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Ökonomie in der globalisierten Welt

 

Die Neoklassische Synthese

Aus dem Dissens der 1930er Jahre zwischen Keynesianern und Neoliberalen entstand nach dem Zweiten Weltkrieg – die liberalistischen und marxistischen Minderheitspositionen radikaler Freiheit und radikaler Gleichheit ausgenommen – ein erstaunlich breiter Konsens. Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Samuelson (1915-2009) hatte für dieses Einvernehmen in den 1950er Jahren den Begriff der Neoklassischen Synthese geprägt, die Verschmelzung der neoklassischen Mikroökonomik mit zentralen Elementen der keynesianischen Makroökonomie.


Portrait von Samuelson, ca 65 Jahre, Denkerpose vor blauem Hintergrund
Paul Samuelson

Heute besteht weitgehend Einigkeit, dass freie Märkte grundsätzlich das effizienteste Mittel sind, um die komplexen Verteilungsprobleme knapper Güter zu lösen. Milton Friedman verdeutlichte diese Macht des Kapitalismus einmal anhand eines einfachen, nur wenige Cents kostenden Bleistifts. Um ihn zu erschaffen, haben tausende Menschen zusammengearbeitet. Dazu gehören auch die Bergarbeiter, die die Erze förderten, die für den Bau der Kettensäge nötig waren, mit denen der Baum für das Holz des Bleistifts gefällt wurde. Hinter diesem Wunder verbirgt sich eine unvorstellbar komplexe internationale Arbeits- und Wissensteilung. Wie in der biologischen Evolution gibt es keinen intelligenten Schöpfer, keinen Masterplan, keine koordinierende Instanz, sondern allein durch Preissignale gesteuerte Anreize.


Historisches schwarzweiss-Foto: Männer mit Schiebermützen und langen Mänteln stehen Schlange vor einer Suppenküche
Arbeitslose in Chicago 1931

Ebenso wenig aber wird von der herrschenden Meinung bestritten, dass Märkte auch versagen können – mit dramatischen Folgen wie Massenarbeitslosigkeit und massiver Geldentwertung. Aktive staatliche Ausgaben- und Geldpolitik gehören heute zum gängigen Repertoire entwickelter politischer Systeme und offenbar lassen sich mit ihnen, trotz mäßiger theoretischer Fundierung, die Konsequenzen des Marktversagens einigermaßen in Schach halten. Zumindest hat sich eine ähnlich tragische Situation wie die Große Depression seitdem nicht wiederholt. Während 1929 das reale BIP in den USA und Deutschland vier Jahre in Folge schrumpfte und dabei insgesamt um fast 30% einbrach, ließ sich in der globalen Finanzkrise von 2007 der Einbruch auf etwa 18 Monate Dauer und 5% BIP-Verlust begrenzen. Die Meinungsunterschiede innerhalb des ökonomischen Mainstreams verlaufen heute vor allem entlang der Frage, ob die Ursachen dysfunktionaler Märkte eher auf der Markt- oder auf der Staatsseite zu suchen sind.


Doch mit dieser relativ harmonischen Fügung ist die Ökonomie noch nicht am Ende ihrer Geschichte angekommen. Seit einigen Jahrzehnten sieht sie sich mit drei neuen Realitäten konfrontiert:


  • Dem demographischen Wandel in den Industrienationen,

  • Der Entwicklung nicht industrialisierter Länder und

  • Der Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie

 

Macht und Ohnmacht der Demographie

Der demographische Wandel in den reichen Ländern ist vor allem eine Herausforderung für die Sozialversicherungssysteme. Als Bismarck in Deutschland, als erstem Land der Welt, in den 1880er Jahren eine Kranken-, eine Unfall- und einige Jahre später auch eine Rentenversicherung einführte, um eine zunehmend selbstbewusste Arbeiterschaft ruhig zu stellen, war die Finanzierung staatlicher Rentenkassen noch kein Problem. Damals wie heute beruht sie auf dem Prinzip, dass die Jungen für die Alten einzahlen. Heute aber sehen sich zum ersten Mal in der Geschichte die wohlhabenden Staaten mit drastisch sinkenden Geburtenzahlen und infolgedessen einer schrumpfenden Bevölkerung konfrontiert. Den Vorsorgesystemen bricht das Fundament weg. Grundsätzlich sind fünf Maßnahmen denkbar, mit denen ihr Erhalt gesichert werden kann: Die Menschen können länger arbeiten, höhere Beiträge zahlen, ein niedrigeres Leistungsniveau akzeptieren, eine umfassende Einwanderung jüngerer Menschen aus ärmeren Ländern zulassen oder versuchen, ein wesentlich höheres Wirtschaftswachstum zu erzielen. Aufgrund der vorhandenen Demographiedaten ist es für Ökonomen relativ einfach auszurechnen, welchen Umfang jede einzelne Maßnahme haben müsste, wenn sie die alleinige Lösung des Problems sein sollte. Für Deutschland etwa müsste das Renteneintrittsalter bis 2041 auf 73 Jahre steigen, um das derzeitige Niveau aufrechtzuerhalten. Die Empfehlung des amerikanischen Nobelpreisträgers Robert Solow ist es, auf ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu setzen. Da dieses eng an den technologischen Fortschritt gekoppelt ist, täte, so Solow, der Staat besser daran langfristig Forschung und Entwicklung zu fördern, anstatt kurzfristig Geld für Konjunkturprogramme auszugeben. Letztlich wird aber wohl nur ein Mix aus verschiedenen Maßnahmen das System am Leben erhalten können. Nicht alles, was ökonomisch geboten wäre, wird dabei auch politisch durchsetzbar sein.

 

Animierte Darstellung der Alterpyramide: sie stellt widh zwischen 1970 und 2020 auf den Kopf
Animierte Darstellung der Alterspyramide für Deutschland 1970-2020: Die Pyramide stellt sich über die Zeit auf den Kopf

Entwicklungen des „Globalen Südens“

Verschiedene „Welten“

Außerhalb der Industrienationen ist die demographische Entwicklung eine ganz andere. Lebten 1970 nur zwei von drei Menschen in den so genannten „Entwicklungsländern“, waren es eine Generation später bereits vier von fünf, ein Trend, der sich seitdem noch weiter beschleunigt hat. Der Begriff Entwicklungsländer geht auf eine Wortschöpfung in der Regierungserklärung des amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman aus dem Jahre 1949 zurück, die damals alle noch nicht industrialisierten Staaten bezeichnete. Drei Jahre später prägte der französische Demograph Alfred Sauvy den Begriff „Dritte Welt“, in Anlehnung an die alte vorrevolutionäre französische Ständeordnung mit ihrem politisch entrechteten „Dritten Stand“. Dass die Ökonomen Mitte des 20. Jahrhunderts begannen, sich mit den Ursachen und Folgen der höchst unterschiedlichen Entwicklungen auf der Erde zu befassen, hatte zunächst vor allem einen handfesten politischen Hintergrund: Der Westen, die „Erste Welt“, buhlte mit den sozialistischen Staaten, der „Zweiten Welt“, im Kalten Krieg um Macht und Einfluss in den armen Ländern.

 

Geodeterminismus und Ressourcenfluch

Tatsächlich ist der Wohlstand nicht nur innerhalb, sondern auch zwischen den Nationen extrem ungleich verteilt. Im Jahr 2018 betrug das kaufkraftbereinigte pro-Kopf BIP für die Schweiz rund 65.000 US-Dollar, für die USA 63.000, Deutschland 52.000, Portugal 32.000 und Simbabwe weniger als 3.000.[i] Dabei ist Simbabwe bei weitem nicht das ärmste Land der Welt. Die Entwicklungsökonomie versucht vor diesem Hintergrund zu verstehen, welche Voraussetzungen gegeben sein müssten, damit die Entwicklungsländer – heute sprechen wir vom „Globalen Süden“ – zu den Industriestaaten aufschließen können. Dazu gehört zunächst eine Ursachenanalyse der auffälligen Disparitäten: Sind sie in den armen Ländern selbst zu suchen oder aus Abhängigkeiten von den reichen Nationen entstanden? Zwei einfache Erklärungsansätze, die die Gründe in den armen Ländern sehen, diskutieren die Entwicklungsökonomen unter den Begriffen „Geodeterminismus“ und „Ressourcenfluch“.


Weltkarte: die Länder des Globalen Südens sind in rot eingezeichnet
Der globale Süden - Stand 2023

Geodeterministen erklären die sehr unterschiedlichen historischen Entwicklungsverläufe mit geographischen und klimatischen Unterschieden. Gebirgige Länder, Wüstenstaaten, abgelegene Inseln, Regionen mit extrem heißem oder frostigem Klima, Staaten ohne Zugang zum Meer oder Bodenschätzen, haben schlichtweg schlechtere Voraussetzungen ihre Wirtschaft zu entwickeln und am internationalen Handel teilzunehmen. Zweifellos leiden Länder wie Armenien, der Sudan, Nepal oder der pazifische Inselstaat Vanuatu unter solchen Gegebenheiten. Alleinige Ursache kann die Geographie jedoch nicht sein; wie könnte sonst die Schweiz, ein rohstoffarmer, gebirgiger Binnenstaat, zu den reichsten Ländern der Welt zählen? Auch der Ressourcenfluch – er bezeichnet die scheinbar paradoxe Situation, dass viele Länder, die reich mit Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas oder wertvollen Metallen gesegnet sind, trotzdem bettelarm bleiben – taugt kaum als alleinige Erklärung. Dass sprudelnde Einnahmen aus dem Export der Rohstoffe oftmals zur Vernachlässigung anderer Wirtschaftssektoren führen, mag auf Länder wie Russland, Venezuela, Nigeria oder die Demokratische Republik Kongo zutreffen; für Kanada oder Norwegen aber greift eine solche Begründung zu kurz.


Einen umfassenderen Ansatz stellt die These von der Armutsfalle dar. Sie beschreibt jene höchst ungesunde Mischung aus politischen Faktoren, die verhindern, dass eine Nation sich aus eigener Kraft aus ihrer Misere befreien kann. Korruption, instabile gesellschaftliche Verhältnisse, lange kriegerische Konflikte, unsichere Eigentumsverhältnisse, eine abhängige Justiz, galoppierende Inflation, ausufernde Kriminalität, fehlender Zugang zu Bildungseinrichtungen und die Diskriminierung großer Minderheiten sind keine guten Voraussetzungen für die Entwicklung von Wohlstand.

 

Failed States – wer ist „schuld“?

Länder mit solch traurigen Bedingungen sind mehr oder weniger „gescheiterte Staaten“, die sich entweder in der Hand korrupter aber gut organisierter und wohlhabender Oligarchien befinden oder bei denen jegliche staatliche Ordnung zerfallen ist. Während es ehemals armen Ländern wie China, Südkorea, Südafrika oder Brasilien durch Fortschritte bei der Bildung und der Stabilisierung politischer Verhältnisse gelungen ist, zu den klassischen Industrieländern aufzuschließen, verharren vor allem die allermeisten afrikanischen Staaten, aber auch Länder wie Russland, Nordkorea und Venezuela in den Fängen starrer und korrupter Regime.


Andere Entwicklungsökonomen sehen hingegen die Armutsursachen im Verhalten der reichen Nationen, die den Entwicklungsländern nach wie vor postimperialistische Zwänge auferlegen. Ein bekannter Verfechter dieser Sicht ist der amerikanische Soziologe und Wirtschaftshistoriker Immanuel Wallerstein (1930-2019). Gemäß seiner neomarxistischen Welt-System-Theorie hat sich der Kapitalismus nach und nach auf der gesamten Erde eine hierarchische, dreischichtige Struktur erschaffen. An der Spitze dieses Systems finden sich die nordatlantischen Staaten. Ihre Industrienationen tragen die für den Kapitalismus typischen Konjunkturzyklen in die Welt. Unter ihnen stehen die Staaten der Semi-Peripherie, wie Mexiko, Brasilien, Südafrika, Indien und China. Die kapitalistischen Kernländer haben aus Kostengründen weite Teile der Industriearbeit in diese Länder ausgelagert und beuten sie oftmals mithilfe lokaler autoritärer Strukturen aus. Gleichzeitig dient die Semi-Peripherie in dem schwelenden Nord-Süd-Konflikt als Puffer gegen die Peripherie, den armen Rest der Welt. Diesem kommt in dem weltumspannenden arbeitsteiligen System die Aufgabe zu, die reicheren Länder mit einfachen Primärgütern und Rohstoffen zu versorgen. Ihre staatlichen Systeme sind labil und werden von den kapitalistischen Industriestaaten absichtlich schwach gehalten. In Wallersteins Theorie ist die Ordnung der Welt allein durch die ökonomischen Interessen der herrschenden Klasse bestimmt.

 

Eine Empfehlung aus Washington

Neben dem Neomarxisten Wallerstein meldete sich im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts vor allem der wiedererstarkte Neoliberalismus zu Wort. Ganz im Sinne Ricardos fordern liberale Entwicklungsökonomen, die „Drittweltländer“ am internationalen Handel teilhaben zu lassen und alle diesbezüglichen Hemmnisse konsequent abzubauen. Sie weisen darauf hin, dass Handel die gleiche volkswirtschaftliche Wirkung hat, wie technischer Fortschritt: Beide erlauben es mit den gleichen Einsatzmitteln mehr zu produzieren. Das Füllhorn staatlicher Subventionen, das die reichen Industrieländer über ihrem eigenen Landwirtschaftssektor ausschütten, sorgt allerdings dafür, dass die armen Länder trotz niedrigerer Arbeitskosten mit ihren Agrarprodukten kaum auf dem Weltmarkt konkurrieren können. Der 1990 in der amerikanischen Hauptstadt erzielte „Konsens von Washington“ fordert daher, mit deutlich neoliberaler Handschrift, freie Märkte, stabile politische Verhältnisse und eine ungehinderte Teilnahme am globalen Freihandel. Für die Unterzeichner des Übereinkommens ist dies die vielversprechendste Perspektive, um die Lebensverhältnisse in den Entwicklungsländern zu verbessern. Profitiert haben vom Abbau der Handelsbeschränkungen seit der Jahrtausendwende allerdings bis heute vor allem die Schwellenländer der wallersteinschen Semi-Peripherie.

 

Umweltökonomie

Die Tragik der Allmende

Die abschließende dritte Frage ist die, ob der kleine blaue Planet den angestrebten Massenwohlstand für acht, neun oder elf Milliarden Menschen überhaupt verkraften kann. Dies ist das große Thema der Umweltökonomie. Aus wirtschaftstheoretischer Sicht stellt die Umwelt eine kollektive Ressource der Menschheit dar, von der wir bis in die jüngste Vergangenheit dachten, sie sei, wie im Schlaraffenland, umsonst zu haben. Doch auch Luft, Wasser, Regenwälder oder die Fischbestände der Weltmeere sind, seit es auf der Erde eng geworden ist, zu knappen Gütern mutiert. Die Dorfgemeinschaften des mittelalterlichen Europas bewirtschafteten kollektiv ihre Allmende, Land- und Forstflächen, die allen gehörten. Heute sprechen die Umweltökonomen von der „Tragik der Allmende“, um damit die Übernutzung der globalen gemeinschaftlichen Ressourcen zu bezeichnen. Das Problem macht an keiner nationalen Grenze halt. Am deutlichsten wird dies bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe mit ihren unabsehbaren Folgen für das Weltklima. Diese sozialen Kosten – die Umweltökonomen bezeichnen sie in ihrer spröden Terminologie auch als „negative externe Effekte“ – fließen in keine Gewinnoptimierungsrechnung, keine Nutzenfunktion und kein Bruttoinlandsprodukt ein.[ii]

 

Foto einer Industrieanlage im orangenen Abendhimmel; ein Schornstein entlässt eine schwarze Wolke
Wer zahlt dafür?

Hilft der Preismechanismus?

Der zentrale Lösungsansatz der Umweltökonomen gründet einmal mehr auf dem Preismechanismus. Knappheitspreise sollen das Allokationsproblem auch für Gemeingüter regeln. Dadurch will man Anreize schaffen, die Allmende der Menschheit effizienter zu verwenden oder durch verträglichere Alternativen zu ersetzen. Ein konkreter Ansatz externe Effekte zu internalisieren, besteht heute darin, Verschmutzung zu verteuern oder sauberere Alternativen zu subventionieren. So bewirkt eine CO2-Steuer, dass sich die Nachfragekurve für fossile Brennstoffe nach links verschiebt. Ein ergänzendes Instrument ist der Emissionshandel, wie ihn etwa die Europäische Union praktiziert. Hierbei werden länderspezifische Obergrenzen für Schadstoffe festgelegt, die in einem bestimmten Zeitraum emittiert werden dürfen. Entsprechend der festgeschriebenen Höchstmenge werden Zertifikate ausgegeben, die an einem eigens dafür eingerichteten Markt handelbar sind. Länder, die unter ihrem Kontingent bleiben, können ihre nicht beanspruchten Verschmutzungsrechte an andere Staaten verkaufen, die ein größeres Kontingent benötigen. Da allein zählt, ob die angestrebte Einsparungsambition in der Summe erreicht wird, haben die einzelnen Länder so die Möglichkeit, das gemeinsame Ziel mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten anzusteuern.


Ob die Menschheit durch den staatlich verordneten Einbau von Preismechanismen für Gemeingüter das Blatt zu wenden vermag, oder ob Pessimisten wie Malthus recht behalten werden und wir durch das größte Marktversagen aller Zeiten auf eine ökologische Situation zusteuern, deren Folgen nicht mehr zu kontrollieren sind, bleibt offen – das Problem der fossilen Brennstoffe ist nicht, dass sie uns ausgehen könnten, sondern dass sie uns nicht ausgehen könnten.

 

Ökonomie in der globalisierten Welt: Freiheit oder Gleichheit?

Der Kapitalismus ist der gesellschaftliche und ökonomische Motor hinter der unglaublichen Entwicklung der Menschheit der letzten 500 Jahre. Ihm ist zu verdanken, dass sich das durchschnittliche reale Einkommen in den Industriestaaten in den vergangenen 150 Jahren verzwölffachte. Kein anderes System hat uns dem Pareto-Optimum nähergebracht, keines hat größere Kuchen an zu verteilenden Gütern erzeugt. Sämtliche alternativen Wirtschaftssysteme sind bis heute den Nachweis schuldig geblieben, dass sie es besser können.


Gleichwohl kann auch der Kapitalismus weder sicherstellen, dass Märkte stets reibungslos funktionieren, noch, dass alle Menschen auf diesem Planeten an dem erzeugten Reichtum auch tatsächlich teilhaben können. Die Frage der Verteilungsgerechtigkeit ist allerdings primär eine politisch-philosophische Frage. In einer Welt knapper Ressourcen bedeutet die Verfolgung eines Ziels immer auch die Aufgabe eines anderen. Mehr Gleichheit heißt weniger Freiheit; höhere Mindestlöhne mehr Arbeitslose; mehr Sicherheit weniger Privatsphäre; mehr Umweltschutz weniger Konsum; mehr Krankenhäuser weniger Entwicklungshilfe; mehr Kanonen weniger Butter. Oder umgekehrt.


In marktwirtschaftlichen Demokratien unterscheiden sich die Parteien heute in erster Linie dadurch, welche Schwerpunkte sie bei den sich widersprechenden Zielen Freiheit, Gleichheit und Umwelt setzen. Ob wir eher gleich arm oder eher unterschiedlich reich sein wollen, ist die erste der beiden grundlegenden Fragen des politischen Wettbewerbs. Die andere ist, ob wir, unserer evolutionär bedingten Gegenwartspräferenz zum Trotz, willens und fähig sind, heute vorzusorgen, damit die Erde auch für künftige Generationen noch ein wohnlicher Ort sein kann.

 

 

 

Wer mehr wissen will:

Acemoglu, Daron / Robinson, James A. (2014): „Warum Nationen scheitern“, Fischer.

Ringel, Marc (2021): Umweltökonomie, Springer.

Wallerstein, Immanuel (2019): Welt-System-Analyse. Eine Einführung, Springer

Bauman, Yoram / Klein, Grady (2011): Economics - Mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen, Manhattan.

 

Bildnachweise:


[i] Da die Bezugsgröße für den BIP-Vergleich der US-Dollar ist, werden die verglichenen Werte stark von Wechselkurseffekte beeinflusst.

[ii] Darüber hinaus stellt sich die ethische Frage, ob bestimmte Konsequenzen, wie etwa das menschengemachte Aussterben einer Art, überhaupt mit einem Kostenetikett versehen werden kann.


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