Zweieinhalbtausend Jahre Philosophie: eine kurze Rückschau
- Jens Bott

- vor 4 Stunden
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Zweieinhalbtausend Jahre Philosophie
In diesem abschließenden Beitrag zu der kleinen Artikelserie „Geschichte der Philosophie“ geht es um die Frage, was uns die Philosophie nach zweieinhalbtausend Jahren noch zu sagen hat. Die kurze Rückschau fragt, welchen Beitrag diese Disziplin zum Verstehen der Welt überhaupt leisten kann und warum sie trotz zahlreicher Krisen und Widersprüche heute immer noch unverzichtbar ist.
Seit Platon und Aristoteles folgt die Philosophie zwei großen ideengeschichtlichen Strängen: Einerseits dem des Geistes, der Ideale, der unsterblichen Seele, der Vernunft; andererseits dem der konkreten Dinge, der Materie, der Empirie, der Nützlichkeit. Verwoben sind beide von Anfang an durch die Frage nach der Erfahrbarkeit dessen, was „ist“.
In der Antike verdrängte der griechische Logos nach und nach den Mythos. Im Mittelalter musste die antike Weisheit, um weiterbestehen zu können, christlich eingekleidet werden; als zu Beginn der Neuzeit die Religion ihr Monopol für Sinnstiftung verlor, wuchs der Zweifel an dem, was wir überhaupt wissen können; mit der Aufklärung setzte sich die Überzeugung durch, dass der begrenzte menschliche Verstand die Dinge, so wie sie wirklich sind, nie wird erfassen können.

Die Krise der Philosophie
Nach und nach spalteten sich dann die Naturwissenschaften von der Philosophie ab: im 17. Jahrhundert die Physik, im 18. die Chemie und im 19. die Biologie. Im 20. Jahrhundert folgte die Psychologie, die die Grenze zur reinen Naturwissenschaft bereits überschritt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwurzelte die Industrielle Revolution zahllose Menschen; die Vorstellung eines geschichtlichen Determinismus führte einige Philosophen auf spekulatives, dogmatisches und ideologisches Terrain. Gleichzeitig etablierten sich nun auch die Geisteswissenschaften als eigenständige Disziplinen; die Absetzbewegungen der Einzelwissenschaften führten die Philosophie in eine existenzielle Krise. In der Methoden- und Sprachkritik und schließlich in der Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz, entdeckte sie für sich neue Aufgaben.

Was hat uns nun die Philosophie nach zweieinhalbtausend Jahren noch zu sagen? Das weite Feld der Naturphilosophie ist in den „harten“ Wissenschaften aufgegangen, wichtige Teile der Logik verlor sie an die Mathematik. Unser Seelenleben erklären Hirnscanner, Evolutionsbiologen und Psychologen. Lockes Behauptung, wir kämen als unbeschriebenes Blatt auf die Welt, ist längst durch Neurobiologie und Genetik widerlegt. Kants Idee, dass Raum und Zeit nur in der menschlichen Vorstellung existieren, ist für jeden Physiker eine ziemliche Herausforderung. Welchen Nutzen haben nicht beweisbare metaphysische Spekulationen? Und haben die aus der Philosophie geborenen „Ismen“ im utilitaristischen Sinne nicht mehr Leid als Freud über die Menschheit gebracht?
Wollte man in der Philosophie nur eine Abfolge voller Irrlehren, Fehleinschätzungen und subjektiver Meinungen sehen, täte man ihr allerdings großes Unrecht. In den alten Gedanken steckt noch immer eine unglaubliche Kraft! Demokrits Vorstellung von Atomen, Platons Höhlengleichnis, Aristoteles Logik, Augustinus‘ Betrachtung der Zeit, Humes und Kants Analyse unseres Denkens und Marx‘ Betrachtungen der gesellschaftlichen Verhältnisse bereiteten die Moderne vor und prägen unser aller Sicht der Dinge bis heute.
Die Philosophen haben nicht, wie Marx meinte, „die Welt nur verschieden interpretiert“, sondern von Anfang an verändert. Sie haben wesentlichen Anteil an den Weltbildern, die wir seit Entdeckung des Logos erschaffen haben – Irrungen und Wirrungen eingeschlossen. Die Philosophie hat uns gelehrt, über die Welt zu staunen, nach begründbaren Antworten zu suchen und uns so langsam „empor zu irren“.[i] Die Wissenschaftstheorie hat die Naturwissenschaften bis an die Ränder der Erkenntnis geführt. Dort, wo die Physik endet, jenseits von Urknall, Naturkonstanten, schwarzen Löchern, Lichtgeschwindigkeit, Raum und Zeit, erinnert uns die Philosophie daran, dass die Welt viel größer ist, als jener winzige Teil, den wir messen können. Für den messbaren Teil der Welt haben die Naturwissenschaften Gott von der erniedrigenden Aufgabe befreit, Lückenbüßer für bis dahin Unerklärliches sein zu müssen. Die Frage nach dem Ursprung von allem, dem unbewegten Erstbeweger und dem Sinn aber bleibt. Wissenschaft und Glaube sind kein Widerspruch; dort, wo wir nicht wissen können, dürfen wir weiterhin glauben.

Ethik heute
Die Frage „was soll ich tun“? war nie schwieriger zu beantworten als heute. Während sich zu Kants Zeiten die Folgen des eigenen Handelns noch unmittelbar abschätzen ließen, sind sie in einer vernetzten und technisierten Welt kaum noch abzusehen. Sollen sich die Algorithmen für selbstfahrende Autos an Benthams und Mills Utilitarismus, James‘ Pragmatismus oder an Kants kategorischem Imperativ orientieren? Darf der Staat seine Bürger zwingen sich impfen zu lassen? Darf ein entführtes Verkehrsflugzeug abgeschossen werden? Darf Brasilien als souveräner Staat noch entscheiden dürfen, was mit seinem Urwald geschieht, wenn dieser für das Klima von globaler Bedeutung ist? Haben wir das Recht, mit gentechnischen Mitteln eine Mückenart auszurotten, um Malaria zu bekämpfen? Dürfen Menschen den Verzicht auf Flugreisen fordern, wenn sie selbst digitale Medien konsumieren, die einen vergleichbaren CO2-Abdruck hinterlassen? Die zahllosen realen Varianten des Trolley-Problems und andere moralische Dilemmata stellen sich in der modernen Welt überall und beschäftigen Ethikkommissionen, Religionsgemeinschaften, Parlamente und Gerichte.
Und immer wieder Kant...
Kants letzte Frage „Was ist der Mensch?“ fasst alle anderen Fragen zusammen. Die Liebe zur Weisheit kann uns helfen in dem großen, kalten Universum, in das wir geworfen wurden, unseren Platz zu finden. Können – sollen – dürfen – sein. Die vier Verben in Kants Fragen sind zugleich die Dimensionen der menschlichen Existenz.
Wer mehr wissen will:
Anmerkungen
[i] „Wir irren uns empor“ ist ein Zitat des Physikers und Philosophen Gerhard Vollmer.




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