, die „menschlichen Angelegenheiten“, umfassen Ethik, Rhetorik und Politik. Sie sollen uns zu gutem, tugendsamem Handeln anleiten. Die „herstellenden Wissenschaften“ schließlich – zu ihnen zählen Handwerk, Medizin und Poetik – beschäftigen sich mit allem, das Nützliches hervorbringt. Im zwölften Band beschreibt der Philosoph sein religiöses Weltbild. Der Ursprung alles Seienden ist nicht Platons Demiurg , sondern ein „ unbewegter Erstbeweger “. Jede Bewegung, die wir beobachten können, hat eine andere Bewegung zur Ursache. Doch die Kausalkette aus Ursachen und Wirkungen muss irgendwo und irgendwann ihren Anfang genommen haben. Dieser Anfang ist der Erstbeweger, ein reines, körperloses Wesen, das über allen Dingen schwebt. Trotz unterschiedlicher Argumentationen legen Platon und Aristoteles hier gemeinsam die Grundlage, um den Monotheismus als logisch-metaphysisches Konzept zu begründen. Ethik Auch mit Fragen der Moral setzt sich Aristoteles auseinander. Sein bekanntestes Werk hierzu ist die Nikomachische Ethik (Es ist nicht klar, ob Aristoteles diese Ethik seinem Vater oder seinem Sohn gewidmet hat – beide hießen Nikomachos.) Wie bei Platon ist auch bei Aristoteles Ziel allen Philosophierens „ Eudaimonia “, das Glück, das sich einstellt, wenn man ein gutes, sittliches Leben führt. Die hierfür nötigen Tugenden müssen allerdings erst entwickelt werden. Aristoteles‘ Tugendethik bedeutet in erste Linie, Affekte zu beherrschen, Extreme zu vermeiden und so das richtige Maß, die goldene Mitte zu finden. Die extremen Ränder der Tapferkeit etwa, sind Tollkühnheit und Feigheit. Ein Soldat, der blind sein Leben aufs Spiel setzt, weil er keine Angst spürt, handelt nicht tapfer, sondern verantwortungslos. Wirklich tugendhaft ist derjenige, der sich bewusst entscheidet und seine Feigheit überwindet. Anders als für Platon gibt es für Aristoteles keine absolut verbindlichen ethischen Normen oder Regeln. Was gut, was schlecht ist, hängt von den konkreten Umständen eines jeden Einzelfalls ab. Der Meister und sein Meisterschüler Mit Platon und Aristoteles erreicht die antike Philosophie ihren Höhepunkt. Der Meister und sein Meisterschüler haben das Feld nach seiner Länge und Breite abgesteckt und versucht, alle großen Fragen zu Gott und der Welt zu beantworten. Dabei sind zwei grundlegend verschiedene Sichtweisen deutlich geworden: Man kann entweder versuchen, die Wahrheit idealistisch rein mit Hilfe des Verstandes zu ergründen oder aber seiner konkreten sinnlichen Wahrnehmung vertrauen. Versinnbildlicht hat dies der Maler Raffael in seinem Anfang des 16. Jahrhunderts entstandenen Gemälde „ Die Schule von Athen “. Alle Weisen Griechenlands sind hier versammelt. In der Mitte Platon, dessen rechte Hand nach oben weist und uns daran erinnern möchte, dass die wahren Ideale nicht von dieser Welt sind (nach Ansicht einiger Kunsthistoriker trägt Platon die Gesichtszüge Leonardo da Vincis.) Neben ihm, auf Augenhöhe, steht Aristoteles, mit seiner Rechten die Höhenflüge seines Lehrers in Richtung Erde dämpfend. Dies ist das Spannungsfeld, in dem sich die Philosophie von nun an bewegen wird. Die antike Philosophie nach Platon und Aristoteles: Glück, Zynismus und Gelassenheit Platon und Aristoteles waren Höhepunkt aber nicht Ende der antiken Philosophie. In den folgenden, von Instabilität gekennzeichneten Jahrzehnten entstanden zwei weitere bedeutsame Schulen, die ganz neue Akzente setzten. Ihr Ziel war es nicht, das Wissen über die Welt zu mehren, sondern vor allem, ob der unsicheren Verhältnisse, eine richtige und pragmatische Lebenseinstellung zu finden. Die Epikureer , nach ihrem Begründer Epikur benannt, betonen das natürliche Bedürfnis aller Menschen, Eudaimonia zu suchen. Es gilt, einerseits das kindliche Lust- und Glücksempfinden zu bewahren und andererseits mit zunehmender Reife Weisheit in den Lebensentwurf einzubauen – eine Lebenseinstellung, die erarbeitet werden will. Insbesondere müssen wir lernen, ungute Gefühle wie Angst, Schmerzen und Begierden aus unseren Leben zu verbannen. Die Menschen brauchen dabei die Götter nicht zu fürchten, denn sie interessieren sich nicht für menschliche Schicksale und auch der Tod sollte uns nicht schrecken, bedeutet er doch Erlösung von allem Schmerz und Leid. Die Kyniker , von denen sich das Wort Zynismus ableitet, suchten das Glück im Streben nach Bedürfnislosigkeit. Ihr bekanntester Vertreter ist Diogenes von Sinope , ein Zeitgenosse Platons. Die wie Bettelmönche in selbstgewählter Armut lebenden Aussteiger-Philosophen, die gerne über ihre Mitmenschen spotteten, waren eine kurze Erscheinung, doch sie beeinflussten die Entstehung einer anderen Denkschule, dem von Zenon von Kition begründeten Stoizismus . Ihre Adepten lehrten die Freiheit von materiellen Zwängen und sahen den Schlüssel zum Glück in hart erarbeiteter Askese und Selbstkontrolle. In der stoischen Weltordnung hat alles im Kosmos seinen festen Platz. Unglück entsteht nur, wenn wir gegen diese universelle Ordnung verstoßen. Lebensziel der Stoiker ist es daher, seinen vorbestimmten Platz im Universum zu finden und zu akzeptieren. Im zweiten vorchristlichen Jahrhundert geriet Griechenland zunehmend unter den Einfluss des expandierenden Römischen Reiches . Die Römer, als ausgesprochene Pragmatiker, zeigten sich vor allem an den praktischen Aspekten der griechischen Philosophie interessiert. Insbesondere der Stoizismus erschien ihnen als attraktive Lebenshaltung und fand weite Verbreitung unter den Eliten. Marcus Tullius Cicero war einer der Ersten, der philosophische Texte auf Latein verfasste, eine lateinische Fachterminologie prägte und damit die Philosophie im Römischen Reich weiter popularisierte. Der um die Zeitenwende geborene römische Philosoph Seneca , einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit, erhob als überzeugter Stoiker inneren Frieden, Gelassenheit und Vernunft zum wichtigsten Lebensziel. Mit Marc Aurel schuf rund 100 Jahre später sogar ein Kaiser mit seinen auf Griechisch verfassten „Selbstbetrachtungen“ den letzten bedeutsamen Beitrag zur stoizistischen Literatur. In ihnen legt er dar, wie der „ Logos “ als großer Weltenplan die Dinge ordnet und dem die Menschen am besten dienen, indem sie ihre Emotionen kontrollieren und sich rational verhalten. Den Blog entdecken Wer mehr wissen will: Aristoteles (1975): „Die Nikomachische Ethik“, Dtv. Aristoteles (1995): „Metaphysik“, Meiner. Marc Aurel (2020): „Selbstbetrachtungen“, Finanzbuch Verlag. Bildnachweis: Zenon von Kition Fußnoten: [i] Genau genommen beschreibt Syllogismus bei Aristoteles nur eine spezielle Form des deduktiven Schließens, die mit nur zwei Prämissen, einer Konklusion und drei Begriffen arbeitet.












