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Was ist Ökonomie?

Eine ziemlich trostlose Wissenschaft

Märchen kennen keine Naturgesetze. Das Schlaraffenland lässt Milch und Honig fließen, den Faulenzern fliegen die gebratenen Tauben ins Maul. Anstrengende Arbeit und Fleiß sind in diesem wundersamen Reich verpönt; niemand benötigt Geld; überall herrscht Überfluss.

Ein Bild vom Schlaraffenland, vollgefressene, dicke Menschen liegen träge auf dem Boden
Die Ökonomen müssen hier aufs Arbeitsamt

Den Mythos von einem Paradies, in dem es an nichts mangelt, gab es schon lange vor den Gebrüdern Grimm; er ist so alt wie die Menschheit. Die Ersten, die im Schlaraffenland ihre Arbeit verlören, wären die Ökonomen; denn wirtschaften kann man nur, wo Mangel herrscht. Da es auf unserer Welt Ökonomen gibt, muss unsere Wirklichkeit also eine andere sein. Nicht ohne Grund nennt man die Ökonomie im Englischen „the dismal science“ – die trostlose Wissenschaft, denn ihre Daseinsberechtigung entspringt allein Knappheit und Begrenzung. (Ich kann es beurteilen – ich habe dieses Fach studiert.)

 

Es geht immer nur um zwei Fragen

Während im Schlaraffenland jeder immer alle Wünsche befriedigen kann, müssen wir in der realen Welt mit unseren Mitteln haushalten. Täglich sind wir gezwungen zu entscheiden, wieviel wir von unserem knappen Geld für etwas anderes herzugeben bereit sind oder welchen Aktivitäten wir unsere knappe Zeit widmen möchten. Die Notwendigkeit, laufend entscheiden zu müssen, zwingt uns in ein diffiziles Geflecht von menschlichen Beziehungen, Berechnungen, Interessenkonflikten und Wechselwirkungen. Um diese Zusammenhänge beschreiben, verstehen und, wenn möglich, auch steuern zu können, müssen die Ökonomen ganz tief in die Werkzeugkiste greifen. Eingesetzt werden Welterklärungsinstrumente aus so verschiedenen Bereichen wie Mathematik, Naturwissenschaften, Philosophie, Psychologie, Politikwissenschaften und Soziologie. Damit kommen die Wirtschaftswissenschaften der mechanistischen Gesellschaftsvision Auguste Comtes (wir haben sie im letzten Blog kurz erwähnt), wohl näher, als alle anderen Sozialwissenschaften.


Zwei grundlegende Fragen beschäftigen die Sozialingenieure in diesem Zusammenhang: Unter welchen Bedingungen wird die Gesamtwohlfahrt einer Gesellschaft am größten und wie sollen die Produkte dieser Wohlfahrt verteilt werden? Die erste Frage ist eine der mathematischen Optimierung. Das zugrundeliegende ökonomische Prinzip finden wir auch in der Natur: Die Physik lehrt uns, dass der Apfel, der zu Boden fällt, stets den kürzesten Weg nimmt; die Evolutionsbiologie erklärt, dass Pflanzen und Tiere, die knappe Ressourcen effizienter verwenden als andere, bessere Aussichten auf Fortpflanzung haben. Keine Sonnenblume wird mehr Mineralien verbauen, als für ihr Wachstum nötig, kein Löwe mehr Kraft aufwenden als gefordert, um seine Beute zu reißen. Die ökonomische Theorie unterstellt, dass der vernunftbegabte Mensch ebenfalls nach diesem Prinzip handelt: Wir möchten ein gegebenes Ziel mit minimalem Aufwand erreichen oder mit gegebenen Mitteln das bestmögliche Ergebnis erzielen. Der Dramatiker George Bernhard Shaw hat es so formuliert: „Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen.“

Die zweite Frage ist hingegen ganz anderer Natur. Das Problem, wie der gemeinsam erwirtschaftete Wohlstand verteilt werden soll, kann nicht mit Mathematik gelöst werden; es handelt sich nicht um eine positive Berechnung, sondern um eine normative Wertung. Tatsächlich dürfte in kaum einer anderen Sozialwissenschaft das Spannungsfeld zwischen „sein“ und „sollen“ grösser sein, als in den Wirtschaftswissenschaften. Wer „Soll-Fragen“ beantworten will, muss sich zu einer moralischen Position bekennen. Kein Wunder also, dass unterschiedliche Ökonomen dabei auch zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.

 

Wenn ich einmal reich wär…

In den kommenden Artikeln unserer Kategorie Ökonomie geht es um das liebe Geld und die oft falschen Vorstellungen, die wir von ihm haben, um eine folgenreiche Metapher eines schottischen Moralphilosophen, um den Einsatz Newtonscher Mathematik in der Ökonomie, die konstruktive Kraft der Zerstörung liebgewordener technischer Errungenschaften und um den mittlerweile „100-jährigen Krieg“, den die Anhänger eines mächtigen Staats mit den Verfechtern eines radikalen Liberalismus austragen.


Schwerzweissfoto von Maynard Keynes, ein Mann im Anzug mit Schnurrbart
Maynard Keynes steht für einen starken Staat
Schwarzweissfoto von Friedrich von Hayek, ein Mann in Anzug mit Brille und Schurbart
Friedrich von Hayek steht für einen radikalen Liberalismus

Im Verlauf dieses Konflikts hat sich in der westlichen Welt die Waagschale mal in die eine, mal in die andere Richtung geneigt. Wie wir noch sehen werden, liegt auch diesmal das Problem darin, die beiden widersprüchlichen Ziele einer Gesellschaft „Freiheit“ und „Gleichheit“ gleichzeitig anstreben zu wollen. Mehr Freiheit bedeutet weniger Gleichheit, mehr Gleichheit weniger Freiheit. Etwas überspitzt formuliert haben (zumindest demokratisch verfasste) Gesellschaften also die Wahl, ob sie lieber unterschiedlich reich oder gleich arm sein wollen.    

 

Weiterführende Literatur:

Smith, Adam (2003): „Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“, dtv.

Schumpeter, Joseph (1987): „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, Duncker & Humblot.

Bauman, Yoram / Klein Grady (2010): Economics – Mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen, Manhattan.

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1件のコメント


Aha! Ein Dissens! Wieso geht man von dieser Agonie zwischen Gleichheit und Freiheit aus? Wie kommt man darauf? Ich würde liebend gerne zu diesem Thema diskutieren!

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