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Kirche und Wissenschaft: Mythen und Fakten

vor 13 Minuten
8 Min. Lesezeit

Mythen und Fakten

In der Wahrnehmung zahlreicher Menschen gilt die Kirche, speziell die katholische Kirche, als eine wissenschaftsfeindliche Institution, die empirische Fakten leugnet und im Laufe der Jahrhunderte mehr oder minder systematisch versucht hat, die Verbreitung von Wahrheiten zu verhindern, die kirchliche Dogmen infrage stellen könnten.

Doch stimmt diese Wahrnehmung? Ist das Bild einer fundamentalen Feindschaft zwischen Glaube und Forschung wissenschaftshistorisch haltbar? In diesem Artikel möchte ich dieser Frage nachgehen. Was ist Fakt, was ist Fiktion?

 

Der Mythos der flachen Erde

Einer der zähesten populärwissenschaftlichen Irrtümer ist die Behauptung, die mittelalterliche Kirche habe gelehrt, die Erde sei eine flache Scheibe, von deren Rand man herunterfallen könne. Wäre Columbus nicht aufgebrochen, um das Gegenteil zu beweisen, hätte der Klerus die Menschheit womöglich noch Jahrhunderte im Irrglauben gehalten.

Die Erzählung von der kirchlich propagierten „flachen Erde“ des Mittelalters ist jedoch in der Hauptsache eine Verzerrung des 19. Jahrhunderts, die auf Zeitgenossen wie den Historiker Andrew Dickson White (A History of the Warfare of Science with Theology in Christendom, 1896) oder den Autor Washington Irving zurückgeht. Sie vermittelten das Bild eines rückständigen, wissenschaftsfeindlichen Klerus, möglicherweise, um den gesellschaftlichen Einfluss der Kirche in den Säkularisierungskämpfen ihrer Zeit zurückzudrängen. Die historische Realität aber war, dass sich die Debatte mit Columbus keineswegs um die Form der Erde drehte, sondern um ihren Umfang. Diesen hatte Columbus drastisch zu klein berechnet. Die klerikalen Gutachter in Salamanca hatten recht, als sie seine Pläne für zu risikoreich hielten – tatsächlich war Indien sehr viel weiter entfernt, als Columbus behauptete.


Schwarz-weiß-Porträt eines bärtigen Mannes im Anzug, frontal vor hellem Studiohintergrund, ernst und würdevoll.
Andrew Dickson White: kultivierte die Vorstellung eines Krieges zwischen Glaube und Wissenschaft

Weder in der Spätantike noch im Mittelalter lehrte die katholische Kirche die Scheibenform der Erde. Die Kugelgestalt unseres Planeten war seit den antiken Berechnungen des Eratosthenes (um 240 v. Chr.) durchgehend bekanntes Standardwissen der gebildeten Eliten, die im Mittelalter ohnehin weitgehend durch den Klerus repräsentiert wurden. Dass die Kugelgestalt der Erde kontinuierlich von der Kirche vertreten wurde belegen Schriften von Theologen wie Augustinus von Hippo (354–430), Beda Venerabilis (672–735) oder Thomas von Aquin (1225–1274). Letzterer benutzte die Kugelform der Erde in seiner Summa Theologiae sogar als Paradebeispiel für eine wissenschaftliche Erkenntnis: Ob ein Astronom oder ein Physiker beweise, dass die Erde rund sei, betreffe denselben Sachverhalt, nur über unterschiedliche Erkenntniswege.

 

Die Hexenverfolgung

Ein weiteres hartnäckiges Vorurteil betrifft die Hexenverfolgung. Die populäre Vorstellung verortet das Wüten der Scheiterhaufen im „finsteren Mittelalter“ und schreibt es der inquisitorischen Herrschaft der Kirche zu.


Allerdings lag der Höhepunkt der europäischen Hexenverfolgung nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit, insbesondere zwischen etwa 1550 und 1650. Historiker führen die Verfolgungen auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zurück: religiöse Spannungen, lokale Konflikte, gesellschaftliche Krisen, Hungersnöte im Zusammenhang mit der Kleinen Eiszeit sowie Krieg und verbreitete Vorstellungen von Schadenzauber. Ungewöhnliche Wetterereignisse wie Spätfröste oder Hagelschäden wurden ebenso wie Seuchen und Kriegsverwüstungen mitunter als Folge vermeintlicher Hexerei gedeutet.

Tatsächlich war die Gerichtsbarkeit der Hexenprozesse überwiegend eine weltliche und keine kirchliche. Die Inquisition selbst führte vergleichsweise wenige Hexenprozesse. Unbeteiligt an dem Hexenwahn war die Kirche indes nicht.

Mittelalterliche Manuskriptseite mit zwei Hexen auf Besen neben brauner Handschrift und goldener Zierinitiale.
Die Verfolgung vermeintlicher Hexen war überwiegend ein Phänomen der frühen Neuzeit

Das berüchtigtste Beispiel ist der Dominikaner Heinrich Kramer, der 1486 den Malleus Maleficarum („Hexenhammer“) verfasste und der die Verfolgung von Frauen legitimierte. Kramer berief sich dabei im Vorwort auf eine Bulle von Papst Innozenz’ VIII. Andererseits ist auch eine Reihe von Fällen belegt, in denen Bischöfe, einzelne Priester und theologische Fakultäten erfolgreich Widerstand gegen die Lehren des Hexenhammers leisteten und die Methoden des Fanatikers Kramer als unethisch und rechtlich haltlos abwiesen. In Gebieten mit starker kirchlicher Zentralgewalt – etwa den Ländern, die der Spanischen oder Römischen Inquisition unterlagen – wurden Hexenprozesse tendenziell eher unterbunden oder zumindest strikt reglementiert. Die überwiegende Mehrheit der Hinrichtungen fand in den weltlich verwalteten Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation statt.

 

Der Streit um das heliozentrische Weltbild

Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Domherr und Astronom zu Frauenburg in Ostpreußen hatte in seinem Todesjahr eine Schrift veröffentlicht, in der er zu dem Schluss kam, dass sich die Himmelsereignisse ebenso gut erklären lassen, wenn man die Sonne in den Mittelpunkt des Planetensystems stellt und der Erde lediglich die Rolle eines weiteren Planeten zuweist, dessen Rotation die scheinbare tägliche Bewegung des Sternenhimmels hervorruft.


Ölgemälde: Mönche in einem spärlichen Raum beraten an einem Tisch; ein Mann steht rechts, ernste Stimmung.
Cristiano Banti: Galilei vor der Inquisition (Gemälde von 1857)

Kopernikus hatte bis kurz vor seinem Tod mit der Veröffentlichung seiner Papst Paul III. gewidmeten These De revolutionibus orbium coelestium gezögert. Er befürchtete nicht etwa, durch die Verbannung des Menschen aus dem Zentrum des Kosmos, den Unmut der Kirche auf sich zu ziehen – seine Bischöfe und Kardinäle hatten den Domherrn ganz im Gegenteil zur Veröffentlichung ermuntert. Er fürchtete vielmehr die Kritik der anderen Astronomen. Deren Skepsis war nicht unbegründet, denn Kopernikus konnte für seine These keinerlei empirische Beweise liefern.


Welche Rolle spielte nun Galileo Galilei in dieser Debatte? Der italienische Naturforscher griff die Hypothese des Kopernikus auf und verteidigte sie mit neuen Beobachtungen. Seine Entdeckungen – darunter die Jupitermonde und die Phasen der Venus – erschütterten das überlieferte Weltbild, bewiesen das heliozentrische Modell aber noch nicht abschließend. Johannes Kepler konnte mithilfe der präzisen Beobachtungsdaten Tycho Brahes die Planetenbewegungen mathematisch wesentlich genauer beschreiben. Der endgültige Durchbruch des heliozentrischen Weltbildes beruhte auf einer längeren Entwicklung, zu der auch Newtons Gravitationstheorie beitrug.


Der spätere Prozess der Inquisition gegen Galilei unter Papst Urban VIII. hatte viel mit dem Rechtfertigungsdruck zu tun unter dem die katholische Kirche mit ihrer Gegenreformation stand. Es wurde auch viel darüber spekuliert, ob der Papst, der Galilei anfangs förderte, durch eine Schrift des Astronomen verprellt wurde, in der dieser seiner literarischen Figur Simplicio, die vermeintlich schwächeren Argumente der kirchlichen Seite in den Mund legte. Insgesamt agierte die Kirche nicht nur als Verfechterin wissenschaftlicher Standards, sondern pochte weiterhin auf ihre Lehre und demonstrierte letztlich auch ihre Macht; die kirchliche Verurteilung Galileis von 1633 war mehr als eine neutrale Aufforderung, eine noch unbewiesene Theorie zurückzustellen: Galilei wurde verurteilt, zum Widerruf gezwungen und unter Hausarrest gestellt.


Dass die Kirche über Jahrhunderte hinweg ein starkes Interesse an astronomischen Themen zeigte, hatte übrigens einen sehr praktischen Grund: Es war für den Glauben entscheidend, die Hohen Feste an dem exakt richtigen Datum zu feiern. Zentral war in diesem Zusammenhang das Osterfest. Es wird stets am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche begangen. Da das julianische Kalenderjahr gegenüber dem tropischen Jahr um rund elf Minuten zu lang war, hatte sich die Ungenauigkeit bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts auf über zehn Tage kumuliert. Um diesen Messfehler zu korrigieren, verwandelte die Kirche europäische Kathedralen in riesige astronomische Messinstrumente. In Kirchen wie San Petronio in Bologna oder Santa Maria degli Angeli in Rom wurden präzise Meridianlinien in den Steinboden eingelassen. Durch kleine Öffnungen im Dach fiel das Sonnenlicht exakt zur Mittagszeit auf die Messleisten im Kirchenschiff.


Abgesperrter Marmorboden in einer Kathedrale mit Tierkreis- und Monatsmarkierungen, rotem Seil und Steinpfeilern.
Die von Cassini angelegte Mittagslinie in San Petronio in Bologna

Unter Papst Gregor XIII. wurde daher 1582 die Gregorianische Kalenderreform vollzogen, basierend auf dem wissenschaftlichen Fundament des mathematisch hochbegabten Jesuitenpaters Christopher Clavius. Der neue Kalender war so exakt, dass er bis heute weltweit als Standard unserer Zeitrechnung dient.  


 

Ein Priester als Mitbegründer der modernen Kosmologie

Eines der erstaunlichsten Beispiele für das Zusammenspiel von Geistlichkeit und Spitzenforschung findet sich in der Physik des 20. Jahrhunderts. Die Urknalltheorie – das fundamentale Modell der modernen Kosmologie – stammt von Georges Lemaître (1894–1966), einem katholischen Priester. Der belgische Geistliche und Astrophysiker stellte 1927 die These auf, dass das Weltall auseinanderstrebt und daher in einem einzigen Ausgangspunkt seinen Ursprung gehabt haben müsse.


Die Reaktion der globalen Physikergemeinschaft auf Lemaîtres Arbeit war zunächst extrem skeptisch, obwohl Edwin Hubble bereits zwei Jahre später wichtige Indizien lieferte. Führende Physiker – darunter Albert Einstein und Sir Fred Hoyle (der den Begriff „Big Bang“ ursprünglich aus Spott erdachte) – lehnten die Idee ab. Hoyle war Anhänger der damaligen Steady-State-Theorie, der Vorstellung eines ewigen, unendlichen und unveränderlichen Kosmos. Lemaître wurde unterstellt, ein Schöpfungsdogma in die Physik schmuggeln zu wollen.


Zu Unrecht: Als Papst Pius XII. im Jahr 1951 in einer Rede vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften die Urknalltheorie etwas voreilig als wissenschaftlichen Beleg für die göttliche Genesis feierte, rief das Lemaître auf den Plan. Er reiste nach Rom und bat den Papst ausdrücklich, die physikalische Hypothese nicht mit theologischen Schöpfungslehren zu vermischen. Lemaître bestand darauf, dass die Urknalltheorie eine rein physikalische Erklärung sei, die neutral gegenüber religiösen Überzeugungen stehen müsse.

Die weltweite Gemeinschaft der Astrophysiker akzeptierte die Hypothese des belgischen Priesters ab 1965 erst allmählich, nachdem Arno Penzias und Robert Wilson im Jahr zuvor zufällig die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt hatten, das von den Forschern prognostizierte „Echo“ der längst vergangenen Entstehung unserer Welt.

 

Das Wissen der Antike und die Erfindung der Universität

Kopernikus und Lemaître sind keine Ausnahmen. Sie reihen sich ein in eine lange Reihe von Geistlichen, die über zwei Jahrtausende hinweg zur Elite der Philosophen und Naturforscher zählten. Weitere namhafte Vertreter sind etwa der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430), die naturkundliche und medizinische Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098-1179), Thomas von Aquin (1225-1274), der Logik und Naturphilosophie des Aristoteles für die Europäer neu entdeckte, der Franziskaner Roger Bacon (ca. 1220–1292), Jean Buridan (ca. 1300–1358), Rektor der Pariser Universität, der Anatom und Geologe Niels Stensen, (1638–1686), sowie der Augustiner Gregor Mendel (1822–1884), der Begründer der modernen Genetik.


Historische Kirche mit Glockenturm und Uhr vor bewaldetem Berghang; links ein Museum, sonniger Himmel.
In Klöstern - hier das Benediktinerinnen-Kloster St. Johann, Müstair, in Graubünden - wurde das Wissen der Antike tradiert

Neben den islamischen Gelehrten waren es vor allem die Geistlichen in den zahllosen Klöstern und Domschulen, die im Mittelalter das Wissen der Antike durch handschriftliche Kopien bewahrten und ab dem 12. Jahrhundert, mit der Scholastik auch weiterentwickelten. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kirche bei der Gründung der europäischen Universitäten wesentlich mitbeteiligt war. Hochschulen wie Bologna (1088), Paris (um 1150), Oxford (1167) oder Heidelberg (1386) entstanden mit Hilfe päpstlicher Privilegien und Schutzbriefe. Sie wurden zu wichtigen Wegbereitern der neuzeitlichen Wissenschaft.

 

Kirche und Wissenschaft: Mythen und Fakten

Das historische Verhältnis von Kirche und Wissenschaft ist keine ungetrübte, harmonische Geschichte. Es gab Phasen von Zensur, politischem Machtmissbrauch und dogmatischer Verengung. Die populäre Erzählung eines permanenten Kriegs zwischen Glaube und Forschung hält einer wissenschaftshistorischen Prüfung jedoch nicht stand. Die christliche Theologie des Mittelalters, geprägt vom Gedanken einer geordneten, vernünftigen und mathematisch ergründbaren Schöpfung („Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“, Weisheit 11,20), half mit, den Boden für die Entstehung der empirischen Naturwissenschaften vorzubereiten.


Wenn wir Mythen und geschichtliche Fakten entkoppeln, sehen wir, dass die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens in Europa kein Befreiungsschlag gegen die Kirche war, sondern ein vielschichtiger Prozess, in dem auch zahlreiche Kleriker mithalfen, den Grundstein für das Weltwissen zu legen, auf dem die moderne Forschung bis heute ruht. 


 

Wer mehr wissen möchte:


  • Grant, Edward (2001): The Foundations of Modern Science in the Middle Ages: Their Religious, Institutional and Intellectual Contexts. Cambridge University Press. (Grundlagenwerk zur Rolle der mittelalterlichen Universitäten und Scholastik für die Entstehung der Naturwissenschaften).

  • Lindberg, David C. / Numbers, Ronald L. (Hrsg.) (2003): When Science and Christianity Meet. University of Chicago Press. (Standardwerk zur Wissenschaftsgeschichte, das gängige Mythen differenziert analysiert).

  • Heilbron, John L. (1999): The Sun in the Church: Cathedrals as Solar Observatories. Harvard University Press. (Detaillierte Darstellung der astronomischen Messungen in katholischen Kathedralen und der Gregorianischen Kalenderreform).

  • Hartmut Lehmann & Otto Ulbricht (Hrsg.): Vom Amt zur Pesthauch. Krisenbewältigung und Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit

  • Kragerg, Helge (2010): Cosmology and Controversy: The Historical Development of Two Theories of the Universe. Princeton University Press. (Behandelt u. a. die Arbeiten von Georges Lemaître und die Rezeption der Urknalltheorie).

  • Russell, Jeffrey Burton (1991): Inventing the Flat Earth: Columbus and Modern Historians. Praeger. (Wissenschaftshistorische Dekonstruktion des Mythenkomplexes der „flachen Erde“).

  • White, Andrew Dickson (1911): Geschichte der Fehde zwischen Wissenschaft und Theologie in der Christenheit, Thomas Verlag, Leipzig

 


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