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Wie die Philosophie pragmatisch wurde

Aktualisiert: vor 15 Minuten

 

Vergessene Philosophen

Vor dem Hintergrund des scheinbar unaufhaltsamen naturwissenschaftlichen Siegeszugs stellte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend die Frage, welche Existenzberechtigung die Philosophie überhaupt noch habe. Hundert Jahre nach Kant traten einige heute wenig bekannte deutsche Akademiker erneut an, um ihr Fach zu retten. Hilfe bekamen sie von dem Physiologen Emil du Bois-Reymond (einem Mitentdecker des nervlichen Aktionspotentials) der sich 1872 mit seiner programmatischen Rede „Über die Grenzen des Naturerkennens“ gegen die Vorstellung gewandt hatte, dass das ontologische Wesen grundlegender Begriffe wie Materie, Kraft oder Bewusstsein jemals durch die Naturwissenschaften geklärt werden könne. Der Berliner Philosophieprofessor Friedrich Adolf Trendelenburg wollte die Philosophie als „Wissenschaft der Wissenschaften“ positionieren, als die einzige Lehre, die den Zusammenhang der einzelnen Disziplinen herauszustellen vermag.


Fotografie von Lotze, Ende 19. Jh. bartlos, sehr ernst dreinblickend
Hermann Lotze. Heute weitgehend vergessen, war eine Figur des Übergangs

Wilhelm Wundt eröffnete 1879 in Leipzig das „Institut für experimentelle Psychologie“ und begründete damit die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Seele als eigenständiger Disziplin, die er zwischen Philosophie und Physiologie ansiedelte. Hermann Lotze, wie Wundt nicht nur Philosoph, sondern auch Arzt, versuchte die Metaphysik des Deutschen Idealismus mit den Naturwissenschaften zu einer geschlossenen Weltsicht zu vereinen. In der Tradition Kants erinnert Lotze daran, dass Wissenschaftler und Philosophen nie vergessen dürfen, dass Denken auf menschlicher Anschauung beruht – mit all seinen Limitationen, Konstruktionen und subjektiven Bewertungen. Der naturwissenschaftliche Fortschritt kann weder das Seelenleben der Menschen in Formeln packen noch die Fragen nach Sinn, Metaphysik und Ästhetik einfach beiseite wischen. Weil das Ganze viel mehr ist, als die Summe seiner Teile, so der Philosoph und Theologe Wilhelm Dilthey, müssen wir zwischen Natur- und Geisteswissenschaften unterscheiden. Während Naturgesetze immer und überall gültig sind, sind geisteswissenschaftliche Betrachtungen stets in einen bestimmten Kontext eingebunden und aufgrund der Erfahrungen, die Individuen machen, veränderlich. Die Fähigkeit, Perspektiven anderer Menschen und Kulturen in unser eigenes Denken aufnehmen zu können, macht uns zu „geschichtlich“ bestimmten Wesen. Jede empirische Erforschung des Geistes muss diese Unterschiede berücksichtigen: Während die Naturwissenschaften erklären, können die Geisteswissenschaften bestenfalls verstehen.


Indem sie Logik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie als nicht wertneutrale Betrachtungen neu positionieren und die Psychologie von der Philosophie lösen, schaffen die deutschen Professoren als Figuren des Übergangs wichtige Grundlagen für das Denken des kommenden Jahrhunderts. Sowohl Sprachphilosophie als auch Phänomenologie werden auf diesem Fundament aufbauen.



Typische amerikanisch? Wie die Philosophie pragmatisch wurde.

Weitere wichtige Ausgangspunkte für die Philosophie des 20. Jahrhunderts lieferte der amerikanische Pragmatismus. Diese Denkschule ist vor allem mit den Namen zweier Freunde, Charles Sanders Peirce (1839-1914) und William James (1842-1910) verbunden, die beide wesentliche Beiträge zur modernen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie leisten sollten.

Schwarzweissfoto von Peirce mit stattlichem Gabelbart
Charles Sanders Peirce: Erweiterte eine Lehre des Aristoteles

Peirce, der bereits als Jugendlicher Kants „Kritik der reinen Vernunft“ im deutschen Original las, war eigentlich Vermessungsingenieur, ein Beruf, der es ihm offenbar ermöglichte, sich nebenbei noch mit Philosophie, Mathematik, Astronomie, Geschichte, Psychologie, Ökonomie und Linguistik zu beschäftigen. Seine wohl bedeutendsten philosophischen Beiträge gehen der Frage nach, wie gute Theorien entstehen. Dazu erweiterte er die bereits von Aristoteles beschriebenen wissenschaftstheoretischen Methoden des induktiven und deduktiven Schließens um den abduktiven Schluss. Die Abduktion erlaubt es, frische Hypothesen aufzustellen, die oftmals Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse sind. Peirces „Theorie der Theorie“ lässt sich wie folgt umreißen: Auf Grundlage einer vermuteten Regel wird von Einzelbeobachtungen induktiv auf das Allgemeine geschlossen. Mit Hilfe der Deduktion, dem Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere, lassen sich aus der mutmaßlichen Regel künftige Ergebnisse ableiten; können die prognostizierten Werte empirisch bestätigt werden, erhärtet dies die Hypothese; sie kann dadurch zu einer Theorie aufsteigen. Sind beispielsweise sämtliche Schwäne, die wir beobachten, weiß, können wir die Hypothese aufstellen, dass alle Schwäne weiß sind; wir schließen also vom Fall auf die Regel. Das ermuntert uns zu der Prognose, dass der nächste Schwan, dem wir begegnen werden, auch weiß sein wird. Jeder weitere weiße Schwan, den wir sehen, wird unsere Theorie bestärken. Wenn wir wissen, dass Schwäne immer weiß sind, und wir ebenfalls wissen, dass dieses Tier ein Schwan ist, können wir zweifelsfrei deduktiv schlussfolgern, dass auch das von uns betrachtete Tier weiß sein muss.


kolorierter historischer Stich eines schwarzen Schwans
Alle Schwäne sind bekanntlich weiß...

Bei der Theorienbildung spielen also immer (wie auch bei einer algebraischen Gleichung) Fall, Regel und Ergebnis eine Rolle. Peirce erkannte, dass sich daraus eine dritte Möglichkeit des Schließens ergibt: Bei der Abduktion kenne ich das Ergebnis (dieses Tier ist weiß) und die Regel (Alle Schwäne sind weiß) und schließe so auf den Fall (dieses Tier ist ein Schwan).[i] 


Fundamentalkritik am Empirismus

Doch „auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben.“[ii] Unsere induktiven, deduktiven und abduktiven Schlüsse können uns in die Irre führen. Dass bisher nur weiße Schwäne gesehen wurden, beweist noch nicht, dass alle Schwäne immer weiß sind. Der deduktive Schluss ist zwar logisch immer richtig, doch die zugrundeliegende Regel kann falsch sein – sie wurde ja empirisch-induktiv hergeleitet. Die Abduktion schließlich steht auf einem besonders wackeligen Fundament: Obwohl beide Annahmen richtig sein können, kann der Schluss trotzdem fehlgehen, der vermeintliche Schwan könnte in unserem Fall auch ein Eisbär sein. Unser beschränkter Erkenntnisapparat erlaubt uns bestenfalls eine schrittweise Annäherung an die Wahrheit; alle Erkenntnis ist daher immer nur vorläufig. Außerdem neigen wir dazu, unsere Theorien bestätigt sehen zu wollen und halten deshalb bevorzugt nach weiteren weißen Schwänen Ausschau.[iii] Tatsächlich aber bringen uns empirische Belege nicht über das Stadium einer Behauptung hinaus; sie erhöhen bestenfalls die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die angenommene Regel stimmt.


Viele weisse Schwäne tummeln sich auf einem See in der Nähe einer Brücke
Die Sache ist doch völlig klar, oder?

Mit seinem Fallibilismus, der grundsätzlichen Skepsis gegenüber den Schwächen und möglichen Irrtümern der Theorienbildung, bereitet Peirce das Terrain für den österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper, der im 20. Jahrhundert die positivistisch-induktiven Positionen des Wissenschaftsbetriebs scharf angriff. Popper stellte die Forderung auf, dass wissenschaftliche Aussagen grundsätzlich falsifizierbar sein müssen, das heißt, sie müssen an der Erfahrung scheitern können.[iv] Wir sollten daher besser nach Evidenzen Ausschau halten, die unsere Theorie widerlegen, anstatt weitere Bestätigungen für ihre Richtigkeit zu sammeln. Tausend zusätzliche weiße Schwäne führen zu keinem Erkenntnisfortschritt – ein einziger schwarzer Schwan hingegen schon. Die Falsifikation ist das schärfste Schwert der Erkenntnis; es brachte das ptolemäische Weltbild und Newtons Mechanik zu Fall und schwebt als Damoklesschwert über allen Theorien, mit denen wir heute unsere Welt organisieren.[v]


Erkenntnis muss einen "Kassenwert" haben

Peirce gilt neben de Saussure auch als Mitbegründer der Semiotik, ein Thema, das ihn zu sprachphilosophischen Fragen führte. Er befasste sich dabei insbesondere mit Pragmatismus, also der nicht-semantischen Bedeutung der Wörter.[vi] Gemäß Peirce schätzen wir einen Begriff als umso bedeutsamer ein, je größer die mit dieser Bedeutung verbundenen Konsequenzen sind. Dies brachte seinen Freund William James auf die Idee, sich mit der Bedeutung von Theorien auseinanderzusetzen. In seiner Schrift „Pragmatismus. Ein neuer Name für alte Denkmethoden“ karikiert James zunächst zwei Grundtypen von Philosophen: die „zartfühlenden“ Prinzipienmenschen und die „grobkörnigen“ Tatsachenmenschen. Erstere argumentieren rationalistisch, sind verstandesgetrieben, idealistisch, oft religiös, gehen von der Freiheit des Willens aus, denken abstrakt, neigen zum Dogmatismus und glauben an die Existenz von Universalien. Der zweite Typus argumentiert empiristisch, verlässt sich auf seine Sinne, hat ein areligiöses, materialistisches Weltbild, denkt deterministisch, ist grundsätzlich skeptisch und hängt dem Nominalismus an.[vii] Jahrhundertelang haben sich diese beiden Fraktionen in fruchtlosen philosophischen Streitereien um Fragen wie Einheit oder Vielheit, Schicksal oder freier Wille, geistige oder materielle Verfassung der Welt zerfleischt, ohne eine gemeinsame Basis zu finden. Theorien aber, so James, sind kein Selbstzweck, um die Thesen des einen oder anderen Lagers zu bestätigen, sondern sollten ganz undogmatisch und vorurteilsfrei für uns arbeiten. Letztlich müssen wir Theorien über die Welt danach beurteilen, ob sie einen praktischen Nutzen, einen „Kassenwert“ erzeugen. „Wahr heißt alles, was sich […] aus bestimmt angebbaren Gründen als gut erweist“.[viii]


Schwarzweiß-Fotografie von James als älterer Mann mit Bart
William James - Urheber einer provokanten These

Das führt James zu der provokanten These, dass eine Theorie nur dann wahr ist, wenn sie gewissermaßen eine Rendite abwirft. Hat es keine praktische Bedeutung, ob eine Theorie richtig oder falsch ist, so ist sie überflüssig und damit letztlich auch immer falsch. Den Nutzenaspekt, so James, sollten wir nicht geringachten. Die Relevanz einer Information richtig einschätzen zu können, ist ein überlebenswichtiger evolutionärer Mechanismus, ein Kriterium, das das menschliche Denken entscheidend prägte.





 

 

Wer mehr wissen will:

Lotze, Hermann (2017) „Mikrokosmos“, Meiner.

Peirce, Charles Sanders (1931-1935): „The Collected Papers of Charles Sanders Peirce”, Harvard University Press.

James, William (1908): „Der Pragmatismus. Ein neuer Name für alte Denkmethoden“, Klinkhardt.

Wirth, Uwe (2000): „Die Welt als Zeichen und Hypothese“, Suhrkamp

 

Fußnoten:

[i] Die Abduktion ist auch die Methode, mit der Ärzte Diagnosen stellen, wenn sie von Symptomen auf bestimmte Krankheiten schließen. 

[ii] Ein Zitat des britischen Philosophen Bertrand Russell.

[iii] Der englische Psychologe Peter Wason hat 1960 als Erster darauf hingewiesen, dass wir unbewusst dazu neigen, aus der Masse der verfügbaren Information, diejenigen auszuwählen, die unsere Theorien bestätigen. Er bezeichnete dieses Verhalten als «Bestätigungsverzerrung» (confirmation bias).

[iv] Vgl. Popper (1935) S.13.

[v] Dies ist auch der Grund, warum Nobelpreiskandidaten sehr viel Geduld haben müssen (vor allem müssen sie sehr lange leben). Zwischen einer Entdeckung und ihrer Anerkennung durch das schwedische Nobelpreiskomitee können leicht 20 oder mehr Jahre vergehen – die schwedische Akademie der Wissenschaften möchte sich nicht die Blöße geben, eine Theorie auszuzeichnen, die sich im Nachhinein als nicht tragbar erweist.

[vi] Vgl. Wirth (2000) S. 133 ff.

[vii] Vgl. James (1908) S. 7 ff.

[viii] James (1908) S.48f.

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