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Der Ursprung der Sprache

Ein ganz besonderes Gen

Wahrscheinlich hat das menschliche Kommunikationstalent seinen Ursprung in einer kleinen Mutation, bei der vor einigen hunderttausend Jahren an dem Gen FOXP2 zwei Aminosäuren ausgetauscht wurden. FOXP2 steuert die Expression einer Vielzahl weiterer Gene, die anatomische Voraussetzungen für das Sprechen schaffen. Menschen mit Defekten an diesem Erbträger leiden an Apraxie, einer erheblichen Störung der Sprachorgane.


Spiralartige Genstrukturen in verschiedenen bunten Farben
So bunt kann Sprache sein: Das Gen FOXP2

Im Laufe der Menschwerdung führten diese Mutationen zu einer Reihe anatomischer Veränderungen an Kopf und Hals: Ein vergrößerter Rachenraum bot einen besseren Resonanzkörper; ein abgesenkter Kehlkopf ermöglichte eine größere Bewegungsfreiheit der Zunge; eine Aufwölbung des Gaumens erlaubte es, die von den Stimmbändern erzeugten Töne zu differenzierten Vokalen und Konsonanten zu modulieren.


Vor etwa 100.000 Jahren war diese Entwicklung abgeschlossen; die Fähigkeit des Sapiens, sehr nuancierte Schallwellen bilden zu können, sollte von nun an zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier werden. Die neuen Kommunikationsfähigkeiten begünstigten ein komplexeres Sozialverhalten, das seinerseits neue Anreize schuf, die sprachlichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Ideen konnten nun zunehmend effizienter mitgeteilt, soziale Beziehungen intensiver gepflegt und kollektives Lernen besser organisiert werden. Die Phoneme erwiesen sich damit als eine außerordentlich effektive evolutionäre Errungenschaft.

 

Herders Theorie

Eine der ersten wissenschaftlichen Theorien über die Entstehung der Sprache stammt von dem Philosophen, Dichter und Theologen Johann Gottfried Herder. In einer 1772 veröffentlichten Schrift argumentierte er, dass die Sprache, weil unvollkommen, keinen göttlichen Ursprung haben könne; ebenso wenig habe sie sich aus tierischen Lauten entwickelt; sie sei vielmehr eine rein menschliche Erfindung. Den Unterschied zwischen triebgesteuerten Tierlauten und menschlicher Sprache erklärt Herder anhand seines Sphärenmodells: Tiere wie Spinnen oder Bienen leben in sehr kleinen Sphären.


Portait eines Mannes mittleren Alters mit hohem Haaransatz aus dem 18. Jahrhundert
Schuf eine der ersten Sprachtheorien: Johann Gottfried Herder

Da diese Lebensräume sehr überschaubar sind, sind die Tiere mit starken und sehr speziellen Fähigkeiten und Instinkten ausgestattet, verfügen aber nur über sehr eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten. Je grösser die von einem Tier bewohnte Sphäre, desto besser sind auch seine Fähigkeiten, Laute zu bilden, während die instinktiven Veranlagungen ihrerseits abnehmen. Der Mensch bewohnt die größte Sphäre aller Lebewesen. Da er seine Aufmerksamkeit dem gesamten Lebensraum widmen muss, sind seine sinnlichen Kapazitäten so schwach, dass er sich mit anderen Menschen zusammenschließen muss, um überleben und seine Bedürfnisse befriedigen zu können. Für Herder hat Sprache somit die Aufgabe, die Lücke zu schließen, die zwischen unscharfen Sinnen und weitgreifenden Bedürfnissen entsteht. Sprache und Bewusstsein ermöglichen es dem Menschen sich von der Natur unabhängig zu machen und nicht mehr triebhaft, sondern besonnen zu handeln. Das erst macht das nackte, instinktlose Tier zum Menschen.


Die ersten sprachlichen Begriffe entstanden, so Herder, als der Mensch über die Beschaffenheit der Dinge nachdachte. Es ist eine Eigenschaft eines Flusses zu fließen und eines Schafes zu blöken. Das Blöken des Schafes erlaubt es, es von anderen Tieren zu unterscheiden. Das „Blökende“ ist somit ein Wort, mit dem sich ein Schaf beschreiben lässt. Der Ursprung der Worte sind also Lautzeichen, die Merkmale von Dingen beschreiben. Abstrakte Dinge, wie Oberflächen, werden nach den Gefühlen benannt, die sie auslösen: Deshalb klingt auch das Wort „hart“ hart und das Wort „weich“ weich.


Herders „lexikalisches Modell“ ist eine von drei der heute noch diskutierten Thesen über den Ursprung der Wörter: Den Dingen wurden Phoneme zugewiesen, die lautmalerisch Töne imitierten, wie heute noch in den Worten Uhu oder Kuckuck. Die „gestische Hypothese“, die der amerikanische Anthropologe Michael Tomasello favorisiert, hingegen sieht den Ursprung der menschlichen Kommunikation in dessen einzigartiger Gebärdensprache, die erst mit der Zeit durch Wörter ersetzt wurde. Tatsächlich sind nicht einmal unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, in der Lage, Zeige-Gesten zu verwenden oder zu verstehen. Das „musikalische Modell“ schließlich glaubt an eine Entstehung der Sprache aus Gesängen, eine Ansicht, die zuerst von Charles Darwin vertreten wurde, der sich auf den gemeinsamen evolutionären Ursprung von menschlicher Stimme und Vogelstimme bezog. Alle drei Thesen zur Sprachentstehung sind spekulativ. Wie sich die Entwicklung wirklich vollzog und ob Sprache vielleicht nicht sogar mehrfach unabhängig voneinander entstanden ist, bleibt im Nebel der Frühgeschichte verborgen.


Fest steht hingegen, dass sich mit der Zeit zwei spezialisierte Gehirnbereiche bildeten, um die neue Fähigkeit zu verwalten: Das Broca-Areal begann das aktive Sprechen zu steuern, das Wernicke-Zentrum das passive Verstehen.



Seitlicher Blick auf ein Gehirn mit zwei hervorgehobenen Arealen jeweils vorne und hinten
Wichtig für Sprechen und Verstehen: Broca-Areal und Wernicke-Zentrum

 

Schimpansen kommunizieren fast wie zweijährige Menschen

Menschenaffen, die in Gebärdensprache unterrichtet wurden, sind in der Lage, mehrere hundert Begriffe zu lernen und mit Gesten einfache Sätze aus zwei bis drei Wörtern wie „geben Banane“ zu bilden, was in etwa den sprachlichen Fähigkeiten von Zweijährigen entspricht. Erst danach trennen sich die Wege: Das Menschenkind macht dort weiter, wo der Wortschatz des erwachsenen Affen endet. Es lernt neue Wörter, kombiniert sie beliebig, bildet zunehmend längere Sätze und baut nach und nach grammatikalische Regeln in seinen Sprachgebrauch ein. Kein anderes Tier ist dazu in der Lage.


Photo eines Schimpansen, der an einem Strohhalm kaut
Menschenaffen kommunizieren über Gesten ebenso gut wie Zweijährige

Ein großes Repertoire von Symbolen aufzubauen und regelbasiert kombinieren zu können, ist eine mächtige Befähigung: Gäbe es nur zehn Wörter, um einen Satz sinnhaft zu beginnen und jeweils zehn weitere, ihn grammatikalisch richtig und inhaltlich sinnvoll weiterzuführen, würde ein Satz aus lediglich zwanzig Wörtern bereits 10^20 oder hundert Millionen Billionen verschiedene Aussagen zulassen. Jede Kombination repräsentiert einen eigenen Gedanken und aktiviert damit eine andere neuronale Repräsentation. 

 



Wer mehr wissen will:

Tomasello, Michael (2009): „Die Ursprünge menschlicher Kommunikation“, Suhrkamp.

Roth, Gerhard (2010) „Wie einzigartig ist der Mensch?“, Springer.

Pinker, Steven (2012): “Wie das Denken im Kopf entsteht”, Fischer.

Benz, Anton (2022): „Die Sprache von Schimpansen ist komplexer als gedacht“, Spektrum.de vom 09.06.2022.

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