Die Entstehung von Positivismus und Utilitarismus
- Jens Bott

- vor 14 Stunden
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Zeit des Umbruchs
Das 19. Jahrhundert war eine Zeit großer gesellschaftlicher und ökonomischer Umbrüche, ausgelöst durch technischen Fortschritt, aufkommende Industrialisierung und Massenatheismus. Die Folgen waren allgemeine Orientierungslosigkeit und Verunsicherung. Der Verlust vermeintlicher Gewissheiten spiegelt sich in der Philosophie wider. Unter Hegel, Marx, Schopenhauer und Nietzsche vollzieht sich ein Wandel, fort von nüchterner rational-empirischer Erkenntnis hin zu Weltanschauungen. In dem von geschichtsdeterministischen Überzeugungen getragenen Sendungsbewusstsein, das nach Kants Tod insbesondere von der deutschen Philosophie ausgeht, liegt auch ein Keim, jener „Ismen“, die im 20. Jahrhundert ihre hässliche Fratze zeigen sollten.[i] Gleichzeitig wird deutlich, dass die Mittel, die der Philosophie zur Verfügung stehen, um Individuum und Gesellschaft zu analysieren, an Grenzen stoßen. Daher werden sich im Laufe des 19. Jahrhunderts Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Geschichtswissenschaften und Ökonomie als eigenständige akademische Disziplinen von der Philosophie abspalten.
Auguste Comte und die Entstehung des Positivismus
Während Kants Erben spekulativ-idealistische Weltbilder und revolutionäre Zukunftsvisionen für die Menschheit entwarfen, entwickelte sich in Frankreich und auf den britischen Inseln die Philosophie in eine andere Richtung. Zwar herrschte auch hier der Glaube, dass die Menschheitsgeschichte einem Entwicklungsgesetz folgt, doch die neuen Lehren sollten nicht auf metaphysischen Konstrukten wie einem „Weltgeist“ oder einem „Willen zur Macht“ beruhen, sondern strikt auf „positiven Beweisen“, also empirisch belegbaren, natürlichen Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Urheber dieser Idee war der 1798 geborene Franzose Auguste Comte. Die zwangsläufige historische Entwicklung der Menschheit vollzieht sich für ihn in drei Stadien. In der ersten Phase, gewissermaßen der „Kindheit“, ist die Welterklärung eine theologische, die über die Entwicklungsschritte Fetischismus und Polytheismus zum Monotheismus führt. In der folgenden „Jugend“, der abstrakten Phase, werden die fiktiven Gottheiten durch unpersönliche metaphysische Begriffe wie „Natur“ oder „Ideenwelt“ ersetzt. Ein Gewittersturm ist nun nicht mehr der Zorn eines Gottes, sondern eine Laune der Natur. Im dritten und letzten Stadium, der wissenschaftlichen oder positiven Phase schließlich, enträtselt der reife Mensch die Welt. Der Sturm wird zu dem, was er tatsächlich ist: ein erklärbares, auf unterschiedliche Luftdruckverteilungen zurückzuführendes Wetterereignis. Während des gesamten geschichtlichen Prozesses entwickelt der Mensch seine Intelligenz und sein strukturiertes Denken ständig weiter. Um diese Entwicklung zu fördern, bedarf es, so Comte, einer neuen Wissenschaft, die hilft, die Menschheit in den Erwachsenenzustand zu führen. Dazu muss sie alle Themen und Methoden der übrigen Wissenschaften in sich vereinen. Die neue altruistische und menschenfreundliche Gesellschaft benötigt zudem einen spirituellen Rahmen. Comte erfindet eine „Religion der Menschheit“, eine atheistisch-wissenschaftliche Glaubensgemeinschaft, deren Wesen und Aufbau allerdings in erstaunlich vielen Aspekten der katholischen Kirche ähnelt.

Mit der Abkehr von allen metaphysischen Fragen und der Hinwendung zu nützlichem Wissen im Dienste der Menschheit begründete Comte die philosophische Strömung des Positivismus. Der neuen von der Gesellschaft handelnden Disziplin gab er die Bezeichnung „Soziologie“. Mit seinem „Enzyklopädischen Gesetz“, ordnet der Franzose den nun erweiterten Kreis der Wissenschaften: Die Rangordnung führt von der Mathematik als einfachstem Fach über die Astronomie und Physik zur Chemie und Biologie. Ganz oben steht die Soziologie, die als Theorie des Menschen die höchste Komplexität aufweist – sie ist in der positivistischen Vorstellung die „Königin aller Wissenschaft.“
Jeremy Bentham: ein sehr exzentrischer Engländer
Comtes geschichtliche Vision sollte nach seinem Tod 1857 keinen nennenswerten Nachhall finden.[ii] Als deutlich langlebiger würde sich eine radikale ethische Rechtfertigung des Positivismus erweisen, der Utilitarismus. Die Anfänge dieser Ethik gehen auf den exzentrischen Engländer Jeremy Bentham zurück, der von 1748 bis 1832 lebte. (Bentham hatte testamentarisch verfügt, dass seine mumifizierte Leiche als Ikone ausgestellt werden soll; sie ist noch heute in einer Vitrine des Londoner University College zu sehen.) Benthams Werk „Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung“ beginnt mit dem Zitat: „Die Natur hat die Menschheit unter die Herrschaft zweier souveräner Gebieter – Leid und Freude – gestellt. Es ist an ihnen allein, aufzuzeigen, was wir tun sollen, wie auch zu bestimmen, was wir tun werden.“[iii] Aus dieser Überzeugung leitet Bentham eine einfache moralische Maxime ab: Handle so, dass daraus für möglichst viele Betroffenen eine möglichst große Vermehrung von Glück entsteht.

Die Maximierung des gesellschaftlichen Glücks wird damit zum alleinigen Verhaltensmaßstab. Alles, was der Menschen Freude erhöht oder ihr Leid verringert, ist nützlich. Den Nutzenbegriff hatte Bentham aus den gerade entstandenen Wirtschaftswissenschaften übernommen und mit einem hedonistischen Kalkül versehen, mit dem sich der Saldo aus positiven und negativen Effekten einer Handlung mathematisch ermitteln lässt. Sieben Parameter sind bei der Berechnung der Freud-Leid-Nutzenpunkte zu berücksichtigen: Intensität, Dauer, Wahrscheinlichkeit, zeitliche Nähe, Konsequenzen, Reinheit (damit ist gemeint, ob Freud auf Leid folgt, oder umgekehrt) und Ausdehnung (die Anzahl betroffener Menschen).
Wirkmacht und Probleme des Utilitarismus
Der Utilitarismus hat sich als eine wirkmächtige Idee erwiesen – trotz seines hohen altruistischen Anspruchs. Da es unterschiedslos um das Wohl aller geht, darf sich niemand egoistisch verhalten oder jemanden Bestimmten bevorzugen. Der utilitaristischen Nierenspenderin muss es also gleich sein, ob sie ihr Organ einem Familienangehörigen oder einem Fremden überlässt. Das egoistische Gen kommt hier nicht zum Zug. Zudem sind alle Wesen, die Freud und Leid empfinden können – also auch Tiere – in den Kalkül einzuschließen.

Die Forderung, das größte Glück für die größte Zahl anzustreben, hat allerdings auch eine durchaus problematische Seite. Das machen moralische Dilemmata deutlich, die in der praktischen Philosophie unter der Bezeichnung „Trolley-Probleme“ diskutiert werden: Eine führerlose Straßenbahn rast auf eine ahnungslose fünfköpfige Familie zu.

Eine danebenstehende Person hätte die Möglichkeit, das Gefährt rechtzeitig auf ein anderes Gleis umzulenken; allerdings käme in diesem Fall ein ebenso ahnungsloser Bauarbeiter auf dem Nebengleis zu Tode. Der Utilitarismus ist hier eindeutig: Die Weiche muss umgestellt werden! Der Gesamtnutzen, der sich aus der Rettung der Familie ergibt, überwiegt den Schaden für den Bauarbeiter. Doch wäre dieses Handeln gerecht? Schließlich war der Bauarbeiter von der Ausgangssituation nicht betroffen.[iv] Der Utilitarismus fragt zudem weder, wie sich Freud und Leid auf einzelne Personen verteilen, noch kümmert er sich um den Schutz von Minderheiten. Nach Benthams Regel wäre es gerechtfertigt, eine Minderheit in einer Schulklasse zu diskriminieren, wenn sich dadurch der Zusammenhalt insgesamt erhöhen ließe. Und lässt sich Nutzen überhaupt mathematisch berechnen – insbesondere, wenn Leben und Tod in die Waagschale geworfen werden?
Eine andere Ethik
Der britische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill (1806-1873), von seinem Vater James streng nach utilitaristischen Regeln erzogen, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Benthams rein quantitative Überlegungen durch eine zusätzliche qualitative Betrachtung zu verbessern. Dazu machte er sich Platons Argumentation zu eigen, dass die Freuden, die Verstand und sittliches Verhalten bereiten, wertvoller sind, als die animalischen Gefühle, die sinnliche und körperlichen Genüsse hervorrufen. Es ist immer noch besser, ein unglücklicher Sokrates zu sein, als ein glücklicher Narr. Aber sollen wir uns am Stellwerk nun anders entscheiden, wenn Sokrates auf dem Nebengleis stünde?

Der Utilitarismus lehrt eine andere Ethik als der kategorische Imperativ. Bei Kant ist der Einzelne einem allgemeinen Gesetz verpflichtet. Der Imperativ ist daher eine Pflichtethik oder deontologische Ethik. Handlungen sind unabhängig von ihren Konsequenzen grundsätzlich gut oder schlecht und die Regel ist immer und überall gültig. Was konkret zu tun ist, lässt Kant ebenso offen wie die Frage, welche Beurteilungskriterien herangezogen werden sollen. Beim Utilitarismus hängt hingegen die Richtigkeit des Handelns von den Konsequenzen ab. Es zählt allein der Erfolg, nicht die Absicht des Handelnden. Er ist somit eine Zweckethik oder teleologische Ethik. Ihr Geltungsanspruch ist nicht absolut, sondern gilt nur im Hinblick auf eine bestimmte Situation.
Die Versuche von Positivismus und Utilitarismus, den Menschen auf rein empirischer Basis zu verwissenschaftlichen, machten auch vor dem Individuum nicht halt. Die Einheit von Körper und Geist auf materieller Grundlage, wie sie etwa der Naturforscher und Philosoph Ernst Haeckel verkündet hatte, wurde zum Leitmotiv aller nicht idealistischen Denker. Moderne Physiologie und die Evolutionstheorie stellten die Existenz der Seele als unabhängiger Form des Seins infrage. Materialisten, Naturalisten und Positivisten glaubten an eine Mechanik menschlichen Verhaltens, die, einmal entschlüsselt, individuelles Handeln und somit auch die Entwicklung ganzer Gesellschaften vorhersagbar machen würde.
Wer mehr wissen will:
Bentham, Jeremy (2013): „Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung“, Senging.
Mill, John Stuart (1868): „System der deductiven und indukticen Logik“, Vieweg.
Bildnachweise:
Fußnoten:
[i] Wobei es ungerecht wäre, die Philosophen des 19. Jahrhunderts hierfür verantwortlich zu machen.
[ii] In einigen Ländern, darunter die USA und Brasilien, existierten eine Zeitlang comtistische Gemeinschaften. Die brasilianische Flagge zeigt noch heute das Motto «Ordnung und Fortschritt», das auf Comtes Devise zurückgeht.
[iii] Bentham (2013) Kapitel 1.
[iv] Aktuelle Befragungen zeigen, dass sich meistens eine Mehrheit für das Umstellen der Weiche findet. Ließe sich die Bahn aber nur stoppen, indem man eine zufällig anwesende dicke Person von einer Brücke auf das Gleis stößt, hält in der Regel eine deutliche Mehrheit der Befragten diese Handlung für falsch – obwohl sie aus utilitaristischer Sicht zum gleichen Ergebnis führt. Seit es selbstfahrende Fahrzeuge gibt, sind solche Fragestellungen nicht mehr hypothetisch: Soll, wenn es keine andere Ausweichmöglichkeit gibt, der Wagen in eine Kindergruppe gelenkt werden oder stattdessen einen alten Mann überfahren? Darf der Fahrer geopfert werden? Was ist, wenn das Programm erkennt, dass der Fahrer den Unfall aufgrund eines Herzinfarkts verursacht hat und seine Überlebenschance bei 5% liegt? Soll bei einer 50%igen Chance eine andere Regel gelten? Wie müsste das Programm reagieren, wenn es bemerkt, dass der Fahrer vorsätzlich handelt? Dürfen die hierfür notwendigen Daten überhaupt erhoben werden?




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