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Eine (sehr) kurze Geschichte der Menschheit

Aktualisiert: 7. Jan.

Epochenwechsel

Das Bild „Die letzte Fahrt der Téméraire“ des englischen Malers William Turner kündet von einer Zeitenwende. Im Sonnenuntergang wird ein altes, verdienstvolles Segelschiff von einem modernen Raddampfer zum Abwracken geschleppt. Das Bild aus dem Jahr 1838 ist eine ausdrucksstarke Allegorie: Eine Epoche ist vergangen; eine neue, schnelle, mechanisierte Zeit beginnt.

Die letzte Fahrt der Téméraire des Malers William Turner.
Ein nostalgischer Abschied

Die Epoche, die hier zu Ende geht, hat rund 12.000 Jahre gedauert. Etwa 10.000 Jahre vor der Zeitenwende begann im fruchtbaren Halbmond der langsame Übergang, der aus Wildbeutern nach und nach Ackerbauern und Viehzüchter werden ließ. Die Investition in den Anbau von Süßgräsern hatte einen hohen „Return on Investment“: Jede für den Anbau eingesetzte Kalorie wurde mit der Rückgabe der 50-fachen Energiemenge belohnt. Was lag für die damaligen Jäger und Sammler also näher, als die Gräser gezielt an Ort und Stelle wachsen zu lassen, anstatt sie mühsam in der Wildnis zu suchen? Die neue Methode, der Natur Früchte abzuringen zog zwangsläufig Sesshaftigkeit und damit eine neue Lebensweise nach sich.


Frühe Ackerbauern der Jungsteinzeit bei der Getreideernte
Im Schweisse deines Angesichts...

Die Folgen der neolithischen Revolution, des allmählichen Übergangs zu Ackerbau und Viehzucht, sollten das Leben aller menschlichen Gesellschaften, die diesen Schritt unternahmen, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts prägen. Doch dann vollzog sich, ausgehend von England, eine tiefgreifende Veränderung des menschlichen Zusammenlebens. Die Grundlage hierfür legte der Fabrikant Abraham Darby in Coalbrookdale bereits einhundert Jahre zuvor: Er stellte die Befeuerung seiner Eisenhütte von Holzkohle auf Steinkohle um. Der fossile Energieträger – er enthält vor Jahrmillionen gespeicherte Sonnenenergie – ist dreimal so effizient, wie Holz. Die Energiekosten der zahlreichen, noch kleinen Manufakturen sanken deutlich. Dieser ökonomische Katalysator bereitete den Boden für die Industrielle Revolution, den größten Umbruch der Menschheitsgeschichte seit Beginn der Landwirtschaft.


Eine kleine Stadt. Im Hintergrund erhellt das Feuer von Schmelzöfen die Nacht
Coalbrookdale by night

 

Prometheus

Um ein Schlüsselereignis zu finden, das sich mit der Erfindung von Feldarbeit und Industrieller Revolution vergleichen ließe, müssen wir noch einmal zurückgehen, diesmal rund 1,9 Millionen Jahre: Ein Urahn unserer Gattung, Homo ergaster, lernte es, sich das Feuer als Energiequelle zu erschließen. Zwar konnte er es noch nicht selbst entzünden, doch er vermochte es zu zähmen und zu bewahren. Das Feuer wärmte nachts die Sippe und vertrieb die Raubtiere. Noch wichtiger aber war, dass sich mit ihm auch harte pflanzliche Nahrung und zähes Fleisch weichkochen ließ. Komplexe Zucker und Proteine konnten nun wesentlich besser verwertet werden. Im Laufe der Jahrhunderttausende führte die weichere Nahrung zu einer Verkürzung des Darmtraktes, der sich nun kaum noch um schwer zu verwertende Rohkost kümmern musste; Zähne und Kaumuskulatur bildeten sich zurück. Die durch die effizientere Ernährung gewonnene Energie konnte in das Wachstum des Gehirns investiert werden. Erstmals war ein neuer Evolutionsmechanismus wirksam geworden: Eine erworbene Kulturtechnik hatte Auswirkungen auf die weitere anatomische Entwicklung einer biologischen Gattung.


Der Gott Prometheus kommt aus dem Himmel mit einer Fackel in der Hand
Prometheus bringt den Menschen das Feuer

Spiel mit dem Feuer

Betrachten wir diese drei Schlüsselereignisse etwas näher, wird deutlich, dass die Geschichte der Menschheit bisher durch drei Energie-Revolutionen bestimmt wurde: die Beherrschung des Feuers, die Erfindung der Landwirtschaft und die Nutzung fossiler Brennstoffe. Jedes dieser Schlüsselereignisse ermöglichte eine Multiplikation der Möglichkeiten des Homo sapiens, Energie für sich nutzbar zu machen, Grundlage eines beispiellosen Entwicklungsschubs.


Auch heute steht die Menschheit wieder an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Es ist gezeichnet von der digitalen Revolution, der massenweisen Verarbeitung des neuen Rohstoffs Information, bei der mittlerweile die künstliche Intelligenz den Takt vorgibt, sowie von der zwingend notwendigen Abkehr vom Verbrauch fossiler Brennstoffe, die die letzten 200 Jahre so entscheidend geprägt haben. Mittlerweile sollten wir verstanden haben, dass das Risiko fossiler Brennstoffe nicht darin liegt, dass sie uns ausgehen könnten, sondern dass sie uns nicht ausgehen könnten.

 

Schicksale menschlicher Gesellschaften

Schauen wir uns in der heutigen Welt um, so wird deutlich, dass neben der Verfügbarkeit von Energie ganz offenbar noch weitere Faktoren über die Schicksale menschlicher Gesellschaften entscheiden. Heute leben kaum mehr als 10% aller Menschen in Industriegesellschaften westlich-demokratischer Prägung. Die alte bipolare Weltordnung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch eine zunehmend komplexe multipolare Weltordnung ersetzt. Während einige kleine Gemeinschaften heute noch immer als Jäger und Sammler leben und zahllose Menschen ihre Existenz mit einfacher Landwirtschaft oder in wenig automatisierten Industriebetrieben der Schwellenländer bestreiten, lassen andere Gesellschaften Menschen ins All fliegen, entwickeln Satellitennavigationssysteme oder verändern die Gensequenzen von Lebewesen (Wobei sich zunehmend auch die Schwellenländer solche Technologien zu eigen machen.)


Es gibt zahlreiche Erklärungsansätze für diese erstaunlichen Unterschiede heutiger Gesellschaftsordnungen, die von geobiologischen Gegebenheiten der Kontinente über reine Zufälle, soziale, kulturelle und religiöse Unterschiede bis hin zu dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein bestimmter Institutionen reichen. Eine umfassende und allgemein anerkannte Theorie, die die unterschiedlichen Entwicklungspfade unserer Spezies in den letzten 12.000 Jahren plausibel zu erklären vermag, ist bis heute daraus allerdings noch nicht entstanden. In den kommenden Blogs zu „Geschichte der Menschheit“ wollen wir jenen Kräften nachspüren, die die Entwicklungen menschlicher Gesellschaften vorantreiben oder behindern.     

 

Weiterführende Literatur:

Diamond, Jared (2006): „Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“, Fischer.

Harari, Yuval Noah (2013): „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, DVA.

Krause, Johannes / Trappe Thomas (2021): „Hybris – Die Reise der Menschheit zwischen Aufbruch und Scheitern“, Propyläen.

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