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Science-Fiction als Schule der Vernunft

Aktualisiert: vor 3 Tagen

von Rüdiger Schäfer

 

Science-Fiction ist keine Wahrsagerei mit Raumschiffen. Das war sie nie. Wer das Genre nur als Zukunftsvorhersage begreift, verkennt seine eigentliche Kraft: Science-Fiction ist eine Denkmaschine. Gute SF fragt nicht: »Wie wird es kommen?«

Sondern: »Was wäre, wenn… – und was macht das aus uns?«

 

Meinen ersten SF-Roman habe ich mit acht Jahren gelesen. Es war eines der »Raumschiff Monitor«-Bücher von Rolf Ulrici (1922-1997). Es folgten die Werke von Asimov, Heinlein, Clarke, Bradbury, Herbert und vielen anderen. Und natürlich stieg ich auch bei PERRY RHODAN (PR) ein, einer Heftromanserie, an der man in den 1970er und 1980er Jahren gar nicht vorbeikam, wenn man sich für Science-Fiction interessierte.

 

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Gute Science-Fiction sagt mehr über die Gegenwart als über die Zukunft

Nach dreißig Jahren als Fan und Leser von PR, schreibe ich nun schon seit 2005 selbst für dieses deutsche SF-Phänomen, das sich bis heute am Markt gehalten hat. Die Science-Fiction ist zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil meines Lebens geworden.


Gute SF baut Welten. Nicht nur um zu beeindrucken, sondern um unsere Gegenwart zu testen oder doch zumindest zu entlarven: moralisch, politisch, psychologisch. Science-Fiction ist für mich deshalb weniger eine Literatur der Zukunft, als eine Literatur der Konsequenzen. Oder wie die SF-Autorin Ursula K. Le Guin es einst messerscharf formuliert hat: »Science-Fiction is not predictive; it is descriptive.« (frei übersetzt: »Science-Fiction prophezeit nicht; sie beschreibt.«)

 

 

Die Zukunft ist in der SF nicht das Ziel, sondern ihr Werkzeug


In der Science-Fiction begegnet die Zukunft dem Leser nicht als Fahrplan. Sie ist eher ein Denkszenario. Ein Vergrößerungsglas. Ein Spiegel, den man absichtlich ein wenig schräg hält, damit das Jetzt und Hier verfremdet wirkt. Denn darin liegt die Kraft dieser Literaturgattung: Sie zwingt uns, Fragen zu stellen, die wir üblicherweise verdrängen, weil sie unbequem sind. Bleibt der Mensch noch Mensch, wenn wir in der Lage sind, Bewusstsein eins zu eins zu kopieren und zu digitalisieren? Was ist Freiheit in einer Welt perfekter Simulationen noch wert? Wer definiert Wahrheit, wenn die Realität beliebig manipulierbar ist? Und wie stabil ist unsere Moral, wenn Technik uns erlaubt, die Konsequenzen unseres Handelns einfach wegzuretuschieren?

 

Science-Fiction liefert Antworten auf diese und viele ähnliche Fragen nicht als wissenschaftliche Studie oder Essay. Sie baut sie als Erlebnis. Sie inszeniert und dramatisiert. Und gerade dadurch wirken diese Antworten lange nach.

SF ist keine Prognose, sondern eine Art Handeln auf Probe. Oder, um es mit Ray Bradbury zu sagen:»Science-Fiction is really a sociological study of the future.« (frei übersetzt: »Science-Fiction ist Gesellschaftsanalyse im Zukunftsmodus.«)

Sie ist Gesellschaftskunde – nur eben nicht in der Gegenwart, sondern im Möglichkeitsraum. Und das ist auch der Grund, warum sie so gut funktioniert. Sie beschäftigt sich nicht nur mit dem, was kommt und was wir sind, sondern auch mit dem, was wir sein könnten und was wir werden dürfen, ohne uns selbst zu verlieren.

 

Science-Fiction entlarvt das scheinbar Alternativlose als bloße Gewohnheit – als geistige Trägheit, die sich für ein Naturgesetz hält. Frei nach William Gibson: »The future is already here — it’s just not evenly distributed.« (frei übersetzt: »Die Zukunft existiert bereits. Nur kommt sie nicht überall gleichzeitig an.«) Science-Fiction erzählt deshalb nicht von der Zukunft. Sie erzählt von möglichen Zukünften – und jede davon ist eine offene Frage an unsere Gegenwart. Manchmal leise. Manchmal wie ein Faustschlag. Und manchmal so elegant, dass man erst beim Umblättern merkt, wie sehr es wehgetan hat. Denn am Ende ist Science-Fiction immer auch Selbstprüfung. Sie wirkt so lange nach, weil sie nicht die Zukunft erklärt, sondern die Gegenwart enttarnt. Schon Stanisław Lem wusste in seinem 1961 erschienenen Meisterwerk »Solaris«: »Wir wollten zu den Sternen, aber wir treffen immer nur auf uns selbst.«

 

 

Science-Fiction fragt: »Was kostet das?«


Fortschritt klingt immer gut. Bis man ihn ernst nimmt. Science-Fiction stellt auch hier die eine und meist entscheidende Frage: »Was kostet das?«

Unsterblichkeit? Macht? Demokratie? Schönheit? Sicherheit?

Gute SF zeigt auf, dass jedes Mehr automatisch auch ein Weniger erzeugt. Mehr Sicherheit kostet Freiheit. Mehr Bequemlichkeit kostet Selbstbestimmung und Verantwortung. Mehr Optimierung kostet Vielfalt. Und mehr Überwachung kostet in den meisten Fällen Menschlichkeit.

 

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Science-Fiction denkt Fortschritt deshalb nicht als Werbeprospekt, sondern als Bilanz. Sie zeigt uns nicht nur, was möglich wird – sondern auch, was dabei verloren geht. Und vor allem: wer den Preis bezahlt. Denn in den großen Zukunftsversprechen steckt oft ein stilles Ungleichgewicht: Der Nutzen wird gefeiert, die Nebenwirkungen werden ausgelagert – an Minderheiten, an Randgruppen, an die, die keine Stimme haben. Oder an das Morgen, das sich nicht wehren kann. Isaac Asimov hat das schon vor Jahrzehnten erkannt, als er 1988 schrieb: »Der gegenwärtig traurigste Aspekt des Lebens besteht darin, dass die Science-Fiction schneller Wissen anhäuft, als die Gesellschaft Weisheit.«

 

Science-Fiction ist damit eine Art intellektuelle Steuersoftware. Sie bremst nicht den Fortschritt – sie zwingt ihn, Verantwortung mitzudenken. Und sie stellt nicht nur die Frage: Können wir das? Sondern vor allem: Sollten wir das?

Denn am Ende ist die Zukunft kein Zielpunkt, sondern ein Prüfstein. Science-Fiction erinnert uns daran, dass Technik nicht automatisch Zivilisation bedeutet – und dass jede neue Möglichkeit alte Tugenden braucht: Maß, Urteilskraft, ja sogar ein Stück Weisheit. Oder anders gesagt: Science-Fiction ist die Literaturform, die nicht fragt, wie die Welt wird – sondern ob wir in ihr noch wir selbst sein wollen und können.

 

 

Science-Fiction trainiert geistige Beweglichkeit

 

Eines, wenn nicht gar das berühmteste Zitat von Arthur C. Clarke lautet: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.« (frei übersetzt: »Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.«) Die in der Aussage steckende Warnung ist simpel – und gefährlich aktuell: Wenn wir Dinge nicht verstehen, behandeln wir sie wie Magie. Und Magie wird nicht kontrolliert, sondern verehrt.

 

Science-Fiction leistet hier wertvolle Denkarbeit: Sie entzaubert. Sie fragt nach Mechanismen, nach Machtstrukturen, nach Nebenwirkungen. Sie hilft uns, Ambivalenzen auszuhalten – und genau das ist heute eine Schlüsselkompetenz.

Die SF trainiert damit nicht nur Fantasie, sondern geistige Beweglichkeit. Sie zwingt uns, Perspektiven zu wechseln, Selbstverständlichkeiten zu misstrauen und das Unbequeme mitzudenken. Denn wer Ambivalenzen aushält, fällt nicht so leicht auf einfache Heilsversprechen herein – weder auf technologische noch auf politische.

Und vielleicht ist das der größte Wert dieses Genres: Es macht uns nicht unbedingt zukunftssicher, aber urteilsfähiger. Es hilft uns, Komplexität nicht als Bedrohung zu empfinden, sondern als notwendige Realität. Das Leben ist Veränderung. Die SF kann uns lehren, ihr nicht zu entfliehen, sondern ihr mit Mut zu begegnen und sie als Chance zu begreifen. 

 

Bild: KI-generiert (Sora)": Eine Galaxie verwandelt sich in ein mechanisches Gehirn
Was machen die Möglichkeiten mit uns?

 

Science-Fiction ist die Literatur der Zumutungen

 

Fantasy tröstet. Thriller beschleunigen. Science-Fiction dagegen stellt oft eine Frage, die man nicht weglesen kann: »Was bist du bereit zu akzeptieren?« Wie weit darf Forschung gehen? Was ist Leben, wenn Maschinen inzwischen Bewusstsein täuschend echt simulieren? Wo endet Fortschritt und wo beginnt Entmenschlichung? Octavia E. Butler (1947-2006), eine US-amerikanische Science-Fiction-Autorin und Pionierin afroamerikanischer Zukunftsliteratur, hat diesen Effekt sehr schön in Worte gegossen: »At its best, Science-Fiction stimulates imagination and creativity. It gets reader and writer off the beaten track…« (frei übersetzt: »In ihrer besten Form regt Science-Fiction Fantasie und Kreativität an. Sie bringt Leser und Autor dazu, die ausgetretenen Pfade zu verlassen …«)

 

Science-Fiction ist gut, wenn sie stört. Wenn sie in den Kopf greift und Dinge umstellt. Sie ist keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern eine Zuspitzung der Realität. Sie macht sichtbar, was wir im Alltag oft übersehen: die stillen Kosten des Fortschritts. Und sie fragt nicht zuerst, was möglich ist, sondern was vertretbar bleibt. Denn je mächtiger unsere Werkzeuge werden, desto wichtiger wird unser Maß. Zukunft ist keine Zeit – Zukunft ist Verantwortung.

 

 

Warum SF gerade jetzt unverzichtbar ist

 

Wir leben längst in einer Welt, die klassische SF-Motive nicht mehr erfindet, sondern von ihnen eingeholt und überholt wird. KI-Systeme, die Persönlichkeit und Kompetenz imitieren und dadurch Entscheidungen beeinflussen. Deepfakes, die Wahrheit und Fakten zur Verhandlungsmasse machen. Algorithmen, die Aufmerksamkeit in die gewünschte Richtung lenken – also Macht kanalisieren. Biotechnologie, die die Natur neu definiert. Simulationen, die Erfahrung ersetzen und Erinnerungen generieren. In dieser Gegenwart wirkt SF nicht wie Flucht – sondern wie Orientierung. Sie bietet vielleicht keine endgültigen Antworten, aber dafür liefert sie etwas viel Wertvolleres: Urteilskraft.

 

Sie macht uns nicht zukunftssicher. Sie macht uns denkfähig.

 

Zusammenfassung

Science-Fiction ist keine literarische Spielerei, sondern kulturelles Werkzeug: Sie ist Denkmaschine, Moraltest und Möglichkeitslabor zugleich. Gute SF entwirft nicht nur Welten – sie untersucht, welche Entscheidungen aus uns welche Art von Menschen machen.

 

Gerade in einer Zeit, in der Technologien schneller wachsen als gesellschaftliche Reife, wird Science-Fiction zur notwendigen Literaturform: Sie trainiert die Fähigkeit, komplex zu denken, Ambivalenzen zu ertragen und Konsequenzen mitzulesen.

Oder anders: Science-Fiction ist nicht die Literatur der Zukunft – sie ist die Gebrauchsanweisung für die Gegenwart!


Über den Gastautor:

Rüdiger Schäfer ist Science-Fiction Schriftsteller und schreibt unter anderem seit 2005 für die legendäre PERRY RHODAN-Reihe, die seit 1961 bestehende größte SF-Serie der Welt.



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