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Geschichte der Philosophie: Phänomen und Existenz – eine neue Denkschule

Eine neue, einflussreiche Denkschule

William James, dessen Werk wir im letzten Beitrag kurz beleuchtet haben, gilt heute Vielen zusammen mit Charles Sanders Peirce als der bedeutendste US-amerikanische Philosoph; neben Lotze und Wundt ist er zudem auch ein Gründungsvater der Psychologie. Zu diesen Vätern zählt auch ein Zeitgenosse von James, der deutsche Philosoph, Theologe und Psychologe Franz Brentano (1838-1917). Brentano war überzeugt, dass sich die Psychologie mit den Wirkungen befassen muss, die von den physiologischen Denkprozessen ausgehen. Das, was geistige Prozesse auszeichnet und grundlegend von physikalischen Erscheinungen unterscheidet, ist, dass sie sich immer auf etwas beziehen. Jeder psychische Vorgang hat einen Inhalt und ein Bezugsobjekt. Brentano spricht in diesen Zusammenhang von Intentionalität: Wenn wir etwas wahrnehmen, konstruiert unser Bewusstsein einen Sinn in den betrachteten Gegenstand hinein. Dieser Sinn ist immer subjektiv. Tauchen wir etwa beide Hände in ein Wasserbecken, nachdem wir zuvor die eine Hand gekühlt und die andere erwärmt haben, empfindet die eine Hand das Wasser als warm, die andere als kalt, obwohl beide derselben Temperatur ausgesetzt sind.[i]


Schwarzweissfoto von Husserl; Spitzbart, Stirnglatze, strenges Professorengesicht
Edmund Husserl - Begründer der Phänomenologie

Mit Sigmund Freud und Edmund Husserl hatte Brentano zwei Schüler, die es zu einiger Berühmtheit bringen würden. Während Freuds Psychoanalyse nur am Rande von Brentanos Lehre beeinflusst wurde, hinterließ sie bei Husserl tiefe Spuren. Der 1859 in Mähren geborene und 1938 in Freiburg im Breisgau gestorbene Philosoph und Mathematiker begründete eine der wirkmächtigsten Denkschulen des 20. Jahrhunderts: die Phänomenologie. Wir müssen uns, so Husserl, der Welt nicht erst im Sinne eines radikalen Skeptizismus à la René Descartes versichern. Das Denken ist sich der Welt durchaus bewusst. Allerdings sehen wir bei unserer Betrachtung der Dinge nicht den wirklichen Gegenstand, sondern lediglich den durch die Intentionalität vermittelten Sinn, durch den wir Gefühle und Emotionen auf das Betrachtungsobjekt projizieren. Ließe sich der Schleier, den der menschliche Geist über die Realität legt, entfernen, ließe sich auch eine Brücke vom idealistischen Subjekt zum materialistischen Objekt schlagen, eine Betrachtung der Wirklichkeit, frei von vorurteilsbehafteten und emotionalen Bewertungen.


Doch wie müsste diese Brücke konstruiert sein? Den Bauplan soll Husserls Konzept der phänomenologischen Reduktion liefern. Wir müssen sämtliche Theorien, Vorurteile und vermeintliche Selbstverständlichkeiten „einklammern“, sie Schritt für Schritt entfernen, um zu den eigentlichen Phänomenen zu kommen. Die Phänomene sind das, was den realen Erscheinungen zugrunde liegt; sie sind das wahre, unverhüllte Wesen der Dinge, die elementaren Strukturen, das, was Kant als „Ding an sich“ bezeichnete. Durch die vorurteilsfreie Herangehensweise gelangen wir zu überraschenden Einsichten: Was ist beispielsweise das wahre Wesen eines Traums? Ist ein Traum immer noch ein Traum, wenn in ihm keine Merkwürdigkeiten vorkommen? Wäre es noch ein Traum, wenn ich mich nicht daran erinnern könnte, jemals eingeschlafen zu sein? Durch solche Gedankenspiele – Husserl bezeichnet sie als „phänomenologische Variationen“ – bekommen wir ein Gefühl dafür, wie die alltägliche Welt in unserem Bewusstsein erscheint.


Mit seinem programmatischen Zitat „Von den bloßen Worten zu den Sachen selbst“ möchte Husserl eine Denkhaltung etablieren, mit der der Mensch die Entfremdung zwischen sich und der Welt überwindet und zur Essenz, zum wahren Wesen der Dinge vordringt. Dieser Zugang zu unverzerrter Erkenntnis würde die Philosophie in den Rang einer exakten Wissenschaft erheben. Husserl sieht in dieser Idee einen Ausweg aus einer fundamentalen Krise, die nicht nur die Philosophie, sondern alle modernen Wissenschaften, ja die ganze menschliche Kultur erfasst hat: Wir gehen durch unser Leben, ohne die elementaren Grundlagen unserer Existenz zu kennen, da uns der Zusammenhang zwischen Leben und Sinn verloren gegangen ist.

 

Schaubild mit den graphischer Darstellung der wichtigsten Denkschulen und Einflüsse der westlichen Philosophie
Die Entwicklung der Philosophie – Schulen und Einflüsse

         


 

Heidegger entwickelt die Existenzphilosophie

Ausgehend von der Phänomenologie entwickelte in den 1920er Jahren Husserls berühmtester Schüler, Martin Heidegger, seine Existenzphilosophie. Seine Gedanken führt Heidegger in seiner 1927 erschienenen Schrift, „Sein und Zeit“ aus, in der viele den neben Wittgensteins Sprachkritik bedeutsamsten Beitrag zur Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts sehen.


Schwarzweiß-Porträt eines Mannes mit Schnurrbart und strengem Blick vor dunklem Hintergrund.
Martin Heidegger - Begründer der Existenzphilosophie

Heideggers Philosophie ist eine Fundamental-Ontologie, der Versuch einer Auseinandersetzung mit den elementaren Grundlagen des Seins. Seit Platon habe sich die Philosophie und ihre Kinder, die modernen Einzelwissenschaften, immer nur mit den offenbaren Erscheinungen auseinandergesetzt und darüber die Frage nach dem wahren Wesen der Dinge vernachlässigt. Die Erscheinungen des Seins nennt Heidegger „das Seiende“. Den Unterschied zwischen Sein und Seienden bezeichnet Heidegger als ontologische Differenz. Das Sein ist das, was dem Seienden, den konkret existierenden Erscheinungen der Welt, zugrunde liegt, ihm vorausgeht, es gleichsam trägt. Durch unsere „Seinsvergessenheit“ wird die Welt, wie Heidegger es formuliert, „entweltet“. Leben wird auf biochemische Vorgänge reduziert, Liebe zu einer reinen Hormonsache. Die neue Ontologie müsse das Sein und nicht das Seiende in den Mittelpunkt stellen. Die Wahrheit finden wir nicht, indem wir die Dinge erkennen, sondern indem wir ihre Existenz begreifen. Wir sehen in einem Hammer das Seiende, ein Gebilde aus Holz und Eisen. Darüber haben wir aber vergessen, dass ein Hammer das „Ding zum Hämmern“ ist. Das Sein des Hammers können wir nur zugreifend erfahren, indem wir ihn benutzen, ihn im Zusammenhang mit dem Vollzug seiner alltäglichen Aufgaben betrachten.[ii]


Der Mensch ist das einzige Wesen, das sich mit dem eigenen Sein auseinandersetzt. Dieses menschliche Sein – Heidegger nennt es das „Dasein“ – ist der wichtigste Untersuchungsgegenstand des Philosophen. Wir wurden ungefragt in unser Dasein hineingeworfen. Das Grundproblem dieses Daseins ist die Zeitlichkeit. Unser Bewusstsein zwingt uns, uns mit Vergangenheit und Zukunft auseinanderzusetzen und führt uns die eigene Endlichkeit vor Augen. Letztlich ist unsere Existenz der Versuch einer ständigen Beruhigung vor dem Tod. Weil sich Existenz immer vollzieht, sind wir nie mit etwas fertig, stets müssen wir die Konsequenzen unseres Handelns überdenken, stets ergibt sich Neues, mit dem wir uns beschäftigen müssen und die Lösung eines jeden Problems gebiert wieder ein neues Problem. Diese Unsicherheit und das tägliche Sich-Entscheiden-Müssen bedeuten vor allem eins: Sorge.


Renaissance-Gemälde Muskulöser, halbnackter Mann in rotem und blauem Tuch, mit erhobenen Armen vor dunklem Hintergrund trägt einen gewaltigen Felsbrocken.
Die Vergeblichkeit der mythologische Figur des Sisyphos wurde durch den Existenzialismus neu interpretiert. Albert Camus schrieb: "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

 

Der französische Existentialismus

Sorge, Tod und die Absurdität der menschlichen Bestimmung prägen auch den Existentialismus, die französische Variante der Existenzphilosophie, zu deren bekanntesten Vertretern Jean-Paul Sartre (1905-1980), Simone de Beauvoir (1908-1986) und Albert Camus (1913-1960) zählen.

Ein Mann und eine Frau stehen vor einem Denkmal im Freien, sie hält ein Buch; die Sonne scheint verblasste Schrift im Hintergrund.
Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, zwei wichtige Vertreter des französischen Existentialismus

Der Mensch ist, weil er als einziges Lebewesen entscheiden kann, wie Sartre es ausdrückt, „zur Freiheit verdammt“. Ganz gleich, wie wir uns entscheiden – ob wir uns an Normen, Gesetze, Moral, gesellschaftliche Erwartungen halten oder nicht – es hat auf unser Leben als solches keinen Einfluss. Unsere Existenz ist im Grunde unlogisch, sinnlos und absurd. Das Sinnbild dieses menschlichen Dramas ist die mythologische Gestalt des Sisyphos: Er ist dazu verflucht, einen Stein den Berg hochzutragen, der jedoch jedes Mal wieder herunterrollt, so dass die Arbeit täglich wieder neu beginnen muss. So wie Sisyphos, müssen alle Menschen ihre absurde Bestimmung akzeptieren. Wir können unserem Leben nur dann einen Sinn verleihen, wenn wir unsere Entscheidungen frei treffen und uns nicht so verhalten, wie andere es von uns erwarten. Jeder Einzelne steht in der Verantwortung, sich in diesem Sinne weiterzuentwickeln und dabei den eigenen Lebensentwurf zu schaffen.

 

 

Wer mehr wissen will:

Brentano, Franz von (1874) „Psychologie vom empirischen Standpunkt“, Duncker & Humblot.

Husserl, Edmund (2013) „Logische Untersuchungen“, Meiner.

Heidegger, Martin (1967): „Sein und Zeit“, Niemeyer.

  


Anmerkungen

[i] Ein Experiment, das John Locke bereits 1689 in „Ein Versuch über den menschlichen Verstand“ beschrieben hatte.

[ii] Vgl. Heidegger (1967) S.69.

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